Absolution – 21 – Die Anarchie in Gedanken

8.

Als Paul am nächsten Tag in seinen von Schweiß durchnässten Bettlaken erwachte, stand diese eine Frage vor ihm, total wie der brennende Busch aus der Bibel, imposant wie dieser Monolith aus „2001“: „Warum hast du sie nicht vergewaltigt?“ Paul. Fragte sich selbst nicht wie und wann er eingeschlafen war. Genauso wenig wie er wissen wollte, wann er den PC ausgeschaltet hatte und in sein Bett ging. Diese banale Vergangenheit voller Ursachen und Wirkungen war ihm unwichtig. Obwohl er sich normalerweise in diesen Nächten an das huschige Prozedere des Ortswechsels wenigstens schemenhaft erinnern konnte… Im gewohnten Regelfall war die größte Verwunderung nach dem Erwachen, dass er überhaupt eingeschlafen war. Denn die wichtigste und schlimmste Nebenwirkung seiner Lieblingsdroge war die ewige Schlaflosigkeit. Wie viele Tage hatte er in seinem Leben damit verbracht, sich selbst in den Schlaf zu treiben? Es müssen Wochen echter Lebenszeit gewesen sein, in denen er versucht hatte sich und die Droge zu überlisten, bis er langsam zu fallen begann und sein Bewusstsein endlich verstummte. Gestern. Vorhin. War er einfach so eingeschlafen. Und das nicht einmal durch den erlösenden sexuellen Höhepunkt, der als einziger die Fähigkeit besaß seine inneren Lichter wie ein Magier auszuknipsen. Es war „einfach so“ passiert.

Paul wendete sein feuchtes Kissen, das sich unter dem Bettbezug durch seine nächtlichen Aktionen schon längst karamellgelb verfärbt hatte, und starrte in die von seinem Kopf aufgewühlte Dunkelheit seines Schlafzimmers. „Wieso habe ich sie mir nicht… GENOMMEN?“ Hätte er es getan, wäre es kein Verbrechen gewesen. Nur eine Phantasie. Nichts weiter. Und an Phantasien war nichts Schlechtes. Die Gedanken sind frei. Ebenso, wie die Geilheit. Es wäre weiß Gott nicht das erste Mal gewesen, dass er sich eine Frau in seinen Träumen NAHM. Und in diesem Träumen hatte es ihnen später immer gefallen. Mehr oder weniger. Dafür hat man ja auch Phantasien. Um das ausleben zu können, was einem die Wirklichkeit nicht nur verwehrt; da es in Wirklichkeit nicht nur moralisch falsch, sondern gar ein Verbrechen ist. Paul war nie ein  Verbrecher. Nur ein Süchtiger. Was zählt schon ein Verbrechen in Gedanken, dass man nie ausführt? Von dem man sich nicht einmal träumen lassen würde, es in die tatsächliche Tat umzusetzen? Genau. Gar nichts. Natürlich durfte man nie mit irgendjemanden darüber sprechen. Nein. Das durfte man nicht. Man konnte ja auch zu niemand sagen, dass man manchmal gerne seinen Chef oder seine Frau töten könnte. Das sind nur Emotionen. Neandertaler-Regungen. Die nichts mit der zivilisierten Welt, die wir kennen, lieben und achten, zu tun hat. In unseren gesellschaftlichen Umgängen miteinander sind wir an das Gesetzbuch gebunden. An Konventionen. Die das Zusammenleben ermöglichen. Diese Errungenschaft macht uns zu gleichen Teilen frei, als auch unfrei. Sie schützt uns vor Übergriffen und verschiebt die Freiheit der Anarchie in unsere Träume. Und warum zum Himmel besaß er dann in seinem Traum von gestern Abend nicht die Wut sich diese Frau zu nehmen? Er hatte getötet für sie. Sein bester Freund war dafür gestorben. Sie war der Preis dafür. Sie war der Mittelpunkt des Schwarzen Loches seiner Phantasien. Sie war die Singularität, um die sich all seine sexuellen Wünsche drehten. Wer war sie? Und wie konnte sie sich seiner mentalen Gier entwinden?

Wäre sein Traum wie ein Konzert seiner Lieblingsband von dem er phantasierte, dann hatte er sich vorgestellt wie es ist am Morgen aufzuwachen, in die Arbeit zu gehen, dort alle möglichen Dingen zu tun erledigen, um sich danach  weiterhin vorzustellen wie es ist danach nachhause zu kommen, zu duschen, in sein Auto zu steigen, zu parken, vor dem Konzert Freunde zu treffen, sich anzustellen, Bier zu holen, um dann Schlussendlich das Konzert gar nicht zu besuchen. Die ganze Vorstellung machte keinen Sinn. Wie ein Flugzeug das nicht fliegen kann. Wie ein Fußballspiel ohne Ball. Das war im Prinzip nicht dramatisch. Nur unlogisch. Und Paul schob es auf die Drogen, die ihn wohl verwirrt hatten. Vielleicht war er auch zu lange wach geblieben. Da kann so etwas schon einmal passieren. Auch. Wenn es noch nie passiert war… Irgendetwas Unbekanntes schien in ihm zu sein. Etwas. Was ihm im Weg stand. Dass er nicht erklären konnte… Eine unbekannte Kraft hatte ihn von seinem imaginierten Lustgewinn abgehalten.

Paul zuckte in seinem Bett liegend mit seinen Schultern. Auf Drogen kann man halt auch sehr gut perplex sein.

Fünfundzwanzig Minuten später schellte sein Wecker. Kurzzeitig hatte er noch versucht an Katha zu denken. Doch in seinem Kopf hatte sich nur immer wieder das Bild der Pornodarstellerin „Lexi Belle“ geschlichen, als sie noch jung war. Die auf eine weltfremde Art Katha ähnlich sah. Paul konnte sich nicht mehr auf „die Echte“ konzentrieren. Aber das war jetzt auch schon egal.

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Kokain beendet zuverlässig jeden LSD-Trip

1: Du magst echt keinen der Marvel Filme? Da gibt´s aber echt Qualitätsunterschiede.

2: Am Anfang fand ich das auch ganz nett. Aber es ist halt Unterhaltung für Teenager.

1: Hm. Na ja. Ich fühl mich mit 44 auch durchaus noch angesprochen.

Was will man darauf antworten? Bei solchen Themen nagt so viel an mir. Wieso mögen wir es wie Teenager abgespeist und behandelt zu werden? Weshalb werden das „Erwachsenwerden“ und die damit verbundene Zeit so überschätzt? Ich will mich selbst nicht wie einen Teenager behandeln.

Jetzt aber mal langsam Fleming. Gerade du. Der große Manga-Leser und Keine-Kinder-Haber. Der ehemalige Drogen-Typ mit dem Peter-Pan-Roman. Was weißt du schon über das Erwachsen sein? Das ist ein Punkt. Aber ich will mich halt auch nicht füllen als sei ich für dumm verkauft worden. Und Marvel-Filme sind für mich genau das. Das sind nur Achterbahnfahrten. Zirkus-Attraktionen. Kleinste gemeinsame Nenner. Bei denen jeder ohne große Mühe „mit kann“. Waren die nicht immer das Schlimmste gewesen? Diese Dinge, auf die sich alle einigen konnten? Das ist wie „Deichkind“. „Die Ärzte“. Oder „Herr der Ringe“. Niederste Instinkte werden befriedigt. Banalste Triebabfuhr. Degeneration der Ansprüche. Von 9 bis 99. Die nie versiegende Lust auf Nutella auf dem Brot…

Irgendwo habe ich in den letzten Wochen einen Text darüber gelesen, dass es ein Irrtum sei dass es Routine geworden ist das jede Generation von Jugendlichen gegen ihre Eltern rebelliert. Die einzig wirkliche Generation der Revolution war die der 68ger gegen ihre Eltern. Das muss man ihnen zugestehen. Auch wenn diese Revolution grandios scheiterte. Was danach kam waren nur kleine rebellische Phase: Punk. Metal. Techno. Das waren nur Pop-Zitate des Urgedankens. Und wenn der Jugendliche dann doch nicht mit dem Leben klar kam, hat man lieber schnell Mama und Papa um Rat gefragt, was man am besten tun soll um diese und jene Situation zu meistern. Die Eltern als Vermögensberater der eigenen Möglichkeiten. Nur die Träume werden immer weiter geträumt. Der Traum von der ewigen Jugend. Den Papa, Mama und Tochter/Sohn kollektiv und Händchenhaltend bis an ihr Lebensende träumen und glorifizieren: Ja, wir sind die Macht, wir sind die Jugend… Wir sind das Beste aus beiden Welten: Jung und alt in einem Körper vereint…

Und glauben weiter an die Supermänner. Und glauben dass es schon eine Form von Fortschritt ist, wenn wir nun auch Superfrauen glauben dürfen. Die uns Alle retten… Während die Überbevölkerung und der Klimawindel uns langsam ausrotten. Wie eine Lawine. Die sich verzagt und müßig in Bewegung setzt. Um am Ende alles unter sich zu be….

Letzte Woche war ich bei meinem Freund. Wir nahmen LSD. Lagen total breit auf seinem Kanapee herum und sahen uns Filme an. Irgendwann dachte ich, ich müsse nachhause. Ich begann Cola zu Trinken. Zuckerhaltige Getränke helfen es einem den LSD-Film zu beenden. Der Grund dafür war, dass ich keine Lust darauf hatte alleine daheim verplant in der Gegend herum zu denken. Mein Freund bot mit eine Line Kokain an. „Koks beendet zuverlässig jeden LSD-Trip“, erklärte er mir. Und er hatte Recht. Ich war sofort runter von der psychedelischen Droge. Koks schlägt LSD. Was sagt das über die Hippies aus? Über die Träume? Über Mama. Papa. Über deine Tochter. Über uns?

Absolution – 15 – Frauen sind die besseren Menschen

Paul stieg nur immer weiter in die unerschlossenen Stollen seiner Seele hinab.

Umso öfter er sich Frauen ansah um sich zu erregen, desto mehr er sie ehrfürchtig betrachtete wie Göttinnen, wie Fleisch gewordene Engel, je mehr er sie verehrte, idealisierte, je mehr er sich ihnen, ihren Blicken, ihren Körpern,  hingab und sie durch die Augen der Photographen und Designern wahrnahm, die sie einkleideten, schmückten, verzierten und in ein goldenes Licht setzt, ja, selbst  die kalten mathematische Computer-Technologie wurde eingesetzt um aus den Frauen ein höheres, besseres Wesen zu machen, bei dem es schon reichte, es nur ansehen zu können um in wahnhafte Verzückung zu verfallen. Diese Frauen auf dem Bildschirm, diese Supermodels und die Amateure der Schönheit, welche er niemals traf, niemals im echten Leben sah, verhexten ihn. Sie wiesen ihm seinen Platz zu. Und dieser Platz hieß „Schüchternheit“. Er ergab sich sofort und bei jeder Gelegenheit ihrer Aura, ihrem Bann und wurde dadurch immer mehr und mehr zu ihrem Sklaven… Einem Schoßtier, welches sich für sie auch im Dreck gesuhlt hätte. Mehr noch. Er hätte sich für sie geschlagen um sie vor anderen zu verteidigen, hätte sich ihre Gunst zum Narren gemacht, hätte versucht sie mit Kunst und Scherzen zu beeindrucken, hätte erwägt sie zu beschenken, sie mit Geld zu überhäufen, ihnen Alles zu geben, nur um in ihrer Nähe zu sein. Ihre Abwesenheit hieß ihm, auch in bester Männergesellschaft, Einsamkeit. Oh wie sehr er die Frauen verehrte… Und wenn die Zeitgerade des Entzugs an Zuneigung nur lange genug war, stieg selbst die Abstoßsenste von ihnen zu einer passablen „Möglichkeit“ auf. Er dachte den ganzen Tag und die ganze Nacht an sie: Frauen, Frauen, Frauen… So wahnsinnig machten sie ihn. Und manchmal, wenn er sich mit Eau de Toilette von Yves Saint Laurent einsprühte und die Vouge  durchblätterte, hatte er das Gefühl sich ihnen ein wenig zu näher. Ihnen näher zu sein. Als die ganzen Kerle, mit ihrer plumpen und dummen Art. Wenn er nur ein wenig mehr wie SIE sein könnte, würde er vielleicht auch ein besserer Mensch sein. Könnte Zugang zu ihrer Welt bekommen… Könnte ihr Freund werden. In ihrer Nähe sein. Sie ewig anbeten. Leben. In ihrem Licht der Grazie.

 

Hin und wieder erwachte er aus seinen Träumen und fragte sich, was wohl mit ihm wäre, wenn er sich nicht die ganze Zeit über Frauen den Kopf zerbrechen würde? Was denn wäre, wenn er sich lieber Männer ansehen würde? Nicht aus sexuellen Gründen. Sondern wegen einer ganz anderen Form von Idealisierung.

Denn stimmt es denn nicht, dass wir uns zwar männlich fühlen wenn wir hübsche Frauen sehen, doch bei jedem Anblick oder dem Versuch dem Objekt unserer Begierde nahe zu sein nicht immer so werden, wie das Objekt unserer Anbetung? Warum hatte er keine Männlichen Vorbilder? Und warum… Hat kein Mann mehr ein wirkliches Vorbild? Wo ist der Hemmingway der Gegenwart den man wegen seiner ungeschliffenen Männlichkeit verehren könnte? Wer ist denn noch ein „richtiger Kerl“, im positiven Sinn? Wo ist der Mann, der sich über Männlichkeit definiert, die sich wiederrum NICHT über den sexuellen Akt und dessen Häufigkeit berechnet? Denn was sind sexuell erfolgreiche Männer, wenn sie immer mehr aussehen wie aufgedonnerte Transvestiten? Und was symbolisieren die stärksten Muskel-Ottos, wenn sie keine Bildung besitzen? Nein. Ja. Er verehrte Frauen, die mehr darstellten als nur ein hübsches Gesicht und ein toller Körper. Er betete sie als Gesamtkunstwerk an. Nicht weil sie Schminktrullas waren, die einfach nur gutaussahen und die einen abstoßen, sobald sie den Mund öffnen…

Werde ich also weiblicher weil ich Frauen idealisiere?

Kann ich deswegen keine Helden nennen?

In einer Welt der Bilder verehren wird das, was uns überall vorgespielt wird, etwas, dass wir Sehen, etwas, dass wir kaufen können. Doch Tiefe und Menschlichkeit kann man uns nicht mit einem Bild vorspielen. Höchstens vorgaukeln. Ein Bild ist nicht genug. Ein Film nur eine Episode. Und auch ein Text zu wenig. Er musste seine Träume ordnen. Um Helden zu finden und Göttinnen zu schaffen.

 

Die Drogensucht meiner Freunde

Wer selbst über ein Jahrzehnt an Jahren Drogensüchtig war, sollte sich darüber eigentlich gar nicht aufregen. Von außen betrachtet. Von innen gesehen sieht die Sache meistens anders aus. Denn auch bei der Sucht gibt es solche und solche Kameraden. Ich bin wütend und enttäuscht darüber, dass meine Drogensüchtigen Freunde sich wie Drogensüchtige verhalten. Klingt doof. Ich weiß. Trotzdem habe ich das Spielchen selbst viele Jahre mitgemacht und weiß daher, dass „Drogensucht“ erst ab einem gewissen Punkt ein Totschlagargument ist. Zuvor kann man sich auch in der Krankheit (denn das ist es) entscheiden was für eine Art von Kranker man ist. Ob man ein guter Kerl ist, ob man sich bemüht, ob man nachsichtig ist. Oder einfach nur ein egoistischer Arsch.

Bei Drogensüchtigen wird immer und gern schnell gesagt: „Der ist halt so.“ Oder „das ist halt so“. Finde ich aber nicht. Man muss und sollte nicht den ganzen Tag mit Junkies Rücksicht halten. Sie machen es ja auch nicht. Schließlich bin ich mit einem Freund befreundet. Nicht mit seiner Drogensucht. Für mich sind diese Leute (überlege… Finger an die Lippen) keine Behinderten. Man kann von ihnen soziales Verhalten in einem gewissen Rahmen erwarten. Denn sie wissen was richtig und was falsch ist. Und sie wissen auch, dass man sich um gewisse Dinge kümmern muss. Denn selbst wenn man drauf ist, kann man Entscheidungen treffen. Ich wiederhole mich jetzt noch mal und sage: „Ja, ja. Ich weiß wie das ist wenn man denkt der Zug ist für einen abgefahren und es ist eh alles schon scheißegal.“ Ich mache niemanden Vorwürfe dafür, eine Weile lang im Arsch zu sein. Aber ich habe mich dann auch nicht darüber beschwert, dass mein Umfeld entsprechend reagiert. Mir war immer klar, dass die Menschen Interesse an mir hatten, nicht an meiner Drogensucht. Außer bei den Leuten die das am besten auszunutzen wussten. Die berühmten falschen Freunde. Und wenn jemand lieber mit Ja-Sagern herumhängen will, die nur die Brocken wollen die von seinem Tisch herabfallen: Bitteschön. Ich bin das definitiv nicht. Und natürlich musste auch ich meine Lektionen lernen.

Es ist schwierig keine Drogen mehr zu nehmen und mit Drogenleuten abzuhängen. Man ist ja nicht mehr der, der man einmal war – während man genau der ist, der man immer gewesen ist. Das ist anstrengend für beide Seiten. Ich verstehe das. Doch wenn man schon vorher Freund miteinander war, vor all den Abstürzen und den Ultrabrutalen und Ultraglücklichen Momenten miteinander, dann muss da doch was da sein, worauf man zurück greifen kann.

Ich bin seit Wochen, seit Monaten sauer auf einen Freund, der mich an seinem Geburtstag versetzt hat. Der war an einem Montag und sie haben Sonntagnacht scheinbar wie wild hinein gefeiert. Das wäre jetzt gar nicht so dramatisch. Davon abgesehen dass ich am Sonntag mehrmals angerufen habe und Gespräche mit ihm und seiner Frau geführt habe, dass er mit mir am folgenden Tag in die Therme fahren und chillen. Ich wollte fahren und zahlen. Hatten ja Beide Urlaub. Und das Ende vom Lied war dass ich mittags im strömenden Regen vor seiner Scheißdreckshaustüre stand und keiner die Tür öffnete oder ans Handy ging. Da war ich selbstverständlich sauer. Das war aber noch nicht der Punkt der das berühmte Fass zum Überlaufen brachte. Der war erst erreicht als einer seiner Kollegen hinten am Geschäft vorbei lief und ich ihn fragte, ob er etwas wisse. Und der sah mich an als wäre ich ein Vollidiot und meinte lachend zu seinem Kumpel der daneben stand: „Ist halt gestern sehr spät geworden.“ Und dieser Moment war es, bei dem es vorbei war. Denn der Idiot in diesem Augenblick war ich. Ich, der gutgläubige naive dumme Freund, der so blöd war zu glauben, dass auf den anderen coolen Junkie Verlass sein könnte: Wie blöd bist du eigentlich? Ist doch normal dass dein Freund im Arsch ist. So als wäre mein Freund ein verdammter Behinderter von dem man nichts erwarten darf. Nur ein Trottel würde das. Und da war es dann halt vorbei mit dem Verständnis. Aber es tut mir leid, ich bin halt nicht der Typ der seine Leute einfach so abschreibt und sagt: „Der ist halt so.“ Denn Menschen sind mehr als ihre Drogensucht. Ich glaube an sie. So wie Menschen auch einmal an mich geglaubt haben. Krank kann jeder werde. Und ja. An manchen Krankheiten hat man  selbst schuld. Dann sollte man aber auch die Größe haben sich dafür zu entschuldigen, und den Willen, es wieder geradebiegen zu wollen.

Absolution – 14 – Erfundene Erinnerungen

5.

Ein paar Stunden später saß er wieder mit brennenden Augen vor seinem Bildschirm.

Paul dachte an die Frauen die er gehabt hatte. Meistens an jene Zeit, als er noch ein Jugendlicher war und die Frauen Mädchen. An die Unschuld ihrer Berührungen. Dem schamvollen Ertasten. Dem Erforschen der eigenen Lust. Wie weit man zu gehen bereit war.

Er rief sich die Szenen nicht nur ins Gedächtnis, er erlebte sie noch einmal neu. Jedes Detail. Sogar jedes Atemgeräusch, jeder Blick… Jeden einzelnen Sieg, den er auf dem liebevollen Schlachtfeld der Sexualität  gewonnen hatte. Wie ein Geistkörper fuhr er zurück durch die Zeit, schlich unbemerkt in seinen jungen Körper, und schmeckte und erlebte die Mädchen und Frauen immer wieder neu. Und oh Wunder: Je häufiger er mit den Drogen durch die Zeit zurückreiste, desto mehr Details entdeckte er. Manchmal sogar ganz neue Situationen oder andere Tatsachen, als er sich noch vor einiger Zeit daran erinnern konnte. Das ging so weit, bis er irgendwann, verschwitzt, mit blutig geschürften Penis, in seinem nassgeschwitzten Bett lag, und sich fragte, was war denn nun wirklich passiert? Hatte die Droge ihm geholfen sich besser zu erinnern? Oder war der Drogenrausch nur eine zweite, bessere Wirklichkeit gewesen, die er sich ausgedacht hatte?

 

Er wusste. Wir erinnern uns in Wahrheit nicht so sehr an Erinnerungen. Erinnerungen erinnern sich an Erinnerungen; wir erinnern uns an eine Vision der Vergangenheit, die wir uns – jedes Mal wenn wir allzu fest daran glauben – ein wenig anders zu recht legen. Drogen sind nicht besonders gut um Wahrheit zu erforschen. Und doch… Vielleicht war es doch so gewesen, wie er es sich apathisch im Drogenrausch vorgestellt hatte. Sicherlich hatte er doch was mit dem Mädchen A gehabt – er hatte es nur vergessen gehabt…

Am nächsten Tag glaubte er sich wieder erinnern zu können. Ja. Nein. Das hatte er sich in seiner Drogengeilheit nur ausgedacht… Doch ein kleiner Makel blieb auf seinem Herzen zurück. Es hatte sich doch so real angefühlt. BESSER als die Realität. Und als er sich auf dem Wochenende darauf, und auf dem darauf folgenden wieder in diese Scheinwelt seiner Vergangenheit  begab, als die Szenarien immer bildlicher, größer und wahrhaftiger geworden waren, wurde er sich sicher, dass es so geschehen war wie er sich JETZT daran erinnerte. Sein Verstand musste ihn bisher belogen haben…

Er konditionierte sich und seine Erinnerungen neu – und merkte es nicht einmal. Auch. Wenn er immer mehr von sich selbst, von seiner eigenen Vergangenheit in Frage stellte. Da er mit niemanden darüber sprach, spielte es keine Rolle was er über seinen One-Night-Stand mit dem Mädchen XY dachte zu wissen. Doch langsam. Nach und nach. Hatte er das Gefühl, sich selbst nicht mehr trauen zu können. Was war denn nun wahr? Und was hatte er sich ausgedacht? Spielte das überhaupt eine Rolle? Die Grenzen. Die Verfugungen zwischen Traum und Wirklichkeit lösten sich nach und nach auf. Was keine große Reaktion in Paul auslöste. Ihm war es egal was wahr war und was nicht. Hauptsache er konnte es wieder und wieder durchleben. Seine Realität war wie eine Menge Filmmaterial. Filmmaterial und Nachdrehs, welches er erst im Schnitt zu einem fertigen Film zusammenfügte. Bis er am Ende nicht mehr wusste, wie die Original-Version ausgesehen hatte. War das denn so wichtig? Hatte das irgendeine Auswirkung auf sein Leben wenn er glaubte mit der oder der intim gewesen zu sein? War er das Produkt seiner Vergangenheit? Oder das Produkt seiner Einbildungen? Oder war er Beides? Es war doch egal ob Katha und er vor einem Jahr aneinander herumgefummelt hatten. Oder er Sarah schon einmal geküsst hatte. Ob Judith ihm damals einen geblasen hatte. Oder ob all das nur in seinem Kopf geschah. Er war er. Und die Frauen waren die Frauen. Und die Droge war die Droge. Er könnte ewig so weiter machen und dabei glücklich sein. Was war falsch daran?

 

Absolution – 12 – Sarah und Fettsack?

Als er ein paar Stunden später Sarah im Bosporus antraf,  überraschte es Paul. Obwohl Sarah und Fettsack gute Freunde von Paul waren, hatten sie kaum eine Beziehung zueinander. Sie waren Freunde von Freunden. Und nun saß sie doch hier am Tresen und quatsche mit Pauls altem Freund. Sie. War wunderschön wie immer. Er. War bekifft wie immer. Bei Leuten wie dem Fettsack muss das nicht gleich bedeuten dass er platt und unbeweglich von der Droge war. Oft blühte er durch sie erst auf. Paul gab draußen im Sommer-Licht André die Freundschaftshand. Und drinnen ging ein großes „Hey!“ durch die Runde, als er die ehemalige Dönerbude betrat. Stevo, der hier irgendwie als Resident-DJ  durchging, mixte mit seinem Abelton gerade ein paar feine House-Tunes zusammen; ihm gab Paul gewohnheitsmäßig zuerst die Hand. Nicht dem Hausherren. Dieses „Ich-begrüße-erst-einmal-den-DJ“ war ein Running-Gag der sich verselbstständig hatte. Dann wurde der Fettsack ge-high-fivet. Zuletzt und doch als erstes umarmte er Sarah. Sarah die so roch wie Frauen riechen müssen.

„Du? Hier?“ Lachte Paul. Er klang ein wenig überraschter und verunsicherter als er auftreten wollte. Einerseits war es so, dass es nicht das erste Mal gewesen wäre, dass sich plötzlich die Freunde von Fleming untereinander besser verstanden als sie sich mit ihm – und er aufs Abstellgleis geschoben wurde. Andererseits war Sarah, Sarah. Und auch wenn sie nur Freunde waren, gönnte ein Mann nicht sofort einem anderen Mann ein tieferes Verhältnis zu einer scharfen Frau, als man es selbst zu ihr pflegte.  Besonders. Wenn der Freund ein anderes Moralverständnis als man selbst an den Tag legt. Sarah wischte die Frage mit einem Lächeln fort. Diesem endgültigen, Herzerwärmenden Lächeln, mit dem sie schon einige Fragen zu neugieriger Männer totbeglückte. Wieder eine dieser Fähigkeiten, zu der man sein musste wie Sarah. Der Fettsack grinste nur sein sympathische Gewinnergrinsen. Bestellte mit der gleichen Gestik für sich einen „Shirley Temple“ und für den von ihm so gerufenen „Fleming“ einen Whiskey Cola. Wie zu erwarten half der Whiskey Paul zu entspannen. Der Tag war so schon nervig genug gewesen. Das Glas zügig geleert.

Ein paar Gläser später, wie das Lachen der Freunde immer lauter wurde, die Musik noch housiger und aufgewühlter, ließ Paul Gedankenverloren die Kühlsteine in seinem Glas herum wirbeln. Er blickte scheinbar nach draußen. In das dunkle Nichts der Kleinstadt-Straßen. Sah aber in Wirklichkeit das Spiegelbild von Sarah in der daneben stehenden Fensterwand an. Wie sie da so saß. Einfach so da saß. Und mit ihrer Schönheit den Mittelpunkt des hier veranstalteten Gemäldes ausfüllte. Sie war. Wie ein Schwarzes Loch. Dass den Raum krümmte. So dass alle Männer und Frauen mehr oder weniger verstohlen ihr Augenpaar auf sie richtet mussten. Manchmal nur kurz und diebisch (Paul). Oder lange und wohlwollend (Fettsack). Es war ein Physikalisches Gesetz der Anziehung. Und sie war der Mittelpunkt des Trichters in dem sie versinken wollten. Es war fast schon lächerlich. Wie sehr die Männer sie wie prähistorische Wilde angeiferten. Und die Höhlenfrauen neidisch die Augen beim Blick auf sie verdrehten.

Nebenher erzählt Stevo ihnen eine Geschichte:

„Ja die verdammte Arbeit…  Hab ich dir die Geschichte erzählt wie sie mich aus der letzten raus gemobbt haben?“ Die Frage war eindeutig an Sarah gerichtet – wir Jungs kennen die Geschichte schon.

Fettsack zu Sarah: „Hör zu. Die ist witzig.“

 

Stevo: „Also ich komme in die Arbeit, weiß gar nicht, war Dienstag oder Mittwoch und ich war noch eeecht gut dabei, n bisschen verplant, ein wenig dehydriert, was blöd war, weil, ich hab doch damals in dem Metallverarbeitungsbetrieb gearbeitet, weil, da hat mich das Arbeitsamt hingeschickt und da war es heißt und laut. So richtig heiß und laut.“
Sarah: „Mhm.“

„Okay, okay. Da gings dann halt um Metall und so´n Kram. Legierungen oder was weiß ich.. Und die meinten zu mir: Hey, so wie du aussiehst dachten wir nicht wie gut du arbeiten kannst – bist aber voll in Ordnung. Dann kam halt der eine Tag. Ich also total verplant mit Gehörschutz, im Lärm, IN der Halle und dann kommt der Meister auf mich zu, eigentlich ein netter Kerl, so Mitte 40, dünn, weder abgerissen noch zu schnicke, hm… ich DACHTE das wäre ein netter Kerl, vorher , auf jeden Fall kommt der zu mir her und fragt so los: „Hast du die Drogen schon genommen?“
Und ich so, total verballert und verdreht und total dehydriert weil mir das Bier in der Nacht ausgegangen ist, ich also lasse mir überhaupt gar nichts anmerken, so ne Mischung aus Dummstellen und Pokerface: „Hä?“ Weil, war  ja laut. Ich also so: „Hä?“

Und er so: „Was?“

Und ich noch mal: „Hä?“

Und er: „Wie? Hast du die Drogen schon genommen? Oder soll ich die nehmen?“

Und ich so: „Hm. Ja ne. Ich kann die schon nehmen.“ Weil wenn der schon was hat, dachte ich. Man will ja nicht unhöflich sein.

„Ja dann nimm du die mal“, sagt der, geht aber weg ohne mir was zu geben. Ich hab dann da so weitergewurschtelt an der Maschine, schon am Überlegen was das denn jetzt war, und so ne viertel Stunde später oder was weiß ich, kam der wieder daher und fragt, ob ich die Drogen endlich genommen habe… Weil die im Labor schon darauf warten würden. Und ich werde natürlich langsam sauer, brülle ihn an was für DROGEN er denn meinen würde?! Was soll denn der Scheiß?! Das würde ihn doch überhaupt gar nichts angehen! Das ist doch wohl meine Sache! Und jetzt war der total verwirrt und fragte MICH ob bei mir alles okay ist… Ich dann so: „Ja… Klar.“ Und er dann so: „Okay. Siehst n bisschen verrückt aus und verhältst dich komisch…“ Er würde es dann halt selbst machen. Und ich gucke dem so nach wie er zur Maschine geht, Handschuhe anzieht und dann ein paar Teile mitnimmt, und dann checke ich es erst: ACH DU SCHEIßE! Der meinte gar nicht DROGEN! Der meinte Proben! Ob ich die Proben schon genommen habe! Fürs Labor! Weil die da irgendwas stündlich überprüfen mussten“…

Sarah: „Oh nein…“ Sie hielt sich beim Lachen die Hand vor dem Mund. Total süße Geste. Als würde sie ihre perfekten Zähne verbergen müssen…

Fettsack und Paul lachten dreckig. Was Stevo nur sauer macht: „Ja man kann sich doch auch mal verhören! Ihr Arschlöcher! Und… Na ja… Wenig später haben sie mich dann raus gemobbt, weil sie´s dann gecheckt haben. Die Schweine…“

Sarah mitfühlend: „Dumm gelaufen.“ Sie legt zu dem Kommentar tröstend kurz ihre Hand auf die von Stevo. Was ihn aufblühen und erröten ließ: „Aber meine Arbeit habe ich trotzdem gut gemacht, ist doch egal ob ich dicht bin oder kaputt aussehe…“

 

 

 

 

Absolution – 11- Auch Junkies haben Familie

Paul mochte seine Familie. Selbst wenn er nicht wusste ob das Wort „Liebe“ für die Beziehung zutreffend war. Sie waren vertraute Fremde. Gute alte Freunde. Ehemalige WG-Partner, denen man keine Wünsche abschlägt. Auf deren Nöte man hört und reagiert. Aber Liebe? Das große Drama darüber, das Pauls Mutter die Familie verlassen hatte, zerstörte die Familie und schweißte sie zu gleichen Teilen auch nur fester zusammen. In ein merkwürdiges Gebilde von Einzelgängern, die sich alle paar Monate um einen Restaurant-Tisch versammelten und so taten, als wüssten sie private Dinge übereinander. So wie es in einer Kleinstadt der Fall sein sollte.

Eine Kleinstadt war auch nicht anders als eine Großstadt. Für einige Dinge gab es andere Worte, wenn auch für einzelne Ausdrücke kein Synonym, die Tatsache bieben jedoch dieselben: Menschen leben zusammen und jede Menschengruppe erfüllt ein gewisses Klischee. Was in der Stadt der „Nerd“ war, ist auf dem Land der „Klugscheißer“ oder „Besserwisser“ (oder banaler ausgedrückt: „Der ist komisch“), „Proleten“ wurden in der Kleinstadt/Dorf „Bauern“ genannt, usw. usf.

Ebenso wie man in der Stadt nur in gewissen Situationen mit „Nerds“ und „Proleten“ zu tun haben musste, musste man sich auf dem Land nicht den ganzen Tag mit „Bauern“ auseinandersetzen. Jeder ging seiner Wege.  Baute sich seinen eigenen Mikrokosmos aus Beziehungen auf. Außer. Außer deine Schwester war mit so einem „Bauern“ zusammen und drückte dir diese Weltsicht damit bei jeder Familienfeier auf die Augen. So wie es bei Paul der Fall war.

Hans war kein Landwirt und doch würde ihn jeder als einen „Bauern“ bezeichnen. Es war nicht das was er beruflich machte und es ging auch nicht darum, dass er wirklich des Öfteren  einen Traktor fuhr. Es ging um eine gewisse Geisteshaltung. Paul mochte das Wort „konservativ“ nicht mehr, denn es stand für alles und ebenso für nichts. Doch durch seine bloße Verwendung entstand ein gewisses Bild in den Köpfen der Leute, gerade wenn man über Landmenschen sprach. Dabei konnte ein Intellektueller ebenso konservativ sein wie ein Dosenbierstechender Fußball-Hooligan. Hans war in dem Bezug konservativ, dass er ein klares, sexistisches Frauen- und Familienbild vertrat und typisch bayrisch dachte, dass am eigenen Wesen die Welt genesen sollte; wenn doch nur jeder so wäre wie er. Kein Wunder dass Paul ihn verabscheute. Und es war ebenso kein Wunder, dass Hans Paul für eine Schwuchtel hielt.

„Liberal“ und „Liberace“ hatten für Hans den gleichen Wortstamm.

 

Bei jedem Familientreffen blitze und krachte es zwischen den Beiden, ohne dass sie die Worte und erst recht nicht die Stimme gegeneinander erhoben. Es war ein eindeutiges Nebeneinanderher-Reden. Ohne Anbiedern. Manchmal. An Pauls guten Tagen.

An den schlechten, wenn Paul die ganze Nacht auf seinem Drogen-Film durch onaniert hatte, hielt er einfach seinen Mund und ließ den Macho gewähren – und somit gewinnen. Es war schon schwer genug für Paul überhaupt die Augen aufzuhalten und nicht in perverser Absicht auf die noch nicht ausgereiften, immensen Möpse seiner 16 Jährigen Nichte zu glotzen (was er zwar nicht wollte, denn er fand sie – da ganz gesund im Geiste – überhaupt nicht anziehend, schließlich war sie seine Nichte verdammt noch mal, leider aber konnte er die Blicke auch nicht unterdrücken). Da brauchte er sich nicht auch noch mit dem Hinterwäldler auseinandersetzen, der glaubte dass alle nach seiner Pfeife tanzen müssten.

 

Auch dieses Mal hangelte sich das Kuchenverdauende, stockende Gespräch in der Familie, bestehend aus Pauls Vater, dessen neuer Frau, der erwähnte und beschriebene Hans, die Schwester Pauls und ihre Tochter, Pauls Nichte, welche überhaupt nichts zu keinem Thema sagte, von Thema zu Thema, bis man, über die verschlungenen und kuriosen Wege Zeitlöcher der Stille mit Sprache zu stopfen, zum Thema „Bundeswehr“ gekommen war. Paul war ja damals noch dort gewesen. Hatte seinem Land „gedient“, wofür Hans nur ein verächtliches Schnauben übrig hatte. Auch der Vater war nicht dort gewesen, fügte aber gleich hinzu dass er damit alles richtig gemacht hätte, Paul mit harter Hand dorthin zu leiten, da der sonst ja nichts auf die Reihe bekam. Darüber. War Paul. Verwundert. Wie der Vater ihm so in den Rücken fallen konnte. Gerade vor der ganzen Familie. Und vor Hans; idiotischer weise schien Paul doch vor Hans gut dastehen zu wollen. Manchmal will man die am Stärksten beeindrucken, die man am Meisten verabscheut.

 

Sie wäre ja gerne Polizistin geworden, erklärte Pauls Schwester, doch MUTTER hatte sie überredet erst eine vernünftige Ausbildung zu machen, deshalb war sie Arzthelferin in einer kleinen Praxis geworden. Nebenher hatte sie alle Prüfungen und Bescheinigungen  erledigt, um zur Polizei zu gehen, es fehlte nur noch die Sportprüfung, die an drei verschiedenen Tagen abgenommen werden musste. Und weil sie keine Möglichkeit sah frei zu bekommen und sie auch nicht ihrem Chef sagen konnte, weshalb sie freihaben wollte (da sie die Angst umtrieb, wenn sie bei der Prüfung versagen würde, würde ihr Arzt sie auch nicht mehr übernehmen, da er nun wusste, dass sie eigentlich weg wollte), ging sie nicht hin und vertat somit ihre Chance Polizistin zu werden. Ihren großen Lebenstraum.

Wie blöd man nur sein kann, war Hansens Kommentar. „Da hätte ich doch einfach KRANK gemacht!“

„Ich habe NIE krank gemacht! Ich arbeite seit 25 Jahren und war NIE krank!“

„Typisch Frau. Das ist doch bescheuert! Sich so eine Chance entgegen zu lassen! Typisch hysterisches Huhn!“

„Das verstehe ich jetzt aber auch nicht“, schlug Pauls und ihr Vater in die gleiche Kerbe, „Du warst doch früher beim Sport bei mir! Ich kannte doch die Polizisten hier in der Gegend! Ich hätte dir doch eine Bescheinigung ausschreiben lassen können! Hättest du doch was gesagt!“

„Ich war damals 20. Sport habe ich bei dir bis 14 gemacht – was hätte das BRINGEN sollen!“

Hans, ganz besoffen an sich selbst, auch wenn er nur Kaffee trank: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Da sieht mal deine Tochter was passiert, wenn man nichts wagt!“

„Da verstehe ich dich wirklich nicht“, blaffte der Vater noch hinterher. „Da hätte ich doch eine Lösung für dich gefunden.“

„Das war beim Bundesgrenzschutz in Kaufbeuren! Das ist hundert Kilometer entfernt! Als wären sie zu dir in die Sportschule gekommen!“

„Ja der Ronnie…“

„Ach hör mir auf mit dem Ronnie… Und dann habe ich ja SIE bekommen und dann war es eh vorbei mit meinem Traum…“

Und Paul saß einfach nur besiegt da und konnte nicht fassen wie man auf einem aufgegebenen Lebenstraum so herum trampeln konnte, sagte aber nichts. Auch weil er irritiert war, wie seine Schwester noch ihrer Tochter eine verbale Ohrfeige mitgab, nur um den Druck von sich selbst zu nehmen. Wer wusste schon, wie oft das geschah… Paul verstand zu keinem Moment, warum seine Schwester mit so einem Idioten wie Hans zusammen war, der sie nur herunterputzte. Und er verstand auch nicht, wie sein Vater sich so aufspielen konnte, nachdem er die Kindheit Pauls und seiner Schwester lieber damit verbrachte in Gläser, als in die Wünschen und Bedürfnisse seiner Kinder zu schauen. Er war doch nie dagewesen. Wie konnte er sich jetzt darüber wundern, dass ihn keiner um Hilfe fragen wollte?

Und wie immer. Wollte Paul nur noch heim zu seiner idealen Realität. Zu seinen Vorstellungen von Katha und Sarah. Die er unbedingt auch wieder im echten Leben sehen musste.  Auch seinen Chris und seinen Fettsack vermisste er.