Gedanken zum Ende von Blog.de

Lassen wir das Persönliche gleich mal beiseite. Nichts von den wunderbaren Frauen die ich über diese Plattform kennen gelernt habe, jene, die mich retten wollten und mir dabei mein Herz stahlen (und es heute noch besitzen; Mii 😉 ). Nichts von den verrückten Kerlen mit denen ich mich anfreundete, lachte und mich teilweise dann auch wieder verstritt. Nichts von den Tagen in den Kommentarfunktionen, die wie in einem Sog aus Ironie verflogen. Nein. Es soll nicht um Paul Fleming gehen. Nur die GANZHEIT der Funktion macht Sinn.

 

Denn was endet denn am 15.12.2015? Nicht weniger als ein ganzes, virtuelles Universum an Geschichten, Abenteuern und Scheinrealitäten. Wenn die Plattform stirbt, stirbt auch ein Teil von uns der dort seit Jahren registrierten und eingeloggten Usern. Es verendet ein Teil unserer Realität, ganz gleich ob wir uns dort selbst erfunden oder nur inszeniert haben.

Dieses soziale Netzwerk war mehr wert als ein läppisches Facebook, diese Schmuddel-Ecke, in der keine Geschichten erzählt werden können; deshalb ist Facebook ja auch so erfolgreich als „soziale Plattform“ – weil es sich hierbei um den kleinsten gemeinsamen Nenners des Miteinanders handelt. Dort muss man sich nicht mit langen Texten und mit allzu vielen Visionen der Wirklichkeit auseinander setzen: Ein Blick genügt. Das ist mehr als nur Benutzerfreundlich, es ist Idiotensicher.

 

Auf Blog.de und allen anderen Blog-Portalen musste man sich hineinlesen, nachdenken, eine Meinung und Stellung zu den erdachten und wirklichen Problem haben, ganz egal ob das Alles nun besonders wichtig war oder nicht; ob es nun um Philosophie und Politik ging oder es doch nur ein Blog über den Lieblingshund war oder über Beauty-Produkte. Denn jeder Blog war und ist ein kleines Abbild eines Menschen, ein kleiner Taschenspiegel, den jeder von uns in seiner Herz- und Brusttasche mit sich herumtrug.

Der gute Blogger ist mehr als nur sein Blog. Ein Blog ist nur ein Teil von ihm, ein Teil seiner Wirklichkeit. Eine Nuance deines Ichs, das du, ich, wir alle, durch Zeichen und Buchstaben verstärken, aus uns herauskehren und dadurch die ganze Welt daran teilhaben lassen.

 

Ein Blog ist eine Spielwiese der eigenen Persönlichkeit, der viel mehr wert ist als der einzelne Eintrag. Und eine Plattform wie Blog.de oder auch WordPress, ist ein Spiegelbild der Wirklichkeit, ein besseres, idealeres weil erträumtes „Hier“, ein Paralleluniversum unserer Wünsche und Vorstellungen, dass jeder von uns betreten kann. Eine Landkarte der Träume. Ohne Ausgrenzung.

Und all das wird in ein paar Wochen einfach so verpuffen und sich in Luft auflösen. Diese Bibliothek an Menschlichkeit,  in der jeder User sein eignes Buch ist – was für eine Verschwendung! Was für ein Vergeuden an Potential.

 

Natürlich war nicht Alles gut. Mann, was haben wir uns schon über die Seite geärgert? Wie oft wollten wir schon umziehen? Wie oft ging dies nicht, und das andere sowieso noch nie?

Doch am Ende haben wir die Bugs tapfer ertragen, darüber den Kopf geschüttelt und weiter gemacht. Haben neue Freunde gefunden, alte verloren oder ewig behalten. Wir dachten ja trotz des ganzen Ärgers, dass es immer so weiter geht. Und jetzt. Stirbt uns die Plattform unter den tippenden Fingern weg.

 

Schade.

 

Alles muss enden. Das gehört dazu. Auch wenn ich sicherlich nicht der Einzige bin, der gerne dort für die Ewigkeit aufrufbar gewesen wäre. Ein klein wenig Unsterblichkeit, mehr wollten wir doch gar nicht.

Hat nicht funktioniert.

Und doch war jeder Tag vor Tastatur ein kleiner Ausweg aus einer langweiligen oder nervigen, gar aggressiven Realität, die wir uns in der virtuellen Welt zu Recht biegen, oder zumindest bejammern konnten, bis wir damit klar kamen. Ja. Blog.de war eine Form der virtuellen Realität, für die wir keine Brillen und Handschuhe brauchten. Es war ein eigener Kosmos. Eine Phantasie-Welt. Weit größer, spannender und zugleich doch banal realer, als jede Traumwelt, die sich ein einzelner Fantasy-Autor hätte ausdenken können.

 

Nachtrag: 

Ich habe gerade gesehen, das einige Blogs von Blog.de von Archiv.org gespeichert wurden, um sie für die „Nachwelt zu erhalten“. So auch meiner  Es sind aber  nur ein bis zwei Seiten aufrufbar. Sonst hätte ich mir Sorgen über die Kontrolle über den alten Blog gemacht 😉

 

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