Zitat des (jungen) Tages

„Alone bedeutet: All one.“

Das ist richtig groß. Auf eine romantische Weise und auf die fatal, tatsächliche Gaspar Noé-Art, in der wir immer alleine sind, in der wir alleine leben, lieben und sogar alleine Ficken…

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Kreutzers Stille

Stille kann ein ganz eigener, geometrischer Raum sein. Es äußert sich in dem Surren eines Kühlschranks. Ein gelegentliches Poltern in der Wohnung über einem. Das wummernde Geräusch des PC-Lüfters. Eine Tasse die man auf den Tisch stellt. Doch die Stille ist mehr. Sie ist auch das fahle, gelbe elektrische Licht, dass in der Küche auf das Linoleum fällt. Das Geschirr in der Spüle. Der geschlossene Schrank in dem ein kaltes Bügeleisen steht. Sie ist der Fußweg vom Auto zur Haustüre, durch die perfekte Geometrie und Symmetrie einer Wohnsiedlung, in der alles im richtigen Winkel zueinander steht. Stille ist, den eigenen Atem oder die eigenen Schritte zu hören, ohne dem zu viel Gewicht beizumessen.

Die Nacht ist dunkel. Er liegt auf dem Bett. In der Bettwäsche, die schon längst einmal gewachsen gehört, er aber findet es gerade richtig und angenehm hier. Es ist nicht Spätnachts. Morgen wird gearbeitet. Er ist zu einer vernünftigen Uhrzeit in die Laken gestiegen. Und da liegt er nun, in seinem Bett und starrt in die Dunkelheit wie in einen Abgrund. Dabei ist es nicht so wie Nietzsche sagte. Denn ganz egal wie lange er im Bett mit seinen offenen Augen in seinen eigenen Abgrund starrt, starrt der Abgrund nie zurück.

Er überlegt welche Frauen er getroffen hat. Heute. Gestern. Letzte Woche. Ihm fällt niemand ein. Obwohl es da doch bestimmt Eine gegeben haben müsste… Zumindest… Im Supermarkt?

Sein Beruf ist der des Mälzers. Ein Mälzer verarbeitet Gerste zur Gerstenmalz, die zum Beispiel für das Bierbrauen weiterverwendet wird. „Der Mälzer veredelt die Gerste“, hatte sein Lehrmeister einmal zu ihm gesagt. In der Realität bedeutet das für einen Mann wie ihn, dass er den ganzen Tag Keimkästen reinigt. Das Malz wird – je nach Keimstadium – von einem Keimkasten zum nächsten bewegt. Bei ihnen in der Firma wird mit 4 Keimeinheiten gerechnet, d.h. er muss pro Woche 4 Keimanlagen reinigen: Das ist sein ganzer Job.
Die Gerste wird automatisch durch ein sich öffnendes Loch im Boden zur nächsten Keimanlage befördert. Er muss nur die übrige Gerste (die die Maschine nicht greifen kann) in das Loch fegen und die leere Anlage säubern, damit kein Schimmel entstehen kann. Dann kommt die nächste Charge in den frei gewordenen Raum. Seine Arbeit besteht dabei schlicht darin, dass er den ganzen Tag mit seinem Kollegen in einem Ganzkörperanzug mit Schutz- und Atemmaske herumläuft und Chemikalien verteilt. Viel geredet wird da nicht. Andere Menschen gibt es dort auch nicht. Und Frauen schon gar nicht. Dort. Sind nicht einmal Fenster. Nur er. Und sein Kollege. Dazu die feuchte, manchmal schon sprießende Gerste. Und die Chemikalien.

Selbst hier, unter dem Donner der großen Maschinen und der Hochdruckspritze in seiner Hand, lebt die Stille. An manchen Tagen findet er sogar, dass gerade dann wenn er vor lauter Lärm nichts hören und durch das viel zu viel an Wasserdunst in der Luft nichts mehr sehen kann, die Stille am Stärksten ist. Als wäre er in ihr eingeschlossen. In diesem Weltall des Lärms, in dem es doch nichts zu hören gibt als die eigenen Gedanken, die um sich selbst kreisen.

Nein. Er kann sich nicht erinnern eine hübsche Frau getroffen zu haben. Nicht einmal an eine aus dem Fernsehen oder Internet kann er denken. Da liegt er. Ganz still. Mit seinem schlaffen Schwanz in der Hand. Und weiß nicht wozu er onanieren soll.
Unten auf der Straße fährt ein Auto vorbei. Ein wenig später ein zweites. Während er nur da liegt. Und in Gedanken durch seine Erinnerungen wie durch ein blödes Menü eines Smartphones blättert, um irgendwas zu finden. Irgendwen. Während er stoisch und apathische über den Bildschirm seiner Erinnerung wischt. Obwohl er weiß, dass es dort nichts Neues zu finden gibt. Ebenso, wie er oft deppert durch das Handy wischt, wohlwissend, dass keine Veränderung stattgefunden hat.
Er denkt an die Frauen die er einmal liebte. An Frauen aus seinem Bekanntenkreis. Was nichts hilft. Es sind nur kalte Gesichter, deren Lächeln sich – auch wenn er nicht daran denkt – mehr über ihn lustig machen, als mit ihm zu Lächeln. Auch seine Vorstellung über ihre nackten Leiber ist keine Hilfe. Fast. Sind das für ihn keine Menschen. Diese schönen, eigentlich begehrenswerten Frauen.
Seine Freunde sagen: Er braucht eine Frau. Vielleicht stimmt das auch. Dennoch kann er sich nicht vorstellen, dass eine Frau die Lösung „aller seiner Probleme“ ist. Eigentlich: Was für Probleme überhaupt? Er hat doch Alles. Nur keine Frau, okay. Und?

Die Stille schwebt über ihm wie eine zweite Dunkelheit. Sie ist die schweigenden Bücher in seinem Regal. Der Staub unter seinem Bett. Die digitale Uhr. Irgendwo. Dort drüben. Die Stille sind seine alten Bilder auf dem Handy, und in seinem Fotoalbum. Noch stiller ist nur sein Bewusstsein über die Zukunft… Müsste er für einen Psychiater das Wort „Hoffnung“ beschreiben, wäre für ihn das passende Bild ein Aschenbecher voll abgestandenem Regenwasser, in dem sich eine breiige Masse gebildet hat; kalter, nasse Rauch. Sein Resümee zum Thema Hoffnung.
Er soll zu Nutten gehen, sagen seine Freunde. Doch wie könnte er zu Prostituierten gehen? Das ist einfach nicht sein Ding. Dazu fehlen ihm vielleicht „die Eier“. Oder anders ausgedrückt: Dafür ist er zu gut. Dafür ist er einfach zu nett. Angst und Nettigkeit liegen nahe beieinander. Für ihn hat das nichts mit Feigheit zu tun. Sondern mit Moral. Er ist. Ein moralischer Mensch. Ein einsamer. Moralischer. Mann.

Alle drei Wochen aber, geht er „zum Friseur“. So sagt man halt. Denn in Wahrheit geht er zu dem jungen Mädchen, das ihm dort die Haare schneidet, wäscht und dabei den Kopf massiert. Sie heißt Anita. Alle sprechen sich dort mit dem Vornamen an. So wie es wohl auch bei den Prostituierten so ist, nur stimmen hier die Namen mit der Wahrheit überein. Anita ist die einzige junge Frau zu der er „Kontakt“ hat. Sie ist hübsch, wenn auch keine Schönheit. Und wenn sie ihre Finger in seinen Haaren vergräbt und ihm den Kopf wäscht und massiert, könnte er schnurren vor Wonne…
Er kommt nicht auf den Gedanken, dass Anita für ihn so etwas wie eine Prostituierte ist. Er kommt nicht einmal auf den Gedanken seinen schlaffen Schwanz zum Rhythmus seiner Gedanken an Anita zu bewegen. Nein. Er liegt einfach nur, kramt in seinen Gedanken nach jemanden, den er nicht finden kann…

Schließlich. Gibt er es auf und dreht sich um. Sein Gesicht vergräbt er tief in sein Kopfkissen. Erst glaubt er sicherlich nicht einschlafen zu können – um fast augenblicklich weg zu dösen. Nun. Als er eingeschlafen ist. Ist auch die Stille verschwunden. Auch wenn sie nur auf ihn wartet.