Das Haus der kalten Ecken

Der „Jonas Komplex“ von Thomas Glavinic ist wie ein Triptychon geschrieben. Eine der drei Geschichten handelt von einem kleinen Jungen, einem Schachgenie, dass, wie es das Klischee über „Schachgenies“ und „Genies“ im Allgemeinen  in der Literatur oft an sich hat, ein einsamer Außenseiter ist, der zuhause niemand hat und auch dort draußen, in der großen Welt, streifen ihn die Menschen nur wie Geister, die kommen und gehen, aber niemals längere Zeit bei ihm bleiben, ähnlich Reisebekanntschaften, die auch immer nur kurz auftreten und verschwinden.

Dieser Junge, der erinnert mich schwer an mich selbst. Wahrscheinlich geht das vielen Kindern so, die dieses insgesamt eher mäßige Buch lesen. Es ist eben auch ein Buch über die Einsamkeit und wie man damit umgeht. Wie man alleine gelassen wird oder die Einsamkeit sucht; der Junge sucht sie nicht. Er hat den Drang am Leben teilzunehmen und geliebt zu werden. Doch da ist nur die kalte, leere und für ein Kind viel zu große Wohnung, die in der Tatsächlichkeit der Erwachsenen eher schmal bemessen zu sein scheint, da sie, im Gegensatz zum Knaben, eine Ahnung davon haben, dass ihnen die ganze Welt offen stehen könnte.

 

Das Kind kennt jeden Winkel dieser vertrauten Wohnungszelle, in der es darauf wartet bis jemand kommt, der es, wenn auch nicht gleich liebt, zumindest füttert. Geschieht das nicht, wenn keiner da ist, es nicht einmal die Perspektive gibt um diese oder jene Uhrzeit „jemanden“ anzutreffen, was häufiger vorkommt als es sich die helikopternden Eltern der Gegenwart vorstellen können, sucht man sich halt irgendwo im Haus etwas zu Essen, Konservendosen mit irgendeinem eingelegten Obst, alte Kekse, zur Not auch einen vertrockneten, zumindest leicht süßen Tee… Und erforscht auf diesen Expeditionen alle verstecken Winkel des Hauses, entdeckt Dinge und verstaubte Ecken, die von Erwachsenen längst vergessen wurden. Ein Haus kann eine komplette alte Welt sein. Voller Erinnerungen, ohne Gegenwart. Das Haus ist einfach da, in all den Stunden, in denen es keine Freunde gibt, da die etwas Besseres zu tun haben, an jenen nicht enden wollenden Nachmittagen, an denen DIE was mit ihren Eltern machen und man selbst nur das nervige Kind ist, dass in der heilen Welt anruft – und genervt abgewimmelt wird: „XY hat keine Zeit.“ „Schade…“ Ich nämlich schon… Viel zu viel davon…

 

Wenn Vater zuhause ist, ist er betrunken. Er hat es ja auch nicht leicht. Das hört das Kind aus seiner betrunkenen Stimme heraus. Die Frau weg. Und die anderen „Weiber“ machen nur Ärger. Wohin ist die schöne Familie die man sich aufgebaut hat? Da ist nur dieser fremde Junge im eigenen Haus, der weder mit ihm noch mit sich selbst etwas anzufangen weiß… Das Kind, dessen Namen man selbst ausgesucht hat, ist zu einem Fremden herangewachsen.

Ich erinnere mich noch an die Abende, als mein Vater im Essenzimmer schlief. Sturzbetrunken, den Kopf auf der Tischplatte. Schnarchend. Niedergestreckt wie ein gefällter Baum. Neben sich das halbleere Weizenbierglas. Daneben das immer gleich wieder ganz leere Schnapsglas. In dem „Bärwurz“ war. Dieser seltsame klare Schnaps aus der Steinflasche, der einen abgestanden apathischen Geruch aus dem leeren Glas heraus atmete. Der Junge hatte kein Mitleid mit Vater; der auch nicht mit ihm. Denn wenn Vater nicht kaputtgetrunken im Esszimmer am Tisch lag, machte er Radau. Der Junge bekam es ab, da er zu jung zum Davonlaufen war. Seine größeren Schwestern hatten es da einfacher. Sie waren alt genug und konnten je nach Belieben aus den Ruinen der Familie davon fahren, oder sich zumindest abholen lassen.   Von tapferen Rittern in schnellen Wagen mit lauter Musik. Nena sang. „Ich geh mit dir wohin du willst“.

 

Vater war kein Schläger, aber auch kein Mann des Wortes. Und vielleicht taten sie gerade deswegen der jungen Seele so weh, da die Worte nicht geschwollen gewählt waren, sondern schwer und bloß waren wie die Tatzen eines Bären, die auf ungeschützte nackte Haut schlagen. Dass der Junge nichts wert ist, darf es sich häufiger anhören. Schlecht erzogen sowieso. Und die Schuld darüber trägt die Mutter… Das typische Blahblah des gepeinigten und verlassenen weißen Mannes.

Natürlich liebte Vater ihn. Der Junge ihn auch. Es ging nicht um einen Mangel an Liebe und Verständnis. Die Situation war es, die grausam war. Wäre da nur jemand gewesen, der sowohl Vater als auch Sohn gesagt hätte, dass Situationen nur vorrübergehende Erscheinungen sind. Und wirklich: Mit den Jahren lernten sie nebeneinander her zu leben. Irgendwann war dieses finstere Mittelalter ihres Lebens vergessen. Für den Vater auch vergeben, was für das Kind unmöglich geworden war, da sich diese finstere Mittelalter der Isolation in seine DNA einbrannte, wie es bei Kindern landläufig der Fall ist. Und aus dem Kind wurde Mann. Und Mann lernte zu Trinken. Aber niemals, noch kein einziges Mal in meinem Leben, habe ich mich mit meinem Vater betrunken. Obwohl ihm das unglaublich viel bedeuten würde.

„Zuhause“ habe ich nie vermisst.

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Panikherz – Benjamin von Stuckrad-Barre

„Benjamin von Stuckrad-Barre (BSB)? Ist das nicht der Typ der dieses Buch mit dem Kekswichsen geschrieben hat?“ War er übrigens nicht, gedacht hatte ich das aber schon. Jetzt also so ein DROGENBUCH. Ganz furchtbar, als gäbe es davon nicht schon genug. Selbst. Wenn ich bei diversen Arzt-Besuchen in Zeitschriften mit manchmal mehr und hin wieder weniger Bilder gelesen hatte, dass das Buch so „unglaublich gut“ sein solle. In der Buchhandlung entschied ich mich – zwei Bücher – in der Hand, dann doch für Juli Zeh, was natürlich eine grauenhafte Fehlentscheidung war, danach las sich der später also doch gekaufte Benjamin gleich viel geiler.

 

Drogenbuch? Auch. Und wenn man selbst ein Suchti war, liest man solche Bücher ja mehr wie Pornografie als zur Abschreckung, wie es eigentlich auch nur Kriegs, und keine Anti-Kriegsfilme gibt, die auch nur Leute sehen die Krieg aus irgendwelchen irren Gründen geil finden (bewusst oder unterbewusst) – solange sie nicht mittendrin stehen (das ist dann wie mit den Erdbeben im Film „Texas“.

BSB ist nicht der Typ der in „Crazy“ übers Kekswichsen geschrieben hat, sondern der andere, der auch „Soloalbum“ verbrochen hat; als Buch bestimmt ganz toll, als Film eine furchtbare Klamotte, wenn auch mit guten Hauptdarstellern (Matthias und Nora), was natürlich der schlimmste Verriss für einen deutschen Film sein kann: Wenn ausschließlich die DARSTELLER gelobt werden.

 

Benjamin verarbeitet in „Panikherz“ seine Lebenssünden und philosophischen Erkenntnisse ab, was sich wirklich super weg liest. Gerade die Stellen mit den Drogen. Ich weiß nicht. Andere würde das mit den Drogen vielleicht abstoßen, für mich aber spricht er Dinge aus, die selbst ich mich geschämt habe in meinem auf „ABSOLUTE WAHRHEIT“ getrimmten Drogen-Roman „Der Text zur Nacht“ aus zu erzählen.

 

Denn Benjamin von SB beschreibt nicht nur sein langsames Abgleiten in die Sucht (was keine großen Überraschungen birgt, typische Werdegang), sondern auch diese permanente Sucht und dieses ständige Kaputtsein. Er fokussiert sich auch NICHT wie andere Autoren dieses Genres der Selbsterlösungsbücher (und dafür bin ich dankbar) darauf, wie er in absolut grenzdebilen Momenten Dreck vom Boden einer Toilette geleckt hat weil er es für Koks hielt (z.B.) oder andere absoluten Abstürze, für die man sich als Leser gleich mit schämt, nein nein, dafür aber beschreibt er phänomenal unterhaltsam dieses ständige Draufgeseihe und was das für eine verdammte Arbeit ist, tagelang wach zu sein und dabei immer unterwegs und doch in der Wohnung eingesperrt; selbst da ist immer etwas los, man ist ja ständig wach und voller Energie – an manchen Stellen habe ich mich anerkennend kaputt gelacht, vor lauter Mitgefühl. Voll peinlich, absolut zerstört, kann man keinem eigentlich erzählen: Hab ich genauso gemacht! Der totale Drogenwahn.

Ich zitiere mal Seite 292 f:

 

„Der aus Süchtigenperspektive akzeptable Mittelbau, wenngleich eindeutig zweite Liga: Das sind Leute, die regelmäßig und ohne viel Tamtam Drogen nehmen, es aber IM GRIFF haben, was man daran erkennt, dass sie ein niedliches den Ausnahmecharakter indizierendes TUWORT für Drogennehmen benutzen: FEIERN.

Der wirklich Süchtige hat das lange hinter sich. Was anderen Feier ist, ist ihm Normalität, formal feiert er durch, nur empfindet er dieses Suchtgeschufte keineswegs als Feier, es ist eine vollkommen autistische Veranstaltung. Zwar ergibt es sich, dass passager andere dabei sind, aber mit einer Sucht ist man immer ganz allein, egal, zu wievielt man ihr gerade nachkommt. Die echte Sucht ist ein ganz nach innen gerichteter Irrsinn. Je dichter, breiter, zuer, druffer ich war, desto stiller wurde ich nach außen, denn drinnen tobte der Krieg. Man hat so dermaßen zu tun mit Zähnemalmen, Blinzeln, Chancenlos-Gedankenfetzen-Verfolgen; Lichtersternchen bängen auf die Netzhaut, gern mal ein paar Stündchen gekrümmt und mit komplett angespanntem Körper in irgendeiner Ecke hängen, als sei es die Steilkurve einer Bobbahn. Da ist dann nix mehr mit Eitelkeit, Komplexen, Rollenerwartungen. Außen mag passieren was will, die Party findet inwändig statt.“

 

So isses.

BSB hat aber im Leben zum Glück mehr vorzuweisen als eine respektable Sucht nach Kokain und einen Knacks was sein eigenes Körpergewicht angeht (Stichwort: Mädchenkrankheit). Der Mann war auch Journalist, Besteller-Autor, Drehbuch-Schreiberling und Witzebastler für Harald Schmidt. Und ganz wichtig: Ein riesiger Udo Lindenberg Fan. Diese Lindenbergerei ist es, die sich wie der einzige rote Faden (außer der Sucht) durch sein Leben zieht. Udo forever, immer und überall und da muss man als Leser halt durch, auch wenn man den Typen mit Brille und Hut gar nicht so leiden kann, wie z.B. ich.  Macht aber nichts. Es fügt sich alles super zusammen und am Ende mag man Udo sogar, auch wenn Udo eher ein Symbol ist als eine wirkliche Figur, da können die zwei Freunde geworden sein wie sie wollen. Diese Liebe zum Übervater, zum Startum, Erlösung durch Popularität, das ist gleich noch eine ganz andere Ebene die da herein kommt, noch schlimmerer und amüsanterer Jugendwahn als Drogensucht und die Träume vom ewig schmalen Arsch.

 

Namedropping wird in dem Buch eh großgeschrieben, sehr toll die Szenen mit Helmut Dietl und Bret Easten Ellis: Traumhaft. Diese Übermenschen werden… Nein… Sie bleiben Übermenschen: Nur mit sehr viel Herz. Das aber mit Thomas Gottschalk. Das geht ja nun gar nicht. AufgestellteNackenhaare beim Lesen. Ein Graus. Gottschalk ist ja schon dem Namen nach das ausverbalisierte Missverständnis eines Halbgotts…

Was jedoch ganz herausfällt sind die FRAUEN in seinem Leben. Das ist schon sehr auffällig. Gerade für mich persönlich, da die FRAUEN es waren, die mich aus meiner Sucht herausholten. Nun. Ich hatte auch keine Familie wie der Benjamin sie hat und hatte, die angetreten war um ihn zu erlösen. Irgendwas soll da einmal wohl mit Anke Engelke gewesen sein. Nun ja. Mehr Intimität wird da aber auch nicht erwähnt. Komisch. Diese totale Selbstentblößung hier und dieser absolute Schutz der Partner auf der anderen Seite. Bemerkenswert. Stört nicht. Jeder wie er will – und doch bemerkenswert. Es würde auch nicht ganz zum Thema des Buchs passen, denn hier ist nur Platz für den Fan und seine Stars.

 

Der Benjamin ist kein Dummer. Und so liest sich sein Buch auch. Es macht sehr viel Spaß und ist dabei überhaupt nicht traurig, obwohl so viel Traurigkeit und menschliche Makel erzählt werden. Melancholisch vielleicht, von Trauer nur keine Spur. Man muss ja nicht gleich Trauer markieren um im Rückspiegel die Philosophie des Weltbürgers und ewigen Fans zu etablieren.

 

Das Buch ist einfach gut und rund so wie es ist. Dabei. Macht es mir gar keine Lust die anderen Bücher von Stuckrad-Barre zu lesen. Das Ding gut so wie es ist. Mehr brauche ich gar nicht. Der ist für mich auserzählt – kein zweiter Akt 😉 Das ist etwas Gutes.

Tränengas gegen Dummheit

Niedergeknüppelt von Edelstahl-Tanks, die befüllt und entleert werden wollen; ausgezehrt von rasenden Pumpen, die aufheulen, wenn sie ihre Arbeit verrichten; erdrosselt von zu viel CO2, dass wir zum Leerdrücken der Behälter benötigen; genötigt von der Uhr, die immer zu wenig Zeit anzeigt; geschafft also liege ich auf meinem U-förmigen Kanapee, mit „Fenster auf“, und versuche „Erschlagt die Armen“ von Shumona Sinha zu lesen, eine tieftraurige Erzählung aus Frankreich über das Flüchtlingsproblem mit autobiografischen Zügen, die natürlich überhaupt nicht zu meiner Ermunterung beitragen würde, wenn da nicht der unglaublich tolle Stil wäre, in dem das Buch verfasst wurde. Liest sich also super. Dieses Elend. Der Welt.

Nur zur Ruhe komme ich nicht.

Draußen schreien die Kinder. Direkt vor meinem Fenster. Ich könnte sie mit kleinen, trockenen Papierbällen bewerfen, so nahe sind sie. Die Kinder schreien und plärren, plärren und schreien, und schreien und plärren, nur unterbrochen von dem mahlendem Geräusch von Hartplastikreifen, die über den Asphalt mahlen wie diese Planierraupe über die Totenschädel am Anfang des „Terminators“. Wenigstens fühlt es sich in meiner Seele so an.

Die Kinder schreien die ganze Zeit. Mutter schreit hinterher. Pause. Dann wird weiter geschrien. Immer im Kreis herum.

Mir reicht es.

 

Ich mache die Glotze an und dort laufen Nachrichten. Nachrichten aus Brasilien. Auch dort wird geschrien was das Zeug herhält. Es wird eine Demonstration gezeigt, nicht Olympia, irgendwie aber scheint dass aber doch das Gleiche zu sein. Eine Stimme aus dem Off erklärt, dass die Leute mit ihren Masken, die gerade mit Tränengas beschossen werden bis die Phalanx aus Polizeisoldaten in ihren Kunststoffpanzern auf sie Jagd machen, für ein besseres Sozialsystem und für mehr Bildung demonstrieren.

Ich denke mir dazu: „Ganz logisch eigentlich. Die Ungebildeten wollen mehr Bildung. Und weil sie gänzlich ungebildet sind, demonstrieren sie mit Gewalt. Woher sollen sie es denn besser wissen?  Wie könnten sie mit Worten oder Parolen argumentieren? Wer sollte ihnen schon vorstehen? Und welche Sprache müsste der Rädelsführer sprechen? Sie sind doch dumm und sozial schwach. Sie wissen es nicht besser.“ Und weiter: „Das ist die vernünftigste Demonstration die ich je gesehen habe.“

ZAPP mache ich die Glotze aus und bin ein wenig traurig, selbst nicht so vernünftig zu sein wie die Brasilianer, die sich dabei (was man auch nicht vergessen sollte) auf der anderen Hand auch gänzlich unfair und unsportlich allen anderen Olympia-Nationen gegenüber verhalten, da die Brasilianischen Zuschauer alle anderen Konkurrenzländer ausbuhen. Das müssen dann wohl die gebildeten Brasilianer sein.

 

Vor meinem Fenster schreit nur noch ein Kind: „BINO!“ Schreit das Mädchen. Oder vielleicht ist es auch ein Junge. Zu kindisch spitz ist die Stimme, um wirklich eine Unterscheidung fällen zu können. Wenigstens ich kann es nicht. „BIIIIIIINO!“ „Biiiiiiiiiinooooooooooo!“  Bino ist wohl ein Tier. Eine Katze, sicherlich. Ein Hund ist blöd genug, der hätte reagiert. Es klingt ein wenig traurig, wie ein Sirenen-Ruf aus einem Märchen, nach Walt Disney. Nach Feivel der Mauswanderer.

„Biiiiiiiinoooo!“

Die Stille vor dem nächsten Ruf.

Wieso versteht das Kind nicht, dass die Katze nicht zu ihr kommen will? Wahrscheinlich sitzt oder liegt Bino da sogar irgendwo, außer Reich-, doch in Sichtweite des Kindes, und zuckt nicht mal mit den Schnurrhaaren wegen den Aufmerksamkeitsversuchen des Kindes. „Bi-NO!“ Da kommt ja richtig Musik hinein.

Und dann ist es mir klar. Wird mir das Offensichtliche verständlich. Das Kind kann es gar nicht besser wissen, woher denn auch? Den ganzen Tag wird das Kind von der Mutter genauso gerufen. Da hat der/die Kleine es her. Da wurde es angelernt: Mama war´s. Weitergegeben von Mutter zu Kind, die es irgendwann einmal ihrem Kind weitergibt. Und so weiter. Über Generationen hinweg. Das Traurige an der Situation ist nur, dass dieses ganze Geschrei, dieses ganze Gebrüll überhaupt nichts bringt. Da können sich Kinder und Mütter die Kehlen wundbrüllen: Da reagiert keiner. Erst wenn der Brüllende aktiv wird, auf das Kind oder die Katzw zu springt, kommt Realität in die Bude. So lange könnt ihr brüllen wie ihr wollte. Und das machen sie auch. Sie brüllen und rufen und gestikulieren, wie sie es schon seit Jahrhunderten machen. Dabei rufen sie nicht einander Worte zu, sondern Befehle aneinander vorbei. Konditioniert darauf zu brüllen und gleichzeitig nicht zuzuhören.

Ich schaue aus dem Fenster und gucke, ob da nicht auch gleich Tränengas abgeschossen wird. Leider nein.

Juli Zeh lügt

Gerade lesen wir – in diesem Fall wirklich WIR – Bücher von Juli Zeh. Meine Freundin liest „Spieltrieb“, dass sie aus meinem Bücherregal genommen hat, ich bin an Zehs neuem Roman „Unterleuten“, welches bald irgendwo im gleichen Regal stehen wird.

Ich mochte „Spieltrieb“ nicht wirklich, auch wenn ich es nicht ganz furchtbar fand. Danach hatte ich aber auch keine Lust weitere Werke der Autorin zu lesen. Ein paar Jahre später sah ich sie auf Kulturzeit und da kam sie zwar nicht gerade sympathisch doch sehr „authentisch“ 😉 herüber. Also warum der Autorin die einen klaren, fast schon wuchtigen Charakter ausstrahlt (nicht von der Optik, liebe Sexisten) nicht noch einmal eine Chance geben?

Meine Freundin findet „Spieltrieb“ auch nicht so toll. Es is gut. Es ist lesenswert. Es ist jedoch auch viel zu konstruiert. So spricht kein Jugendlicher mit einem anderen, auch kein Hochbegabter mit einem anderen – und meine Freundin muss es wissen, denn sie ist und war hochbegabt und geht jedes Jahr zu deren Big Jahresevents, die dann auch gleich ein ganzes Pfingstwochenende andauern. Für mein Befinden ist es nicht einmal ein Problem das die Bücher so konstruiert wirken – jedes Buch ist eine Konstruktion – es ist viel mehr das Gefühl das man auf jeder Seite (nicht gleich in jedem Satz) das Gefühl vermittelt bekommt, dass sich die Autorin für ach so klug hält.

Das merkt man auch in ihrem neuen Roman über das Dörfchen „Unterleuten“, in welchem sie verschiedene Parteien einer Dorfgemeinschaft als quasi reduzierten (oder doch aufgeblähten) Gesellschaftsroman darstellt. Sie paktiert mit ihm, der mit dem. Und die einen und die anderen haben schon seit Jahrzehnten Streit weil sich kein Mensch die Zeit gibt nach der wahren Kausalität der Menschen zu fragen: Warum bist du wie du bist und warum machst du daraus aus mir der, der ich bin?

Das macht sie gut. Wirklich. Das ist auch lesenswert und unterhaltsam – aber es liest sich insgesamt wie eine große Lüge, die aus kleinen Wahrheiten aufgebaut ist. Juli Zeh lügt und ich denke nicht, dass sie das aus böser Absicht macht. Es sind Notlügen um ein großes Konstrukt darzustellen, dass man bei einem groben Blick auf die Situation so deuten mag, nur entspricht es nicht der Wahrheit. Die Menschen sind zwar auch so, sie sind es nur nicht.

Ich weiß gar nicht warum mir das immer bei der Frau Zeh so übel aufstößt. Wahrscheinlich liegt es daran, wie groß sie doch im Kleinen scheitert.

Fairerweise muss ich sagen, dass ich erst zweidrittel des Buches gelesen habe und falls sie mich noch überzeugen sollte, werde ich mich gerne entschuldigen und meine Meinung ändern. Denn ebenso wenig wie man ein Buch nach seinem Umschlag beurteilen sollte, darf man ein Buch nicht nach seinem Anfang beurteilen. Nur. Der Ton der Erzählung ist jedes Mal so überlegen, so strukturiert, dass es mich wundern würde wenn es noch zu echten Überraschungen kommen kann.

Deswegen lesen „die Leute“ diese Bücher. Diese Bildungsbürgerbücher. Weil sie sich und ihre Intelligenz bestätigt fühlen. Sie mögen diese Klischees, so wie andere Kunden wegen ähnlicher Figurenzeichnungen „Fantasy“-Romane verschlingen; man fühlt sich und sein Weltbild bestätigt. Ich weiß nicht einmal ob das schlimm ist. Ich könnte nicht einmal sagen, ob das bei anderen Autoren überhaupt anders ist, geschweige denn anders sein kann. Nur bei Zeh fühlt es sich so offensichtlich an. So Kopfgeboren. Notlügen eben.

Bei den Amazon-Bewertung zu „Unterleuten“ habe ich gerade beim Überflug den Satz gesehen: „So hätte es seien können.“ Ja. So ist es. So war es nur nicht. So ist es mit der Meinung zu „Unterleuten“ genauso, wie es sich mit den Figuren und der Handlung in dem Roman verhält.

 

Nachtrag:

In Wahrheit ist es nicht mehr als eine schnöde Kopie von Stephan Kings „Needful things“ nur ohne Teufel u auf pseudo intellektuell gebürstet…

Mein Jugend hat spät begonnen

ist ein Interview-Büchlein, dass Anfang der Siebziger Jahre in Frankreich in mehreren Sessions (Radio, TV) zwischen Henry Miller und dem Interviewer George Belmont entstand. Als Untertitel wird zwar „Dialog“ angeführt, doch ist das für mich nicht ganz richtig, denn bei einem Dialog bringen sich beide Parteien gleichstark in das Gespräch ein, wobei hier natürlich der weltberühmte amerikanische Literat Henry Miller und sein Werk im Fokus stehen.

Ich würde dieses Gespräch als Zusammenfassung des Millerischen Schaffens einordnen. Über die Jahre habe ich die meisten seiner Werke gelesen, bin aber nicht mehr der Miller-Fan, der ich einmal war (tausendmal erzählt: Im „Weißen Album“ der Onkelz steht ein langer Auszug aus Henry Millers „Wendekreis des Krebses“ – so kam ich auf Miller, und durch ihn auf so sagenhafte Köpfe wie Dostojewskij und Nietzsche: Muss man gelesen haben 🙂 ). Irgendwie wiederholt er sich zu oft in seinen Werken, und dies auf eine zwar sehr kluge und realistische Art, aber eben doch auf eine gewisse „Geschwätzige Art“ (Sakrileg!) Berühmt/berüchtigt ist Henry Miller für seine Sexuellen Ausschweifungen und Details in seinen Schriften, doch ihn darauf zu reduzieren (das erwähne ich auch jedes Mal, wenn es um ihn geht) wäre ein fataler Irrtum.

Dies beweißt auch der vorliegende Interviewabdruck, in dem Miller, der fast ausnahmslos sich selbst in den Mittelpunkt seiner Romane (wenn auch oft nur als Dreh- und Angelpunkt) gestellt hat, über sich und sein Schaffen Auskunft gibt. Das Interview gab er mit 78 Jahren (der gute Mann wurde fast 90 Jahre alt und starb 1980), und man erlebt einen Autor, der sehr versöhnlich und mit einem Hauch von Alterklugheit auf sich und sein Leben zurückblickt. Zwar „liebt“ er den Ausdruck nicht, aber seine Aussagen muten philosophisch an (Ich vermute, er lehnt die wissenschaftliche Philosophie ab, nicht die Philosophie an sich); doch um ein von Miller gebrauchtes Zitat von Walt Whitman zu rezitieren: „Ob ich mir widerspreche? Ja, natürlich, es stimmt, ich widerspreche mir. Na und?“ 🙂

So dreht sich das Gespräch um die „großen Dinge“ des Lebens: Frauen, Zen, die Weißheit des Herzens, die Liebe, Religion, Sex und der Humanismus – dessen größter literarischer Verfechter Henry Miller in meinen Augen war. Natürlich geht es auch um seine „Pariser Zeit“ und um Bücher (in jedem Roman von ihm geht es immer auch um andere, kolossale Bücher von anderen Autoren), sowie um große Persönlichkeiten, die er in seinem langen Leben traf, dazu natürlich die eine oder andere Anekdote (nett: Sein berühmtestes Skandalwerk „Sexus“ schrieb er eigens für den Zensurbeamte in Amerika, der seine Werke verbot, sie aber auch verehrte…), und bewies dazu sogar den Weitblick den Werdegang der damaligen Hippie- und Jugendbewegung vorherzusagen: Er befürchtete, dass sich die Bewegung ins Gegenteil verkehren könnte…

Es ist ein interessantes Büchlein (120 Seiten), das ich jedem Miller-Fan ans Herz legen würde; diejenigen, die ihn noch nicht kennen, sollten lieber zu einem der „Wendekreise“ greifen, da sonst einfach das Vorwissen fehlt. Einzig Georges Belmont, der ein Freund und der Übersetzer Henry Millers in das Französische ist, erscheint mir mit seinen Fragen etwas zu Unterwürfig.

Meine Jugend