Absolution 45 – Fantasy ist ein Witz

15

„Was hast du gesprochen?“

„Ach scheiße…“

„Was du gerade zu mir gesprochen hast?“

Paul lacht Ylva über Banyardis Mund in ihr Gesicht: „Bin ich doch wieder hier. Ich glaub´s ja nicht.“

Ylva sieht ihn mit großen Augen an. Sie flüstert: „Wusste ich es doch…“
Wieder steht Paul im Körper des Wilden Banyardi im Urwald und wieder redet er mit Ylva, dem weiblichen Superwesen jeglicher Männerphantasien. Was für ein Zufall. Selbstverständlich schickt ihn seine Phantasie zu dieser heißen Mieze zurück und nicht zu den anderen Dschungelbewohnern. Was haben die ihm auch schon zu bieten? Nur hat Paul jetzt keine Lust mehr.

„Jetzt ist Schluss, YL-VA!“ grinste Paul sowohl amüsiert als auch genervt die Mi-Cock-Prinzessin an. „Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß.“

„Banyardi! Was war der letzte Satz, den ich zu dir gesagt habe?“

Darauf zuckt er mit den Schultern. „Davon abgesehen, dass es mir total Wurst ist was Banyardi gerade gesagt hat, weiß ich es nicht. Okay?

„O… Was?“ Ylva macht erschrocken einen Schritt zurück. Doch. Ihre Augen bleiben neugierig. Sie ist weder so überrascht wie Paul es erwartet hätte, noch scheint sie Angst vor dem Wechsel in Banyardis Kopf zu empfinden.

„Ich wusste das in dir zwei Seelen leben“, mit dem Satz macht sie wieder zwei Schritte an Banyardi heran. „Ich wusste, dass die Zeremonie etwas gebracht hat. Nur das du… Und hier… Und erst jetzt…“

Paul schiebt Ylva sacht drei Schritte von sich weg. Sie war eindeutig zu nah gekommen, was sich für Paul noch immer sehr unangenehm anfühlt. Außerdem hat er jetzt eine Freundin.

„Ja, ja“, winkt Paul ab. „Zeremonie. Ma-Fag. Mi-cock. Blahblahblah. Gute Frau. Ich brauche all das nicht mehr. Ehrlich gesagt, denke ich, dass ich das nie gebraucht habe. Kein Plan was mein Unterbewusstsein das ausgeheckt hat.“

„Du verstehst nicht!“ Ylva will sich wieder auf Paul zu bewegen. Sie lässt es nach einer Sekunde des Zögerns. „Wir haben dich gerufen.“

„Natürlich habt ihr mich gerufen! Euch gibt’s ja auch alle gar nicht. Euch gibt es nur in meinem Kopf. Der denkt aber, dass er euch braucht. Das ist aber Bullshit. Ihr seid alle nur Projektionen meines…“ Paul muss schlucken. „Wahnsinns… Durch dich geile Sau kom-pen-SIERE ich nur irgendwas in meinem Kopf. Das ist jetzt aber vorbei. Ich bin jetzt nicht mehr alleine.“

„Wer bist du? Erzähl mir nur wer du bist! Sag mir ob du der bist, den wir gerufen haben?“
„Mann das war noch Zeiten als ich mir druff einen runterholen konnte und meine RUHE hatte… Wie soll denn das in Zukunft laufen? Ihr macht mir JEDES Mal meinen Film kaputt…“
„Wer glaubst du, dass du bist? Gerade warst du noch ganz anders. Gerade haben wir noch über den Dschungel gesprochen und…“

„Ich habe keine Ahnung von. DSCHUNGEL. Ich lebe im verdammten 21 Jahrhundert. In einem Haus (Paul formt mit zwei Finger ein Strichhäuschen in die Luft) und gehe ar-beiten. Kennt ihr ja nicht… Ich liebe TECHNO auch wenn jeder Idiot heutzutage ELECTRO dazu sagt. Ist komisch. Ich weiß. Ist aber so.“

„Wer ist diese Techno?“
Paul lässt den Kopf überzeichnet sinken: „Echt jetzt?“
„Wie ist ein Name? Dein richtiger Name?“
„Paul. Mein Name ist Paul.“

„Und du kommst aus einer anderen Zeit?“

„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich vom gleichen Planeten komme wie ihr Wilden.“
„Paul, hör mir zu.“ Ylva geht wieder auf ihn zu, ergreift seine beiden Hände und blickt ihm von unten tief in seine Augen. „WIR haben dich gerufen, weil wir deine Hilfe brauchen. Die Mi-Cock sind der Grund weshalb du hier bist. Noch bevor die Monster uns überfallen haben, noch vor unserer Flucht, haben wir eine Zeremonie abgehalten um jemanden wie dich zu holen. Wir dachten, du würdest in den Körper von Thorfinn eintauchen… Der arme Thorfinn… Er…“

„Nichts davon ist wahr“, Paul reißt grob seine Hände aus Ylvas Griff. „Ist dir außerdem schon mal aufgefallen das es in jeglicher Unterhaltungsgeschichte immer einen ERLÖSER geben muss? Von Star Wars über Matrix bist zu Herr der Ringe. Das ist so DÄMLICH und unkreativ. Das ist alles Bullshit!“

„Was?“

„Das ist alles UN-SINN!“

„Bitte sei nicht so laut. Die Ma-Fag werden auf uns aufmerksam…“

„Na wenn schon?! Es GIBT keine Ma-Fag! Verstehst du? Ach… Wie solltest du das auch verstehen?…“
„Banyardi… Paul… Wir haben dich gerufen, damit du mir helfen kannst sie zu finden.“

„Was zu finden denn?“ Paul breitet seine Arme aus.“ „Was zum Teufel glaubt ihr denn hier finden zu können?“

Eine Hand legt sich auf Pauls kräftige Banyardi Schulter. Unwirsch dreht Paul sich um und wischt sie weg. Erschrocken taumelt Maya zurück. „Mein Sohn, was ist geschehen?“ Paul hält inne. Maya zu Sehen verändert etwas in ihm. Banyardis Gefühle zu seiner Mutter stürzen über ihn herein. Sofort bereut er es seine Mutter so brüsk behandelt zu haben. „Mutter… Ich… Ich wollte nicht… Ich wusste nicht…“ Und sofort sah er in ihren Augen, dass es gut war. Maya würde es ihm nicht allzu lange verübeln, aus der Rolle gefallen zu sein. Hierfür. Traf ihn keine Schuld.

„Ich muss um Verzeihung bitten Mutter. Der Rat hat mich gebeten mit Ylva zu reden.“

„Welcher Rat mein Sohn?“

„Ähm. Kamyor hat mich gebeten.“

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Absolution 44 – Liebe hat nichts damit zu tun

„Ende gut. Alles gut“, sprach Paul wortwörtlich in sich hinein. Pflichtbewusst und pünktlich wie immer stand die Sonne am Himmel und schien auf all die glücklichen wie unglücklichen Ameisen auf den Planeten Erde hinab. Katha und Paul hatten zusammen gefrühstückt und auch das hatte gut funktioniert. Schließlich waren sie seit Jahren befreundet gewesen, bis diese Nacht unwiderruflich alles verändert hatte. Der gemeinsame, frisch aufgebrochene Alltag fühlte sich ebenso seltsam wie natürlich an.  Sie hatten die Semmeln mit Frauen-Brotaufstrichen beschmiert, dessen Geschmacksrichtungen ebenso fremd gewesen waren, wie die Topfpflanzen an Kathas Fenstern. Der Kaffee war ein wenig zu schwach, was in Ordnung war. Dabei tönte irgendein Radiosender aus der kleinen tragbaren Anlage. Auf eine seltsam lustige Art zauberte die Radiomusik die größte Verwunderung in Pauls Lachen: „Tatsächlich, ich höre Radio – und es gefällt mir.“ Er musste es nicht aussprechen. Katha kannte Pauls Verhältnis zur Radiomusik, die er immer als „Volksverblödung“ abgetan hatte. Nun nickte er lächelnd mit, während die Sonne ihre ersten Strahlen auf Kathas wunderschöne Erscheinung warf. Sie beobachtete ihn genau. Sah die Verwandlung einsetzen die sie für ihn geplant hatte und erfreute sich an ihrem „Freund“; was immer dieser Ausdruck im Deutschen bedeuten konnte.

Pauls Herz schlug spürbar locker und fröhlich vor sich. Er konnte sein eigenes Herz spüren, vor Freude. Ein Gefühl, das er kaum mehr kannte. Sein Herz war ihm bisher nur aufgefallen, wenn es unverhofft und unnatürlich in seinem Herzen vor sich hin stolperte, sich scheinbar überschlug. Die Frage ob er Katha gegenüber echte Liebe empfand, stellte sich nicht. Dafür war er viel zu heiter und ausgelassen. Die großen Fragen mussten warten und würden, der Methode der Erfahrung folgend, erst im Nachhinein beantwortet werden, wenn alles zu spät war. So. War es immer gewesen.

Als Paul seine Wohnungstür geschlossen hatte, überlegte er 5 Sekunden lang, wie der Tag weitergehen würde. Es war ein Sonntag und Katha hatte sich schon beim Frühstück entschuldigt, dass sie heute mit Familiendingen beschäftigt sein würde – am liebsten hätten sich die Beiden nach dem Frühstück gleich wieder zurück ins Bett verdrückt, um es nie wieder zu verlassen. Doch da das nach all den Jahren, die die Vorbereitung der Katha/Paul-Geschichte benötigt hatte, die vergangene Nacht nun doch mehr als überraschend doch zustande kam, mussten die Stelldicheins auf die kommende Woche verschoben werden. Paul hatte den Rest des Tages frei. Nur. Was machen „normale Menschen“ an einem freien Tag? Familie hatte er erst gesehen; und eh keine Lust drauf. Was mit Fettsack machen? Chris? Na ja. Wäre eine Möglichkeit. Aber. Irgendwie schien das eine zu darke und deepe Wendung genommen. Vielleicht sollte er die mal in Ruhe lassen.  Tatsache war: Paul hatte noch Amphetamine da. Einen guten Haufen sogar. Ganz sicher. Die Frage war nur, ob das jetzt überhaupt noch Sinn machte. Jetzt wo er im echten Leben das hatte, was er sich Jahrelang so gewünscht hatte…  

Der Kopf musste die Frage gar nicht beantworten. Pauls Körper lief wie ferngesteuert los und holte mit einem gekonnt blinden Griff sein Pep vom Küchenschrank. Ja. Ja. Das war ja alles ganz toll mit Katha. Er war so glücklich. Wahrscheinlich liebte er sie wirklich. Aber. Nur. Er war halt auch ganz gerne richtig gut drauf. Da musste er ehrlich zu sein selbst sein. Warum nicht einfach ein paar Lines platt machen und sich noch einmal in die letzte Nacht zurück träumen? Denn. Genau. Das würde er jetzt machen. In der Drogenerinnerung noch einmal seine Seele über Kathas Körper gleiten lassen. Im Rückspiegel noch einmal ganz nah bei ihr sein. So wie FRÜHER. Nichts da mit irgendwelchen Fantasy-Urvölkern. Das war doch nur ein hohler, blöder Ersatz für einen Mangel an Liebe gewesen. Jetzt musste er sich nicht mehr dorthin verabschieden. Denn nun war alles anders. Jetzt. War Katha. Okay. Penibel ausgedrückt war jetzt Drogenzeit. Nicht Katha. Mit Liebe hat das aber nichts zu tun. Dann saugte er gleich noch eine dritte Line in sich hinein. Sein Leben konnte gar nicht besser sein.

Absolution 43 – Die junge Christiane Paul

Katha lachte Paul an. Und die Welt lachte mit ihr.

Schon seit jeher hatte Kathas Äußeres Paul an die Schauspielerin „Christiane Paul“ erinnert. „Die junge Paul“, selbstverständlich nicht die alte. So ticken die Hormone. „Die junge Paul“ hatte es Paul seit jener Nacht angetan. Er hatte sie zufällig im Fernsehen gesehen, in jenen Tagen, als das Fernsehen für Pauls Generation noch existierte. Wie lange mochte das her sein? Fünf Jahre. Sechs Jahre. Eine Ewigkeit. Paul war ein noch junger Kerl gewesen, der es nicht nötig hatte sich vor dem Rechner in Träumen zu verlieren. Bestimmt würde der junge Paul, den alten verabscheuen, wenn er sein Schicksal antizipieren könnte.  

„Im Juli“ hieß der Spielfilm von Fathi Akin, in dem „die junge Paul“ und Moritz Bleibtreu einen Roadtrip nach Istanbul bewältigten, um nicht weniger als die Liebe zu finden. Der reale Paul hatte Katha gerade vor ein paar Stunden kennen gelernt gehabt und genau in dieser Nacht, in welcher dieser Film lief, kam er nachhause, was zu dieser Zeit noch das Haus seines Vaters war, und sah mit druffer, verliebt verschobener Optik „die junge knackige Paul“ aus dem Empfangsgerät lächeln. Nein. Strahlen. „Die junge Paul“ strahlte ihn aus dem Fernseher an – und Pauls Herz ging auf. Die Ähnlichkeit zu Katha schien ihm verblüffend, obwohl „die junge Paul“ in dem Film afrikanisch geflochtene Haar trug und ihre eindrucksvollen Titten doch ein wenig zu groß und saftig waren, um mit denen von Katha zu vergleichen gewesen wären. Tatsächlich war es der Körper der jungen Frau gewesen, welcher ihn nicht weiter durch das Programm zappen ließ. Gefangen nahm ihn letztendlich doch nur ihr Lächeln. Ihre Aura. Ihre einnehmende Ausstrahlung, die es Paul schon damals erschwerte, zwischen der echten Katha und der Schauspielerin zu unterscheiden. In diesem Moment, auf dem Sofa seines Vaters, wurde die Figur auf dem Bildschirm eins mit dem Mädchen, dass er gerade zum ersten Mal getroffen hatte. Fast automatisch spürte Paul eine ungeheure Verliebtheit in sich, die weit über die Banalität des Sexes hinausging. Ob das die Drogen waren? Oder ein Fingerzeig einer höheren Instanz? Nun. Das spielte jetzt keine Rolle. Ebenso, wie es in Zukunft keine Rolle spielen würde. „Die junge Paul“ im Film lächelte weiter. Sie wuchs im Film vor Pauls Augen zu einer Über-Frau heran. Nicht weil sie eine „Sex-Bombe“ war. Es war ihr offenes Schauspiel ohne Visier, dieser Blick, der gleichzeitig Mut und Verletzlichkeit ausstrahlte. Sie wirkte kokett devot, obwohl sie doch in jeder Situation die Zügel über den weiteren Filmverlauf in der Hand hielt… Sie war mehr Frau, als jegliche kalte Hollywood-Schauspielerin, die Paul jemals in der Flimmerkiste gesehen hatte. Sie war so, wie sich Paul eine komplette Frau vorstellte. Eine komplette Persönlichkeit, nicht nur ein lächerlich überzeichnetes Idealbild einer Frau. Sie war ein junges Mädchen und eine erwachsene Frau in einer Erscheinung. Und. Sie war auch Katha… Und Katha war „die Paul“.  

Der Name des Regisseurs war „Faith“ was so viel bedeutete wie Schicksal. Der Name des Hauptdarstellers „Bleibtreu“… Wie konnte der Film kein Zeichen sein? Selbst als Paul einige Monate später feststellen musste, dass der Name des Regisseurs keineswegs „Faith“ sondern „Fathi“ lautete. Nur spielte dieser Umstand schon lange keine Rolle mehr… Nun schon gar nicht mehr. Seine „junge Paul“ lag verschmitzt lächelnd in seinen Armen. Und Paul war am Ende seiner Reise angekommen. Hier dürfte Pauls Film nun enden. Katha und Paul lächeln sich verliebt an, während die Kamera Abschied nimmt. Abblende.

Absolution 40 -Die Perspektive der Schnecke

Noch ein paar Stunden später an jenem Tag, an dem er sich inzwischen noch ausgebombter und breiiger im Kopf fühlte als in der Arbeit, saß Paul auf dem Bett von Chris. Es war keine gute Idee den Besuch bei Chris so schnell wie möglich durchzuziehen, nur um ihn hinter sich zu haben. Geistig war er nicht im Mindesten auf der Höhe für so ein Gespräch. Auf vielen Ebenen wäre es klüger gewesen, noch ein paar Nächte durchzuschlafen. Sich zu sammeln. Klar zu kommen. Aber. Paul wollte diesen ganzen Unsinn weghaben. Paul. Hatte einfach genug eigene Probleme.

„Und da kommst du dann zu mir gerannt?!“ Chris tat entsetzt und overactete dramatisch. Die Hände flogen in die Luft, der Kopf gleichzeitig von links nach rechts. Theatralischer ging es kaum. Chris wirbelte in seinem Zimmer herum. Drehte sich mal hierhin, mal dorthin. Stellenweise verblüffte es, dass kein Gegenstand von einem Regal gestoßen wurde und klirrend wie splitternd am Boden zerbrach. Paul wusste dennoch nicht, ob das jetzt Show war oder er Chris die Performance nun abkaufen sollte, oder musste. War Chris nur sauer darüber, weil Paul ihn sofort erwischt hatte? Oder war Chris wirklich beleidigt, da Paul ihn in der Fettsack-Junkie-Geschichte überhaupt verdächtigte? Die Müdigkeit in Pauls Kopf war dichter und stärker als jeglicher Nebel oder alle trüben Schleier, die in den Geschichten der Gebrüder Grimm für undurchsichtige Verhältnisse führen.

„Was heißt denn zu dir gerannt? Ich meine. Das war am Wochenende. Und da kommen einem mit der Zeit halt solche Gedanken…“

„Denkt der an mich!“ seufzte Chris. Kopfschüttelnd. Übertrieben lächelnd, geistig wie körperlich eine Grimasse ziehend. Jedoch ohne – und das fiel selbst Paul in seinem dämmrigen Zustand auf – Paul in die Augen sehen zu können.

„Du hast dich doch erst nach Fettsack und Sarah erkundigt… Als du die Bea-Geschichte erzählt hast.“

„UND?“

„Wie und? Ich mache mir halt Sorgen…“

„Um wen? Um den Fettsack oder um mich?“

Paul war sprachlos. Nicht weil er wirklich baff war. Sein Gehirn verweigerte inzwischen schlichtweg den Dienst. Paul fühlte sich leer und dumm.

„Wen hast du denn lieber?“ grinste Chris und sah Paul in dessen hilflosen Augen. Direkt in seinen leeren Kopf.

„Darum geht es doch gar nicht…“

„Was hat er denn je für dich getan?“

„Öhm… Das ist jetzt ne ziemliche Frauenfrage. Fällt mir jetzt spontan nichts ein. Aber ich bin mir SICHER. Er hat viel für mich getan.“ Paul empfand sich selbst so hilflos und stumpf, wie er sich gerade präsentierte. Er konnte sich selbst beim Hilflossein beobachten, ohne auch nur im Geringsten etwas dagegen unternehmen zu können.

 

Die Sonne schien immer noch fröhlich zum Fenster herein. Vögel zwitscherten idyllisch auf dem Baum vor dem Fenster.

Chris wohnte noch immer bei seinen Eltern. Der Vater von Chris hatte Paul vorhin hereingelassen. Paul hatte den Vater von Chris noch nie leiden können, diesen ganzen Typ von Vater, den er für Paul repräsentierte, der sich als der beste Freund seines Sohnes aufspielte. Furchtbar.

Es gab Jahre. Da war Paul sehr oft bei Chris gewesen. Als sie Beide noch jung waren. Nüchtern. Voller Hoffnungen.  Jene Jahre des Menschseins, wenn man nicht mehr miteinander spielt und das gemeinsame Reden und Denken entdeckt, wie aneinander entwickelt. Paul hatte Chris immer gemocht. Deswegen sagte er nach der Gesprächsstille: „Darum geht es wirklich nicht… Darf ich mir denn keine Sorgen machen?“

„Mach dir lieber um den Junkie Sorgen… Oh…“

Paul: „Hm?“

Eine kleine Schnecke hatte sich auf das Fensterbrett verirrt und steuerte blind in die Tiefen von Chris Zimmer. Der griff sie sachte an ihrem runden Panzer an, hob sie hoch. Zwei Sekundenlang betrachtete er das hilflose Tier in seiner Hand, dass mit seinem schleimigen Körper versuchte, festen Untergrund zu finden. Diese zwei Sekunden erschienen Paul als der einzige Moment während des Besuches, in dem Chris sich normal verhielt, in dem Chris, der richtige Chris war. Sein Freund Chris. Nach diesen 2 Sekunden warf er die Schnecke nicht einfach achtlos aus dem Fenster in das Nichts des Gartens (wie Paul es getan hätte). Er setzte die Schnecke auf den heranreichenden Ast des Kastanienbaums vor seinem Fenster.  „Schon komisch“, sinnierte Chris vor sich hin (oder zu Paul? Es war nicht klar in diesem Moment), „Wir Menschen bewegen uns immer so hastig und strukturiert durch die Welt. Glauben ständig einen Plan zu haben. Und dann kommt so eine Schnecke daher und zeigt uns, dass es auch ganz andere Möglichkeit und Perspektiven gibt. Dass eine Wand keine Grenze ist, sondern tatsächlich ein neuer Weg. Wir Idioten sehen das bloß nicht.“

Das klang schön für Paul. Seine Aufmerksamkeit reichte nicht aus für Zwischentöne.  Er wollte nur noch nachhause. Schlafen.

„Ich weiß nicht wer das Bosporus besprüht hat. Tut mir leid.“

Paul nickte zu den Worten seines Freundes. Was hätte er auch sonst machen sollen?

Absolution 39 – Echte Männer trinken 15 Weizen

Noch einen Tag später lag Paul mehr tot als lebendig im Pausenraum seiner Arbeit. Den ersten Tag nach dem „Feiern“ empfand Paul erfahrungsgemäß als gar nicht so schlimm. Die Drogen wirkten noch ein wenig nach und wenn sich einmal die Konsuminduzierte Verstörtheit gelegt hatte, fühlte sich Paul für einige Stunden geradezu entspannt. Er bewegte sich dann in seiner Selbstwahrnehmungsblase wie in dem Auge eines Orkans, in welchem er ausgeglichen und konzentriert Beobachtungen feststellen konnte, bis… Bis am späten Nachmittag ihm unabwendbar die große Erschöpfung die Füße wegzog und ihn unsagbar schlapp und müde machte. Am zweiten Tag danach hatte er für gewöhnlich 10 bis 12 Stunden Schlaf eingefahren, was leider nur dazu führte, dass er sich platter fühlte als am Vortag. Da weder sein Körper noch sein Verstand sich im Klaren darüber waren, ob er nun wach war oder nicht, war Paul so gut wie jeden Dienstag immer ziemlich durch mit der Welt. Selbst der raue Verzehr von Kaffee machte ihn nicht mehr fit, sondern nur im Gegenteil nur noch wirrer. So lag er also auch diesmal in seiner Pausenzeit mit dem Kopf auf dem Tisch wie erschlagen da und döste vor sich hin. An Schlaf war nicht zu denken. Die Augen zu schließen fühlte sich dennoch erholsam an. Wenn nur nicht das ständig Gerede seiner Arbeitskollegen wäre.

Junger Kollege: „Oh… Ich war gestern soooo dermaßen voll… Bis um halb 4 Uhr früh ist erst gegangen…“
Alter Kollege: „Du bist ja heftig unterwegs!“

Junger Kollege: „15 Weizen habe ich getrunken!“

Alter Kollege: „15 Weizen!“

Junger Kollege: „Und dann haben wir mit dem Schnaps angefangen! Wir hatten ja auch was zu Feiern! Im Clubhaus haben wir einen Dildo an die Wand geschraubt! Vorne nen Dübel rein! Hinten nen Dübel! SOOO groß ist das Teil!“

Alter Kollege: „Hahaha, ihr seid ja verrückt!“

Paul innerlich: Stöhn…

Junger Kollege: „Da haben wir dann n Licht außen rum gemacht und zu jeder vollen Stunde fängt der zu blinken an!“

Alter Kollege: „Das ist ja geil! Auf IDEEN kommt ihr! Ich trink ja kaum mehr was… Der Paul eigentlich auch nicht mehr… Sagt er…“
Paul stellte sich weiterhin schlafend.

Alter Kollege: „Apropos Dildo! Hier! Der neue Porno-Kalender ist übrigens.“

Paul hörte Finger, die sich durch Papier blättern.

Junger Kollege: „Der ist ja SUUUUPER. Was ist denn das? Ah. Von Aichen. Der Gabelstabler-Firma. (Kurze Pause) Boah!!! Schau dir mal DIE an! Die hat ja größere Titten als ihr KOPF!“

Alter Kollege: „Die würde ich auch ordentlich ran nehmen wenn die mir über den Weg käme!“

Beide lachend: Muaahahahahaha!!!!

Paul war durchaus klar, dass vor ein paar Wochen seine Hauptbeschäftigung darin bestand, sich Nächte lang zu Pornografie selbst zu befriedigen, dennoch, widerten ihn seine Kollegen unglaublich an… Was waren das nur für Menschen? Hatten die denn gar kein Niveau? Sollten sie privat machen was sie wollten. Mussten sie deswegen aber so einen Scheiß herauslabern? Erstens konnte sich Paul nicht vorstellen, dass der kleine Maier 15 Weizen von gestern Abend auf heute Morgen getrunken hatte (vom darauffolgenden Schnaps ganz zu schweigen), zweitens war es ihm vollkommen fremd mit seiner eigenen Trinkleistung anzugeben. Wie alt waren sie denn? 17? Drittens beeindruckte es einen Drogenuser wie ihn herzlich wenig, viel Trinken zu können. Um sich von den Amphetaminen „herunter zu trinken“ (d.h. um die Wirkung des Speeds zu überdecken und bestenfalls dadurch schlafen zu können) gab es Nächte, an denen er eine Flasche Wodka in zwei Zügen geleert hatte – nur um immer noch sehr drauf und überhaupt nicht betrunken oder müde zu sein… Und es ist ja eine Sache eine Frau geil zu finden, man muss dann aber auch nicht so eine Grütze rauslabern als würde man sich in einer Fußballer-Umkleidekabine befinden. Oder in der Kommentarspalte unter einem You-Porn-Video. Verdammte Bauernproleten…  Was sollte das den vortäuschen? Männlichkeit?

 

Alter Kollege: „Früher habe ich auch gesoffen und die jungen Mädler bestiegen wie einen Fünftausender! Das kannst du mir aber glauben! 2 Mädler am gleichen Tag waren da keine Seltenheit!“

Junger Kollege: „Das kenne ich!!!!  Wenn ich einmal LOSLEGE, ABER DANN!“
Worauf sich Paul dachte: Jetzt reicht der Schwachsinn aber.

Abrupt hob er den Kopf vom Tisch und legte die Fakten auf den Tisch. Er zeigte auf den jungen Arbeitskollegen und blaffte ihn an: „Du bist Scheiße, Mann!“ Paul richtete seinen Finger auf den älteren Kollegen: „Und du warst schon IMMER Scheiße! Hört ihr euch überhaupt zu?“

Alter Kollege: „Was hast du denn?“

Junger Kollege: „Ja! Was stimmt denn mit dir nicht?!“

Paul stand auf und ging einfach wieder an die Arbeit. Wie konnte man in so einer Umgebung NICHT Drogensüchtig sein? Hatte er überhaupt jemals eine andere Chance gehabt?

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Absolution 38 – Tätersuche

Dreizehn schlaflose, wirre Stunden später stand Paul verplant im Lidl und konnte sich nicht entscheiden, welche Tiefkühlpizza besser zu seinem Charakter passte: Eine No-Name oder „Doktor Oetker“. Unvermittelt spielte sein  Smartphone „Human after all“ von Daft Punk ab. Pauls Reaktion darauf war ein Seufzen und Fummeln in seinen Taschen nach dem Telefon. Es war heute in der Arbeit schon hart genug gewesen. Irgendwie hatte er sich durchgemogelt, ohne allzu viel Aufsehen zu erregen. Wie so oft. Er hatte Dienst nach Vorschrift abgespult, mit dem Motto: Lieber heftiger ranklotzen, dann stellt auch niemand irgendwelche dummen Fragen. Sich nur nicht gehen lassen, konzentriert bei der Arbeit bleiben. Die ersten Stunden waren wie immer die beschissensten gewesen. Hatte man die aber mal hinter sich, klappte auch der Rest des Tages. Nur nicht der Stimme im Kopf nachgeben, dass man doch voll im Arsch sei und einfach heimgehen sollte; die Variationen der Ausreden um früher zu gehen sind unendlich und wurden mit den Wochen dennoch immer dämlicher. Er konnte nicht schon wieder einfach abhauen. Also einfach durchziehen. Um danach zuhause ins Bett fallen zu können. Und nun doch wieder Daft Punk… Der Fettsack rief an. Natürlich.

„Servus. Dicker, bist du fertig mit der Arbeit?“

„Ich bin MEHR als fertig… Ich bin Hundemüde und…“ begann Paul zu lamentieren.

„Du bist IMMER Hundemüde! Du musst sofort vorbeikommen! Hast du das Bild nicht bekommen?“

„Doch, klar. Heftige Sache… Aber ich bin so im Arsch…“
„Ausreden gibt´s da jetzt nicht. Kriegsrat. Du musst rüberkommen. Heute! Müdigkeit vortäuschen zählt nicht!“
„Wieso denn vortäuschen?…“
Pause.

Dann der Fettsack: „Dicker. Ich brauch dich.“

„Oh fuck… Ja. Ich bring noch meinen Scheiß heim. Bin Einkaufen.“

Eine halbe Stunde später saß Paul tatsächlich auf dem Sofa im Bosporus. Er war total durch. Und beeindruckt. Wie der Fettsack den „Junkie“-Schriftzug so schnell von der Scheibe bekommen hatte.

„Mitm Golfschläger.“ War die Antwort. „Erschien mir als schnellste und beste Lösung… Diese Wichser!“

Paul (langsam im Kopf): „Mitm Golfschläger?“

Boris, den alle Bobby nennen, drehte sich abschätzig zu Paul um und erklärte es ihm schmunzelnd: „Du Trottel. Er hat die Scheibe eingeschlagen.“

Paul mochte Bobby. Zwar war er einer dieser „falschen Freunde“, mit denen sich der Fettsack umgab. Einer von den Typen, mit denen er nichts gemeinsam hat, außer die Sucht nach Drogen und Partys. Trotzdem mochte Paul Bobby. Vor ein paar Jahren waren sie sogar einmal sehr gute Freunde gewesen. Dann aber, hatte das Leben so gespielt.

Paul total überfordert: „Wo hast du denn GOLFSCHLÄGER her?“

Fettsack: „Ist doch egal! Mann!“ Er zog vor lauter Wut die Bong schlürfend durch. Schüttelte kurz den Kopf und lies den Rauch wieder aus seinen Lungen qualmen. „Die mach ich fertig!“

„Und wen?“ fragte Paul, der immer noch irritiert über das Golfer-Geheimnis seines Freundes war und nuckelte an seinem Spezi.

„Irgendwelche NEIDER!“ raunte der Fettsack.

„Joa“, nickte Bobby. „Ist ne Theorie. Verdammter Kleinstadt-Scheiß. Die gönnen es halt niemandem seinen Erfolg auszuleben. Weil die nichts auf die Reihe bekommen als über andere zu lästern.“

Die anderen Zwei nickten.

„Ich hab dir das aber schon dutzende Male gesagt: Du musst dich mehr unters normale Volk mischen. Die zerreißen sich doch hinten rum das Maul über dich. Du glaubst gar nicht wie oft ich auf dich angesprochen werde, was denn jetzt wieder bei dir los war“, fuhr Bobby fort und stopfte sich neben zu einen Topf für die Bong.

„Scheiß drauf… Ich hab keinen Bock unter Leute zu gehen…“ grummelte der Fettsack.

Paul sah müde Bobby dabei zu, wie er den Topf durch die Bong sog. Dann lachte Bobby: „Unter Leute… Unter Leuten… Klingt nach Juli Zeh. Hast du das gelesen?“

Paul: „Hä?“

Bobby: „Na UNTER LEUTEN! Das Buch von Juli Zeh!“
„Was? Ne… SPIELTRIEB hab ich mal gelesen. Fand ich aber… Poh… Sehr unglaubwürdig geschrieben.“
„Die hatte doch noch… Die hatte doch noch… Mensch…“ Bobby rang mit seinem bekifften Selbst, „So´n anderes Buch… Irgendwie mit Staatlicher Überwachung oder so. Internet… Weiß nicht mehr… (Pause) Das war aber gut.“
Paul: „Ja… Puh…“

Fettsack: „WAS JUCKT MICH FUCKIN JULI ZEH, MANN!“

Bobby, total bekifft: „Das nenn ich mal ne Kritik. Voll korrekte Message, Diggi.“

„Mann! Fuck!“ fluchte der Fettsack. „Ich will wissen welcher Psycho, das scheiß JUNKIE auf meine Scheibe gesprayt hat!“

„Ach gesprayt… Deswegen Golfschläger… Da hätte es Terpentin aber auch getan. Geht ganz easy wieder ab“, merkte Paul an.

Fettsack: „Auch schon egal. Mir war danach… Scheiß auf die Scheibe… Wichtiger ist, WER das war. Gar keine Ideen?“

Paul: „Hast du irgendwen abblitzen lassen? Gibt´s irgendwer der sich von dir beschissen fühlt?“

„ICH HAB NIEMANDEN BESCHISSEN! Was ich hier Geld für den Scheiß raushaue! Da bin IMMER ICH der Beschissene! Ich zahle IMMER MEHR für korrektes Zeug. Aber meistens dann doch wieder nur MIST den sie mir verticken wollen!“

„Könnten wir beim Thema bleiben? Irgendwelche Feinde?“, Paul riss sich zusammen und wollte die Unterhaltung voranbringen. Sonst würde er hier nie wieder wegkommen.

„Ich hab keine Feinde…“
Mit einem schiefen Blick auf Bobby, der inzwischen einfach nur platt im Kanapee hing wie ein Boxer in den Seilen. „Oder ehemaligen Freunde?“

Blitzgescheit und plötzlich sehr wach sah Bobby Paul an und machte: „Hm.“
„Ganz ehrlich. Kein Plan“, der Fettsack resignierte ein wenig.

„Mit dem Neid. Mit dem hast du wahrscheinlich recht“, auch Bobby riss sich jetzt zusammen. „Doch wen interessiert das denn überhaupt? Scheiß doch auf die ganzen Deppen, die einem ehrlichen Händler und Großverdiener seinen Erfolg streitig machen wollen.“

Paul: „Stimmt doch. Wenn´s die einzige Aktion in der Richtung bleibt, dann verbuch das unter Neider. Und ganz ehrlich. Könnte schlimmer sein.“

„Es könnte aber auch noch schlimmer werden“, grollte der Fettsack.

„Da hast du Recht“, nickte Paul und trank sein Spezi leer. Er nahm sich vor einmal mit Chris zu reden. Nein. Er musste mit Chris reden. Ansonsten fiel ihm kein Verdächtiger ein. Doch das konnte er dem Fettsack nicht sagen.

„Was sagt eigentlich deine Frau dazu?“ erkundigte sich Paul.

 

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Absolution 37 – Der Anfang vom Ende

Kapitel 13

„Puh“, puhte Paul. Zurück in der realen Welt, rieb er sich erst einmal die roten, wunden Augen. Schlief er? Hatte er geschlafen?…

Die Wände seiner Wohnung waren kalt und steril.

Was war diese andere Welt? Wahnvorstellung? Traum? Wirklichkeit? Zeitvertreib?… Einfach nur ein Ausweg seines Verstandes sich vor einer Realität zu retten, mit der er schon lange nicht mehr klarkam? Spielte es überhaupt eine Rolle? Was juckten ihn diese blöden Kinder. Immerhin schmerzte ihm nach diesem Trip keine Stelle seines Körpers. Er war weder wundgelegen, noch wundonaniert. Seine Rückmuskulatur vom falschen Sitzen nicht verzogen. Tatsächlich hatten seine „Kurztrips“ in die Welt des Dschungelvolkes die ganze Idee seiner einsamen Sessions über den Haufen geworfen. Es zog sich weder Pornografie rein, noch hatte er seine Triebabfuhr. Er wusste nicht einmal, ob die Drogen überhaupt noch wirkten; okay, ohne die Drogen gäbe es auch keine Reisen. Schließlich musste er immer „drauf sein“ sein, um in der anderen Welt „drin zu sein“. Merkwürdig blieb, dass er sich in der anderen Welt immer mehr wie in der Wirklichkeit gab… Er war nicht mehr der, der die Geschichte formte und alle Figuren beherrschte. Er entschied nicht mehr wie es weitergehen würde, noch wie sich die Leute zu verhalten hatten. Irgendwie… Wurde sein Wahn von dem von ihn erdachten Figuren demokratisiert… Was passiert da? Dennoch war nicht abzustreiten, dass ihn diese „Reise ins Ich“, dieser Fantasy-Trip ebenso süchtig machte, wie seine Selbst-Sex-Sessions zuvor… Paul hatte viel über sie nachgedacht, über diese Porno-Träume. Warum er es tun musste, weshalb er diese Form der Selbstbeherrschung brauchte… Und so irre es war: Es ergab Sinn. Es machte einfach Sinn vor den Leiden der Tatsächlichkeiten in eine bessere Welt zu fliehen, in der er der omnipotente König aller Möglichkeiten und Lebensformen war. Aber dass jetzt… Irgendwie… Fehlten ihm seine Sexträume. Und doch… Vielleicht war dieser Fantasy-Kram einfach nur ein Ausweg, den ihm sein Verstand aus seinem selbsterwählten Dilemma der Einsamkeit zeigen wollte. Möglich, dass dieses Fantasy-Zeug eine unterbewusst logische Fortsetzung seines Dilemmas war. Ob es sich hierbei nun um einen Ausweg oder eine Verschlimmerung der Situation handelt, konnte er bei Gott nicht feststellen. Wie auch immer.

Er seufzte abermals. In seinem Zimmer roch es nach Lösungsmittel. Vielleicht. War es auch nur der Geschmack in seinem eigenen Mund.

Wasser. Hilft. Immer.

Er fühlte sich gar nicht verspannt wie sonst, als er sich ziellos in seinen 4 Wänden umsah. Nur müde. Ja. Müde war er. Was eine gute Sache war. Schlaf ist und bleibt die einzige Form von Erlösung…

Ein Lichtschein an der Wand erregte seine Aufmerksamkeit. Hatte er den Kühlschrank aufgelassen? Paul verdrehte seinen zähen Körper in die Richtung des Geräts. Er konnte sich gar nicht… Auf war das Ding trotzdem. Das Kühlschranklicht war die einzige fremde Lichtquelle im Raum, bis auf den PC-Bildschirm, der unterkühlt sein trauriges Licht an die sterilen Wände warf. Das Surren des Kühlaggregats als das einzige Geräusch im Raum. Viel lauter als der schnaufende Ventilator seines Rechners.

Mit leicht verspannten, knacksenden Gliedern ging Paul hinüber zu seinem Kühlschrank, in seine Küche, bei der zu allem Überfluss auch noch die Türe auf war und theoretisch die Nachbarn hineinsehen konnten. Paul schloss den surrenden Kühlschrank.

Pauls innere Stimme: „Hm. Das Gehirn speichert nicht jeden unsinnigen Kram, den wir Menschen machen. Sonst würden wir verrückt werden.“ Irgendwo hatte er das mal gelesen. Wahrscheinlich im Internet. Klang trotzdem logisch. Neben dem Kühlschrank standen zwei Flaschen Wasser, von denen er zwar auch nicht wusste wann er sie dort hingestellt hatte (Paul stellte nie 2 geschlossene Flaschen nebeneinander irgendwohin), nur war ihm dieser Umstand egal. Er nahm einen tiefen Schluck, schnappte nach Luft und fasste in dem fürs erste Mal das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen. Ist nicht so besonders gut zu viel Chemie in einem trockenen Mund zu haben. Nicht das ihm auch noch vom Speed die Zähne abfaulen.

Seine Beine fühlten sich weich an. Wie aus Gummi. Jeden Schritt den er hinüber in sein Bad machte, ist vorsichtig gewählt und exorbitant leise, so als ob er an jemanden vorbeischleichen müsste. Eine unbewusste Reaktion auf die absolute Stille, die ihn umgab. Er verfiel oft in dieses Nächtliche Schleichen durch seine Wohnungen und hatte sich selbst daran gewöhnt. Auch aus den Nachbarwohnungen war kein Geräusch zu hören. Es war schon zu spät. Zu dunkel. Zu sehr Schlafenszeit. Das einzige Geräusch schien das Rauschen des Mondes zu sein, wie er dort oben über das Firmament glitt.

 

Die Überraschung die im Bad auf ihr wartete, registrierte er sofort. Nicht jedes Detail springt einem auf Speed gleich ins Auge. Je nach Draufheitsgrad kann man schon mal Details übersehen, wie Handwerker auf dem Balkon oder andere, vergleichbare Dinge, die gerade nicht im Aufmerksamkeitsfokus des Druffis liegen. „Spontan“ ist man selten auf Drogen. Doch was im Fokus liegt und einen gewissen Erwartungsgehalt besitzt, wird mit höchster Disziplin vom Verstand erfasst und verarbeitet. Das war bei dem Post-It-Zettel nicht der Fall, der mittig auf seinem Badezimmerspiegel klebte. Paul bemerkte ihn aber sofort. Seine Reaktion war: Totale Verwirrung. Seine ganze Körpersprache, sein ganzes Gesicht wurde zu einem einzigen: „Hääähhh? What the…?“ Er kniff seine Augen zusammen um mit seinen von den Drogen geweiteten Pupillen etwas erkennen zu können, riss den Klebezettel von seinem Spiegel und konnte darauf seine eigene, krakelige Schrift dechiffrieren, die ihm mitteilte: „Katha ficken.“ Paul. War baff. Wann hatte er?… Und warum? Er ließ den Zettel sinken und blickte sich selbst mehr als ratlos in dem Spiegel an. Sie sahen sich in die Augen. Er und der andere. Dieser Fremde, der ebenfalls so überrascht war wie er selbst.

„Katha ficken?“ seine eigene Stimme erschreckte ihn. Ebenso wie Paul sein eigenes Spiegelbild nicht geheuer war. Das war es ihm nie, wenn er Drogen genommen hatte. Sich nur nicht zu lange selbst in die Augen schauen. Schnell inspizierte er noch einmal das Post-It. Das war seine Handschrift. Keine Frage. Nicht schöngeschrieben. Aber trotzdem. Wann und… Warum? Hatte er das aufgeschrieben und an seinen beschissenen Spiegel geklebt? Damit er es selbst finden würde? Warum musste er sich überhaupt daran erinnern? War es denn nicht offensichtlich das er… Was von Katha WOLLTE? Weshalb sollte er ZUR ERINNERUNG so einen blöden Zettel ausfüllen? Was wollte er selbst sich damit sagen? Wieder sah er sein dumm guckendes Ich im Spiegel an. Die Vulgarität seiner Notiz verdutzte ich noch mehr. „Ficken“ zu denken war kein Problem für ihn. Aber als AUFGESCHRIEBENE Notiz? Das passte nicht zu ihm. Was ist denn hier los?

„Cool bleiben.“ Sagte er sich in Gedanken. „Das ist jetzt ein wenig strange. Okay. Aber… Könnte schlimmer sein. Man sollte vielleicht nicht zu viele Drogen nehmen, wenn man eh ein wenig durch ist. Und der Schlafmangel! Denk an den Schlafmangel! Ja genau! Den darf man nie außeracht lassen. Der führt oft zu einigem Irrsinn. Gut das du mich daran erinnerst… Klar. Kein Problem… Mit wem rede ich überhaupt?“

Das wurde ihm jetzt doch ein wenig zu irr… „Hör auf mit dir selbst zu reden! Gute Idee! Ahhh!… Halts Maul!“ Paul zerknüllte den Zettel, machte schwunghaft das Licht aus, ging durch das Wohnzimmer wieder hinüber in sein Schlafzimmer und warf sich nackt in die Laken. „Einfach. Ruhe. Jetzt. Niemand sagt was!“

So lag er da. In der Stille. Eine Minute lang. Zwei Minuten. Dann gingen die Gedanken wieder von vorne los. Sich in der Dunkelheit von irren Drogen-Gedanken überrennen lassen, die sich dann im Kreise drehen, bis sie plötzlich zu einem Strudel aus Wahnsinn werden, in der er sich immer wieder die gleichen Fragen stellte, bis er auf irgendeine Lösung kam, die er dann dank der Drogen wieder sofort vergessen würde, und das alles wieder von vorne beginnen würde, wie in schon viel zu vielen Nächten, ne, auf den Scheiß hatte er jetzt keinen Bock. Zu oft war er in absoluter Dunkelheit dagelegen und hatte sich selbst verrückt gemacht und jeden möglichen Unsinn eingeredet, bis er am Ende gar nicht mehr wusste, was wahr ist und was er sich ausgedacht hatte; Dunkelheit und Drogen: Ganz schlechte Idee. Er war viel zu unkonzentriert um jetzt klar zu bleiben… Reize! Er brauchte Reize. Irgendwas, was ihn ablenken würde. Das Handy! Natürlich! Alle sehen auf ihr Handy um sich abzulenken! Guter Plan, dann würde er diesen blöden Zettel gleich vergessen haben. Irgendein Quatsch auf Instagram würde ihn bestimmt unterhalten. Was sollte das auch mit dem Zettel? Ist doch eh egal. Ist doch nicht schlimm. Manchmal, ist man halt ein wenig durch. Passiert. Und das nicht zum ersten Mal. Wahrscheinlich auch nicht zum letzten…

Er ertastete neben seinem Bett das am Ladegerät angesteckte Smartphone, stöpselte es ab, machte es an (das Licht war hell, erschreckend hell und doch sehr angenehm in der Dunkelheit seiner Drogenparanoia) und sah sofort, dass der Fettsack ihm vor etwa drei Stunden eine Whatsapp-Nachricht geschickt hatte. Es war ein Foto, unter dem stand: „Weißt du irgendwas darüber?“ Paul kniff wieder die Augen zusammen. Das Handy war schon verdammt grell in dieser absoluten Dunkelheit. Aber er kannte das was auf dem Bild war. Das Foto zeigte… Wenn er das richtig sah und sein Kopf das Bild richtig zusammenfügte. Eine Außenaufnahme des Bosporus. Dem kleinen Club vom Fettsack. Die ehemalige Dönerbude. Auf dem Handyfoto war es eindeutig Nacht. Im Gebäude war es dunkel. Nur hatte von außen jatte irgendwer mit rosa Sprühfarbe: „Junkie“ auf die Scheibe gesprüht. Ja. Also. Irgendwer hatte an Fettsackshaus „Junkie“ geschrieben. Alter Falter! Harte Suppe… Was für ein Scheißdreck… Ob er darüber irgendwas wusste? Woher sollte Paul?… Wie in alles in der Welt?… Was zum Henker?… Warum sollte gerade er? Der Fettsack dachte doch nicht etwa?

Paul. Begriff. Nichts.

Er knippste das Zimmerlicht an. Warf das Handy in die Laken und holte sich aus dem Kühlschrank ein kaltes Bier. Er köpfte es und setzte sich vor dem Kühlschrank auf dem Boden. Ganz ruhig bleiben.