Sexuelle Blindheit

Als ich vor zwei Wochen den ICE von München nach Dortmund nahm, war dies der letzte Tag an dem Bundesweit über eine längere Zeit die Software für die Sitzplatzreservierungen in den Zügen ausfiel. Das schaffte Bewegung im Zug. Ich selbst hatte keine Reservierung und wurde also – wie viele andere auch – immer wieder aufgescheucht und musste mir einen neuen Platz suchen, bis ich schließlich einen festen Platz an einem Vierer-Tisch fand.

Beim stetigen „Umziehen“ hatte ich aber die Gelegenheit gefunden zurückgelassene Zeitschriften einzusammeln und war nun ordentlich eingedeckt mit den aktuellen Ausgaben des Spiegels, des Kickers und der Spex, während ich auch noch zwei Bücher (von Rainald Goetz und David Foster Wallace) mit mir führte; ich war also sehr gut versorgt. Ich las und blätterte hier und dort und überall, ganz vertieft an den Schmarrn der Information, den mein Kopf nicht gespeichert hat und ich mich heute so gut wie überhaupt nicht mehr daran erinnern kann, was mir damals so wichtig erschien.

Mir gegenüber saß eine Frau, etwa 10 Jahre älter als ich, die die „Zeit“ weit über den dafür viel zu knappen Tisch ausgebreitet hatte (wo zum Teufel liest man so eine Zeitung anständig?) und ebenfalls sehr ins Lesen vertieft war. Da wir uns dank der Bahnüblichen Verspätungen (insgesamt eine ganze Stunde) sehr lange gegenüber saßen, kamen wir ins Gespräch über die Dinge, die wir lasen. Der Bachmann-Preis für Goetz, die Schönheit der Bücher von David Foster Wallace usw. Ich dachte mir: „Nettes Gespräch.“ Und wendete mich wieder meinem Lesematerial zu.

Die Dame hatte ihre Jugend schon lange hinter sich gebracht und war damals sicherlich keine absolute Schönheit gewesen, wenn auch eine ansehnliche Frau. Ihr bedacht sehr schlanker Körper könnte ein Indiz für Kinderlosigkeit oder auf eine hohe Selbstdisziplin schließen lassen, wozu auch ihre sehr ausgesuchte und nicht übertrieben dezente Kleidung passte. Die Sprache derer sie sich bediente gefiel mir sehr. Ruhig, bedacht und an mancher Stelle dann doch wieder ein wenig hibbelig. Nicht zu Damenhaft, trotzdem mit einem kleinem Hang zum Altmodischen… Sie hatte Stil. Den ich mochte. So wie man als kleiner Junge den Aura und den Stil mag, den die Lehrerin vorne an der Tafel ausstrahlt, nichts forciert sexuelles, wenn auch sehr weibliches. Ein Stil, den ich an den allermeisten Frauen die ich kenne, schwer vermisse, ihn aber zum Glück schon bei der ersten Begegnung mit meiner jetzigen (und hoffentlich ewigen) Freundin wiederfand; für mich und meine Ästhetik sind die meisten Frauen viel zu laut, ja, fast schon zu vulgär.

Die namenlose Frau verabschiedete sich höflich in Duisburg und stieg aus. Inzwischen hatte der Zug sich so weit geleert, dass ich ans Fenster rutschen konnte, von wo aus ich der Dame zusah, wie sie ihren dort wartenden Lebensabschnittspartner küsste, umarmte, und mich dann durch das Fenster von außen wie ein kleines Mädchen über die Schulter ihres Geliebten eindeutig schmachtend ansah, weiter sogar mich anblickte, als der Mann sich schon längst aus der Umarmung gelöst hatte; ich lächelte ihr zu und dachte für mich: „Hoppla. Die fand mich wohl doch ziemlich besser als erwartet.“ Sie stand noch da wie ein kleines Mädchen mit Hundeaugen. Sprach mit ihrem Kerl und sah zu mir hoch. Und dann setzte sich der ICE endlich wieder in Bewegung.

Ich erzähle diese kleine Episode natürlich nicht deswegen um zu zeigen, was für ein verhinderter Casanova ich bin, nein, es ist nur eine typische Geschichte meines Lebens, da ich fürs Flirten vollkommen unempfänglich bin, leider. Man könnte da fast schon von einer Flirt-Blindheit sprechen, da ich viel zu ernst und doch ausufernd in Gedanken bin, um die leichten Nuancen heraushören, die das Spiel ausmachen. Wobei. Nicht nur die… Ja. Bei mir muss sich eine Frau fast schon auf den Schoß setzen damit ich kapiere was los ist.

Im Nachhinein lustig ist auch die Geschichte wie wir aus Stuttgart nach dem Abtanzen im damals noch existierenden Rocker33 auf dem Weg nachhause waren, und eine damalige Freundin süß zu mir hauchte: „Und jetzt gehen wir noch zu dir…“ Worauf ich, absolut überrascht und nicht verstehend sie anraunte: „Was wollen wir denn bei mir? So ein Quatsch! Ich will jetzt heim und meine Ruhe haben!“ Nicht weil ich sie nicht gerne mitgenommen hätte, nein, sondern es ist leider wirklich so, dass ich viel zu dumm und unaufmerksam bin. Zu plump. Zu grobmotorisch…
Da könnte ich einige Geschichten erzählen, die mir erst im Nachhinein („Oh scheiße!“) klar wurden.

An meine Unfähigkeit Frauen gegenüber musste ich denken, als gestern auf Facebook eine alte Bekannte „gefällt mir“ bei einem Beitrag von mir gedrückt hatte, die einstmals im Kesselhaus vor mir stand, mit MDMA in der Hand, die sie mir hinhielt, und meinte: „Das nehmen wir jetzt. Und dann ficken wir im Fliegen.“ Woraus auch nichts wurde, weil ich viel zu überfordert mit der Situation war; jeder ging zu sich nachhause… Ein Held und Casanova bin ich nur in Gedanken. Und meine Reaktionen hatten nie was mit den Frauen zu tun, immer nur mit mir selbst…

Da kann ich nur froh sein, jetzt in festen und besten Händen zu sein. Glücklich aufgeräumt 🙂