Das Prinzip Himmel

„Wie kann man denn nur diese knochigen Frauen erotisch finden? Die sind doch Alle ganz furchtbar. Diese Hungerhaken! Und wie widernatürlich die sind! Die sind doch Alle krank! Von den Indoktrinationsmedien aufgescheuchte, kontrollierte Sklaven der Schönheitsindustrie! Pfui! Diese bescheuerten Weiber sind so dekadent und unfrei!“

„Na ja…“

„Wie? Na ja?! Habe ich nicht Recht?“

„Irgendwie schon… Doch… Sieht man sich Höhlenmalereien an. Oder diese, diese… Statuen von den Griechen. Oder Römern oder so… Dann sind das natürlich schon eher… Wie soll ich sagen… WEIBLICHE Frauen. (Ich mache dazu offene, beidhändige Handzeichen). Fette Frauen wie du wurden da auch nicht gerade idealisiert. Ich meine. Das ist doch auch krank was du da darstellst, nur weil du keine Selbstdisziplin hast und Dauer-Abonnent bei „Mars“ und „Nestle“ bist…“

Sie kocht. Dieses Mal keine Sahnesauce, sondern vor Wut.

Ich fahre fort:

„Selbstverständlich gibt es Frauen bei denen es nicht mehr schön ist mit der Dünnheit… Und ich als Mann muss mich über mich selbst wundern, wie ich plötzlich sehr dünne Frauen mit kleinen… BRÜSTCHEN und ohne Arsch geil finde… Da hat die Schönheitsindustrie wirklich ganze Arbeit geleistet. Da muss ich mich selbst wundern… Aber du!“

Ich zeige auf meine fette Gesprächspartnerin, meine beste Freundin Elke.

„Bei deinem Anblick denke ich nur an Persönlichkeitsschwächen, Bluthochdruck und Einsamkeit… Es ist doch eher abartig und dekadent Frauen wie dich geil zu finden, als eine Frau die ein wenig zu dünn ist und dafür auf sich achtet. Ich meine… Das hat jetzt nichts mit Feminismus zu tun. Frauen können ja so sein wie sie wollen, Männer ja auch. Aber Du kannst doch nicht ehrlich zufrieden sein mit deinen Fettlappen. Und deswegen (triumphierend) setzt du dünne, sportliche Frauen herab. Um dich besser zu fühlen.“

Jetzt reicht es ihr. Und tja was soll ich sagen? Eine gewisse Reaktion war zu erwarten. Nicht erwartet hätte ich, dass sie mich schnappt (ein kleiner Kerl der ich in dieser Geschichte bin, sagen wir, vlt einen Meter 60 groß, schmächtig) auf den Boden drückt und sich lachend mit ihrem gigantischen Arsch auf mein Gesicht setzt.

Wütend schreit sie mich nieder während ich gegen dieses… DING ankämpfe, das man schon nicht mehr „Gesäß“ nennen kann.

 

Während ich da also erst angeekelt, dann hilflos erstickend unter ihren Massen eingeklemmt bin wie mein Großvater damals unter dem LKW, als jene Tonnen auch von der Straße abgekommen waren, ihn in seinem Auto einquetschten und die auch sein Ende bedeuteten, merke ich wie mir unter all dem Ekel die Luft ausgeht. „Das zieht die nicht durch“, denke ich mir, „das ist nur Spaß und gleich lässt sich mich erniedrigt zurück in die Freiheit.“ Und unter normalen Umständen (wenn man von dieser Situation von einem „normalen Umstand“ sprechen kann) wäre das auch geschehen. Elke aber, die ich so herabwürdigend, jedoch auch treffen beschrieben habe, bekommt just in diesem Moment einen Herzinfarkt, klappt richtig zusammen und klemmt meinen Kopf und sämtliche Atemwege so dermaßen ein, dass es für mich kein Entkommen gibt. Was für eine unwürdige Art zu sterben. Ich schlage gegen ihren Wal-Körper um mich zu befreien; es hilft nichts. Im Endeffekt ist es auch egal, wie man stirbt. Tot ist tot. Das kam allerdings sehr überraschend. Und meiner Meinung nach auch sehr ungerechtfertigt.

 

Als die Panik sich langsam legt und meine hilflosen Versuche das Speckmonster von mir herunter zu bekommen immer kraftloser werden, akzeptiere ich meinen Tod. Das wars dann wohl. Jetzt ist es vorbei. Und die Leute werden sagen, dass ich bei einem Sex-Spielchen mit meiner fetten besten Freunden gestorben sei – die Leute hätte es sich ja schon immer gedacht, dass bei denen…

 

Ich akzeptiere den Tod. Akzeptiere, dass mein kurzlanges Leben ENDLICH vorbei ist. Dass dies der Moment ist, in dem jeglicher Stress endet. Ich muss mich endlich an keine Vorschriften mehr halten, muss nicht mehr reagieren, muss mich nicht mehr mit Menschen auseinandersetzen, muss niemanden mehr zuhören, muss nicht mehr in die Arbeit, muss nicht mehr meine Steuererklärung machen,  muss nicht mehr schon einen Monat zu spät zum TÜV, muss nicht mehr zum Essen mit meinen Eltern, muss kein Update mehr für irgendein bescheuertes elektronisches Gerät machen. Muss nicht mehr schnell einschlafen damit ich am nächsten Tag fit bin, muss mich nicht mehr bei Freunden melden, muss nicht mehr mit den Kindern meiner Schwestern spielen, muss mich nicht mehr an irgendwelche abstrusen Gesetze halten, muss nicht mehr tolerant sein, objektiv oder liberal, muss für nichts mehr einstehen, muss keine Meinung mehr haben und muss auch nicht mehr so tun, als würde ich meine Eltern lieben. Kurz gesagt: Ich bin endlich frei.

Frei von all den Zwängen die mir erst die Außenwelt aufgedrückt hat und die mir dann so sehr und so unglaublich lächerlich in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass ich nur noch ein Sklave meiner und ihrer Zwänge gewesen bin, vom ersten Augenaufschlag in der Früh, bis zum letzten Kopfschütteln bevor ich einschlief.

Endlich frei sein. Endlich. Endlich frei sein.

Niemand mehr der etwas von mir will. Keine Gesetze, Aufgaben, Wünsche. Endlich die große dunkle Leere in die ich hinab sinke; Sterben, das ist doch nichts anders als schlussendlich einzuschlafen und nie wieder aufwachen zu müssen. Wie erholsam das sein muss. Wie gnädig. Wie erfüllend. Ach komm süßer Tod…

 

An Gott und Teufel denke ich nicht. Himmel und Hölle gibt es eh nicht. Ammenmärchen für Ammen, nicht für die Kinder, denen sie sie erzählen. Ich atme nie wieder ein. Und doch fühlt es sich an wie ein unendliches Ausatmen. Ommmm…. Und dann bin ich frei vom Leben. Und ganz tot.

 

Ich erwache in der Hölle. Und auch wenn der Typ am Tresen mir sagt, dass ich nun in den Himmel kommen würde und mir ein Klemmbrett über seinen echt geilen Tresen schiebt, bin ich mir darüber sicher, dass ganz egal was jetzt kommt, die Hölle sein muss. Egal, wie sie es nennen. Ganz Wurst was das Leben nach dem Tod ist – wenn es kein Nichts ist, dann ist es die Hölle für mich. Denn ich wollte nur entschlafen. Wegsein. Und frei sein. Nicht wieder zurück ins Hamsterrad. Keine neuen Regeln, kein neuer Tag. Auch keine neuen (so genannten) Freiheiten.

Deprimiert erzähle ich das dem ebenfalls toten Inder neben mir, der wie ich da sitzt und die AGBs des Himmels durchliest. Und der lacht nur, der Hindu, und meint, dass es schon wahr war als Camus meinte, dass man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen müsse… Und ich schlage nur die Hände über den Kopf zusammen, fange zu weinen wie ich da begreife, dass ich NIEMALS meine Ruhe bekommen würde. Niemals! Ruhe und Frieden ist nicht zu erreichen. Von wegen „Ruhe in Frieden“… Was für eine bittersüße, gemeine Lüge! Das Elend geht immer weiter und weiter und weiter. Und durch das Fenster winkt mir die fette Elke zu, die ja ebenfalls tot ist und im Himmel so viel fressen kann wie sie will, ohne beurteilt zu werden. Wenigstens glaubt sie das – so funktioniert das Prinzip Himmel. Und vielleicht werde auch ich dort endlich meinen Frieden finden… Wenn ich mich nur selbst gut genug belüge…

Advertisements

Der Text zur Nacht (223) Ich will nachhause.

Vielleicht sind es auch nur die Drogen.

„Zuhause“. Dieses Wort trage ich oft in meinem Herzen, es stolpert regelmäßig aus meiner Seele, nicht aber weil ich „Zuhause“ angekommen bin, nein, es ist die Sehnsucht nach einer Heimat, die ich längst verloren habe und bewusst gar nicht mehr kenne.

Selbst als ich noch bei meinem Vater wohnte, oder jetzt, wenn ich in meinen gemietet vier Wänden sitze, kommt oft und unvermittelt dieser Satz daher, manchmal denke ich ihn nur unbewusst aus meinem Ich heraus. Manchmal spreche ich ihn auch in die Stille meiner Einsamkeit: „Ich will nachhause.“

Dabei weiß ich gar nicht. Wo das sein soll. Wo ist das? Dieses Zuhause?

Heimat ist für mich ein verlorener, ein zerstörter Begriff. Wie ein Vertriebener aus einem Garten Eden, ohne Möglichkeit zurückzukehren. Wie ein Flüchtling, der in Wahrheit ein Vertriebener ist, und nur nachhause will, zu seiner damals noch intakten Familie; nachhause in die Vergangenheit. Bevor der Krieg des Erwachsenwerdens mich für immer entstellte.

(Denn die Menschen erlangen durch das Erwachsenwerden keinen Charakter wie man fälschlicherweise glaubt; „Charakter“, „Erwachsen“, das sind nur Begriff für die Vernarbungen unseres inneren Kindes, für die Entstellungen unserer Reinheit).

Ich weiß nicht wo ich daheim bin. Vielleicht nehme ich deswegen Drogen. Obwohl… Ja… Nein… Ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass ich keines dieser Opfer sein will, deren Psychologie so einfach gestrickt und damit erklärbar wäre: Ja klar, die Kindheit ist daran schuld.

Das Trotz-Ich in mir lässt ein Kausales Nachdenken über mich selbst nicht zu.

„Heimat“ war für mich schon immer ein anderes Wort für „Erlösung“ gewesen…

Leider gibt es keine Erlösung mehr.

Ich will nachhause…

„Doch Bommerland ist abgebrannt“…

Ich will nachhause… In das Tal meiner Erinnerungen. Wo Maikäfer fliegen und blühen.

Wie oft flüchtete ich schon von sonst wo (aus der Schule, der Arbeit, von Freunden, Feinden und Gliebten) zu dem Ort an dem ich lebte, mein Jugendzimmer, eine meiner Single-Wohnungen, nur um dort schreckliche Einsamkeit unter Menschen oder alleine vorzufinden, doch keine Ruhe vor den Stürmen der Seele, vor dem unbewussten Bewusstsein am falschen Ort, in der falschen Zeit zu sein.

Das Herz und seine Seele sind die einzigen Koordinaten, nach denen wir in  der Raumzeit manövrieren können.

Heimat. Erlösung… Ich weiß nicht. Vielleicht geht es auch nur um Vergebung…

Ich will nachhause.

Zurück in die Kindheit. Wo man bedingungslos lieben und geliebt werden kann. Nachhause in die Unschuld…

Denn wisst ihr? (Seufzen) Es fällt mir nicht leicht es euch so zu sagen: Aber ich habe viele schlimme Dinge getan… Wirklich schlimme Dinge… Gegen Menschen die ich liebte. Auch wenn ich es nicht wollte. Gar nicht… Doch ich habe es getan… Es ist meine Schuld. Nicht die von jemand anderem.

Es war immer meine eigene Schuld.

Der Finger zeigt auf mich: „Durch meine Schuld. Durch meine Schuld. Durch meine große Schuld…“

Hier schließt sich die Türe.

Ich entwinde mich aus Alex Umarmung.