Alkohol ist die Lösung

Es ist ein guter Brauch jeder Augsburger Profimannschaft, zu verlieren wenn ich ihm Stadion bin. Keine Ahnung warum das so ist, denn trotz allem sind die Vereine auf dem Papier immer erstklassig. Gestern war die Ausnahme von der Regel. Die Augsburger Panther fegten die Hamburger Freezers mit 4 zu 1 vom Platz. Ihr erster Auswärtssieg.

Nicht das ich, nicht das wir, große Eishockey-Fans wären; wie so oft sollte es einfach mal wieder was „anderes“ sein.

Ansonsten denkt man gar nicht darüber nach, wie viele tausende, wie viel Millionen Menschen auf der ganzen Welt sich an Wochenenden oder in der Arbeitswoche,  ihren nicht Mainstream-Hobbys hingeben, sich in irgendwelchen Sport-Kathedralen einen hinter die Binde gießen, sich in Wäldern verkleidet mit Schwertimitaten verprügeln, zu für andere seltsamer Musik noch merkwürdiger zu bewegen, in „ihren“ Swinger-Club gehen oder nur mit den Kumpels von der Freiwilligen Feuerwehr abhängen; Menschen machen diese für anderen komischen Dinge die ganze Zeit und sehen darin, wenn nicht gleich ihren Lebensinhalt, ihren Ausgleich zum ganzen Wahn der Arbeits- und Familienwelt.

Da muss ich gleich an den Ulrich Seidl Film „Im Keller“ denken.

Wir haben nicht unser Ding. Sind nirgendswo hängen geblieben. Heute also: Eishockey.

Ich war vor ein paar Jahren schon einmal im Augsburger Panther Stadtion gewesen – dem Curt-Frenzel-Stadion – und hatte es zwar ein Dach, nur leider keine Wände. Und so eine Wintersportart ist gerade im Dezember sehr, sehr kalt, was auch ein Grund dafür sein kann, weshalb die Stimmung dort immer sehr gut war.

– Gegen die Kälte.

Im Jahr 2015 haben sogar die Augsburger ein schönes Stadion (mit Wänden), mit allem möglichen Schnickschnack. Das Spiel war gut. Die Leute okay. Auch wenn man sich selbst natürlich immer ziemlich fremd fühlt gegen die hierherkommenden Gewohnheitstäter und Ultras. Dazu gehören wir bei so Veranstaltungen nie, wie auch?

Und da sind wir jetzt beim Punkt der Geschichte angelangt.

Nüchtern kann ich solche Massenevents kaum ertragen.

Ich.

Bin dann auch schwer zu ertragen.

Nüchtern sein langweilt dann einfach. Natürlich habe ich in meinem Leben mehr als genug Drogen genommen aber das ist jetzt auch schon ne Weile her. Trotzdem muss ich, wie Millionen Deutsche und sicherlich Milliarden Menschen auf diesem Erdenrund, ein Bier in der Hand und eines in der Kehle haben um mich entspannen zu können. Und. Um in solchen Veranstaltungen aufgehen zu können.

„Für mittendrin statt nur dabei“ bedarf es für mich des Angeschickertseins. Keiner Volltrunkenheit, es genügt der berühmte gewisse Level.

Darüber denkt man mit Mitte dreißig gar nicht groß nach, wenn man vor einigen Jahren noch eine Flasche Wodka mit einem Gram Speed innerhalb einer Stunde plattmachen konnte. Alkohol gehört dazu. Er ist Lebensgefühl. Und früher war eh alles schlimmer, hefiger, totaler (ehemalige Drogensüchtige haben immer ihren eigene NSDAP-Mitgliedschaft und ihren persönlichen zweiten Weltkrieg hinter sich).

Meine Freundin hält mir natürlich immer vor, dass man auch ohne Alkohol Spaß haben kann. Da gebe ich ihr Recht. Nur warum sollte ich versuchen ohne Alkohol Spaß zu haben, wenn ich ihn garantiert MIT haben kann? Seien wir doch mal ehrlich: Jede Sportveranstaltung, egal im Stadion oder vor der Glotze, ist besser wenn man ein Bier, Wein oder was weiß ich in der Hand hat.

Alkohol hilft uns los zu lassen.

Ich weiß nicht in welcher Welt ihr lebt. In meiner Welt muss man schuften wie ein Irrer, um durch den Tag zu kommen. Und hin und wieder ein wenig Alkohol zum Entspannen zu trinken, ist für mich Normalität. Er hilft zu vergessen. Loszulassen. Und in dem Punkt kann ich auch jeden Kiffer verstehen, wenn er es einfach zum Entspannen. Braucht. Jeder klardenkende Kiffer oder Alkohol-Trinker sollte dabei auch die Einstellung haben, dass er froh wäre, den Alkohol NICHT zu brauchen. Es ist nur die Welt, die einen dazu treibt.

Das klingt nach einer Ausrede. IST eine Ausrede. Und doch auch die Wahrheit.

Selbstverständlich will ich nicht dauernd breit sein. Ich will nicht damit vor meinen Problemen davonrennen. In gewissen Situationen MUSS und will man auch nüchtern sein. Zum Beispiel würde ich nie hier auf Droge an dieser Tastatur sitzen, weil ich einfach nichts lesbares produzieren könnte. Auch kann ich nicht einmal nach einem Bier ein Buch lesen. Nein. Alkohol und Drogen machen NICHT Alles besser. Es hilft nur den Lebensdruck zu senken, gerade in Situationen wie gestern. Denn ich kann mich nicht sofort supernüchtern in ein Stadion stellen wie gestern, und mich dort nicht erst einmal deplatziert fühlen. Ich brauche mindestens zwei Bier, um meine eigenen Kritiker-Radar herunterzufahren um die Menschen um mich herum in ihrem Fetisch zu akzeptieren und um ein Teil von ihnen zu werden.

Nüchtern bin ich eher ein zurückhaltender Charakter, angeschickert nicht. Wahrscheinlich liegt mein Denk-, mein Emotionsfehler darin, dass man sich in jede Situation hinein fühlen muss, um daran Teil haben zu müssen. Wenn ich aber NICHT Teil habe, werde ich als ein unmöglicher Charakter beschrieben, der einem alles schlecht macht…

Das letzte Drittel des Eishockey-Spiels war das Beste. Die Fans gerieten außer Rand und Band. Die donnernden Gesänge wurden noch einmal unfassbar lauter, einnehmender… Aus der Menge auf den Rängen wurde eine kraftvolle Singularität, die wie ein Mann agierte. Keiner krakelte aus der Reihe.  Die Hände hoben sich nach dem Vorbild und Diktat des großen, unsichtbaren Choreographen, der überall seine Fäden zieht. Alle hüpften im Einklang umher. Frauen. Männer. Kinder. Alt und jung. Und auch wenn die Kinder nicht betrunken waren, so eiferten sie doch dem betrunkenen Vorbild ihrer Erziehungsberechtigten nach, denn im letzten Drittel eines Eishockey-Spiels (welches mit Unterbrechungen ziemlich lange dauern kann) sind die meisten Fans eh nicht mehr nüchtern. Wieso auch? Denn entweder haben sie gerade gewonnen, verloren… Oder Alles stellt sich als ein unglückliches Unentschieden heraus.