In aller Freundschaft: Die Vergangenheit endet nicht

„Was is?“ Daft Punk haben mich geweckt. Mit ihrem Lied/mein Klingelton „Human after all“ haben sie mich aus dem Reich der Träume gerissen, in welchen ich durch Berge und Täler voller Zuneigung und Ablehnung gewandelt bin, ohne zu wissen was Realität überhaupt ist; absolutes, erschreckend klares Traumbewusstsein. Zweites Gesicht.

Der Mund zu dem englischen Namen auf meinem Display krakelt: „Kannst du mich sofort abholen und zu meinem Auto fahren? Ich muss doch meine Tochter abholen!“

Ich seufze. Dann. „Okay. Aber nur wenn du dir dieses Mal nen BH anziehst.“

„Was?“

„Bin gleich da.“

Freunde. Was wäre das Leben ohne sie? Ohne diesen ständigen Input ihrer Charaktere. Ihrer Liebe. Ihrer Lautheit. Ihrem Mitgefühl. Ihrer Wut… Dieser Konfusion wenn verschiedene Gefühlswelten aufeinanderprallen und man im Prinzip gar nicht wirklich versteht, weshalb man mit diesen Menschen befreundet ist, und was die wiederum an einem selbst finden. Man mag und versteht sich – und das reicht. Eine absolute unkomplizierte Bindung zueinander, die man bei echten Freundschaften nicht wirklich in Frage stellt. Wieso auch? Das ist halt einfach so.

Ihr Lippenstift ist blau, das Gesicht bleich geschminkt, die Haare dunkelst schwarz gefärbt. Das Schlagwort heißt: „Technopagen“. Eine Mischung aus Schamanismus und Technologieverliebtheit. So eine Cyberpunk-Geschichte.

Sie zieht die Zusatzlose Lucky Strike aus ihrem blauen Mund und hält sie mir hin: „Da zieh doch mal! Fährst mich ja extra.“

„Ne danke. Dafür ist es jetzt echt zu früh. Und wieso fährt dich eigentlich nicht dein Typ von gestern zum Auto?“

Ich bremse meine Karre bei ihrer ab, woraufhin sie mich auf die Wange küsst und dort einen blauen Fleck zurücklässt, der gar nicht weh tut.

Und was jetzt?

Beim Bäcker treffe ich X, den großen Bruder von Y, wie er gerade sein Kleinkind in den Kindersitz bindet. Wir geben uns die Hände. Smalltalk. Das letzte Mal habe ich X vor ein paar Jahren gesehen, als er irgendeinem Kerl die Scheiße aus dem Leib geprügelt hat; wortwörtlich, echt jetzt. Keine Ahnung worum es da ging und ich habe meine Zweifel, ob X darauf heute oder am Tag nach der Aktion darauf eine vernünftige Antwort hätte geben können. Jetzt hat er seinen eigenen kleinen Scheißer. Und die sehen ganz glücklich aus. Auch wenn das Kind wie irr zu schreien anfängt, als wir beginnen uns zu unterhalten.

Dann wieder die Hände.

Und schon wieder das Telefon.

10 Minuten später steige ich hinten in den großen, schweren, schwarzen SUV. Sehe durch das Glasdach den blauen Himmel an. Dann stehen wir auch schon im Rohbau, den er sich einen verdammten Haufen Geld kosten ließ. 20 Meter über den Boden, wo letztes Jahr zu dieser Zeit nur eine Grube war. Ein Firmen- und Wohngebäude. Und wie wir da so stehen in der ganzen Wucht des Neuerbauten kann ich dazu nur sagen: „Fuck. Das Ganze sieht so gut aus, man kann sich gar nicht vorstellen, dass du damit etwas zu tun hast.“ „Ich habs ja nicht gebaut oder geplant, sondern nur bezahlt. Komm. Ich zeig dir jetzt mal deine Wohnung.“
Wir gehen also wieder runter vom Penthouse und er zeigt mir eine große, weitläufige Ziegelwohnung, in der ich gut und gerne mit meiner Freundin leben könnte. Seine Frau sagt zu mir: „Der Marmor aus Italien kommt noch.“ Ich nicke. Sehe aus dem frischverglasten Fenster runter zum anliegenden Friedhof. „Ideale Nachbarn“, zwinkert er mir zu.

Wir kennen uns seitdem wir Kinder sind. Haben fast alles miteinander geteilt; die guten und schlechten Freunde, und ebensolche Frauen und Drogen. Haben jeden Quatsch zusammen gemacht. Und die Vergangenheit endet ja niemals wirklich. Die Gegenwärtigkeit unserer gemeinsamen Historie bestimmt jeden Moment während wir zusammen sind. Lausbuben. Schwerenöter. Gelegenheitsjunkies. Witzfiguren. Klugscheißer. Beste Freunde fürs Leben. Und bei aller Freundschaft und Dampfstrahlduschen: Will ich mit dem dann auch noch wirklich in einem Haus wohnen? Das kann doch gar nicht gut gehen…

Er lacht sein großes schweres supersympathisches Lachen und ich kann nicht anders als einfach mit zu Lachen. Wie immer.

Im Briefkasten zuhause finde ich dann doch die Fußball-Karten für nächste Woche, die ich gestern dort wohl übersehen hatte. Eigentlich wollte ich lieber feiern gehen anstatt ins Stadion, die Ukrainerin Marika Rossa legt ihren Stampf-Techno in Augsburg auf. Man hat sich stattdessen auf einen Kompromiss geeinigt, auch wenn der Kompromiss von mir kam. Der andere fühlte sich zu wichtig zum Einlenken. Solche Freunde habe ich auch. Eine ganze Menge sogar. Die, auf die ich wegen meinem Gemüt wohl meistens hereinfalle.

Diejenigen, die erst aus den unterschiedlichsten Gründen den Psychorappler bekommen und dann, wenn es ihnen nach einiger Zeit wieder besser geht, sich erst recht wie Arschlöcher aufführen. Denn sie verstehen nicht, dass sich in ihrer schlechten, psychisch kranken Zeit alles um sie drehen musste, wofür ich Verständnis habe, aber dann immer (bei wirklich jedem) nach der Krankheit sich ein neues Selbstbewusstsein entwickelt und sie sich deswegen – da sie sich geheilt fühlen – noch viel schlimmer, blöder und egoistischer verhalten als jemals zuvor, da sie jetzt glauben, dass sie sich nun nach der langen Krankheit ein gewisses Verhalten verdient hätten und sich ihr Mittelpunktsverhalten einfach vorsetzt, wofür ich kein Verständnis habe.

Wie wäre es denn mal mit ein wenig Demut? Mit Dankbarkeit? Mit Respekt?  Nun. Mit mir kann man das leider machen.

Warum hängst du überhaupt  mit denen rum? Fragen mich Freunde über meine anderen Freunde. Und für mich ist die Antwort ganz einfach: „Weil wir Freunde sind.“ Loyalität hat viel mit Liebe zu tun; Liebe soll bekanntlich auch blind machen.

Wenn ich von hier 500 Kilometer weit wegziehe sollte werden mir meine Freunde sehr fehlen. Aus den falschen und aus den richtigen Gründen. Aber ja. Die Vergangenheit endet nie.

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