Erdbeben ändern nichts

 

Heute war bei Spiegel ONLINE Schlagzeile, dass die durch das Erdbeben zerstörte Region in Italien mit 50 Millionen Euro wieder aufgebaut werden soll. Das konnte ich gar nicht begreifen, diesen Wahnsinn. Da sind noch nicht einmal alle Toten geborgen und schon sagt der Mensch: „Das wird schon wieder“, knallt Millionen raus und baut genau da wieder hin, wo die Natur absolut eindeutig und überzeugend dem Mensch seine klitzekleine Endlichkeit aufgezeigt hat. „Erdbebensicher“ nennt sich das dann was „Mensch“ da vorhat. Nun gut. Ganz Tokio wurde auf einer fault line errichtet und man hat dort schon einigermaßen sichere Architektur errichtet, die bestimmte Erschütterungen aushalten kann (was sie ständig beweist, schließlich bebt es dort häufig) – bei einem großen Beben hilft das nicht viel.

Weshalb muss der Mensch also genau wieder dorthin, wo er weiß dass er irgendwann ins Unglück stürzen muss?

Von „Wahrscheinlichkeitsrechnung“ will ich jetzt gar nichts hören. Denn die Wahrscheinlichkeit dass genau dort etwas passiert ist nach einem großen Beben geringer als vorher, nur, sie ist immer noch gegeben, jetzt sogar bewiesenermaßen und faktisch. So eine Region wieder bewohnbar aufzubauen ist wie eine Wette auf die Zukunft; eine Wette auf das Leben deiner Kinder und Enkelkinder: Was juckt mich das Elend in 100 Jahren? Wenn es passiert heißt man seine Ignoranz dann einfach eine „Katastrophe“.

Okay. Diesen Trend fährt jeder von uns. Wasser in Plastikflaschen statt Mehrwegglas und das am Besten noch aus Frankreich. Tiefer brauche ich da in die Materie gar nicht einsteigen, denn jeder weiß worauf ich hinaus will: Juckt nur keinen.

Fantastisch unsere Ignoranz.

 

Wir sind so im Großen, wie wir im Kleinen sind.

 

Eine Freundin, fast geschieden und nicht mehr ganz frisch getrennt, bekommt ihr Leben nicht mehr auf die Reihe, nachdem sie sich nach der Trennung genau das zurückholt, was ihr Jahrelang gefehlt hat, obwohl sie ihrer eigenen Aussage nach zuhause mit ihrem Mann schon zu viel davon hatte. Sie holt sich die Männererlebnisse, „die Liebe“, die ihr immer fehlte. Und macht nur Mist, rennt mit ihren Liebhabern und Kindern von einem Desaster in das Nächste, auf der Suche nach genau dem, was sie sowohl verloren, als auch geopfert hat: Die familiäre Sicherheit, die sie vorher hatte. Und ich bin gewillt zu sagen: Dann lass es doch einfach. Lass alles bleiben und such dir (mit Kindern, die kann man nicht wegdiskutieren) neue Perspektiven, neue Träume und neue Aufgaben. Und nicht wieder genau die gleichen Probleme, die sie als Lösungen empfindet: Männer. Sie stürzt sich in kurzfristige Liebschaften bis vom Erdbeben der Realität alles platt gemacht wird und sie selbst dazu sagen muss: „Ja furchtbar! Habe ich aber vorher gewusst…“ Und macht genauso weiter. Stur der Wahrscheinlichkeitsrechnung ihres Herzens folgend.

 

Wir Leute halten so viel auf unsere Vernunft, negieren sie aber bei jeder Gelegenheit. Es liegt darin, dass wir in der Vergangenheit Perioden der Sicherheit erlebt haben und zu diesen zurückwollen. Die Erfahrung hat uns gelehrt das es sicherer ist in der Heimat zu bleiben, egal ob sie räumlich oder emotional ist, und selbst wenn uns vor Augen geführt wird, dass dem nicht der Fall ist, halten wir daran fest. Wir „kennen“ nichts anders, obwohl wir wie uns darüber im Klaren sind, dass es vieles anderes gibt in dieser riesigen Welt dort draußen.

 

„Heimatverbunden“ nannte das heute Morgen ein Arbeitskollege und ich kann nicht verstehen was daran gut sein soll, wenn man gerade seine Kinder begraben hat oder einen Teil deiner Seele. Die Heimat und was du dafür hältst, die bringt dich um. Sie ist kein Allheilmittel. Aber wir haben Angst vor der Fremde, mehr sogar, als vor dem Tod oder vor dem Unglück, solange die Gefahr keine andauernd gegenwärtig ist (sonst wären unsere Nachbarn ja auch keine Flüchtlinge). Hier hat „Heimatverbundenheit“ wohl mehr mit „Gottvertrauen“ zu tun als sich manch einer eingestehen würde. Und die Erinnerung ist die Heimat, die wir niemals verlassen können.

Früher war eben doch alles besser. Und wird es immer bleiben.