Absolution 50 – Sex wie Liebe

Wo bist du mit deinen Gedanken, Paul?“

Kathas Kopf lag ruhig auf Pauls nackter Brust. Ihr lockiges, braunes Haar wogte sachte im Takt seines Atems.  Das Fenster stand offen. Der Rollladen war von Paul soweit herabgelassen worden, dass er genau nicht die Unterseite des Fensters verdunkelte. Von außerhalb des Gebäudes brandete das gedämpfte Gelächter aller Wahrscheinlichkeit nach, spielender Kinder an. Ihre Sorglosigkeit klang naiv und frei, gleich Wellen, die nach einer langen Reise durch die Ozeane dieser Welt letzten Endes spielerisch an Land schwappten.

Paul streichelte verträumt mechanisch mit seiner linken Hand sanft über Kathas entblößten Rücken. Ihre Haut war perfekt und straff. Hier und da ein Leberfleck oder ein anderes Alleinstellungsmerkmal, die jeden Menschen zu einer perfekten, einzigartigen Schneeflocke formen.

„Woran soll ich denn denken?“

Sie lagen in seiner Wohnung. In seinem Bett. Eng aneinandergeschmiegt. Nackt. So nah, wie sie sich zwei Menschen nur sein können. Ihre Blicke hingen sorglos verloren am weiß gestrichenen Mauerwerk von Pauls Wohnung. Mal schlossen sie die Augen. Mal sahen sie sich an, ohne sich in ihre Gesichter blicken zu müssen.

„Ich merke doch, wenn du…“

„Wenn ich was?“
„Wenn du abwesend bist.“

Ein kurzer Moment der Stille trat ein. Selbst die Kinder, irgendwo im Hof vor dem Haus holten kurz Luft. Dann:

„Tatsächlich habe ich mich schon seit langer Zeit nicht mehr so sehr in einem Moment gefühlt, wie jetzt.“

„Ja aber… Manchmal… Da bist du wie… Wie weg…“

Paul seufzte Tonlos. Sein rhythmisches Stricheln wurde unterbrochen. Gern hätte er nun in Kathas Augen geblickt. Fast hätte er sie zart an ihrem Kinn berührt, ihr Gesicht zu dem seinen gezogen, sie geküsst und ihr versprochen, dass alles gut sei. Doch er beließ es dabei. Denn zu schön war dieser Moment. Hier im Bett. So aneinander geschlungen. Denn solche Momente. Solche Nähe. Solch ein Glück. Können dir die Drogen nicht geben. Keine Phantasie. Kein Kick. Keine Abfahrt. Diese Momente. Ehrliche Augenblicke. Erschienen Paul als außerordentlich selten in einem Menschenleben. Dies hier waren die Momente, bevor die Liebe zueinander ausgesprochen wurde. Bevor alles unwiderruflich den Bach hinuntergingen. Dies hier. War Liebe. Auch wenn weder Paul noch Katha sich darüber im Klaren waren, ob sie den anderen wirklich…

„Es passiert viel… Durcheinander…“

„Was denn?“

„Ach… Lass doch mal gut sein.“

Eine Pause entstand. Noch kein Moment der Distanz. Ein Luftholen, in welchem Paul kurz in sich hineinfühlen musste, wie weit er bereit war für Katha die Türe zu seinem Selbst zu öffnen.

„Weißt du“, fuhr er dann schließlich fort, als seine Finger wieder über ihre Haut tanzten. „Da ist diese Geschichte mit dem Fettsack und Chris. Da wurde was an die Scheiben des Bosporus geschmiert.“ Paul erzählte die Story von Chris und Fettsack, denn die Geschichte von Ylva konnte er unter keinen Umständen erzählen. Auch. Wenn sie sich langsam ebenso echt anfühlte, wie die Probleme seines Freundes Fettsack. Paul wusste durch die Jahre seiner Drogensucht, dass die beste Lüge nicht die war, die Wahrheit verfälscht darzustellen. Dabei verstrickt man sich mit der Zeit nur immer wieder und weiter in Widersprüche. Nein. Katha war schließlich nicht Pauls erste Freundin. Die beste Lüge besteht darin, wenn man der Frage ausweicht und einfach über einen ganz anderen Sachverhalt spricht.  Ein klassisches Ablenkungsmanöver.

„Ich hab keine Ahnung ob er wirklich was mit Sarah hat.“ Katha drehte sich etwas herum und sah Paul von seinem Brustkorb aus an. „Sie hat mir nichts davon erzählt. Wieso auch? Sarah war schon immer ein wenig…“ Katha lächelte. In Pauls Augen deswegen, da sie zu nett dafür war über Sarahs Lebenswandeln zu urteilen. Oh wie gütig und brav Katha doch war. Und dass zu einer Frau wie Sarah, die Katha in ihrer Abwesenheit oft nur herablassend in Bezug auf ihren Job als „die Fleischfachverkäuferin“ betitelte. Brave, schöne, perfekte Katha. Pauls Erektion kehrte schlagartig zurück. Wie konnte er nicht verrückt nach ihr sein?

„Auf jeden Fall kann Chris das mit dem Bosporus nicht gewesen sein.“
„Und? Warum nicht?“
„Weil er mit Koji und mir unterwegs war.“

Paul sah sie abschätzend an. Worauf Katha gespielt genervt die Augen verdrehte. „Der Kumpel von Miguel. Du weißt doch.“

„Der uns damals die Mitsubishi-Teile vertickt hat.“

„Na ja… SO kann man sich die Leute auch merken… Aber ja.“

Katha strahlte ihn an. „Also kann der Chris das nicht mit der Fensterscheibe gewesen sein.“

„Da bin ich jetzt aber baff. Hefig. Irgendwie… Ich war mir so verdammt… Und was haben du, Chris und Koji in der Nacht gemacht?“

„Na was schon?“ lachte sie ihn überzogen albern an. „Ich hab mit Beiden gefickt!“ Worauf sie ihn auf den Mund schmatzte und sich lachend von ihm abwand und unter der Bettdecke versteckte „Blöde Kuh“, schmollte Paul eine Sekunde lang, bevor er damit begann seine vor Freude kreischende Freundin aus der Decke zu wühlen und sie von hinten durch zu kitzeln. Der Rest war atemloses Gelächter, der ziemlich schnell in atemlosen Sex überging.

Erschöpft lagen sie danach wieder zusammen. In Löffelchen-Stellung. Während draußen vor dem Haus die Kinder nicht müde wurden zu Lachen. Das mit Chris waren gute Nachrichten, dachte Paul für sich. Vielleicht sollte er sich mehr mit Katha unterhalten.  Und am Ende würde alles gut werden. Und hauptsächlich sollte er sich weniger Gedanken über die Probleme anderer machen. Im Moment waren die wichtigen Dinge im Leben gefragt. Und zwar. Wo und was er und seine Freundin gleich zu Abendessen sollten. Vor solche Dinge sollte das Leben gemacht sein.

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Absolution 49,5 – Alles wieder auf Anfang?

„Also alles wieder auf Anfang…“

„Kommst du noch mit zu mir?“
„Ins Bosporus? Klar… Warum?“

„Das Übliche.“

„Das Übliche“ bestand wie zu erwarten aus dem Einatmen von Kokain. Obwohl er relativ oft mit dem Fettsack kokste, kamen sich die Beiden in der dadurch erweckten Geistesfassung selten näher. Selten war Paul so gefühlskalt wie auf Kokain. Und immer. Immer wurde der Fettsack auf dem Zeug geil. Seine Finger tappten dann geheimnisvollen Mustern folgend über sein Smartphone. Schrieb er seiner Frau? Wo war die überhaupt? Hatte die irgendwer noch einmal gesehen? Gab es die noch? Oder schrieb er vielleicht Sarah? Oder sonst wem? Und warum musste der Fettsack die Frau vom Baader so krass anpacken? So richtig tief sein. So richtig tief… Was lief hier eigentlich im Genauen? Jedoch. Es interessierte Paul in dem Ausmaß, in dem es ihm egal war. Sein Mund öffnete sich ein paar Mal in dem Versuch seine Fragen zu formulieren – er ließ es dann doch lieber wieder sein.  Das Kokain verschluckte seine Gedanken. Auch schon egal. Er konzentrierte sich lieber darauf Katha eine Whatsapp mit vielen küssenden Smileys zu schicken. Und auf die nächste Line.

Vitali und Vladimir. Die beiden Klitschko-Stuntdoubles. Waren gar nicht erst mit Hinaufgekommen. Dafür war Bobby noch aufgetaucht. Und es wurde geredet. Über die Aktion von geradeeben. Und sonst eh irgendwie alles. Eine Szene wie auf Valium.

Bobby beglückwünschte Paul zu seiner Beziehung zu Katha. Was Paul peinlich war. Während der Fettsack Paul schon wieder davor warnte, dass Frauen einen nur kontrollieren wollen. Frauen seien nur da, um hart gefickt zu werden. Das ist nun mal so. Und Paul dachte an Sarah. Und er dachte an Chris. Und an eine Fensterscheibe, die eingeschlagen wurde.

„Am besten in den Arsch. Damit sie wissen wo der Hammer hängt.“ Dabei drehte sich der vom Koks wie ein Irrer schwitzende Fettsack einen Long-Paper-Joint. Paul und Bobby sahen sich zweifelnd an. Und ohne dass sie es aussprechen mussten, wunderten sie sich darüber, was aus ihrem Freund Fettsack geworden ist. Aus diesem Typen. Der immer so gerne gelacht hat.

Dann begann Bobby coole Scheiße zu erzählen.

Und Katha.

Schickte Paul ein GIF zu. In dem zwei Katzen miteinander kuscheln.

Absolution 49 – Ansage an die Konkurrenz

Der Fettsack bahnte sich wie ein geisteskranker Pac-Man seinen Weg in das Haus: Immer den Gang entlang. Scheinbar hatte er keine Ahnung wohin er musste, das „body count“-Kommando hinterher. Die Frau – vermutlich die Hausherrin – wurde auch von Paul sofort hinter sich gelassen, dabei schenkte nur er ihr ein entschuldigendes, leicht peinlich berührtes Lächeln. Vielleicht war dieses Lächeln sogar der Grund, warum die Frau noch einen weiteren Moment zögerte, bevor sie wie irre zu Schreien begann. Ein, zwei falsche Abbiegungen und dunkle, ideenlos normal eingerichtete Räume später, fand der Fettsack die Person die er suchte, der Hauptgrund und Mittelpunkt ihrer abendlichen Aktion: Den Baader. Und obwohl Paul den Herren Baader noch niemals jemals irgendwo bewusst gesehen hatte, weder auf der Straße noch in der Zeitung, klingelte es jetzt in seinem Kopf, um welchen Kerl es sich hier in Fettsacks Kopf drehte. Der Typ war der Besitzer der „Metzgerei Baader“, einem kleinen Konkurrenten des Fettsacks-Imperiums. An normalen Tagen wäre der kleine Leberkäspanscher für Fettsack nicht einmal der Rede wert gewesen, außer es ginge um miese Qualität und verfettete Produkte, schlechte Haltung; was man nun einmal so über die Konkurrenz so behauptet. Paul fand die Wurst vom Baader aber auch nicht so geil. Tatsächlich viel zu fettig. Jedoch war Paul auch klar, dass es hier nicht mehr nur um die Wurst ging. Jetzt ging es um Alles.

Der Baader machte das, was die meisten Deutschen ohne bewusste Probleme an einem Mittwochabend taten. Er saß in seinem Wohnzimmer vor der Glotze und aß. Ein halbes Hähnchen mit Kartoffelsalat. Der ganze Raum roch danach. Schön würzig. Vielleicht war der Baader doch nicht so ein schlechter Metzger wie der Fettsack immer behauptete. Auf das anstürmende „body count“-Kommando reagierte er ebenfalls so, wie man es von den meisten Deutschen erwarten konnte. Er sank erschrocken in sein eigenes Sofa und war baff vor Schreck. Fettsack: „Jetzt pass mal auf du mieser kleiner Wichser! Was schreibst du an meine Wand?! Was schreibst du an meine Waaaand!!! Was du an meine Wand schreibst?!“ Der Fettsack war mit seinem Kommando zwischen Tisch und Fernseher stehen geblieben, zeigte mit seinem nackten Finger auf dem Mann und schrie. Die Türsteher-Menschen neben sich. Irgendwo daneben stand Paul. Ganz daneben, noch in der Türe die Frau, bei der es sich wohl um Frau Baader handelte. Im Fernseher RTL. Über dem Sofa ein Bild von „Hundertwasser“. Der alte Baader, Mitte 50, dick, dreiviertel Glatze, Brillenträger, war bisher sicherlich jeden Tag der Herr über sein eigenes Leben gewesen – bis zu diesem Zeitpunkt. Fürchterlich erschrocken und traumatisiert brachte er nur ein wiederholtes: Ich… Ich… Ich… Ich…“ hervor, dass den Fettsack nicht sehr beeindruckte. Der stemmte nur seinen rechten Fuß mit der ganzen Sohle auf den Fernsehtisch, ohne dabei (Zufall) den Hähnchenteller zu berühren, lehnte sich nach vorne, drohte weiter mit seinem Zeigefinger und machte die Ansage: „Wenn ich NOCHMAL! IRGENDWAS! An meiner Wand lese! Mit dem du versuchst mein GESCHÄFT zu ruinieren! Dann mach ich dich ALLE! Ich schick meine Russen vorbei! Und dann nehmen sie deine Bude auseinander!“

Hier. Legte der Fettsack eine kleine theatralische Pause ein. Wahrscheinlich nur so, damit der Baader die Info verarbeiten konnte. Jedoch. Sagte einer der Russen mit starken Akzent in die Stille:

„Wir sind keine Russen…“
Der Fettsack: „WAS?!“

„Wir sind keine Russen. Wir sind Ukrainer.“
Der Fettsack drehte sich entnervt um und sah den Typen an. Mit fragenden Händen raunte er zu dem Kerl: „Das spielt doch über KEINE ROLLE!“

Der Sprecher des „body count“-Kommandos entgegnete darauf nur: „Für uns schon!“

Der Fettsack wirbelte wieder zu Baader herum und fragte ihn amüsiert: „Interessiert dich ob die Russen sind oder nicht?“ Der brachte nur ein „Äh“ hervor. „Oder sie Frau Baader?“ an Frau Baader gewandt. Die schüttelte nur eingeschüchtert mit dem Kopf, da sie nun auch noch Teil der Szene wurde. Wieder an den Kerl gewandt: „Es ist jetzt gerade nicht so wichtig…“ Etwas beruhigt und scheinbar sogar von der Szene belustigt wandte er sich wieder dem sprachlosen Baader zu. Wollte etwas sagen, dann kam ihm ein Gedanke, worauf er sich Paul zuwandte: „Die Klitschkos sind doch Ukrainer, oder?“

Paul: „Ähm. Tja. Tatsächlich stimmt das…“

Der Fettsack wirbelte wieder herum.

„WENN DU NOCH EINMAL IRGENDEINEN SCHEISSDRECK AN MEINE WAND SCHREIBST! DANN SCHICKE ICH DIR MEINE KLITSCHKOS AUF DEN HALS, VERSTANDEN!“ brüllte darauf der Fettsack wieder auf den Baader ein. Der Baader wurde darauf noch bleicher, seine Frau klammerte sich ängstlich an den Türrahmen ihrer Wohnzimmertüre und die Ukrainer lächelten ein wenig ob ihrer Bezeichnung als Klitschkos; das klang schon viel besser.

Baader: Nickte.

Und der Fettsack. Zuckte mit den Schultern. Drehte sich um und sagte ruhig und ausgelassen: „Okay. Wir sind hier fertig.“  Das „body count“-Kommando machte sich wieder auf den Weg nach draußen. Nur Paul konnte es sich nicht verkneifen noch zu bemerken: „Und ganz ehrlich: Hundertwasser ist scheiße.“ Der Fettsack tätschelte noch im Hinausgehen den Knackarsch der Frau vom Baader. Packte richtig tief rein.

Als die Autotüren wieder ins Schloss dumpften meinte der Fettsack ganz ausgeglichen und sichtlich selbstzufrieden: „Das lief ja ganz ordentlich.“

Paul verzog daraufhin den Mund zu einer abschätzigen Grimasse in Richtung seines Freundes und sprach: „Aber das mit dem Fenster. Das war der nicht…“

„Jupp“, stimmte der Fettsack zu. „Glaube ich auch nicht.“

Absolution 39 – Echte Männer trinken 15 Weizen

Noch einen Tag später lag Paul mehr tot als lebendig im Pausenraum seiner Arbeit. Den ersten Tag nach dem „Feiern“ empfand Paul erfahrungsgemäß als gar nicht so schlimm. Die Drogen wirkten noch ein wenig nach und wenn sich einmal die Konsuminduzierte Verstörtheit gelegt hatte, fühlte sich Paul für einige Stunden geradezu entspannt. Er bewegte sich dann in seiner Selbstwahrnehmungsblase wie in dem Auge eines Orkans, in welchem er ausgeglichen und konzentriert Beobachtungen feststellen konnte, bis… Bis am späten Nachmittag ihm unabwendbar die große Erschöpfung die Füße wegzog und ihn unsagbar schlapp und müde machte. Am zweiten Tag danach hatte er für gewöhnlich 10 bis 12 Stunden Schlaf eingefahren, was leider nur dazu führte, dass er sich platter fühlte als am Vortag. Da weder sein Körper noch sein Verstand sich im Klaren darüber waren, ob er nun wach war oder nicht, war Paul so gut wie jeden Dienstag immer ziemlich durch mit der Welt. Selbst der raue Verzehr von Kaffee machte ihn nicht mehr fit, sondern nur im Gegenteil nur noch wirrer. So lag er also auch diesmal in seiner Pausenzeit mit dem Kopf auf dem Tisch wie erschlagen da und döste vor sich hin. An Schlaf war nicht zu denken. Die Augen zu schließen fühlte sich dennoch erholsam an. Wenn nur nicht das ständig Gerede seiner Arbeitskollegen wäre.

Junger Kollege: „Oh… Ich war gestern soooo dermaßen voll… Bis um halb 4 Uhr früh ist erst gegangen…“
Alter Kollege: „Du bist ja heftig unterwegs!“

Junger Kollege: „15 Weizen habe ich getrunken!“

Alter Kollege: „15 Weizen!“

Junger Kollege: „Und dann haben wir mit dem Schnaps angefangen! Wir hatten ja auch was zu Feiern! Im Clubhaus haben wir einen Dildo an die Wand geschraubt! Vorne nen Dübel rein! Hinten nen Dübel! SOOO groß ist das Teil!“

Alter Kollege: „Hahaha, ihr seid ja verrückt!“

Paul innerlich: Stöhn…

Junger Kollege: „Da haben wir dann n Licht außen rum gemacht und zu jeder vollen Stunde fängt der zu blinken an!“

Alter Kollege: „Das ist ja geil! Auf IDEEN kommt ihr! Ich trink ja kaum mehr was… Der Paul eigentlich auch nicht mehr… Sagt er…“
Paul stellte sich weiterhin schlafend.

Alter Kollege: „Apropos Dildo! Hier! Der neue Porno-Kalender ist übrigens.“

Paul hörte Finger, die sich durch Papier blättern.

Junger Kollege: „Der ist ja SUUUUPER. Was ist denn das? Ah. Von Aichen. Der Gabelstabler-Firma. (Kurze Pause) Boah!!! Schau dir mal DIE an! Die hat ja größere Titten als ihr KOPF!“

Alter Kollege: „Die würde ich auch ordentlich ran nehmen wenn die mir über den Weg käme!“

Beide lachend: Muaahahahahaha!!!!

Paul war durchaus klar, dass vor ein paar Wochen seine Hauptbeschäftigung darin bestand, sich Nächte lang zu Pornografie selbst zu befriedigen, dennoch, widerten ihn seine Kollegen unglaublich an… Was waren das nur für Menschen? Hatten die denn gar kein Niveau? Sollten sie privat machen was sie wollten. Mussten sie deswegen aber so einen Scheiß herauslabern? Erstens konnte sich Paul nicht vorstellen, dass der kleine Maier 15 Weizen von gestern Abend auf heute Morgen getrunken hatte (vom darauffolgenden Schnaps ganz zu schweigen), zweitens war es ihm vollkommen fremd mit seiner eigenen Trinkleistung anzugeben. Wie alt waren sie denn? 17? Drittens beeindruckte es einen Drogenuser wie ihn herzlich wenig, viel Trinken zu können. Um sich von den Amphetaminen „herunter zu trinken“ (d.h. um die Wirkung des Speeds zu überdecken und bestenfalls dadurch schlafen zu können) gab es Nächte, an denen er eine Flasche Wodka in zwei Zügen geleert hatte – nur um immer noch sehr drauf und überhaupt nicht betrunken oder müde zu sein… Und es ist ja eine Sache eine Frau geil zu finden, man muss dann aber auch nicht so eine Grütze rauslabern als würde man sich in einer Fußballer-Umkleidekabine befinden. Oder in der Kommentarspalte unter einem You-Porn-Video. Verdammte Bauernproleten…  Was sollte das den vortäuschen? Männlichkeit?

 

Alter Kollege: „Früher habe ich auch gesoffen und die jungen Mädler bestiegen wie einen Fünftausender! Das kannst du mir aber glauben! 2 Mädler am gleichen Tag waren da keine Seltenheit!“

Junger Kollege: „Das kenne ich!!!!  Wenn ich einmal LOSLEGE, ABER DANN!“
Worauf sich Paul dachte: Jetzt reicht der Schwachsinn aber.

Abrupt hob er den Kopf vom Tisch und legte die Fakten auf den Tisch. Er zeigte auf den jungen Arbeitskollegen und blaffte ihn an: „Du bist Scheiße, Mann!“ Paul richtete seinen Finger auf den älteren Kollegen: „Und du warst schon IMMER Scheiße! Hört ihr euch überhaupt zu?“

Alter Kollege: „Was hast du denn?“

Junger Kollege: „Ja! Was stimmt denn mit dir nicht?!“

Paul stand auf und ging einfach wieder an die Arbeit. Wie konnte man in so einer Umgebung NICHT Drogensüchtig sein? Hatte er überhaupt jemals eine andere Chance gehabt?

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Absolution 38 – Tätersuche

Dreizehn schlaflose, wirre Stunden später stand Paul verplant im Lidl und konnte sich nicht entscheiden, welche Tiefkühlpizza besser zu seinem Charakter passte: Eine No-Name oder „Doktor Oetker“. Unvermittelt spielte sein  Smartphone „Human after all“ von Daft Punk ab. Pauls Reaktion darauf war ein Seufzen und Fummeln in seinen Taschen nach dem Telefon. Es war heute in der Arbeit schon hart genug gewesen. Irgendwie hatte er sich durchgemogelt, ohne allzu viel Aufsehen zu erregen. Wie so oft. Er hatte Dienst nach Vorschrift abgespult, mit dem Motto: Lieber heftiger ranklotzen, dann stellt auch niemand irgendwelche dummen Fragen. Sich nur nicht gehen lassen, konzentriert bei der Arbeit bleiben. Die ersten Stunden waren wie immer die beschissensten gewesen. Hatte man die aber mal hinter sich, klappte auch der Rest des Tages. Nur nicht der Stimme im Kopf nachgeben, dass man doch voll im Arsch sei und einfach heimgehen sollte; die Variationen der Ausreden um früher zu gehen sind unendlich und wurden mit den Wochen dennoch immer dämlicher. Er konnte nicht schon wieder einfach abhauen. Also einfach durchziehen. Um danach zuhause ins Bett fallen zu können. Und nun doch wieder Daft Punk… Der Fettsack rief an. Natürlich.

„Servus. Dicker, bist du fertig mit der Arbeit?“

„Ich bin MEHR als fertig… Ich bin Hundemüde und…“ begann Paul zu lamentieren.

„Du bist IMMER Hundemüde! Du musst sofort vorbeikommen! Hast du das Bild nicht bekommen?“

„Doch, klar. Heftige Sache… Aber ich bin so im Arsch…“
„Ausreden gibt´s da jetzt nicht. Kriegsrat. Du musst rüberkommen. Heute! Müdigkeit vortäuschen zählt nicht!“
„Wieso denn vortäuschen?…“
Pause.

Dann der Fettsack: „Dicker. Ich brauch dich.“

„Oh fuck… Ja. Ich bring noch meinen Scheiß heim. Bin Einkaufen.“

Eine halbe Stunde später saß Paul tatsächlich auf dem Sofa im Bosporus. Er war total durch. Und beeindruckt. Wie der Fettsack den „Junkie“-Schriftzug so schnell von der Scheibe bekommen hatte.

„Mitm Golfschläger.“ War die Antwort. „Erschien mir als schnellste und beste Lösung… Diese Wichser!“

Paul (langsam im Kopf): „Mitm Golfschläger?“

Boris, den alle Bobby nennen, drehte sich abschätzig zu Paul um und erklärte es ihm schmunzelnd: „Du Trottel. Er hat die Scheibe eingeschlagen.“

Paul mochte Bobby. Zwar war er einer dieser „falschen Freunde“, mit denen sich der Fettsack umgab. Einer von den Typen, mit denen er nichts gemeinsam hat, außer die Sucht nach Drogen und Partys. Trotzdem mochte Paul Bobby. Vor ein paar Jahren waren sie sogar einmal sehr gute Freunde gewesen. Dann aber, hatte das Leben so gespielt.

Paul total überfordert: „Wo hast du denn GOLFSCHLÄGER her?“

Fettsack: „Ist doch egal! Mann!“ Er zog vor lauter Wut die Bong schlürfend durch. Schüttelte kurz den Kopf und lies den Rauch wieder aus seinen Lungen qualmen. „Die mach ich fertig!“

„Und wen?“ fragte Paul, der immer noch irritiert über das Golfer-Geheimnis seines Freundes war und nuckelte an seinem Spezi.

„Irgendwelche NEIDER!“ raunte der Fettsack.

„Joa“, nickte Bobby. „Ist ne Theorie. Verdammter Kleinstadt-Scheiß. Die gönnen es halt niemandem seinen Erfolg auszuleben. Weil die nichts auf die Reihe bekommen als über andere zu lästern.“

Die anderen Zwei nickten.

„Ich hab dir das aber schon dutzende Male gesagt: Du musst dich mehr unters normale Volk mischen. Die zerreißen sich doch hinten rum das Maul über dich. Du glaubst gar nicht wie oft ich auf dich angesprochen werde, was denn jetzt wieder bei dir los war“, fuhr Bobby fort und stopfte sich neben zu einen Topf für die Bong.

„Scheiß drauf… Ich hab keinen Bock unter Leute zu gehen…“ grummelte der Fettsack.

Paul sah müde Bobby dabei zu, wie er den Topf durch die Bong sog. Dann lachte Bobby: „Unter Leute… Unter Leuten… Klingt nach Juli Zeh. Hast du das gelesen?“

Paul: „Hä?“

Bobby: „Na UNTER LEUTEN! Das Buch von Juli Zeh!“
„Was? Ne… SPIELTRIEB hab ich mal gelesen. Fand ich aber… Poh… Sehr unglaubwürdig geschrieben.“
„Die hatte doch noch… Die hatte doch noch… Mensch…“ Bobby rang mit seinem bekifften Selbst, „So´n anderes Buch… Irgendwie mit Staatlicher Überwachung oder so. Internet… Weiß nicht mehr… (Pause) Das war aber gut.“
Paul: „Ja… Puh…“

Fettsack: „WAS JUCKT MICH FUCKIN JULI ZEH, MANN!“

Bobby, total bekifft: „Das nenn ich mal ne Kritik. Voll korrekte Message, Diggi.“

„Mann! Fuck!“ fluchte der Fettsack. „Ich will wissen welcher Psycho, das scheiß JUNKIE auf meine Scheibe gesprayt hat!“

„Ach gesprayt… Deswegen Golfschläger… Da hätte es Terpentin aber auch getan. Geht ganz easy wieder ab“, merkte Paul an.

Fettsack: „Auch schon egal. Mir war danach… Scheiß auf die Scheibe… Wichtiger ist, WER das war. Gar keine Ideen?“

Paul: „Hast du irgendwen abblitzen lassen? Gibt´s irgendwer der sich von dir beschissen fühlt?“

„ICH HAB NIEMANDEN BESCHISSEN! Was ich hier Geld für den Scheiß raushaue! Da bin IMMER ICH der Beschissene! Ich zahle IMMER MEHR für korrektes Zeug. Aber meistens dann doch wieder nur MIST den sie mir verticken wollen!“

„Könnten wir beim Thema bleiben? Irgendwelche Feinde?“, Paul riss sich zusammen und wollte die Unterhaltung voranbringen. Sonst würde er hier nie wieder wegkommen.

„Ich hab keine Feinde…“
Mit einem schiefen Blick auf Bobby, der inzwischen einfach nur platt im Kanapee hing wie ein Boxer in den Seilen. „Oder ehemaligen Freunde?“

Blitzgescheit und plötzlich sehr wach sah Bobby Paul an und machte: „Hm.“
„Ganz ehrlich. Kein Plan“, der Fettsack resignierte ein wenig.

„Mit dem Neid. Mit dem hast du wahrscheinlich recht“, auch Bobby riss sich jetzt zusammen. „Doch wen interessiert das denn überhaupt? Scheiß doch auf die ganzen Deppen, die einem ehrlichen Händler und Großverdiener seinen Erfolg streitig machen wollen.“

Paul: „Stimmt doch. Wenn´s die einzige Aktion in der Richtung bleibt, dann verbuch das unter Neider. Und ganz ehrlich. Könnte schlimmer sein.“

„Es könnte aber auch noch schlimmer werden“, grollte der Fettsack.

„Da hast du Recht“, nickte Paul und trank sein Spezi leer. Er nahm sich vor einmal mit Chris zu reden. Nein. Er musste mit Chris reden. Ansonsten fiel ihm kein Verdächtiger ein. Doch das konnte er dem Fettsack nicht sagen.

„Was sagt eigentlich deine Frau dazu?“ erkundigte sich Paul.

 

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Absolution 37 – Der Anfang vom Ende

Kapitel 13

„Puh“, puhte Paul. Zurück in der realen Welt, rieb er sich erst einmal die roten, wunden Augen. Schlief er? Hatte er geschlafen?…

Die Wände seiner Wohnung waren kalt und steril.

Was war diese andere Welt? Wahnvorstellung? Traum? Wirklichkeit? Zeitvertreib?… Einfach nur ein Ausweg seines Verstandes sich vor einer Realität zu retten, mit der er schon lange nicht mehr klarkam? Spielte es überhaupt eine Rolle? Was juckten ihn diese blöden Kinder. Immerhin schmerzte ihm nach diesem Trip keine Stelle seines Körpers. Er war weder wundgelegen, noch wundonaniert. Seine Rückmuskulatur vom falschen Sitzen nicht verzogen. Tatsächlich hatten seine „Kurztrips“ in die Welt des Dschungelvolkes die ganze Idee seiner einsamen Sessions über den Haufen geworfen. Es zog sich weder Pornografie rein, noch hatte er seine Triebabfuhr. Er wusste nicht einmal, ob die Drogen überhaupt noch wirkten; okay, ohne die Drogen gäbe es auch keine Reisen. Schließlich musste er immer „drauf sein“ sein, um in der anderen Welt „drin zu sein“. Merkwürdig blieb, dass er sich in der anderen Welt immer mehr wie in der Wirklichkeit gab… Er war nicht mehr der, der die Geschichte formte und alle Figuren beherrschte. Er entschied nicht mehr wie es weitergehen würde, noch wie sich die Leute zu verhalten hatten. Irgendwie… Wurde sein Wahn von dem von ihn erdachten Figuren demokratisiert… Was passiert da? Dennoch war nicht abzustreiten, dass ihn diese „Reise ins Ich“, dieser Fantasy-Trip ebenso süchtig machte, wie seine Selbst-Sex-Sessions zuvor… Paul hatte viel über sie nachgedacht, über diese Porno-Träume. Warum er es tun musste, weshalb er diese Form der Selbstbeherrschung brauchte… Und so irre es war: Es ergab Sinn. Es machte einfach Sinn vor den Leiden der Tatsächlichkeiten in eine bessere Welt zu fliehen, in der er der omnipotente König aller Möglichkeiten und Lebensformen war. Aber dass jetzt… Irgendwie… Fehlten ihm seine Sexträume. Und doch… Vielleicht war dieser Fantasy-Kram einfach nur ein Ausweg, den ihm sein Verstand aus seinem selbsterwählten Dilemma der Einsamkeit zeigen wollte. Möglich, dass dieses Fantasy-Zeug eine unterbewusst logische Fortsetzung seines Dilemmas war. Ob es sich hierbei nun um einen Ausweg oder eine Verschlimmerung der Situation handelt, konnte er bei Gott nicht feststellen. Wie auch immer.

Er seufzte abermals. In seinem Zimmer roch es nach Lösungsmittel. Vielleicht. War es auch nur der Geschmack in seinem eigenen Mund.

Wasser. Hilft. Immer.

Er fühlte sich gar nicht verspannt wie sonst, als er sich ziellos in seinen 4 Wänden umsah. Nur müde. Ja. Müde war er. Was eine gute Sache war. Schlaf ist und bleibt die einzige Form von Erlösung…

Ein Lichtschein an der Wand erregte seine Aufmerksamkeit. Hatte er den Kühlschrank aufgelassen? Paul verdrehte seinen zähen Körper in die Richtung des Geräts. Er konnte sich gar nicht… Auf war das Ding trotzdem. Das Kühlschranklicht war die einzige fremde Lichtquelle im Raum, bis auf den PC-Bildschirm, der unterkühlt sein trauriges Licht an die sterilen Wände warf. Das Surren des Kühlaggregats als das einzige Geräusch im Raum. Viel lauter als der schnaufende Ventilator seines Rechners.

Mit leicht verspannten, knacksenden Gliedern ging Paul hinüber zu seinem Kühlschrank, in seine Küche, bei der zu allem Überfluss auch noch die Türe auf war und theoretisch die Nachbarn hineinsehen konnten. Paul schloss den surrenden Kühlschrank.

Pauls innere Stimme: „Hm. Das Gehirn speichert nicht jeden unsinnigen Kram, den wir Menschen machen. Sonst würden wir verrückt werden.“ Irgendwo hatte er das mal gelesen. Wahrscheinlich im Internet. Klang trotzdem logisch. Neben dem Kühlschrank standen zwei Flaschen Wasser, von denen er zwar auch nicht wusste wann er sie dort hingestellt hatte (Paul stellte nie 2 geschlossene Flaschen nebeneinander irgendwohin), nur war ihm dieser Umstand egal. Er nahm einen tiefen Schluck, schnappte nach Luft und fasste in dem fürs erste Mal das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen. Ist nicht so besonders gut zu viel Chemie in einem trockenen Mund zu haben. Nicht das ihm auch noch vom Speed die Zähne abfaulen.

Seine Beine fühlten sich weich an. Wie aus Gummi. Jeden Schritt den er hinüber in sein Bad machte, ist vorsichtig gewählt und exorbitant leise, so als ob er an jemanden vorbeischleichen müsste. Eine unbewusste Reaktion auf die absolute Stille, die ihn umgab. Er verfiel oft in dieses Nächtliche Schleichen durch seine Wohnungen und hatte sich selbst daran gewöhnt. Auch aus den Nachbarwohnungen war kein Geräusch zu hören. Es war schon zu spät. Zu dunkel. Zu sehr Schlafenszeit. Das einzige Geräusch schien das Rauschen des Mondes zu sein, wie er dort oben über das Firmament glitt.

 

Die Überraschung die im Bad auf ihr wartete, registrierte er sofort. Nicht jedes Detail springt einem auf Speed gleich ins Auge. Je nach Draufheitsgrad kann man schon mal Details übersehen, wie Handwerker auf dem Balkon oder andere, vergleichbare Dinge, die gerade nicht im Aufmerksamkeitsfokus des Druffis liegen. „Spontan“ ist man selten auf Drogen. Doch was im Fokus liegt und einen gewissen Erwartungsgehalt besitzt, wird mit höchster Disziplin vom Verstand erfasst und verarbeitet. Das war bei dem Post-It-Zettel nicht der Fall, der mittig auf seinem Badezimmerspiegel klebte. Paul bemerkte ihn aber sofort. Seine Reaktion war: Totale Verwirrung. Seine ganze Körpersprache, sein ganzes Gesicht wurde zu einem einzigen: „Hääähhh? What the…?“ Er kniff seine Augen zusammen um mit seinen von den Drogen geweiteten Pupillen etwas erkennen zu können, riss den Klebezettel von seinem Spiegel und konnte darauf seine eigene, krakelige Schrift dechiffrieren, die ihm mitteilte: „Katha ficken.“ Paul. War baff. Wann hatte er?… Und warum? Er ließ den Zettel sinken und blickte sich selbst mehr als ratlos in dem Spiegel an. Sie sahen sich in die Augen. Er und der andere. Dieser Fremde, der ebenfalls so überrascht war wie er selbst.

„Katha ficken?“ seine eigene Stimme erschreckte ihn. Ebenso wie Paul sein eigenes Spiegelbild nicht geheuer war. Das war es ihm nie, wenn er Drogen genommen hatte. Sich nur nicht zu lange selbst in die Augen schauen. Schnell inspizierte er noch einmal das Post-It. Das war seine Handschrift. Keine Frage. Nicht schöngeschrieben. Aber trotzdem. Wann und… Warum? Hatte er das aufgeschrieben und an seinen beschissenen Spiegel geklebt? Damit er es selbst finden würde? Warum musste er sich überhaupt daran erinnern? War es denn nicht offensichtlich das er… Was von Katha WOLLTE? Weshalb sollte er ZUR ERINNERUNG so einen blöden Zettel ausfüllen? Was wollte er selbst sich damit sagen? Wieder sah er sein dumm guckendes Ich im Spiegel an. Die Vulgarität seiner Notiz verdutzte ich noch mehr. „Ficken“ zu denken war kein Problem für ihn. Aber als AUFGESCHRIEBENE Notiz? Das passte nicht zu ihm. Was ist denn hier los?

„Cool bleiben.“ Sagte er sich in Gedanken. „Das ist jetzt ein wenig strange. Okay. Aber… Könnte schlimmer sein. Man sollte vielleicht nicht zu viele Drogen nehmen, wenn man eh ein wenig durch ist. Und der Schlafmangel! Denk an den Schlafmangel! Ja genau! Den darf man nie außeracht lassen. Der führt oft zu einigem Irrsinn. Gut das du mich daran erinnerst… Klar. Kein Problem… Mit wem rede ich überhaupt?“

Das wurde ihm jetzt doch ein wenig zu irr… „Hör auf mit dir selbst zu reden! Gute Idee! Ahhh!… Halts Maul!“ Paul zerknüllte den Zettel, machte schwunghaft das Licht aus, ging durch das Wohnzimmer wieder hinüber in sein Schlafzimmer und warf sich nackt in die Laken. „Einfach. Ruhe. Jetzt. Niemand sagt was!“

So lag er da. In der Stille. Eine Minute lang. Zwei Minuten. Dann gingen die Gedanken wieder von vorne los. Sich in der Dunkelheit von irren Drogen-Gedanken überrennen lassen, die sich dann im Kreise drehen, bis sie plötzlich zu einem Strudel aus Wahnsinn werden, in der er sich immer wieder die gleichen Fragen stellte, bis er auf irgendeine Lösung kam, die er dann dank der Drogen wieder sofort vergessen würde, und das alles wieder von vorne beginnen würde, wie in schon viel zu vielen Nächten, ne, auf den Scheiß hatte er jetzt keinen Bock. Zu oft war er in absoluter Dunkelheit dagelegen und hatte sich selbst verrückt gemacht und jeden möglichen Unsinn eingeredet, bis er am Ende gar nicht mehr wusste, was wahr ist und was er sich ausgedacht hatte; Dunkelheit und Drogen: Ganz schlechte Idee. Er war viel zu unkonzentriert um jetzt klar zu bleiben… Reize! Er brauchte Reize. Irgendwas, was ihn ablenken würde. Das Handy! Natürlich! Alle sehen auf ihr Handy um sich abzulenken! Guter Plan, dann würde er diesen blöden Zettel gleich vergessen haben. Irgendein Quatsch auf Instagram würde ihn bestimmt unterhalten. Was sollte das auch mit dem Zettel? Ist doch eh egal. Ist doch nicht schlimm. Manchmal, ist man halt ein wenig durch. Passiert. Und das nicht zum ersten Mal. Wahrscheinlich auch nicht zum letzten…

Er ertastete neben seinem Bett das am Ladegerät angesteckte Smartphone, stöpselte es ab, machte es an (das Licht war hell, erschreckend hell und doch sehr angenehm in der Dunkelheit seiner Drogenparanoia) und sah sofort, dass der Fettsack ihm vor etwa drei Stunden eine Whatsapp-Nachricht geschickt hatte. Es war ein Foto, unter dem stand: „Weißt du irgendwas darüber?“ Paul kniff wieder die Augen zusammen. Das Handy war schon verdammt grell in dieser absoluten Dunkelheit. Aber er kannte das was auf dem Bild war. Das Foto zeigte… Wenn er das richtig sah und sein Kopf das Bild richtig zusammenfügte. Eine Außenaufnahme des Bosporus. Dem kleinen Club vom Fettsack. Die ehemalige Dönerbude. Auf dem Handyfoto war es eindeutig Nacht. Im Gebäude war es dunkel. Nur hatte von außen jatte irgendwer mit rosa Sprühfarbe: „Junkie“ auf die Scheibe gesprüht. Ja. Also. Irgendwer hatte an Fettsackshaus „Junkie“ geschrieben. Alter Falter! Harte Suppe… Was für ein Scheißdreck… Ob er darüber irgendwas wusste? Woher sollte Paul?… Wie in alles in der Welt?… Was zum Henker?… Warum sollte gerade er? Der Fettsack dachte doch nicht etwa?

Paul. Begriff. Nichts.

Er knippste das Zimmerlicht an. Warf das Handy in die Laken und holte sich aus dem Kühlschrank ein kaltes Bier. Er köpfte es und setzte sich vor dem Kühlschrank auf dem Boden. Ganz ruhig bleiben.

Ketamin in der „Wilden Renate“ in Berlin

Wie das halt so ist. Man reist durch die ganze verdammte Republik, durch die ganze abgefuckte Provinz, um schließlich in der Hauptstadt von Ostdeutschland anzukommen. So was merkt man nämlich ganz schnell wenn man durch den Osten fährt, dass Berlin nämlich vor allem die Hauptstadt von Ostdeutschland ist. Vom Rest ist man ziemlich weit entfernt. WEST-Berlin hin oder her. Das hier ist der Osten. Nirgendwo gibt es so viele antisemitische Überfälle in der Bundesrepublik. Ganz klares Ossi-Ding. Oder Dortmund. Aber da bin ich das letzte Wochenende ja nicht hin.

Ich habe eh keinen Plan warum Berlin immer als so tolerant dargestellt wird, denn, nirgendwo wird man auf offener Straße so grundlos und saublöd angemacht wie hier. Das gibt es nicht einmal in Bayern. So was ist doch konservativ. Leute blöd anwichsen wegen nichts. Okay. Meistens ist es dann auch wirklich eh egal was für ne Hautfarbe oder Geschlecht das verabscheute Gegenüber dann hat: Hier hasst einfach jeder jeden. Wenn nicht jeder jedem gerade scheißegal ist. Was dann mit Toleranz verwechselt wird.

Von meinem hierher gezogenem Kollegen bekomme ich erst Mal eine rein gewürgt: „Hör auf so schwäbisch zu sprechen! Das mögen die Leute hier nicht!“ Und ich: „Was willsch denn du? Ich komm hald von da. S´sagt ja auch keiner was wenn einer von Berlin runter kommt: Red mal gscheid. Du Penner. Ich hasse dich, weil du mir die Nachbarschaft gentrifizierst.“ Weil Gentrifizierung. Das weiß der Berliner nicht, der zu 90 Prozent vom verhassten Toursimus lebt, gibt es eben auch in München, Stuttgart, Augsburg: Überall. Da musst du dann halt schon ins Ruhrgebiet oder in den Osten gehen um dem zu entkommen.. Da bekommst du dann halt auch deinen liebgewonnen Antisemitismus.

Die Berliner Clubs hängen mir schon lange zum Hals raus. Trotzdem gehen wir da natürlich hin. Was in der ersten Nacht immer problematisch ist: Ich bin noch gar nicht vom Kopf her angekommen und muss mich dann von irgendwelchen Arschgeburten an der Türe beurteilen lassen. Mag ich nicht. Wir wollten dann ins „Suicide“. Weil aber Liebesparade (Irgendwas) in Berlin war, war da ein gutes Line-Up gebucht. Nichts gewesen mit der leichten und schnellen Türe. Also dann doch gleich in „die wilde Renate“. Letztes Mal waren wir noch bei der Neueröffnung beim Club gegenüber, in der „Magdalena“; gibt es schon nicht mehr. An der Tür dann also Anstehen und blöde Blicke von blöden Türstehern. Die zwar gar nichts für den Umstand können, trotzdem das Gesicht des beschissenen Berlins sind. Klar. Man will nicht jeden Deppen im Club haben. Doch so was ist halt auch keine Lösung. Wir kommen dann rein, weil mein Kollege sagt, wir sind „Bordell-Nacht-Besucher“. Das ist da so ne Partyreihe. Und dann wird man gleich angegoscht, wegen mir wäre man fast nicht rein gekommen. Ich stand da nur. Und hab nichts gesagt: Aber nach der Ansage hat man gleich gar keinen Bock mehr. Da fährt man durch die ganze verschissene Republik zum Freund, und darf sich von dem Anhören, dass man Schuld ist irgendwo nicht reinzukommen: Was ist dir wichtiger? Die saublöde Location – oder der Freund der einen besucht? Das Ketamin was man drinnen kaufen kann. Ach so. Ja klar. Liebe steht im Raum…

Drinnen also erst Mal Streit. Immer der gleiche Streit über Erwartungshaltungen von dem oder von mir. Müßiges Thema. Das ewiggleiche. Bis man es dann gut sein lässt.

In der „Renate“ darf nicht gefilmt oder fotografiert werden. Da muss man dann wie im Kindergarten seine Handykameras abkleben.

Die Renate ist aber auch ne coole Location. Sehr Berlin like und ich mag ja Club mäßiges Sightseeing. Da bin ich gerne Tourist. Was dem einen sein Eiffelturm. Ist mir mein Cocoon-Club. Ultraschall. Watergate. Oder hier halt der „Salon – zur wilden Renate“. Die Renate ist einfach nur ein mehrstöckiges, verwinkeltes Haus, mit kleinen Zimmerchen, in denen zwar Floors sind, da aber irgendwie wieder Wohnzimmer und Club-Atmo in einem Mit Beichtstuhl und Vulva. Für so was ist Berlin bekannt. Ist auch ehrlich gesagt ganz cool. Gerade wenn man früh genug kommt, um mit zu erleben, wie die Floors nacheinander öffnen. Wie ein Fächer, der sich ausbreitet. Das war cool und machte Spaß. Auch wenn ich nicht auf Krawall gebürstet war. Mit Ende dreißig. Braucht man halt ein paar Stunden um anzukommen.

Der Freund war dann natürlich weg. Ketamin für sich kaufen. Und ich wippte und nippt da so. Alleine. Während die jungen Leute um mich herum feierten. Ich kam mir da schon ziemlich einsam und alt vor. Kein Wunder.

Der Freund kam dann zurück. Plärrte einen an, dass er jetzt Keta hätte. Und dass man nun gefälligst mitkommen solle. Auf Toilette. Zum Nehmen. Und ich: Näh. Ich hab genug Quatsch genommen. Jetzt reicht es aber. Ich will nichts Neues mehr ausprobieren. Ich will einfach nur am Leben sein. Und mich daran freuen.

Ich holte mir dann nen Longdrink und gab Trinkgeld (so euphorisch wie die sich bedankt haben, kommt dass da einmal im Jahr vor) und suchte und fand meinen Freund. Ehrlich gesagt weiß ich nicht viel über Ketamin. „Nahtod-Erfahrungen“ und „Pferdeberuhigungsmittel“ kommen mir in den Sinn. Beobachtet habe ich so was nie. Wie so etwas aussieht?

Mein Kollege stand mit weit ausgebreiteten Armen in der Ecke von einem kleinem Floor (roter, grüner Raum – was weiß ich) und hielt sich damit alle anderen Menschen vom Leib. Seine Zunge war mehr als träge. Der Verstand entrückt. „ÜÜÜäää üüüäää ääää“. Mehr kam da eigentlich nicht raus. Ich setzte ihn dann lieber auf ein Sofa. Wo er mir irgendwas davon erzählte, dass er das Universum sehen könnte. Tiefere Einblicke in unglaubliche Verhältnisse, wurden da behauptet. Mit einer Gestik, die er von einem irischem Dorftrunkenbold aus dem 18ten Jahrhundert gelernt zu haben schien. Der war vollkommen hinüber. Absolut. Vollkommen. Hinüber. Er torkelte und fiel über alles was da war (Menschen, Möbel, Emotionen) und war einfach total im Arsch. Ich übertreibe nicht wenn ich sage, dass Johnny Depp bei seiner Darstellung des Äther-Rausches in „Fear and Loathing in Las Vegas“ nüchterner und beherrschter rüberkam als mein Freund auf Ketamin. Ich dachte dann irgendwie, dass es eine gute Idee wäre ihn an die frische Luft zu bringen – was sich mehr als schwierig gestaltete, wenn man durch den ganzen Club im ersten Stock muss. Der war vollkommen hinüber. Kugelte am Boden herum. Blieb da einfach liegen. Gerne hätte ich sein Verhalten gefilmt – nur gerade wegen solchen Aktionen ist das Filmen hier verboten.

Ehrlich. Ich gehe jetzt bald seit 20 Jahren auf Techno weg. Habe mehr Drogen genommen und Druffis gesehen, als es sichtbare Sterne am Himmel gibt. So etwas. Ist mir jedoch noch nie untergekommen. Er lag dann da in ausgelaufenem Bier wie ein Schildkröte auf dem Rücken, in so einem kleinem Boot, was da als Zierde in der Gegend herumsteht. Klar kann man sich da auch rein setzen und schön drauf sein und die Sterne bewundern. Oder halt voll im Arsch sein und Stöhnen. Seine total Überdosierung wurde mir dann zu blöd. Ich stellte ihn irgendwann auf die Beine. Machte ihm die Jacke zu. Und brachte ihn irgendwie nach draußen. Wo wir einen netten schwarzen Taxi-Fahrer fanden, der auch solche Ruinen von Menschen nach hause fährt.

Die Tage danach waren sehr schön in Berlin. Der erste Tag. War von unermesslichem Grauen durchzogen. Nicht weil es so „unglaublich heftig war“. Ne. Es war eher unglaublich langweilig. Denn so ein Verhalten ist bei weitem nicht abendfüllend.

Wenn euch mein Beitrag zur „Wilden Renate“ gefallen hat, empfehle ich euch meinen Roman „Verlorene Jungs“. In dem erzähle ich am Beispiel eines verrückt/normalen Wochenendes von meinem durchgeknallten Techno- und Drogenleben. Klickt entweder hier bei Amazon oder hier Bookrix rein, von wo aus ihr auf weitere eBook-Shops Zugriff bekommt.

Viel Spaß damit!

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