Thomas Meinecke und Avina Vishnu im Kulturhaus Abraxas, es war der 29.02.2020

Plötzlich steht Thomas Meinecke da. Ja. Genau. Da vorne in der Türe. Im Flur. Im Abraxas in Augsburg. Schaut der so nach rechts und links. Als würde er gerade nicht wissen wohin. Und ob. Der Meinecke Thomas, dem genau in der gleichen Woche den Berliner Literaturpreis überreicht worden war. Nicht wisse wohin. Ein unwirklicher Jetzt-Moment für mich. Dabei bin ich genau wegen ihm, und nur wegen ihm, in das „Kulturhaus Abraxas“ gekommen.

Auf Meineckes Werk stieß ich vor 15-20 Jahren. Als junger, wirrer Drogen- und Technokopf stand ich in einem Geschäft vor einem Bücherregal und wusste nicht, was ich kaufen/lesen sollte. Hat man einen gewissen Anspruch an sich selbst und sein Leseverhalten, gibt es oft diese Momente, in denen man nicht weiß, welches Buch das richtige in eben genau dieser konkreten Lebensphase für einen selbst ist. Da tat ich. Was ich niemals mache. Ich zog fast blind ein Buch aus der Rubrik „Deutsche Literatur“ aus dem strammen Regiment der hier versammelten Werke. Es war folgendes Buch:

Ich schlug es auf. Blätterte darin herum und stieß auf den Begriff „Underground Resistance“. Und ich so: „Aha. Na das ist ja mal ein Zufall.“ Buch gekauft und dann – zugegebenermaßen – total erschlagen gewesen ob der unermesslichen, für mich wirren Themenvielfalt. Wenn es bei einem Autor auf die beste Art um Alles-auf-einmal geht. Dann bei Thomas Meinecke. Es war zu viel für mich. Trotzdem ließ der Mann, der nicht nur Bücher schreibt, sondern den hochkulturellen Menschen dieses Landes als Mitbegründer der Band F.S.K. längst bekannt war, mich über die Jahre nicht los. Gerade die Projekte, die er mit Move D umgesetzt hat, schlagen mich heute noch in ihren Bann. In diesem Projekt vertont Move D mit elektronischer Musik die Worte Thomas Meineckes auf die mir einzig bekannte gelungene Weise. Bei allen anderen Projekten ähnlicher Bau- und Machart fehlte mir seitjeher der Flow. Es klang immer zu hölzern oder zu gewollt. Sogar beim Projekt von Rainald Goetz und Westbam. Zudem halte ich wenige Sprechstimmen für einprägsam und verehrenswert (ich kam darauf bei meinem Eintrag letzte Woche über Deichkind und Werner Herzog zu sprechen); die von Thomas Meinecke gehört jedoch zweifellos dazu. In der Gender-Diskussion sind diese Texte leider ein Jahrzehnt ihrer Zeit voraus… Oder anders betrachtet, war es für solche Spoken-Words-Texte genau der richtige Zeitpunkt, um die breite Debatte darüber in Gang zu setzen. Seine Abhandlungen über Pop, Underground-Techno über Disko, bis hin zu weiblichen Ikonen des Weltgeschehens wie Josephine Baker und Judith Butler, die mehr als nur zitiert, tatsächlich sprachlich inszeniert wurden. Ja. Nein. Bestimmt sogar würde vor meinem Haus in Bayern keine Fahne in den Farben der LGBT-Bewegung im stürmischen Frühjahrswind wehen (obwohl ich sexuell gesehen der Mann/Frau-Typ bin), ohne diese Werke von Thomas Meinecke und Move D. Seine Texte haben meine Art über die Gesellschaft zu denken und wie wir miteinander umgehen schon beeinflusst, bevor diese Themen (zum Glück) Mainstream wurden. Mit seinen Büchern tat ich mich dennoch weiterhin schwer. Lookalikes hätte ich so gerne gemocht, war mir am Ende doch auch wieder zu überambitioniert. Auf Facebook sind Meinecke und ich schon seit Jahren „befreundet“ und so sah ich, dass er als DJ im Abraxas tätig sein würde.

Meine Frau kam mir zu liebe mit. Innerhalb einer Woche waren wir wie hier im Blog besprochen bei Deichkind und AnnenMayKantereit gewesen. Jetzt also auch noch das. Und Dienstag gehen wir dann noch zu Mark Benecke. Das ist schon ein straffes Programm mit 40, wenn man immer mindestens eine Stunde Autofahrt hin zur Veranstaltung hat – und beide Vollzeit arbeiten. Beim zweiten Vorbeilaufen vor der Restaurant-Türe des Reesegarden im Abraxas, hielt ich den Autor einen Moment lang (ich hoffe) nicht übertrieben penetrant auf, um mir mein Buch zu signieren. Eben jenes, welches ich einstmals einfach so aus der Wand gezogen hatte. Der Autor lenzte sich megalässig und riesengroß wie er ist und wirkt, auf einen nahegelegenen Barhocker samt Hochtisch und schrieb mir mit meinem Stift folgenden Wunsch in das Buch:

Das anschließende Gespräch zwischen „Fan“ (Ich habe mich noch nie als „Fan“ von irgendjemanden gesehen, nicht einmal wenn ich Sven Väth traf, in den ich in meiner erwachsenen Jugend total vernarrt war. Wir sind ja alle nur Menschen) und Autor war locker, aufmerksam und von gegenseitigem Respekt geprägt. Wie ich denn heiße wollte er wissen, obwohl ich es nicht im Buch haben wollte. Keine große Sache natürlich. Und obwohl ich irgendwie süß und naiv dastand wie ein Schuljunge, der sich gerade eine gute Note vom Herrn Lehrer abholte, war es ein Moment in dem sich alles richtig anfühlte. Komischerweise ist es als Mensch im Menschsein oft gar nicht so leicht, angemessen nett und freundlich zu sein. Zu viele Alltagsschlachten werden bewusst oder unbewusst in unseren Köpfen ausgefochten, um so zu sein, wie es das Gegenüber in den allermeisten Fällen verdient hätte: Einfach nur nett. So kurz diese drei, vielleicht 4 Minuten auch waren, so wichtig fühlen sie sich für mich im Nachhinein an. Auf ein Foto mit ihm verzichtete ich absichtlich. Diese gestellte Lächelei wäre dem Moment nicht gerecht geworden.

Der Grund weshalb Thomas Meinecke in Augsburg war, bezog sich auf genau auf das Buch, welches er mit gerade signiert hatte. In „Hellblau“ schreibt Meinecke auch über Heinrich Mueller, besser bekannt als Gerald Donald. Für mich bekannt als ein Teil von Dopplereffekt. Meinecke hatte Mueller/Donald selbst noch nie getroffen, bis zu dem Abend, um den es hier geht. Die Verbindung zwischen uns allen ist dieses Buch. „Hellblau“. Man hätte die Geschichte nicht besser schreiben können.

Gerald Donald machte höchstpersönlich das Video seines neuen Projekts namens Avina Vishnu auf seinem Laptop an, welches 40 Minuten lang als Installation im Abraxas ausgestrahlt wurde; wir haben es nicht ganz ausgehalten. Sorry. Da schon hundemüde 40 Minuten lang Ambient-Musik mit Bildern von Seen und Flüssen aus (wahrscheinlich) der Augsburger Umgebung war uns dann in seiner softness doch zu hart. Wieder einmal. Hätte man so etwas gerne als gut befunden. Ging nur leider nicht.  Den DJ-Gig drüben im Nebengebäude gaben wir uns folgerichtig auch nicht mehr. Der angekündigte neue heiße Scheiß aus Augsburg (Sedef Adasi) hatte sich ohnehin krankheitsbedingt entschuldigen lassen. Auch. Wenn ich das Set von Meinecke gerne gehört hätte.

Und Thomas. Falls du Lust hast mein Buch über die Techno-Szene zu lesen, folge einfach diesem Link. Das Buch ist umsonst.

Entwurf vs. endgültiges Cover „Verlorene Jungs“

Vor einem Jahr habe ich lange überlegt für welche Version des Covers ich mich entscheiden soll. Im Endeffekt wurde es dann die untere Ausgabe, da mir die obere als zu dunkel erschien.

Ich mache meine Cover nicht selbst, sondern lasse sie von einer Freundin einer Freundin anfertigen, die ich auch nur über das Telefon und Whatsapp kenne. Bei dem Thema Malerei und Gestaltung, bei dem ich selbst nicht fähig bin etwas brauchbares zu produzieren, muss man meiner Meinung nach auch die Zügel aus der Hand geben können. Mir war von vornherein klar, nicht genau das Ergebnis zu bekommen würde, wie ich es im Kopf hatte. Diese Freundin einer Freundin fertigt auch größtenteils Cover und Designs für Kinderbücher an – was man dem Cover von „Verlorene Junge“ auch stark ansieht. Dennoch hat sie sich gut an meine Vorgaben gehalten und ich bin sehr zufrieden. Auch wenn das Cover viel braver aussieht als das Buch tatsächlich ist.

Ich wollte eine ein wenig an van Gogh angelehnte Kleinstadt bei Nacht, über die Ecstasy-Tabletten wie Monde schweben (deswegen ein Herz, ein Halbmond, eine Sonne auf den Monden). Leider nur erkennen den Ecstasy-Vergleich die wenigstens Betrachter. Das ist einerseits ärgerlich, andererseits wollte ich keine zu platten und offensichtlichen Drogen-Abbildungen auf dem Buchumschlag. Eine Art künstlerischer Wert war mir wichtiger, als ein sofortiger „Ja eh“-Moment.

Sowieso würde ich es jedem einmal empfehlen einer wildfremden Person am Telefon zu erklären, dass man gerne Monde aus Ecstasy auf seinem Cover hat. Sie wusste nicht einmal wie Ecstasy aussieht. Das löste eine mega peinliche, wie ebenso lustige Gefühlsreaktion bei mir auch. Und auch sie hat herzlich gelacht. In ihrer Welt kommen Menschen wie ich nicht vor.

Mein Techno- und Drogen-Roman „Verlorene Jungs“ ist weiterhin umsonst auf Bookrix und in vielen anderen eBook-Shops über diesen Link hier erhältlich.

Bemerkenswert

Die Bücher „Absolution“ und „Verlorene Jungs“ von Paul Fleming umsonst in ihrem eBook-Shop

Dies ist ein am Seitenanfang fixierter Beitrag.

Die Bücher sind ganz einfach in eurem eBook-Shop frei zum Download erhältlich (außer via Amazon, da Amazon keine Bücher für 0 Euro anbietet) – oder noch schneller über mein Bookrix-Profil, welches ihr über diesen farbig markierten Link anklicken könnt.

Ich habe mich für die „Umsonst-für-alle-Variante“ entschieden, da eh nicht viel Geld für mich dabei herausspringt und ich lieber gelesen werde, als mehr schlecht als recht 10 Euro im Monat damit zu verdienen. Etwas zu verschenken fällt schließlich keine Aussage über die Qualität des Geschenks.

Viel Spaß damit!

Das Haus der kalten Ecken

Der „Jonas Komplex“ von Thomas Glavinic ist wie ein Triptychon geschrieben. Eine der drei Geschichten handelt von einem kleinen Jungen, einem Schachgenie, dass, wie es das Klischee über „Schachgenies“ und „Genies“ im Allgemeinen  in der Literatur oft an sich hat, ein einsamer Außenseiter ist, der zuhause niemand hat und auch dort draußen, in der großen Welt, streifen ihn die Menschen nur wie Geister, die kommen und gehen, aber niemals längere Zeit bei ihm bleiben, ähnlich Reisebekanntschaften, die auch immer nur kurz auftreten und verschwinden.

Dieser Junge, der erinnert mich schwer an mich selbst. Wahrscheinlich geht das vielen Kindern so, die dieses insgesamt eher mäßige Buch lesen. Es ist eben auch ein Buch über die Einsamkeit und wie man damit umgeht. Wie man alleine gelassen wird oder die Einsamkeit sucht; der Junge sucht sie nicht. Er hat den Drang am Leben teilzunehmen und geliebt zu werden. Doch da ist nur die kalte, leere und für ein Kind viel zu große Wohnung, die in der Tatsächlichkeit der Erwachsenen eher schmal bemessen zu sein scheint, da sie, im Gegensatz zum Knaben, eine Ahnung davon haben, dass ihnen die ganze Welt offen stehen könnte.

 

Das Kind kennt jeden Winkel dieser vertrauten Wohnungszelle, in der es darauf wartet bis jemand kommt, der es, wenn auch nicht gleich liebt, zumindest füttert. Geschieht das nicht, wenn keiner da ist, es nicht einmal die Perspektive gibt um diese oder jene Uhrzeit „jemanden“ anzutreffen, was häufiger vorkommt als es sich die helikopternden Eltern der Gegenwart vorstellen können, sucht man sich halt irgendwo im Haus etwas zu Essen, Konservendosen mit irgendeinem eingelegten Obst, alte Kekse, zur Not auch einen vertrockneten, zumindest leicht süßen Tee… Und erforscht auf diesen Expeditionen alle verstecken Winkel des Hauses, entdeckt Dinge und verstaubte Ecken, die von Erwachsenen längst vergessen wurden. Ein Haus kann eine komplette alte Welt sein. Voller Erinnerungen, ohne Gegenwart. Das Haus ist einfach da, in all den Stunden, in denen es keine Freunde gibt, da die etwas Besseres zu tun haben, an jenen nicht enden wollenden Nachmittagen, an denen DIE was mit ihren Eltern machen und man selbst nur das nervige Kind ist, dass in der heilen Welt anruft – und genervt abgewimmelt wird: „XY hat keine Zeit.“ „Schade…“ Ich nämlich schon… Viel zu viel davon…

 

Wenn Vater zuhause ist, ist er betrunken. Er hat es ja auch nicht leicht. Das hört das Kind aus seiner betrunkenen Stimme heraus. Die Frau weg. Und die anderen „Weiber“ machen nur Ärger. Wohin ist die schöne Familie die man sich aufgebaut hat? Da ist nur dieser fremde Junge im eigenen Haus, der weder mit ihm noch mit sich selbst etwas anzufangen weiß… Das Kind, dessen Namen man selbst ausgesucht hat, ist zu einem Fremden herangewachsen.

Ich erinnere mich noch an die Abende, als mein Vater im Essenzimmer schlief. Sturzbetrunken, den Kopf auf der Tischplatte. Schnarchend. Niedergestreckt wie ein gefällter Baum. Neben sich das halbleere Weizenbierglas. Daneben das immer gleich wieder ganz leere Schnapsglas. In dem „Bärwurz“ war. Dieser seltsame klare Schnaps aus der Steinflasche, der einen abgestanden apathischen Geruch aus dem leeren Glas heraus atmete. Der Junge hatte kein Mitleid mit Vater; der auch nicht mit ihm. Denn wenn Vater nicht kaputtgetrunken im Esszimmer am Tisch lag, machte er Radau. Der Junge bekam es ab, da er zu jung zum Davonlaufen war. Seine größeren Schwestern hatten es da einfacher. Sie waren alt genug und konnten je nach Belieben aus den Ruinen der Familie davon fahren, oder sich zumindest abholen lassen.   Von tapferen Rittern in schnellen Wagen mit lauter Musik. Nena sang. „Ich geh mit dir wohin du willst“.

 

Vater war kein Schläger, aber auch kein Mann des Wortes. Und vielleicht taten sie gerade deswegen der jungen Seele so weh, da die Worte nicht geschwollen gewählt waren, sondern schwer und bloß waren wie die Tatzen eines Bären, die auf ungeschützte nackte Haut schlagen. Dass der Junge nichts wert ist, darf es sich häufiger anhören. Schlecht erzogen sowieso. Und die Schuld darüber trägt die Mutter… Das typische Blahblah des gepeinigten und verlassenen weißen Mannes.

Natürlich liebte Vater ihn. Der Junge ihn auch. Es ging nicht um einen Mangel an Liebe und Verständnis. Die Situation war es, die grausam war. Wäre da nur jemand gewesen, der sowohl Vater als auch Sohn gesagt hätte, dass Situationen nur vorrübergehende Erscheinungen sind. Und wirklich: Mit den Jahren lernten sie nebeneinander her zu leben. Irgendwann war dieses finstere Mittelalter ihres Lebens vergessen. Für den Vater auch vergeben, was für das Kind unmöglich geworden war, da sich diese finstere Mittelalter der Isolation in seine DNA einbrannte, wie es bei Kindern landläufig der Fall ist. Und aus dem Kind wurde Mann. Und Mann lernte zu Trinken. Aber niemals, noch kein einziges Mal in meinem Leben, habe ich mich mit meinem Vater betrunken. Obwohl ihm das unglaublich viel bedeuten würde.

„Zuhause“ habe ich nie vermisst.

Panikherz – Benjamin von Stuckrad-Barre

„Benjamin von Stuckrad-Barre (BSB)? Ist das nicht der Typ der dieses Buch mit dem Kekswichsen geschrieben hat?“ War er übrigens nicht, gedacht hatte ich das aber schon. Jetzt also so ein DROGENBUCH. Ganz furchtbar, als gäbe es davon nicht schon genug. Selbst. Wenn ich bei diversen Arzt-Besuchen in Zeitschriften mit manchmal mehr und hin wieder weniger Bilder gelesen hatte, dass das Buch so „unglaublich gut“ sein solle. In der Buchhandlung entschied ich mich – zwei Bücher – in der Hand, dann doch für Juli Zeh, was natürlich eine grauenhafte Fehlentscheidung war, danach las sich der später also doch gekaufte Benjamin gleich viel geiler.

 

Drogenbuch? Auch. Und wenn man selbst ein Suchti war, liest man solche Bücher ja mehr wie Pornografie als zur Abschreckung, wie es eigentlich auch nur Kriegs, und keine Anti-Kriegsfilme gibt, die auch nur Leute sehen die Krieg aus irgendwelchen irren Gründen geil finden (bewusst oder unterbewusst) – solange sie nicht mittendrin stehen (das ist dann wie mit den Erdbeben im Film „Texas“.

BSB ist nicht der Typ der in „Crazy“ übers Kekswichsen geschrieben hat, sondern der andere, der auch „Soloalbum“ verbrochen hat; als Buch bestimmt ganz toll, als Film eine furchtbare Klamotte, wenn auch mit guten Hauptdarstellern (Matthias und Nora), was natürlich der schlimmste Verriss für einen deutschen Film sein kann: Wenn ausschließlich die DARSTELLER gelobt werden.

 

Benjamin verarbeitet in „Panikherz“ seine Lebenssünden und philosophischen Erkenntnisse ab, was sich wirklich super weg liest. Gerade die Stellen mit den Drogen. Ich weiß nicht. Andere würde das mit den Drogen vielleicht abstoßen, für mich aber spricht er Dinge aus, die selbst ich mich geschämt habe in meinem auf „ABSOLUTE WAHRHEIT“ getrimmten Drogen-Roman „Der Text zur Nacht“ aus zu erzählen.

 

Denn Benjamin von SB beschreibt nicht nur sein langsames Abgleiten in die Sucht (was keine großen Überraschungen birgt, typische Werdegang), sondern auch diese permanente Sucht und dieses ständige Kaputtsein. Er fokussiert sich auch NICHT wie andere Autoren dieses Genres der Selbsterlösungsbücher (und dafür bin ich dankbar) darauf, wie er in absolut grenzdebilen Momenten Dreck vom Boden einer Toilette geleckt hat weil er es für Koks hielt (z.B.) oder andere absoluten Abstürze, für die man sich als Leser gleich mit schämt, nein nein, dafür aber beschreibt er phänomenal unterhaltsam dieses ständige Draufgeseihe und was das für eine verdammte Arbeit ist, tagelang wach zu sein und dabei immer unterwegs und doch in der Wohnung eingesperrt; selbst da ist immer etwas los, man ist ja ständig wach und voller Energie – an manchen Stellen habe ich mich anerkennend kaputt gelacht, vor lauter Mitgefühl. Voll peinlich, absolut zerstört, kann man keinem eigentlich erzählen: Hab ich genauso gemacht! Der totale Drogenwahn.

Ich zitiere mal Seite 292 f:

 

„Der aus Süchtigenperspektive akzeptable Mittelbau, wenngleich eindeutig zweite Liga: Das sind Leute, die regelmäßig und ohne viel Tamtam Drogen nehmen, es aber IM GRIFF haben, was man daran erkennt, dass sie ein niedliches den Ausnahmecharakter indizierendes TUWORT für Drogennehmen benutzen: FEIERN.

Der wirklich Süchtige hat das lange hinter sich. Was anderen Feier ist, ist ihm Normalität, formal feiert er durch, nur empfindet er dieses Suchtgeschufte keineswegs als Feier, es ist eine vollkommen autistische Veranstaltung. Zwar ergibt es sich, dass passager andere dabei sind, aber mit einer Sucht ist man immer ganz allein, egal, zu wievielt man ihr gerade nachkommt. Die echte Sucht ist ein ganz nach innen gerichteter Irrsinn. Je dichter, breiter, zuer, druffer ich war, desto stiller wurde ich nach außen, denn drinnen tobte der Krieg. Man hat so dermaßen zu tun mit Zähnemalmen, Blinzeln, Chancenlos-Gedankenfetzen-Verfolgen; Lichtersternchen bängen auf die Netzhaut, gern mal ein paar Stündchen gekrümmt und mit komplett angespanntem Körper in irgendeiner Ecke hängen, als sei es die Steilkurve einer Bobbahn. Da ist dann nix mehr mit Eitelkeit, Komplexen, Rollenerwartungen. Außen mag passieren was will, die Party findet inwändig statt.“

 

So isses.

BSB hat aber im Leben zum Glück mehr vorzuweisen als eine respektable Sucht nach Kokain und einen Knacks was sein eigenes Körpergewicht angeht (Stichwort: Mädchenkrankheit). Der Mann war auch Journalist, Besteller-Autor, Drehbuch-Schreiberling und Witzebastler für Harald Schmidt. Und ganz wichtig: Ein riesiger Udo Lindenberg Fan. Diese Lindenbergerei ist es, die sich wie der einzige rote Faden (außer der Sucht) durch sein Leben zieht. Udo forever, immer und überall und da muss man als Leser halt durch, auch wenn man den Typen mit Brille und Hut gar nicht so leiden kann, wie z.B. ich.  Macht aber nichts. Es fügt sich alles super zusammen und am Ende mag man Udo sogar, auch wenn Udo eher ein Symbol ist als eine wirkliche Figur, da können die zwei Freunde geworden sein wie sie wollen. Diese Liebe zum Übervater, zum Startum, Erlösung durch Popularität, das ist gleich noch eine ganz andere Ebene die da herein kommt, noch schlimmerer und amüsanterer Jugendwahn als Drogensucht und die Träume vom ewig schmalen Arsch.

 

Namedropping wird in dem Buch eh großgeschrieben, sehr toll die Szenen mit Helmut Dietl und Bret Easten Ellis: Traumhaft. Diese Übermenschen werden… Nein… Sie bleiben Übermenschen: Nur mit sehr viel Herz. Das aber mit Thomas Gottschalk. Das geht ja nun gar nicht. AufgestellteNackenhaare beim Lesen. Ein Graus. Gottschalk ist ja schon dem Namen nach das ausverbalisierte Missverständnis eines Halbgotts…

Was jedoch ganz herausfällt sind die FRAUEN in seinem Leben. Das ist schon sehr auffällig. Gerade für mich persönlich, da die FRAUEN es waren, die mich aus meiner Sucht herausholten. Nun. Ich hatte auch keine Familie wie der Benjamin sie hat und hatte, die angetreten war um ihn zu erlösen. Irgendwas soll da einmal wohl mit Anke Engelke gewesen sein. Nun ja. Mehr Intimität wird da aber auch nicht erwähnt. Komisch. Diese totale Selbstentblößung hier und dieser absolute Schutz der Partner auf der anderen Seite. Bemerkenswert. Stört nicht. Jeder wie er will – und doch bemerkenswert. Es würde auch nicht ganz zum Thema des Buchs passen, denn hier ist nur Platz für den Fan und seine Stars.

 

Der Benjamin ist kein Dummer. Und so liest sich sein Buch auch. Es macht sehr viel Spaß und ist dabei überhaupt nicht traurig, obwohl so viel Traurigkeit und menschliche Makel erzählt werden. Melancholisch vielleicht, von Trauer nur keine Spur. Man muss ja nicht gleich Trauer markieren um im Rückspiegel die Philosophie des Weltbürgers und ewigen Fans zu etablieren.

 

Das Buch ist einfach gut und rund so wie es ist. Dabei. Macht es mir gar keine Lust die anderen Bücher von Stuckrad-Barre zu lesen. Das Ding gut so wie es ist. Mehr brauche ich gar nicht. Der ist für mich auserzählt – kein zweiter Akt 😉 Das ist etwas Gutes.

Tränengas gegen Dummheit

Niedergeknüppelt von Edelstahl-Tanks, die befüllt und entleert werden wollen; ausgezehrt von rasenden Pumpen, die aufheulen, wenn sie ihre Arbeit verrichten; erdrosselt von zu viel CO2, dass wir zum Leerdrücken der Behälter benötigen; genötigt von der Uhr, die immer zu wenig Zeit anzeigt; geschafft also liege ich auf meinem U-förmigen Kanapee, mit „Fenster auf“, und versuche „Erschlagt die Armen“ von Shumona Sinha zu lesen, eine tieftraurige Erzählung aus Frankreich über das Flüchtlingsproblem mit autobiografischen Zügen, die natürlich überhaupt nicht zu meiner Ermunterung beitragen würde, wenn da nicht der unglaublich tolle Stil wäre, in dem das Buch verfasst wurde. Liest sich also super. Dieses Elend. Der Welt.

Nur zur Ruhe komme ich nicht.

Draußen schreien die Kinder. Direkt vor meinem Fenster. Ich könnte sie mit kleinen, trockenen Papierbällen bewerfen, so nahe sind sie. Die Kinder schreien und plärren, plärren und schreien, und schreien und plärren, nur unterbrochen von dem mahlendem Geräusch von Hartplastikreifen, die über den Asphalt mahlen wie diese Planierraupe über die Totenschädel am Anfang des „Terminators“. Wenigstens fühlt es sich in meiner Seele so an.

Die Kinder schreien die ganze Zeit. Mutter schreit hinterher. Pause. Dann wird weiter geschrien. Immer im Kreis herum.

Mir reicht es.

 

Ich mache die Glotze an und dort laufen Nachrichten. Nachrichten aus Brasilien. Auch dort wird geschrien was das Zeug herhält. Es wird eine Demonstration gezeigt, nicht Olympia, irgendwie aber scheint dass aber doch das Gleiche zu sein. Eine Stimme aus dem Off erklärt, dass die Leute mit ihren Masken, die gerade mit Tränengas beschossen werden bis die Phalanx aus Polizeisoldaten in ihren Kunststoffpanzern auf sie Jagd machen, für ein besseres Sozialsystem und für mehr Bildung demonstrieren.

Ich denke mir dazu: „Ganz logisch eigentlich. Die Ungebildeten wollen mehr Bildung. Und weil sie gänzlich ungebildet sind, demonstrieren sie mit Gewalt. Woher sollen sie es denn besser wissen?  Wie könnten sie mit Worten oder Parolen argumentieren? Wer sollte ihnen schon vorstehen? Und welche Sprache müsste der Rädelsführer sprechen? Sie sind doch dumm und sozial schwach. Sie wissen es nicht besser.“ Und weiter: „Das ist die vernünftigste Demonstration die ich je gesehen habe.“

ZAPP mache ich die Glotze aus und bin ein wenig traurig, selbst nicht so vernünftig zu sein wie die Brasilianer, die sich dabei (was man auch nicht vergessen sollte) auf der anderen Hand auch gänzlich unfair und unsportlich allen anderen Olympia-Nationen gegenüber verhalten, da die Brasilianischen Zuschauer alle anderen Konkurrenzländer ausbuhen. Das müssen dann wohl die gebildeten Brasilianer sein.

 

Vor meinem Fenster schreit nur noch ein Kind: „BINO!“ Schreit das Mädchen. Oder vielleicht ist es auch ein Junge. Zu kindisch spitz ist die Stimme, um wirklich eine Unterscheidung fällen zu können. Wenigstens ich kann es nicht. „BIIIIIIINO!“ „Biiiiiiiiiinooooooooooo!“  Bino ist wohl ein Tier. Eine Katze, sicherlich. Ein Hund ist blöd genug, der hätte reagiert. Es klingt ein wenig traurig, wie ein Sirenen-Ruf aus einem Märchen, nach Walt Disney. Nach Feivel der Mauswanderer.

„Biiiiiiiinoooo!“

Die Stille vor dem nächsten Ruf.

Wieso versteht das Kind nicht, dass die Katze nicht zu ihr kommen will? Wahrscheinlich sitzt oder liegt Bino da sogar irgendwo, außer Reich-, doch in Sichtweite des Kindes, und zuckt nicht mal mit den Schnurrhaaren wegen den Aufmerksamkeitsversuchen des Kindes. „Bi-NO!“ Da kommt ja richtig Musik hinein.

Und dann ist es mir klar. Wird mir das Offensichtliche verständlich. Das Kind kann es gar nicht besser wissen, woher denn auch? Den ganzen Tag wird das Kind von der Mutter genauso gerufen. Da hat der/die Kleine es her. Da wurde es angelernt: Mama war´s. Weitergegeben von Mutter zu Kind, die es irgendwann einmal ihrem Kind weitergibt. Und so weiter. Über Generationen hinweg. Das Traurige an der Situation ist nur, dass dieses ganze Geschrei, dieses ganze Gebrüll überhaupt nichts bringt. Da können sich Kinder und Mütter die Kehlen wundbrüllen: Da reagiert keiner. Erst wenn der Brüllende aktiv wird, auf das Kind oder die Katzw zu springt, kommt Realität in die Bude. So lange könnt ihr brüllen wie ihr wollte. Und das machen sie auch. Sie brüllen und rufen und gestikulieren, wie sie es schon seit Jahrhunderten machen. Dabei rufen sie nicht einander Worte zu, sondern Befehle aneinander vorbei. Konditioniert darauf zu brüllen und gleichzeitig nicht zuzuhören.

Ich schaue aus dem Fenster und gucke, ob da nicht auch gleich Tränengas abgeschossen wird. Leider nein.