Absolution – 24 – Die Einbrecher

Ganz egal was auch passiert: Das Leben ist kein Film. Paul war wegen diesem unberechenbaren Ereignis nicht „schlagartig nüchtern“. Ganz im Gegenteil. Seine Versuche in diesen besonderen Bereich seiner Traumwelt einzudringen hatten ihn immer mehr und mehr Speed nehmen lassen, so dass er nur ziemlich prall im Sessel hing. Wie der berühmte Boxer in den Seilen. Seine Balkontüre war von einem Rollladen verschlossen, den er zwar bis ganz unten heruntergelassen hatte (um vor neugierigen Blicken aus höheren Wohnungen geschützt zu sein), den er aber nicht komplett geschlossen hatte. Die Lichtritzen des Rollladens waren noch immer geöffnet. Pauls lethargischer nach hinten verdrehter, praller Kopf konnte die Konturen einer Person erkennen, die versuchte zwischen den Ritzen hindurch zu sehen. Das war absurd. Paul befand sich im ersten Stock. Welcher Einbrecher bricht am helllichten Tag im ersten Stock in eine Wohnung an? Und welcher Trottel würde dabei so einen Krach veranstalten? Paul bewegte sich nicht. Er sah weiter auf den Schatten und stellte sich tot wie ein Tier. Das Video in seinem PC war auf „Pause“ gestellt. Wer zu Hölle? War das sein Nachbar?

Sein Nachbar von unten war ein komischer Kerl. Paul konnte die ganze Nacht die Musik anhaben. Er konnte die ganze Nacht schwatzende Leute durch sein Treppenhaus gehen lassen. Er konnte auch tagelang zu lange seine Mülltonne auf der Straße stehen lassen. Alles kein Problem. Das Einzige was Paul für diesen Kerl nicht tun durfte war, sein Auto zu nahe an den Audi des Nachbarn stellen. Die Beiden hatten Stellplätze nebeneinander. Aber trotzdem musste Paul sein Auto mindestens (mindestens!) 30 Zentimeter weiter rechts von der Trennlinie abstellen, sonst gab es Ärger mit dem Nachbarn. Da spielte es auch keine Rolle dass Paul immer sehr vorsichtig aus seinem Auto ausstieg. Oder dass der Nachbar niemals Beifahrer hatte. Nein. Es ging dem Typen einfach nur darum, dass Paul seinem Auto fern blieb. Und Paul tat es. Denn wenn er es nicht tat. Wenn er etwa 15 Zentimeter näher oder gar AUF der Trennlinie parkte, stand mit absoluter Sicherheit ein 50 Jähriger mit Bierbauch und Cappy vor seiner Türe, der – egal um welche Uhrzeit – Paul aus seiner Wohnung klingelte, ihn schließlich dazu drängte, sein Auto „um zu parken“, also es 15 Zentimeter weiter nach rechts zu stellen. Wenn sich Paul somit einen Irren vorstellen könnte, der nachmittags auf seinen Balkon klettern würde, konnte er sich nur seinen Nachbarn vorstellen. Diesen Psychopathen. Der nichts im Leben zu haben schien, außer diesem blöden Auto. Diesen scheiß Audi. Den er auch noch die ganze Zeit mit angeschalteten Nebelleuchten fuhr. So. Als wäre er etwas Besseres. Und Paul war deutsch genug gewesen um nachzusehen, ob man die im NORMALFALL überhaupt anhaben darf, die Nebelleuchten: Es ist nicht erlaubt.

Es pochte noch einmal an der Türe. Der Rolllanden schwang plastisch umher. Nein. Das war nicht sein Nachbar. Paul. Bewegte sich noch immer nicht. Saß still wie eine Eidechse. Er traute sich nicht einmal zu blinzeln. Denn er hatte den zweiten Kerl bemerkt, der versuchte durch das Wohnzimmer-Fenster hinein zu ihm hinein zu sehen. Was zur… War das Wirklichkeit? Geschah das gerade hier tatsächlich? Oder?… War das wieder so eine abgefahrene Phantasie?…

„Hey!“ rief der, der gegen den Rollladen pochte. „Ich kann sie sehen! Kommen sie mal her!“

Drei Dinge fielen Paul schlagartig ein. Erstens: Die wenigsten Einbrecher siezen ihre Opfer. Zweitens hatte ein Gerüst an seiner Hauswand gelehnt, als er von der Arbeit zurück kam. Über dieses waren die Einbrecher auf seine Etage gelangt. Ziemlich clever… Und drittens: Waren das gar keine Einbrecher. „Ich kann sie sehen! Sie sitzen da! Und sind… Kommen sie einfach mal her!“ Denn drittens erinnerte sich Paul daran, dass er vor ein paar Tagen ein Flugblatt in seinem Briefkasten hatte, in dem die Anwohner wegen den Malerarbeiten dazu aufgerufen waren, die Balkone zu räumen. Paul hatte seinen Balkon leer geräumt. Er hatte nur vergessen das Thermometer seines Vormieters aus der Wand zu schreiben.

„Können sie das hier wegmachen? Können wir das wegwerfen?“

Paul stellte sich weiter tot. An der Türe hatten sie nicht geklingelt. Jetzt hieß es zu warten wer früher aufgibt. Die. Oder er. Und egal ob sein Herz bis zu seinem Hals schlug. Ganz gleich ob er total durch war und die Kontrolle über diese Situation verloren hatte. So hatte er doch Zeit. Er würde ganz sicherlich nicht nackt aufstehen, seine Drogen wegräumen, den Porno weg-xen und dann zu den Handwerkern hinaus gehen. Einfach tot stellen. Und dieses peinliche Worst-Case-Szenario überstehen. Wie hätte er auch damit rechnen können, dass diese Typen an einem Freitagnachmittag zu Streichen beginnen würden?

„Vielleicht arbeitet der?“ meinte die zweite, viel jüngere Stimme. Anscheinend der Lehrling.

„Arbeiten. Sehr witzig.“

Die Beiden standen an seinem Balkon und starrten durch die Ritzen auf Paul mit seinem schlappen, heraushängenden Schwanz. Der wiederrum sie anstarrte.

Irgendwann gaben sie auf. Sie lösten sich von dem Balkon und arbeiteten weiter. Paul drehte sich um. Machte den Ton leiser. Nahm wieder seinen Penis in die Hand. Und machte mit seiner Arbeit weiter.

Paul ist zurück im Dorfe der Ma-Fag

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Absolution – 23 – Liebe in Gedanken

„Ach Paul… Seltsam das Vertrauen für manche Menschen oft nur eine Einbahnstraße ist…”

„Wie kommst du denn…“

„Das ist doch wohl offensichtlich Dicker… Rede doch mal mit Katha!“

Paul war müde. Es war ein langer Tag. Eine lange Nacht. Und ein langer Tag. Mit diesem GZSZ-Kram kam er gerade gar nicht klar. Katha mag mich wirklich? Wie könnte man jemanden wie ihn überhaupt mögen? Chris nahm ihn auf den Arm. Warum auch nicht? Der wollte doch nur von der Sarah-Geschichte ablenken.

„Wie auch immer. Was geht zwischen Sarah und deinem Freund Fettsack?“ Paul beantwortete diese Frage mit einer genauso hilflosen Geste wie er sich fühlte. Im Augenblick konnte er weder Informationen verarbeiten, noch austeilen. Paul war unbrauchbar. Außer in seiner Funktion als Zuhörer.

Chris: „Der Fettsack ist ja verheiratet… Kein Plan wie der so drauf ist… Und ehrlich gesagt könnte ich nicht mal sagen wie Sarah so drauf ist…“

„Bei denen läuft bestimmt nichts…“

„Ach Paul. Weißt du was dein Problem ist?“ Chris beantwortete die Frage selbst. „Du bist zwar nicht ganz auf den Kopf gefallen. Bist aber katastrophal naiv was Menschen angeht.“ Pause. „Na ja, dafür mag ich dich ja.“

„Du. Chris. Im Ernst. Ich bin total fertig… Lass uns n andermal drüber reden.“

„Klar.“

Es folgte die typische Menschenunwürdige Szene, in der der Gast auf dem Boden sitzend seine Schuhe anzog. Was wie immer eine Ewigkeit zu lange dauerte. Dann stand der ganze Chris fertig angezogen und ausgerüstet vor seinem Freund. „Ja. Lass uns noch mal darüber reden“, erklärte Chris, „Aber mit dem Fettsack… Da muss eine Lösung her.“

„Findet sich bestimmt. Immer.“

„Ich lass mir schon was einfallen.“

Die Tür klackte hinter Chris in das Schloss und hinterließ Paul in einer stumpfen, ausweglosen Stille.

9.

Paul brachte die Woche hinter sich, wie Millionen anderer Menschen auch. Er war ein Rädchen im Getriebe. Hielt es am Laufen. In der Arbeit zeigte er sich nützlich. Abends fiel er früh und müde ins Bett. Nur um am nächsten Tag weiterhin seinen Dienst an der Gesellschaft leisten zu können. Es war nicht leicht bis unmöglich seine Gedanken zu sammeln. Der Gedanke an Katha und das was Chris gesagt hatte, trieb ihm gleichermaßen Furcht und Schmetterlinge in den Bauch. Die Frau verunsicherte ihn, wie sie ihn beflügelte. Obwohl er gar keine richtige, reale Beziehung mit ihr wollte. Schließlich hatte er in seinen Drogenträumen schon die perfekte Beziehung mit ihr. Die Realität würde Konflikte bereithalten. Da Menschen für ihn wie tektonische Platten waren, die sich aneinander reiben. Um sich am Ende am Anderen vorbei zu schieben.

Paul dachte, dass seine Drogenträume eine besondere Spinnerei seien. Ein abnormes Verhalten, dass nur er kannte. Dabei machen Menschen so etwas jeden Tag. Sie denken sich Beziehungen zu Menschen aus, die sie gar nicht oder kaum kennen. Man kennt sich vom Sehen aus der Straßenbahn, der Schule oder sogar aus einem echten sozialen Biotop, in dem Gespräche geführt werden. Dabei bleibt nur diese Distanz zwischen Menschen vorhanden, die für manche so leicht und für einige doch niemals zu überwinden ist. Natürlich war seine Verhaltensweise ein außergewöhnliches Extrem. Doch sich mit Menschen „etwas vorstellen zu können“, ist das Normalste der Welt. In jeder Freundschaft zwischen Mann und Frau gibt es diesen Punkt, diesen Nerv, der nie berührt und selten besprochen wird, da er das Ende der Freundschaft markieren würde. So eiern Männer und Frauen um diesen G-Punkt herum, währenddessen sie ihr Leben in Gedanken führen. Paul würde die Frage stellen, was falsch daran sei.

Am Ende hatte er es doch geschafft seine Reise in sein Traumland bis auf das Wochenende hinaus zu schieben. Direkt nach der Arbeit bereitete er seine ganz persönliche Tee-Zeremonie vor, die darin bestand die Drogen und seinen Arbeitsplatz vorzubereiten. Lächelnd dachte er beim „Hacken“ an „Total Recall“, wie Arnold Schwarzenegger in die Maschine gespannt wurde, die ihn im Geiste zum Mars brachte. Bis der Zuschauer am Ende des Filmes nicht mehr sicher sein konnte, ob der Protagonist nicht vielleicht wirklich dort gewesen war. Paul startete seinen Rechner. Schaltete sein Handy aus. Atmete sein Traummittel ein.

Am Anfang war er sich nicht sicher, was geschehen würde. Er war sogar ein wenig aufgeregt; anders aufgeregt, als es ihn die Droge von Natur aus sein ließ. Diese Irritation vom letzten Wochenende war über die Tage immer unwichtiger geworden. Andere Probleme hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Arbeitstechnische Probleme. Alltag. Und Katha. Aber die Wachheit ohne Verwirrtheit die er jetzt spürte (die Verwirrtheit würde erst in den nächsten Stunden einsetzen) knüpfte bewusst an das Feeling an, welches er letzte Woche gehabt hatte. Gleich würde die Droge die Alltagsprobleme hinfort spülen, wie ein Wasserschlauch der den achtlos fallengelassenen Unrat von den Plätzen und Trottoirs  der Partyhauptstädte spült. Paul war noch nicht in der „richtigen Stimmung“. Sein Gehirn musste erst die richtigen Impulse ausschütten. Zur Einstimmung sah er sich Pornos aus. Sie blieben seine Eintrittskarte. Auch wenn ihn langsam das Gefühl beschlich, dass da mehr war… Mehr als er sich vielleicht eingestehen konnte.

Er wählte Videos von blonden Frauen, um sich wieder an die Blonde von letzter Woche zu erinnern. An die Frau, für die er getötet hatte. An die Frau, für die sein Freund Paco getötet wurde. Er gab die Namen wie „Sandra Russo“, „Silvia Sainth“ und „Gina Blue“ in das Suchfeld ein. Frauen also, die zwar blond waren, sich aber nicht besonders ähnlich sahen. Die aber dennoch mehr vereinte als die Haarfarbe. Es war die Aura die Paul in ihnen sah. Diesen Touch von Würde und majestätischer Weiblichkeit. Paul hatte keine Ahnung mehr wie die Frau in seinem Traum ausgesehen hatte. Irgendwie war sie eine Mischung aus anbetungswürdigen, weiblichen Attributen. Die Essenz von unterschiedlichen Idealen. Nur leider. Öffnete sein Verstand nicht von sich aus die Pforte in sein Unterbewusstsein. Er kam. Nicht voran.

Mehr Drogen mussten eingeatmet werden. Mehr Zeit musste verstreichen. Selbst wenn es erst Nachmittag war. Pauls Herzschlag hatte es eilig.

Dann polterte es an Pauls Tür.

Vor Schreck hielt Paul die Luft an. Sein Herz blieb stehen. Sein ganzer nackter Körper fror ein. Denn es polterte nicht an Pauls Haustür. Es polterte an seiner Balkontüre. Pauls Wohnung befand sich im ersten Stock. Das. War creepy.

 

 

 

 

Absolution – 22 – Weltreisende Frauen, einsame Männer

Verwirrt. Verworren. Schälte er sich aus seinem eigenen Salzwasser und ging direkt in die Duschkabine. Duschen hilft. Duschen hatte immer geholfen. Ganz anders war es mit dem Blick danach in den Spiegel, der so gut wie nie half. Der im Gegenteil immer sagte: So kannst du nicht in die Arbeit gehen. Jeder kann an deinen wahnsinnigen Augen sehen wie drauf du noch bist… Dann zog sich Paul an und ging in die Arbeit. Und machte sie. Wäre doch im Leben nur alles so einfach wie die Arbeit machen. Die Arbeit war sein fester Anker. Gerade dafür hasste er sie. Sie war der Rahmen, der seinen Wahn in die Schranken wies. Manchmal. Ist es auch ganz gut sehr deutsch zu sein. Einfach nicht in die Arbeit zu gehen: Unvorstellbar. Ohne Arbeit kein Vergnügen. Zuviel Vergnügen: Keine Arbeit. In der Arbeit war er dann auch ganz der Arbeitsfleming. Angefüllt mit Bullshit-Problemen, die ihn aus seinen Wahnvorstellungen rissen. Wenn eine Maschine repariert werden muss, ist es egal ob man heute Nacht in einer Wichs-Vorstellung eine Frau nicht gehabt hat. So etwas. Nennt man Realität. Und einen guten Bezug dazu.

Mittags rum war Paul meistens ausgenüchtert genug um sich wie ein normaler Mensch zu verhalten. Ab dann ging es. Und die drogeninduzierte Sex-Sucht spielte keine Rolle mehr. Normalerweise. Heute war da dieser kleine nagende Gedanke, dass etwas nicht gestimmt hatte heute Nacht… Verdammt noch mal… Was war es nur gewesen? Irgendwie war Paul sich selbst fremd gewesen. Was auch immer das bedeutete. Diese unbestimmte Gefühl blieb dennoch eindeutig.

Auf dem Nachhauseweg rief Chris an: „Hey was geht?“

„Ja was geht Mann?“
„Paul, du kannst doch nicht die gleiche Frage mit der gleichen Frage beantworten.“

„Jaaa… Nicht viel halt.“

„Was machstn?“
„Ja nix. Latsche gerade von der Arbeit heim. Bin ziemlich durch.“

„Das ist gut. Ich komme gleich mal rüber bei dir,“

„Was?“
„Was?“

„Ja wie jetzt? Wollte eher was wegpennen.“
„Schlaf ist doch Kommerz.“

„Deswegen komme ich auch von der Arbeit.“

„Ok Herr Kommerzienrat, bleibe auch nicht lange. Bringe auch n Six Pack mit.“
„Ja dann.“

Der. Hatte ihm gerade noch gefehlt. Nicht Chris an sich. Sondern Menschen überhaupt. Pauls Plan war es gewesen original heute Nacht noch einmal durchzumachen. Nicht wegen der Drogen und seiner Geilheit (was dasselbe war). Nein. Paul wollte klären was da heute Nacht los war. Ob er die Kontrolle über seine… Aber das war doch allzu lächerlich. Das konnte man nicht einmal aussprechen. Ein paar Lines und ein paar Filmchen würden ihn wieder auf Spur bringen.

Chris war schon da als Paul zu seiner Wohnung kam. Und das war gut, dachte sich Paul. Umso früher der da ist, desto schneller ist der auch wieder weg.

Oben in Pauls Wohnung stank es so sehr nach kaltem Schweiß und Selbstbefriedigung, dass Chris sich erst einmal eine Zigarette anmachte. Kommentare waren nicht angebracht. Dafür hat man Freunde.

Die Bierflaschen machten: Plopp!

Chris erzählte Paul von seiner alten Freundin Bea, die wieder im Lande war:

„Bea ist der egoistischste Mensch den ich kenne. Dabei ist sie unglaublich sympathisch. Krass, irgendwie… Sie ist kein falscher aufgesetzter Charakter, sie handelt nicht aus…  Berechnung, auch wenn man das meinen könnte. Sie spielt nicht mit ihrer… Aura. Blödes Wort. Du weißt schon. Ihre sympathische Art ist ihr einfach angeboren. Weißt du? Ein wenig setzt ihr Gegenüber es ihr aber auch einfach voraus, durch diese… Wohl-Fühl-Aura die Bea ausstrahlt. Du hast sie ja auch mal getroffen… Klischees werden vom Gegenüber gesehen und in Details gefunden, die unweigerlich da, in Wahrheit aber nicht frappierend wichtig sind. „Bea, die Hippie-Tussi“. Das sagen doch alle, die sie sehen.

Die „Hippie-Tussi“ bezieht sich auf ihren Kleidungsstil, die Batik-Klamotten, die alten, wirklich abgewetzten und gealterten Jeans, die nichts mit künstlich abgeschrubbten Designer-Jeans zu tun haben. Das merkt man doch gleich. Die ist einfach real. Und selbstverständlich ist sie die Hippie-Tussi (er zieht das Wort ins Lächerliche) wegen ihrer blonden langen Haare, die ihr bis „über den Arsch gehen“.  (Die beiden Kerle lächelten). Trotz dieser langen Haare erinnert sie gar nicht an eine deutsche Frau, nicht an die… Wie hieß die aus Rossellini? Die Lorelei! Ne. Bea kommt irgendwie amerikanisch rüber. Zudem lacht sie viel. Und sie ist gut anzusehen. Ihr Anblick und ihr sorgloses Auftreten wirft uns zurück in die 60ger Jahre des vergangenen Jahrhundert, als alles möglich zu sein schien und die Menschheit in eine neue Zeitrechnung aufbrach. Was kommt wohl nach der Revolution?

Die Frage war nicht ob es ein Utopia geben würde, sondern nur, wie schön es werden wird, oder etwa noch schöner als man sich vorstellt konnte? Keiner dachte an Dystopien… Keiner dachte an den Kater danach. Dass alles noch viel schlimmer kommen könnte, als es vorher war. Keiner hatte ein Auge für das, was hinter dem blonden Hippie-Mädchen steckte, das lachte, strahlte und meinte, man solle sich locker machen… Denn zu jedem Image das wir so sehen wollen, wir gelernt haben es zu sehen… Ach fuck. Bei jedem von uns gibt es eine wahre Geschichte, die nicht viel mit dem Bild zu tun haben, was wir der Gesellschaft zeigen. Hinter jedem Symbol steckt ein Mensch.

 

Bea  ist eine Weltreisend. Dafür kennt man sie. Deswegen redet man über sie. Bea war schon auf jedem Kontinent der Welt, in dem die Sonne mehr Hitze produziert, als dass sie ruht. Afrika, Lateinamerika, Asien, Australien sowieso; Australien, dieses Schnellrestaurant für die Fernwehvortäuschenden. Der Kontinent der zerplatzen Träume, dem Bea jede realness abspricht, da „aussteigen“ dort industriell betrieben wird. Ganz im Gegensatz zu Afrika.

 

Bea war überall, wo jeder schon immer hinwollte. Sie stand auf jedem Postkarten-Klischee. Eroberte jedes kleine, versteckte, geheime Landschaftswunder, nachdem man sich sehen kann… Vom weißen Strand über die schwarzen Berge.  Die hat Nationen erkundet, die du bewunderst, und noch mehrere von jenen, vor denen du Angst hast. Bea hat die Welt gesehen und erlebt und kommt am Ende zurück und hat keinen einzigen Kratzer abbekommen… Ja. Am Ende war sie einfach nur wieder da, als wäre sie gerade nur 15 Minuten Kippen holen. Unsere Bea… In denselben Klamotten wie immer. Mit Augen, die uns sehen und gleichzeitig durch uns hindurch blicken. Wie lange war sie diesmal weg gewesen? Ach ja. 9 Monate. Und was bei uns so los war? Nicht so viel eigentlich… Bisschen Party. Bisschen Drogen.

Zwar fragt man dann viel nach: Was hast du alles erlebt? Was hast du gesehen? Wen hast du getroffen? Ging es dir gut? Wobei die Frage in Wahrheit lauten sollte: Was treibt dich immer wieder davon und warum hält dich hier nichts?

 

Bea ist in unserem Alter. Und sie hat kein Haus. Keinen festen Wohnsitz. Keinen Ex-Mann. Kein Kind. Neeee…. Die nicht. Niemals… Sie hat alle Freiheiten die wir nicht haben. Sie besitzt nichts. Und wird von nichts besessen. Das Einzige was wir mit ihr teilen ist eine Form der Vergangenheit. Sie ist hier geboren. Sie ist hier aufgewachsen. Sonst noch was?

Irgendetwas muss passiert sein. Damit…

 

Man kann nicht so leben ohne ein Egoist zu sein. Ich weiß nicht, gibt es eine gute Form von Egoismus? Eine verzeihbare, wie eine Krankheit für die man nichts kann? Du kannst nicht immer wieder dein bürgerliches Leben zurücklassen, alle Brücken abbrechen, die du in den Reisepausen errichtet hast und jenen keine Verletzungen zufügen, die sich dir nahe fühlen. Du kannst nicht immerzu fortgehen ohne Beziehungen in die Oberflächlichkeit gleiten zu lassen, in dem du sie einfrierst. Nur um sie zur passenden Gelegenheit wieder aufzutauen. Das muss man können. Das muss man wollen. Das muss man auch müssen, müssen.

Um tatsächlich frei zu sein, musst du egoistisch sein. Das ist die Wahrheit. Auch die Hippies waren egoistisch. Sie dachten weder an später, noch an ihre Eltern. Sie dachten nur an sich. Und wie unglaublich stark sie sich fühlten. Was sie bewegen und für sich erleben konnten. Und 70 Jahre später feiern wir immer noch ihren Mut…“

Okay. Auch wenn das kein feststehender Monolog war, sondern die Essenz des Gesprächs zwischen Chris und Paul, hatte sich Chris doch eine Menge Gedanken zu Bea gemacht. Nur. Jetzt schon bei der dritten Flasche „Warsteiner 0,33l“ angelangt. Brachte es Paul auf dem Punkt: „Was ist eigentlich mit Sarah?“ Denn Bea hin oder her. Große Weltreisende und Egoismus, lange blonde Haare – weiß der Geier was: Hier ging es nicht um SIE. Das ist ja das Ding an der Bea, die nie da ist. Sie ist nur eine Metapher für jemand anderen. Für den Egoisten, an den man nicht ran kommt. Die eine, die dich nicht sieht. Die, die man liebt. Die, die da ist.

„Puh“, machte Chris. „Das ist natürlich… Ich meine… Ich hab´s dir doch erzählt. Neulich. In München… Und dann die Geschichte im Bosporus…“

„Ja das war scheiße.“
„Ja scheiße… Irgendwie… Aber was will man machen?“

„Du musst mit ihr reden. Wie in jeder guten Beziehung.“

„Wir. Haben. Keine. Beziehung.“

„Ja darum geht es doch!“

„Und du und Katha?“

„Ich. Und? Katha?“

„Ja das ist doch genau das Gleiche!“

„Hä? Wie jetzt? Das ist doch…“

„Ach Paul…“

 

 

Absolution – 21 – Die Anarchie in Gedanken

8.

Als Paul am nächsten Tag in seinen von Schweiß durchnässten Bettlaken erwachte, stand diese eine Frage vor ihm, total wie der brennende Busch aus der Bibel, imposant wie dieser Monolith aus „2001“: „Warum hast du sie nicht vergewaltigt?“ Paul. Fragte sich selbst nicht wie und wann er eingeschlafen war. Genauso wenig wie er wissen wollte, wann er den PC ausgeschaltet hatte und in sein Bett ging. Diese banale Vergangenheit voller Ursachen und Wirkungen war ihm unwichtig. Obwohl er sich normalerweise in diesen Nächten an das huschige Prozedere des Ortswechsels wenigstens schemenhaft erinnern konnte… Im gewohnten Regelfall war die größte Verwunderung nach dem Erwachen, dass er überhaupt eingeschlafen war. Denn die wichtigste und schlimmste Nebenwirkung seiner Lieblingsdroge war die ewige Schlaflosigkeit. Wie viele Tage hatte er in seinem Leben damit verbracht, sich selbst in den Schlaf zu treiben? Es müssen Wochen echter Lebenszeit gewesen sein, in denen er versucht hatte sich und die Droge zu überlisten, bis er langsam zu fallen begann und sein Bewusstsein endlich verstummte. Gestern. Vorhin. War er einfach so eingeschlafen. Und das nicht einmal durch den erlösenden sexuellen Höhepunkt, der als einziger die Fähigkeit besaß seine inneren Lichter wie ein Magier auszuknipsen. Es war „einfach so“ passiert.

Paul wendete sein feuchtes Kissen, das sich unter dem Bettbezug durch seine nächtlichen Aktionen schon längst karamellgelb verfärbt hatte, und starrte in die von seinem Kopf aufgewühlte Dunkelheit seines Schlafzimmers. „Wieso habe ich sie mir nicht… GENOMMEN?“ Hätte er es getan, wäre es kein Verbrechen gewesen. Nur eine Phantasie. Nichts weiter. Und an Phantasien war nichts Schlechtes. Die Gedanken sind frei. Ebenso, wie die Geilheit. Es wäre weiß Gott nicht das erste Mal gewesen, dass er sich eine Frau in seinen Träumen NAHM. Und in diesem Träumen hatte es ihnen später immer gefallen. Mehr oder weniger. Dafür hat man ja auch Phantasien. Um das ausleben zu können, was einem die Wirklichkeit nicht nur verwehrt; da es in Wirklichkeit nicht nur moralisch falsch, sondern gar ein Verbrechen ist. Paul war nie ein  Verbrecher. Nur ein Süchtiger. Was zählt schon ein Verbrechen in Gedanken, dass man nie ausführt? Von dem man sich nicht einmal träumen lassen würde, es in die tatsächliche Tat umzusetzen? Genau. Gar nichts. Natürlich durfte man nie mit irgendjemanden darüber sprechen. Nein. Das durfte man nicht. Man konnte ja auch zu niemand sagen, dass man manchmal gerne seinen Chef oder seine Frau töten könnte. Das sind nur Emotionen. Neandertaler-Regungen. Die nichts mit der zivilisierten Welt, die wir kennen, lieben und achten, zu tun hat. In unseren gesellschaftlichen Umgängen miteinander sind wir an das Gesetzbuch gebunden. An Konventionen. Die das Zusammenleben ermöglichen. Diese Errungenschaft macht uns zu gleichen Teilen frei, als auch unfrei. Sie schützt uns vor Übergriffen und verschiebt die Freiheit der Anarchie in unsere Träume. Und warum zum Himmel besaß er dann in seinem Traum von gestern Abend nicht die Wut sich diese Frau zu nehmen? Er hatte getötet für sie. Sein bester Freund war dafür gestorben. Sie war der Preis dafür. Sie war der Mittelpunkt des Schwarzen Loches seiner Phantasien. Sie war die Singularität, um die sich all seine sexuellen Wünsche drehten. Wer war sie? Und wie konnte sie sich seiner mentalen Gier entwinden?

Wäre sein Traum wie ein Konzert seiner Lieblingsband von dem er phantasierte, dann hatte er sich vorgestellt wie es ist am Morgen aufzuwachen, in die Arbeit zu gehen, dort alle möglichen Dingen zu tun erledigen, um sich danach  weiterhin vorzustellen wie es ist danach nachhause zu kommen, zu duschen, in sein Auto zu steigen, zu parken, vor dem Konzert Freunde zu treffen, sich anzustellen, Bier zu holen, um dann Schlussendlich das Konzert gar nicht zu besuchen. Die ganze Vorstellung machte keinen Sinn. Wie ein Flugzeug das nicht fliegen kann. Wie ein Fußballspiel ohne Ball. Das war im Prinzip nicht dramatisch. Nur unlogisch. Und Paul schob es auf die Drogen, die ihn wohl verwirrt hatten. Vielleicht war er auch zu lange wach geblieben. Da kann so etwas schon einmal passieren. Auch. Wenn es noch nie passiert war… Irgendetwas Unbekanntes schien in ihm zu sein. Etwas. Was ihm im Weg stand. Dass er nicht erklären konnte… Eine unbekannte Kraft hatte ihn von seinem imaginierten Lustgewinn abgehalten.

Paul zuckte in seinem Bett liegend mit seinen Schultern. Auf Drogen kann man halt auch sehr gut perplex sein.

Fünfundzwanzig Minuten später schellte sein Wecker. Kurzzeitig hatte er noch versucht an Katha zu denken. Doch in seinem Kopf hatte sich nur immer wieder das Bild der Pornodarstellerin „Lexi Belle“ geschlichen, als sie noch jung war. Die auf eine weltfremde Art Katha ähnlich sah. Paul konnte sich nicht mehr auf „die Echte“ konzentrieren. Aber das war jetzt auch schon egal.

Kokain beendet zuverlässig jeden LSD-Trip

1: Du magst echt keinen der Marvel Filme? Da gibt´s aber echt Qualitätsunterschiede.

2: Am Anfang fand ich das auch ganz nett. Aber es ist halt Unterhaltung für Teenager.

1: Hm. Na ja. Ich fühl mich mit 44 auch durchaus noch angesprochen.

Was will man darauf antworten? Bei solchen Themen nagt so viel an mir. Wieso mögen wir es wie Teenager abgespeist und behandelt zu werden? Weshalb werden das „Erwachsenwerden“ und die damit verbundene Zeit so überschätzt? Ich will mich selbst nicht wie einen Teenager behandeln.

Jetzt aber mal langsam Fleming. Gerade du. Der große Manga-Leser und Keine-Kinder-Haber. Der ehemalige Drogen-Typ mit dem Peter-Pan-Roman. Was weißt du schon über das Erwachsen sein? Das ist ein Punkt. Aber ich will mich halt auch nicht füllen als sei ich für dumm verkauft worden. Und Marvel-Filme sind für mich genau das. Das sind nur Achterbahnfahrten. Zirkus-Attraktionen. Kleinste gemeinsame Nenner. Bei denen jeder ohne große Mühe „mit kann“. Waren die nicht immer das Schlimmste gewesen? Diese Dinge, auf die sich alle einigen konnten? Das ist wie „Deichkind“. „Die Ärzte“. Oder „Herr der Ringe“. Niederste Instinkte werden befriedigt. Banalste Triebabfuhr. Degeneration der Ansprüche. Von 9 bis 99. Die nie versiegende Lust auf Nutella auf dem Brot…

Irgendwo habe ich in den letzten Wochen einen Text darüber gelesen, dass es ein Irrtum sei dass es Routine geworden ist das jede Generation von Jugendlichen gegen ihre Eltern rebelliert. Die einzig wirkliche Generation der Revolution war die der 68ger gegen ihre Eltern. Das muss man ihnen zugestehen. Auch wenn diese Revolution grandios scheiterte. Was danach kam waren nur kleine rebellische Phase: Punk. Metal. Techno. Das waren nur Pop-Zitate des Urgedankens. Und wenn der Jugendliche dann doch nicht mit dem Leben klar kam, hat man lieber schnell Mama und Papa um Rat gefragt, was man am besten tun soll um diese und jene Situation zu meistern. Die Eltern als Vermögensberater der eigenen Möglichkeiten. Nur die Träume werden immer weiter geträumt. Der Traum von der ewigen Jugend. Den Papa, Mama und Tochter/Sohn kollektiv und Händchenhaltend bis an ihr Lebensende träumen und glorifizieren: Ja, wir sind die Macht, wir sind die Jugend… Wir sind das Beste aus beiden Welten: Jung und alt in einem Körper vereint…

Und glauben weiter an die Supermänner. Und glauben dass es schon eine Form von Fortschritt ist, wenn wir nun auch Superfrauen glauben dürfen. Die uns Alle retten… Während die Überbevölkerung und der Klimawindel uns langsam ausrotten. Wie eine Lawine. Die sich verzagt und müßig in Bewegung setzt. Um am Ende alles unter sich zu be….

Letzte Woche war ich bei meinem Freund. Wir nahmen LSD. Lagen total breit auf seinem Kanapee herum und sahen uns Filme an. Irgendwann dachte ich, ich müsse nachhause. Ich begann Cola zu Trinken. Zuckerhaltige Getränke helfen es einem den LSD-Film zu beenden. Der Grund dafür war, dass ich keine Lust darauf hatte alleine daheim verplant in der Gegend herum zu denken. Mein Freund bot mit eine Line Kokain an. „Koks beendet zuverlässig jeden LSD-Trip“, erklärte er mir. Und er hatte Recht. Ich war sofort runter von der psychedelischen Droge. Koks schlägt LSD. Was sagt das über die Hippies aus? Über die Träume? Über Mama. Papa. Über deine Tochter. Über uns?

Absolution – 15 – Frauen sind die besseren Menschen

Paul stieg nur immer weiter in die unerschlossenen Stollen seiner Seele hinab.

Umso öfter er sich Frauen ansah um sich zu erregen, desto mehr er sie ehrfürchtig betrachtete wie Göttinnen, wie Fleisch gewordene Engel, je mehr er sie verehrte, idealisierte, je mehr er sich ihnen, ihren Blicken, ihren Körpern,  hingab und sie durch die Augen der Photographen und Designern wahrnahm, die sie einkleideten, schmückten, verzierten und in ein goldenes Licht setzt, ja, selbst  die kalten mathematische Computer-Technologie wurde eingesetzt um aus den Frauen ein höheres, besseres Wesen zu machen, bei dem es schon reichte, es nur ansehen zu können um in wahnhafte Verzückung zu verfallen. Diese Frauen auf dem Bildschirm, diese Supermodels und die Amateure der Schönheit, welche er niemals traf, niemals im echten Leben sah, verhexten ihn. Sie wiesen ihm seinen Platz zu. Und dieser Platz hieß „Schüchternheit“. Er ergab sich sofort und bei jeder Gelegenheit ihrer Aura, ihrem Bann und wurde dadurch immer mehr und mehr zu ihrem Sklaven… Einem Schoßtier, welches sich für sie auch im Dreck gesuhlt hätte. Mehr noch. Er hätte sich für sie geschlagen um sie vor anderen zu verteidigen, hätte sich ihre Gunst zum Narren gemacht, hätte versucht sie mit Kunst und Scherzen zu beeindrucken, hätte erwägt sie zu beschenken, sie mit Geld zu überhäufen, ihnen Alles zu geben, nur um in ihrer Nähe zu sein. Ihre Abwesenheit hieß ihm, auch in bester Männergesellschaft, Einsamkeit. Oh wie sehr er die Frauen verehrte… Und wenn die Zeitgerade des Entzugs an Zuneigung nur lange genug war, stieg selbst die Abstoßsenste von ihnen zu einer passablen „Möglichkeit“ auf. Er dachte den ganzen Tag und die ganze Nacht an sie: Frauen, Frauen, Frauen… So wahnsinnig machten sie ihn. Und manchmal, wenn er sich mit Eau de Toilette von Yves Saint Laurent einsprühte und die Vouge  durchblätterte, hatte er das Gefühl sich ihnen ein wenig zu näher. Ihnen näher zu sein. Als die ganzen Kerle, mit ihrer plumpen und dummen Art. Wenn er nur ein wenig mehr wie SIE sein könnte, würde er vielleicht auch ein besserer Mensch sein. Könnte Zugang zu ihrer Welt bekommen… Könnte ihr Freund werden. In ihrer Nähe sein. Sie ewig anbeten. Leben. In ihrem Licht der Grazie.

 

Hin und wieder erwachte er aus seinen Träumen und fragte sich, was wohl mit ihm wäre, wenn er sich nicht die ganze Zeit über Frauen den Kopf zerbrechen würde? Was denn wäre, wenn er sich lieber Männer ansehen würde? Nicht aus sexuellen Gründen. Sondern wegen einer ganz anderen Form von Idealisierung.

Denn stimmt es denn nicht, dass wir uns zwar männlich fühlen wenn wir hübsche Frauen sehen, doch bei jedem Anblick oder dem Versuch dem Objekt unserer Begierde nahe zu sein nicht immer so werden, wie das Objekt unserer Anbetung? Warum hatte er keine Männlichen Vorbilder? Und warum… Hat kein Mann mehr ein wirkliches Vorbild? Wo ist der Hemmingway der Gegenwart den man wegen seiner ungeschliffenen Männlichkeit verehren könnte? Wer ist denn noch ein „richtiger Kerl“, im positiven Sinn? Wo ist der Mann, der sich über Männlichkeit definiert, die sich wiederrum NICHT über den sexuellen Akt und dessen Häufigkeit berechnet? Denn was sind sexuell erfolgreiche Männer, wenn sie immer mehr aussehen wie aufgedonnerte Transvestiten? Und was symbolisieren die stärksten Muskel-Ottos, wenn sie keine Bildung besitzen? Nein. Ja. Er verehrte Frauen, die mehr darstellten als nur ein hübsches Gesicht und ein toller Körper. Er betete sie als Gesamtkunstwerk an. Nicht weil sie Schminktrullas waren, die einfach nur gutaussahen und die einen abstoßen, sobald sie den Mund öffnen…

Werde ich also weiblicher weil ich Frauen idealisiere?

Kann ich deswegen keine Helden nennen?

In einer Welt der Bilder verehren wird das, was uns überall vorgespielt wird, etwas, dass wir Sehen, etwas, dass wir kaufen können. Doch Tiefe und Menschlichkeit kann man uns nicht mit einem Bild vorspielen. Höchstens vorgaukeln. Ein Bild ist nicht genug. Ein Film nur eine Episode. Und auch ein Text zu wenig. Er musste seine Träume ordnen. Um Helden zu finden und Göttinnen zu schaffen.

 

Die Drogensucht meiner Freunde

Wer selbst über ein Jahrzehnt an Jahren Drogensüchtig war, sollte sich darüber eigentlich gar nicht aufregen. Von außen betrachtet. Von innen gesehen sieht die Sache meistens anders aus. Denn auch bei der Sucht gibt es solche und solche Kameraden. Ich bin wütend und enttäuscht darüber, dass meine Drogensüchtigen Freunde sich wie Drogensüchtige verhalten. Klingt doof. Ich weiß. Trotzdem habe ich das Spielchen selbst viele Jahre mitgemacht und weiß daher, dass „Drogensucht“ erst ab einem gewissen Punkt ein Totschlagargument ist. Zuvor kann man sich auch in der Krankheit (denn das ist es) entscheiden was für eine Art von Kranker man ist. Ob man ein guter Kerl ist, ob man sich bemüht, ob man nachsichtig ist. Oder einfach nur ein egoistischer Arsch.

Bei Drogensüchtigen wird immer und gern schnell gesagt: „Der ist halt so.“ Oder „das ist halt so“. Finde ich aber nicht. Man muss und sollte nicht den ganzen Tag mit Junkies Rücksicht halten. Sie machen es ja auch nicht. Schließlich bin ich mit einem Freund befreundet. Nicht mit seiner Drogensucht. Für mich sind diese Leute (überlege… Finger an die Lippen) keine Behinderten. Man kann von ihnen soziales Verhalten in einem gewissen Rahmen erwarten. Denn sie wissen was richtig und was falsch ist. Und sie wissen auch, dass man sich um gewisse Dinge kümmern muss. Denn selbst wenn man drauf ist, kann man Entscheidungen treffen. Ich wiederhole mich jetzt noch mal und sage: „Ja, ja. Ich weiß wie das ist wenn man denkt der Zug ist für einen abgefahren und es ist eh alles schon scheißegal.“ Ich mache niemanden Vorwürfe dafür, eine Weile lang im Arsch zu sein. Aber ich habe mich dann auch nicht darüber beschwert, dass mein Umfeld entsprechend reagiert. Mir war immer klar, dass die Menschen Interesse an mir hatten, nicht an meiner Drogensucht. Außer bei den Leuten die das am besten auszunutzen wussten. Die berühmten falschen Freunde. Und wenn jemand lieber mit Ja-Sagern herumhängen will, die nur die Brocken wollen die von seinem Tisch herabfallen: Bitteschön. Ich bin das definitiv nicht. Und natürlich musste auch ich meine Lektionen lernen.

Es ist schwierig keine Drogen mehr zu nehmen und mit Drogenleuten abzuhängen. Man ist ja nicht mehr der, der man einmal war – während man genau der ist, der man immer gewesen ist. Das ist anstrengend für beide Seiten. Ich verstehe das. Doch wenn man schon vorher Freund miteinander war, vor all den Abstürzen und den Ultrabrutalen und Ultraglücklichen Momenten miteinander, dann muss da doch was da sein, worauf man zurück greifen kann.

Ich bin seit Wochen, seit Monaten sauer auf einen Freund, der mich an seinem Geburtstag versetzt hat. Der war an einem Montag und sie haben Sonntagnacht scheinbar wie wild hinein gefeiert. Das wäre jetzt gar nicht so dramatisch. Davon abgesehen dass ich am Sonntag mehrmals angerufen habe und Gespräche mit ihm und seiner Frau geführt habe, dass er mit mir am folgenden Tag in die Therme fahren und chillen. Ich wollte fahren und zahlen. Hatten ja Beide Urlaub. Und das Ende vom Lied war dass ich mittags im strömenden Regen vor seiner Scheißdreckshaustüre stand und keiner die Tür öffnete oder ans Handy ging. Da war ich selbstverständlich sauer. Das war aber noch nicht der Punkt der das berühmte Fass zum Überlaufen brachte. Der war erst erreicht als einer seiner Kollegen hinten am Geschäft vorbei lief und ich ihn fragte, ob er etwas wisse. Und der sah mich an als wäre ich ein Vollidiot und meinte lachend zu seinem Kumpel der daneben stand: „Ist halt gestern sehr spät geworden.“ Und dieser Moment war es, bei dem es vorbei war. Denn der Idiot in diesem Augenblick war ich. Ich, der gutgläubige naive dumme Freund, der so blöd war zu glauben, dass auf den anderen coolen Junkie Verlass sein könnte: Wie blöd bist du eigentlich? Ist doch normal dass dein Freund im Arsch ist. So als wäre mein Freund ein verdammter Behinderter von dem man nichts erwarten darf. Nur ein Trottel würde das. Und da war es dann halt vorbei mit dem Verständnis. Aber es tut mir leid, ich bin halt nicht der Typ der seine Leute einfach so abschreibt und sagt: „Der ist halt so.“ Denn Menschen sind mehr als ihre Drogensucht. Ich glaube an sie. So wie Menschen auch einmal an mich geglaubt haben. Krank kann jeder werde. Und ja. An manchen Krankheiten hat man  selbst schuld. Dann sollte man aber auch die Größe haben sich dafür zu entschuldigen, und den Willen, es wieder geradebiegen zu wollen.