Der Text zur Nacht (222) Nicht schwul, nur einsam.

Zuerst ist da ein scheuer Kuss. Ein Märchen-Kuss. Wie aus „Aschenbrödel und die drei Haselnüsse“. Keine Ahnung ob da wirklich geküsst wird, es ist ein nur kindisch unschuldiger, fast beiläufiger und doch immens wichtiger Kuss, das Ende einer Märchen-Romanze, die mit dem Auftreffen der Lippenpaare aufeinander ihren absoluten Höhepunkt erreicht, ein Höhepunkt, fernab jeder wirklichen Sexualität, wie es in solchen nachgestellten und dadurch wahren Film-Märchen erzählt wird, in denen die Liebe ein geheimnisvolles, packendes Spiel ist, für das jeder Beteiligte bereit ist, einige Abenteuer zu erleben…

Ein Jungfräuliches Abenteuer, mit der Ahnung, aber nicht dem Wissen, dass es da noch mehr geben muss…

Sein Mund schmeckt nach Rauch und es ist irgendwie unwirklich, seine Zunge auf meiner zu spüren.

Das geschieht hier wirklich. Und doch bin ich mir nicht sicher… Ob…

Und Alles spielt überhaupt gar keine Rolle. Doch…

Ich kann nicht sagen…

Meine Augen sind geschlossen. Der Körper wohlig warm. Noch immer kriechen warme Schauer von erregten Schlangen unter meiner Haut hindurch, die Muskeln entlang – das ist die Droge, die mich von innen her erwärmt.

Als sich unsere Lippen trennen, halte ich weiter meine Augen geschlossen; hätte ich sie geöffnet, wären sie leicht verdreht gewesen. Meine Kiefer beißt und schiebt sich fest zusammen, wie ich so daliege.

Alex streichelt mir mit seinen Fingerspitzen durch  meine verschwitzten Haare. Ganz zärtlich. Als wäre ich ein zerbrechliches, hilfloses Küken.

Ich fühle mich wie im Mittelpunkt des… Ja… Es tut mir leid für diesen banalen Vergleich: Ich fühle mich wie im Mittelpunkt eines Lichts. Ein großes, warmes und dabei nicht blendendes Lichtes, das von Innen und doch von überall her scheint.

Wäre mir der Zugang zu koordinierten Gedankengänge möglich, würde ich an eine wunderschöne Nahtoderfahrung denken. So kitschig und schön fühlt sich das in mir drinnen an. Und außen… Ja. Die Distanz zwischen Alex und mir ist vollkommen verflogen. Die Welt ist auf uns Beide zusammengeschrumpft.

Keine Ahnung wie lange ich da in seinem Schoß liege. Klebrige Stunden. Flüssige Wochen. Viskoses Daseins….

Weiterhin habe ich keine Ahnung. Wann er begonnen hat „New York , I love you“ von LCD Soundsystem flüsternd zu singen. Wie ein liebevolles Wiegenlied. Dass man seinem Geliebten vorsingt, während draußen das Phantom der schmerzvollen Realität versucht mit… Und dann doch nicht. In diesem gleißenden Auge des Orkans. Dem Ruhezentrum der Mächte.

„I love you“

Alles ist absolut. Seltsam. Und schön. Und ohne Halt. Ein Frieden der sich selbst nicht aussprechen oder erklären muss. Es auch nicht könnte.

Das hier fühlt sich wie „Heimat“ an… Zuhause. Ein Lebkuchenhaus der Erinnerung.

Ja. Ich bin nicht schwul. Hatte niemals diese Neigung. Bin dennoch nicht schockiert. Hier bei ihm zu liegen… Denn wer sich mit Drogen auskennt, der weiß, dass man selbst im dichtesten Zustand nicht gegen sich selbst handeln kann. Gegen sein Innerstes. Und falls man es doch tut verrät man sich nicht, nein, man erkennt nur eine neue Nuance, die schon immer in einem selbst verborgen lag. Die man wegsperrte und für die man sich vielleicht am nächsten Tag schämt: Egal. Es war immer schon da. Immer schon ein Teil von dir.

Ganz gleich wie sehr du dich auch später verleugnest.

Nicht. Ich bin nicht schwul. Ich bin einfach nur einsam. Und ich will nachhause. Nach Hause… In ein Zuhause. Das nirgendwo ist, sondern nur ein leerer Ort in meiner Vergangenheit. In meiner Seele. In meinem Herzen.

Hier. Mit Alex. Fühlt es sich nach „Zuhause“ an.