Tränengas gegen Dummheit

Niedergeknüppelt von Edelstahl-Tanks, die befüllt und entleert werden wollen; ausgezehrt von rasenden Pumpen, die aufheulen, wenn sie ihre Arbeit verrichten; erdrosselt von zu viel CO2, dass wir zum Leerdrücken der Behälter benötigen; genötigt von der Uhr, die immer zu wenig Zeit anzeigt; geschafft also liege ich auf meinem U-förmigen Kanapee, mit „Fenster auf“, und versuche „Erschlagt die Armen“ von Shumona Sinha zu lesen, eine tieftraurige Erzählung aus Frankreich über das Flüchtlingsproblem mit autobiografischen Zügen, die natürlich überhaupt nicht zu meiner Ermunterung beitragen würde, wenn da nicht der unglaublich tolle Stil wäre, in dem das Buch verfasst wurde. Liest sich also super. Dieses Elend. Der Welt.

Nur zur Ruhe komme ich nicht.

Draußen schreien die Kinder. Direkt vor meinem Fenster. Ich könnte sie mit kleinen, trockenen Papierbällen bewerfen, so nahe sind sie. Die Kinder schreien und plärren, plärren und schreien, und schreien und plärren, nur unterbrochen von dem mahlendem Geräusch von Hartplastikreifen, die über den Asphalt mahlen wie diese Planierraupe über die Totenschädel am Anfang des „Terminators“. Wenigstens fühlt es sich in meiner Seele so an.

Die Kinder schreien die ganze Zeit. Mutter schreit hinterher. Pause. Dann wird weiter geschrien. Immer im Kreis herum.

Mir reicht es.

 

Ich mache die Glotze an und dort laufen Nachrichten. Nachrichten aus Brasilien. Auch dort wird geschrien was das Zeug herhält. Es wird eine Demonstration gezeigt, nicht Olympia, irgendwie aber scheint dass aber doch das Gleiche zu sein. Eine Stimme aus dem Off erklärt, dass die Leute mit ihren Masken, die gerade mit Tränengas beschossen werden bis die Phalanx aus Polizeisoldaten in ihren Kunststoffpanzern auf sie Jagd machen, für ein besseres Sozialsystem und für mehr Bildung demonstrieren.

Ich denke mir dazu: „Ganz logisch eigentlich. Die Ungebildeten wollen mehr Bildung. Und weil sie gänzlich ungebildet sind, demonstrieren sie mit Gewalt. Woher sollen sie es denn besser wissen?  Wie könnten sie mit Worten oder Parolen argumentieren? Wer sollte ihnen schon vorstehen? Und welche Sprache müsste der Rädelsführer sprechen? Sie sind doch dumm und sozial schwach. Sie wissen es nicht besser.“ Und weiter: „Das ist die vernünftigste Demonstration die ich je gesehen habe.“

ZAPP mache ich die Glotze aus und bin ein wenig traurig, selbst nicht so vernünftig zu sein wie die Brasilianer, die sich dabei (was man auch nicht vergessen sollte) auf der anderen Hand auch gänzlich unfair und unsportlich allen anderen Olympia-Nationen gegenüber verhalten, da die Brasilianischen Zuschauer alle anderen Konkurrenzländer ausbuhen. Das müssen dann wohl die gebildeten Brasilianer sein.

 

Vor meinem Fenster schreit nur noch ein Kind: „BINO!“ Schreit das Mädchen. Oder vielleicht ist es auch ein Junge. Zu kindisch spitz ist die Stimme, um wirklich eine Unterscheidung fällen zu können. Wenigstens ich kann es nicht. „BIIIIIIINO!“ „Biiiiiiiiiinooooooooooo!“  Bino ist wohl ein Tier. Eine Katze, sicherlich. Ein Hund ist blöd genug, der hätte reagiert. Es klingt ein wenig traurig, wie ein Sirenen-Ruf aus einem Märchen, nach Walt Disney. Nach Feivel der Mauswanderer.

„Biiiiiiiinoooo!“

Die Stille vor dem nächsten Ruf.

Wieso versteht das Kind nicht, dass die Katze nicht zu ihr kommen will? Wahrscheinlich sitzt oder liegt Bino da sogar irgendwo, außer Reich-, doch in Sichtweite des Kindes, und zuckt nicht mal mit den Schnurrhaaren wegen den Aufmerksamkeitsversuchen des Kindes. „Bi-NO!“ Da kommt ja richtig Musik hinein.

Und dann ist es mir klar. Wird mir das Offensichtliche verständlich. Das Kind kann es gar nicht besser wissen, woher denn auch? Den ganzen Tag wird das Kind von der Mutter genauso gerufen. Da hat der/die Kleine es her. Da wurde es angelernt: Mama war´s. Weitergegeben von Mutter zu Kind, die es irgendwann einmal ihrem Kind weitergibt. Und so weiter. Über Generationen hinweg. Das Traurige an der Situation ist nur, dass dieses ganze Geschrei, dieses ganze Gebrüll überhaupt nichts bringt. Da können sich Kinder und Mütter die Kehlen wundbrüllen: Da reagiert keiner. Erst wenn der Brüllende aktiv wird, auf das Kind oder die Katzw zu springt, kommt Realität in die Bude. So lange könnt ihr brüllen wie ihr wollte. Und das machen sie auch. Sie brüllen und rufen und gestikulieren, wie sie es schon seit Jahrhunderten machen. Dabei rufen sie nicht einander Worte zu, sondern Befehle aneinander vorbei. Konditioniert darauf zu brüllen und gleichzeitig nicht zuzuhören.

Ich schaue aus dem Fenster und gucke, ob da nicht auch gleich Tränengas abgeschossen wird. Leider nein.

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