Ich schlafe wenn ich tot bin

So heißt auch die Gleichnamige Dokumentation über Steve Aoki. Den fand ich früher ziemlich cool, damals, als er  „Warp“ mit „the bloody beetroots“ gemacht hat und die damals frische Elelctro-Szene richtig kickte. Heute ist er ein Welt-Star. Nicht mehr als Electro-DJ, nein, heute legt er EDM auf, im Übermenschen-, Überlebensgroßen Guetta-Stil, eine Version und Ausgeburt der elektronischen Musik, die ich durch und durch ablehne.

EDM ist der blanke Ausverkauf der Werte, die die elektronische Musik einmal hatte. „Underground“ oder eine „Aussage“ gibt es dort nicht, soll es dort aber auch nicht geben. Es geht nur noch um den Spaß für Alle, der im Prinzip natürlich eine schöne Utopie ist,  doch dieses ultimative, multikulturelle Vergnügen ist und bleibt der möglichst kleinste gemeinsame Nenner, der sich nicht und niemals in einer Avantgarde manifestiert, es richtet sich immer an genau das gleiche Publikum, dass sich auf den selben Nenner  einigen kann: Die hohle Masse der oberflächlichen und durch sexualisierten Ja-Sagern.

Die elektronische Musik hat ein amüsantes Problem mit der Zeit-Verortung. Denn elektronische Musik spielt sich so gut wie nur in der Gegenwart ab. Selbstverständlich gibt es den Werdegang für die Geschichtsbücher (Detroit, Chicago, Manchester, Berlin usw. usf.) doch das hat nichts mit der Totalität der Wahrheit zu tun, wie diese Musik (egal welcher Spielart) in den Clubs oder auf den Festivals erlebt wird: Dort geht es immer um die Gegenwart. Nur um dass, was gerade geschieht. Es geht nur um die Musik, die gerade jetzt aus den Boxen hämmert (oder trällert) und es spielt keine Rolle ob es zuerst Disco, dann House, dann Acid, dann Techno, dann Drum & Bass, Dubstep, Electro, EDM oder im Jetzt abgekommen Deep House gab: An jedem Punkt dieser Evolutionsgeraden geht es nur um das Jetzt; wer man wo ist und mit wem. Gestern ist schon wieder old school.

Wenn ich mich jetzt also hinstelle und sage, dass ich das was Steve Aoki aus dem einstmals frischen Electro mitgemacht habe einmal derbe abgefeiert habe, würde ein ähnlicher Hohlkopf wie ich, der sich im Jahre 2016 verortet, sagen, dass der Aoki doch wohl EDM macht und immer gemacht hätte und ich die Schnauze halten soll wenn ich keinen Plan habe…  Das klingt wie ein Scherz, so tickt „DIE“ Szene aber. Sie ist absolut Zeit- und Argumentationsresistent Das ist sehr lustig. Wohl aber auch sehr anstrengend.

 

Steve Aoki ist – und das wusste ich nicht – der Sohn von Rocky Aoki, welcher tatsächlich eine lebende Legende war, schließlich erfand er die Restaurant-Kette Benihana (die ihn zum Multimillionär machte) und war zudem auch noch ein weltbekannter Ringer, Wrestler und Speed-Boot-Fahrer (und dabei auch noch Rekordhalter). Steve wollte seinem Vater immer beweisen, dass er seiner würdig sei und versuchte mit aller Kraft und Wut immer erfolgreicher zu werden bei dem was er tat; hier wird die Geschichte interessant. Nicht diese Nico Rossberg Geschichte, die vom reichen Sohn eines überpräsenten Vaters handelt der einem (theoretisch) alle Last schon vor der Geburt von den Schultern genommen hat, im Bezug darauf, seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten zu müssen. Ein Umstand, der die Nachgeborenen nicht gerade sympathisch wirken lässt. Normalen Leuten ist es verständlicherweise egal wie viele Komplexe so ein Kind eines Multimillionärs hat, schließlich ist es trotz derer immer in einer besseren Ausgangslage als die Meisten von uns (komm mal klar!). Nein, interessant ist das in Hinblick auf Steve Aokis künstlerische Entwicklung, denn wenn es nur um ein „Höher, schneller, weiter“ geht, dann kann seine Geschichte keine künstlerische, sie MUSS kommerzieller Natur sein. Es kann gar  nicht  dauerhaft um Inhalte oder einer Politik, eines Sozialismus des Tanzens gehen. Wichtiger sind die MASSE, die MENGE (sei es die Stückmenge der verkauften Lieder oder der Menge an Tickets die für einen Gig verkauft werden) und der damit verbundene RUHM. Das mit Qualität aufzuwiegen ist so gut wie unmöglich. Die Frage muss sogar erlaubt sein, ob es überhaupt einen Willen gab die Qualität von der künstlerischen Seite aus erreichen zu wollen.

 

Zwar halte ich von solchen Homestorys nicht viel, in dem Fall war sie doch ziemlich erhellend, denn hinter der Kunst (besser: der Künstlichkeit) die Menschen produzieren, stehen immer Geschichten. Und so wie sich Steve Aoki an das Kamerateam verkauft hat, bietet das sinnvolle Einblicke in das Leben eines Mannes, der von seinem Umfeld anders gesehen wurde, als er es in seinem Innersten war. Es taugt nun mal nicht jeder als Gallionsfigur einer Bewegung auch wenn die Leute einen gern dazu stilisieren. Da kann man jetzt sagen: „Macht korrumpiert“ doch es ist mehr als dass, denn wie entscheidet die Masse überhaupt richtig, wem sie diese Macht gibt? Kennt die Masse überhaupt die Menschen, die sie idealisiert und von denen sie großes erwartet? Können Menschen Erwartungen dadurch enttäuschen, einfach nur dadurch, dass sie nicht so sind wie wir sie gerne hätten?

 

Eine Tatsache bleibt es, dass die meisten die ein Genre einmal geprägt haben künstlerisch weiterziehen und sich neue Herausforderungen suchen, während andere, nachfolgende eine Strömung tot kapitalisieren. Und auch noch stolz darauf sind. Ironischer weise: Zu Recht.

Und der lustigste Fakt zum Schluss: Kein einziges Lied von Steve Aoki wird in der Dokumentation in den Vordergrund gestellt. Da ist einfach nichts.

Außer ihm selbst, einem scheinbar netten Kerl.

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Elektronische Weihnachten (Text zur Nacht Add-On)

Und dann lacht er dieses Lachen, dieses furchtbare, grausam eklige, widerliche Gelächter, das so klingt, als würde man selbst mit nackter Hand voll in frische, feuchte Scheiße greifen – und zudrücken. Ein röhrendes, Hirschenes Gelächter, tief aus seiner reibeisernen Rasselbande der Seele.  Ein wenig erstickend und dabei doch sehr ungebildet. Sehr frech, noch frecher als die anschließende Frage dazu: „Checkst du es?“

Natürlich checke ich es.

 

Wir sind gerade aus dem Haus Gottes raus und er vergleicht Religion mit Techno (oder EDM, das hängt davon ab, wie alt  – oder gebildet – ihr seid). Nicht gerade der neueste Vergleich versteht sich. Schon Doktorarbeiten wurden über das Thema verfasst: Der Disc-Jockey an Priester, hoch über den Massen, der von seiner DJ-Kanzel herab auf das Volk herab predigt, welches entrückt und in Trance der Sprache Gottes ausgesetzt ist (denn was anderes könnte die Musik sein, als die eigentliche Sprache Gottes?).

 

„Man sollte aber nicht elektronische Musik mit einem Gottesdienst gleichsetzen, sondern umgekehrt. Verstehste?“

„Mhm.“

„Also quasi so ein Weihnachtsgottesdienst als Twentyfourseven-Veranstaltung. Wie so n Festival. Nature One oder von mir aus (für die Dummen) Tomorrowland. Versteheste?“

„Mhm.“

„JEDE Stunde ein anderer Priester, so wie bei den DJs. (Mit verstellter Stimme Mayday-Announcer-Stimme) From Barbados! Priest Carl Cox!!! Verstehste?”
“Oh ja.”

“Und dann kommt der Carl noch oben und so: Oh yes! Oh yes! Oh yes! Und dann haut der voll seine Predigt raus. WAHRLICH ICH SAGE EUCH!“

„Hehe.“

„Und dann stehen da ein paar Ossis herum und maulen: Och Mann. Ick will lieber den DYÄH Rush hörn, wann kommt n derr?“

„Dein Ossideutsch ist auch so naja.“

„Egal. Verstehste? Und dann kommt Sven Väth auf die Bühne und der ist dann richtig gut, weißte, so wie früher? Und er so: WAHRLICH ICH SAG EUCH! GUDE LAUNE LEUDE!“ Alle drehen durch und Gott und Wiederauserstehen und Bombastisch… Und Mosaik-Fenster, voll auf Trip… Und so geht das dann weiter. Mit Camping und Heilsegnungen…“
„Heilsegnungen?“
„Und ALLE voll so am Abgehen: Halleluja! Und Ecstasy und Erlösung! Und voll die Liebe untereinander! Ohne Sex. Einfach nur so ne kindliche Drogen-Jesus-Liebe! Twentyfourseven! Verstehste? Und das Jesus Kind der Krippe! Und der Esel ist auch dabei! Und da kommen schon die Heiligen Drei Könige! Und Mürre… “

„Ja. Is ja gud.“

„Und dann so Sankt Martins mäßig: Statt Mäntel werden Pillen geteilt! Oder NOCH BESSER: Auf den Pillen SIND kleine Mäntel eingeprägt, die man dann teilen kann! Voll GEIL! JAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!“

Und dann lacht er wieder dieses Scheiße-Lachen. Und ich denke mir. Eigentlich eine lustige Idee, wenn dieses Gelache nicht wäre.

Das finstere Mittelalter der elektronischen Musik

Es gibt Dinge über die ich mich den ganzen Tag aufregen könnte. Das Schlimme ist: Es sind meistens die gleichen Dinge. Aus meiner Wut lerne ich quasi überhaupt nichts und am Ende werde ich nur als das wahrgenommen, was ich ausstrahle, nicht das, was ich meine – als verbitterter Mitte Dreißiger mit einer lächerlichen Wut….
Zum heutigen Thema gehe ich in eine Zeit zurück, in der ich sehr selten wildere, (besser) AUFRÄUME, und schon gar nicht im öffentlichen Blog-Kontext. Es war eine Zeit, in der ich mich selbst nicht mochte und noch nicht in der Welt zurecht fand, und alleine durch diese Erklärung ist schon offensichtlich, dass ich von meiner Pubertät spreche.
Geboren wurde ich 1980, wodurch die 90ger die Zeit meiner Bewusstwerdung waren, ja, sie mussten es sogar sein.

Lebte man in den 90gern in Süden Deutschlands in einer Kleinstadt, hatte man nicht viele Möglichkeiten sich selbst zu entdecken. Natürlich gab es wie in all den Jahrhunderten davor das Buch und ihren neumodischen Ableger (dem „Magazin“), zudem seit einigen Jahrzehnten das Fernsehen, welches in dieser Zeit (heute kann man sich das schwer vorstellen) Stil- und Meinungsbildend war. Das Internet gab es noch nicht für alle (erst Recht nicht für uns fern der Großstadt) und so konnten wir im Prinzip nur auf die Kultur zurückgreifen, die ohnehin schon da war, die Disco- und Pop-Kultur, durch welche schon unsere großen Brüder und unsere Väter gingen , ja, meistens besuchten die sogar die SELBEN Discos, in die wir eines Tages gingen; es gab ja nichts, außer diese damals schon 20 Jahre alten Schuppen.
Entweder mochtest du die Disco mit ihrem besoffenen Charts-DJs und derem Gefolge, zu deren Musik man sich mehr betrunken als einfallsreich einem furchtbar grässlichem Paarungsritual hinzugeben hatte (dem man zustimmte, sobald man den feuchten Stempel am Eingang aufgedrückt bekam), deren Inhaltslosigkeit und Banalität durch die Untermalung mit „DJ Bobo“, „2Unlimeted“, „Doctor Alban“ oder „Ace of Base“ den perfekten Soundtrack erhielt, oder aber du standest wie ich vollkommen deplatziert NEBEN der Tanze, einen halben Liter Wodka-Energy in der Hand, für den du 5 Mark zahlen musstest, und sahst dir mehr schockiert als involviert dieses komische, ja, in deiner Gefühlswelt viehische Treiben an.
Ohne den Wodka wäre ich schreiend davon gerannt.

Techno kannte ich damals nur aus dem Fernsehen, und wäre er hier gelaufen, hätte ich ihn auch nicht verstanden. Nein. Dafür war ich einfach weder alt, noch reif genug. Ich wusste nur, während ich da stand und den hübschen Mädchen dabei zu sah wie sie von rotköpfigen Bauern mit halb leeren Wodka-Energy-Gläsern betatscht oder (noch schlimmer) ANGETANZT wurden (was mit Tanzen selbstverständlich sehr wenig zu tun hatte), und sie sich über diese Aufmerksamkeit nicht schämten oder ärgerten, nein, es gefiel ihnen sogar. Und das war das Würdeloseste an der ganzen Geschichte: Nicht die Musik. Die der Alkohol. Nicht die Deppen auf der Tanzfläche die man eh schon nicht leiden konnte. Nein. Es war auch dieses aufdringliche Paarungsding, auf das alle gerne hereinfallen wollten.
Da dachte ich mir: Es muss doch noch mehr im Leben geben.

Später im Techno fand ich genau das, was mir hier fehlte: Die Würde… Da mag jetzt der eine oder andere schlucken oder meine Überlegung belächeln: „Würde? Was hat dieses Drogenverballerte im Nebel Getanze denn bitte mit WÜRDE zu tun?“
Die Würde lag in der unaufdringlichen Freiheit. Klar gab es auch hier schon Codes wie sich jemand so ein Nachtleben vorstellte, nur war es einfach nicht so wichtig. Wichtig war die (Achtung Opa-Raver-Begriff) Entgrenzung. Wenigstens war das für mich so.
„Begrenzung“ war für mich dieses Disco-Ding, wo es nur um Saufen und Abschleppen ging. Nicht um diese Gemeinschaftssache, die im Techno der 90ger Jahre stilschweigend seine Runde in den großen Augen der Menschen machte. Das Besondere an dieser Gemeinschaftssache war auch, dass sie im Prinzip ein Geheiminis war. Die Ekstase des Tanzes erschloss und erschließt sich niemanden durch das bloße Ansehen. Man muss mitmachen um es zu verstehen – und schon bist du Teil der Gruppe. Du musstest nicht schön sein, toll tanzen können, nicht reich oder jung sein, nicht einmal viele Freunde habe: Du kamst einfach dorthin und im Nebelwald des Techno-Sounds (und der Drogen, natürlich) verschmolz das Ganze zu einem großen, lebensbejahenden „Ja!“, dass über die Nacht verteilt hin und wieder in Form eines gemeinschaftlichen Geschreies bewusst aus den erschöpften Kehle geschrien wurde, zuerst nach dem Break (dem kurzen Moment der konzipierten Stille einer Techno-Platte) später (weil besser hörbar) IM Break. Doch das war egal. Es ging einfach nicht um dich und dein kleines Leben. Es gab nur das hier und jetzt. Niemand musste abgeschleppt werden. Keiner stand an der Seite, auch wenn er gerade nicht tanzte.
Diese Zeiten sind lange her.

Ich habe schon sehr viele Stunden damit verbracht diesem Lebensgefühl hinterher zu reden, dass es so und in dieser Form nicht mehr geben wird; es wird sogar vergessen werden. In der Pop-History wird Techno eine Fußnote bleiben, nicht weil Techno so unwichtig war oder ist, sondern weil es eben (wie oben erwähnt) nicht abfilmbar ist. Abfilmbar und damit kommerziell sind und waren die Hits der 90ger und jetzt die EDM-Kultur, mit ihren David Guetta und Hardwells oder was weiß ich – für mich sind die Szenen komplett identisch, ja, EDM klingt nicht nur wie die grauenvolle Charts-Musik aus den 90gern, sie ist einfach nur eine neuaufgewärmte Wiederholung davon. Und was ich damals schon für Dreck hielt, ist es in meinen Ohren auch heute noch.
Das wäre halb so wild, würde die Menge vor dem DJ-Pult nicht ebenso degeneriert sein, wie die Musik die sie abfeiern. Es geht wieder mehr um Schein als um Sein. Mehr um vermarktbare Bilder als um ein Geheimnis. Ich weiß, darüber ärger ich mich auch alle paar Monate, es tut nur so verdammt weh das Ganze so sehen zu müssen.
Den Techno hat es dabei nicht minder schlimm erwischt, auch dort geht es nur noch um Oberfläche, nicht um Attitüde. Klar, Ausnahmen gibt es überall. Ich sage es aber jetzt auch zum 100 Mal: Drogenfressen alleine hat nichts mit einem teilbaren Geheimnis zu tun.
Meinem Gefühl nach befinden wir uns im finsteren Mittelalter der elektronischen Musik, und durch so eine Aussage schwingt die Hoffnung mit, dass es eines Tages einmal wieder besser wird.

Spass sollen die Leute haben, sei es bei Hardwell oder bei einem zu einer Karikatur seiner selbst verkommenden Sven Väth. Es spricht nichts gegen Spass. Spass und Vergnügungen sind die Triebfedern unseres Daseins. Nur. Das kann doch noch nicht alles sein, oder?

Und es tut mir leid dass ich die Menschen „degeneriert“ genannt habe. Ich meinte damit nur. Dass ihr euch mit viel zu wenig zufrieden gebt.
Mit viel zu wenig.