Aus den olympischen Schlagzeilen

Von Zeit.de:
„OLYMPISCHE SPIELE

Ehemals gedopte Russen dürfen in Rio starten

Gedopte Athleten, die ihre Sperre verbüßt haben, sollen nicht erneut bestraft werden. Der Internationale Sportgerichthof gibt Einsprüchen russischer Sportler statt.“

 

So steht es geschrieben, so wird es sein.

 

Und ich. Als Normalverbraucher. Und auf eine gewissen Art auch ehemaliger Doping-Sünder. Finde, dass doch gerade Leute die schon einmal wegen Dopings überführt wurden, bewiesenermaßen Betrüger sind, waren und bleiben, ganz egal ob sie es jetzt nicht mehr tun: Sie haben es getan. Hier geht es ja nicht darum mal die falschen Schmerztabletten oder die falsche tropische Frucht gegessen zu haben, weswegen versehentlicher weise ein Dopingprobe positiv ausschlug, da man nicht wusste dass das auf der Liste der verbotenen Substanzen steht. Ne. Es geht darum vorsätzlich betrogen zu haben. Das ist kein Ausrutschen. Oder Stolpern. Kein „Hopsala“… Das ist wie beim Fremdgehen: Vorsatz. Auch beim Sex ist es nämlich genauso wenig der Fall das zwei Partner nackt stolpern und dann – wie es schon zigmal vorkam – der eine Partner in den anderen gefallen wäre und die dadurch entstandene sexuelle Handlung ein blödes Unglück plus peinlich für alle Beteiligten wäre: Es war Vorsatz. Und. Man hat das von Anfang bis zum Ende gewollt. Irgendwie.

Meiner Opinion nach sollte so eine Sperre überhaupt niemals aufgehoben werden, da man sich im Sport genauso verhalten hat, was gegen den solchen an sich spricht: Man war unsportlich. Was hat also ein Sportler in der Unsportlichkeit verloren? (dazu gehören auch „Schwalben“ beim Fußball um sich einen Vorteil zu verschaffen, das Thema lassen wir hier nur mal außer 8).

Denn wenn nun in Rio ehrliche, nicht übermenschlich beschleunigte Athleten gegen gedopte Superrussen verlieren, denen man nur gerade halt ihre Betrug nicht nachweisen kann (Doping wirkt nach, liebe Freunde), bleibt für all jene, die sich betrügen und bescheißen lassen nur der Olympische Gedanke an sich: „Dabei sein ist ALLES.“

Das ist doch der blanke Hohn.

Es ist das nachgewiesene russische Staatsdoping welches den Sport kaputt macht. Es ist die Tatsache, dass man davor die Augen verschließt: Olympia, du bist scheiße.

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Mohrenkopfsemmel

Ich würde die Situation als „komisch“ bezeichnen.

Vor einer Stunde bin ich bei dem neuen Liebhaber meiner Schwester angekommen. Ihre Kinder sitzen uns gegenüber, er rechts neben mir, wir spielen „Mäxle“ und uns damit gegenseitig den Würfelbecher in die Hand.

Es ist jetzt ein gutes halbes Jahr vergangen seitdem meine Schwester mit diesem Kerl ihren damaligen Mann und meinen Noch-Schwager betrogen hat, und ich sehe den Typen heute zum ersten Mal. Anlass meines Besuches bei ihm zuhause (in dem Haus, in dem auch meine Schwester jetzt lebt) ist der Geburtstag meiner Nichte. Sie sitzt mir gegenüber.

Komisch ist die Situation für mich deswegen, da ich nicht genau weiß wie ich mich verhalten soll. Schließlich kenne und brauch ich den Typen nicht. Wieso auch? Er hat eine Familie zerstört, auch wenn dafür zugegebenermaßen mehr gehört als ein Mann alleine.

Da ich ein nervig reflektierter Mensch sein kann, weiß ich nicht wie ich mich fühlen soll. Soll ich mich nett geben? Oder mürrisch? Würde ich denn wollen, dass ich diesen Kerl mag? Würde ich denn selbst gerne von ihm gemocht werden? Schließlich steht das Moralische zwischen, meine Moral, die mir (antrainiert durch zu viele amerikanische Filme in meiner Kindheit/Jugend) ständig von innen gegen die Schädeldecke pocht und darüber lamentiert, dass man bestimmte Sachen nicht macht. Hier: Trotz des Wissens dass eine Frau verheiratet ist und Kinder hat, versuchen mit ihr etwas anzufangen.

Für mich geht das gar nicht. Wohl auch deswegen, da ich auch schon einmal der Gehörnte war.

Der Würfelbecher wird herumgegeben und der Lover meiner Schwester macht Witzchen um die Kinder zum Lachen zu bringen. Es freut mich dass sie lachen; ich weiß dennoch nicht ob ich das gut finden soll. Dieser Familien-Stunt, diese Parodie einer Familie, irritiert mich zusehends. Und wie das so ist mit den Beobachtern von solchen Situationen, bin ich nicht gerade gesprächig, werfe nur hin und wieder ein paar Brocken hin.

Der Jüngste am Tisch, der kleine Timmi, gerade einmal 9 Jahre alt, benimmt sich wie die Axt im Walde, rülpst herum und pöbelt seine Schwester von der Seite an, dass sie ganz schön große Brüste bekommen hätte, die schon hängen würden. Mich will er mit „meiner Glatze“ aufziehen und dem Lover-Bauern wirft er einfach so Spielkarten ins Gesicht. Absolut Respektlos. Meine Schwester, die früher in der Ehe noch so aufbrausend und herrisch war, nimmt das gelassen wie eine Hindu-Kuh hin. Sie schwebt in ihrer Heile-Welt-Luftblase und idealisiert den Jungen im Kopf wohl zum Opfer der Ehelichen Umstände, weshalb sie ihm einige Privilegien einräumt. Sicherlich ist der Knabe Opfer, was jedoch auch kein Grund ist um ihm alles durchgehen zu lassen und ihn zu verziehen.

Das Spiel ist lustig, wir Lachen viel. Und dabei gar nicht so oft gezwungen wie ich es in Erinnerung habe. Einmal sage ich aus dem Spaß heraus: „Ja leck mich am Arsch, wie kann man so viel Glück haben?“, wofür ich indirekt von dem Kerl getadelt werde, da doch Kinder im Raum sind.

Der Typ verunsichert mich. Er ist so etwas, was man einen „gestandenen Mann“ nennen würde. Er ist ein wirklicher Bauer, handwerklich sehr begabt und sehr direkt im Umgang; ich habe einen kleinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber solchen Kerlen mit fundierten Handwerklichen Wissen und Geschick, ganz egal wie ungebildet sie auch sonst sind. Ich bin kein Superhandwerker, und das bedrückt mich. Ganz klare Kindheitsneurose: Ja Vater! Ich war niemals der Sohn den du dir gewünscht hast!

Daher meine Verunsicherung.

Aber das ist mein Ding.

Also lasse ich mich indirekt über mein Schandmaul tadeln, bis mir bewusst wird wie GROTESK das Ganze doch ist, sich von einem Kerl darüber belehren lassen zu müssen, dass man ANSTÄNDIG vor Kinder zu sprechen hat, der doch in Wahrheit die UNANSTÄNDIGKEIT in Person ist, da er die Ehefrau eines anderen bumst und dann mit deren Kindern auf heile Welt macht, beim „Mäxle“ spielen –  wie Doppelmoralisch ist das denn bitteschön? In was für einer Welt lebt der denn überhaupt?

Am Ende des Abends bekommt Timmi von Mama noch einen Mohrenkopfsemmel gemacht. Ich wusste gar nicht was das ist: Dazu wird ein Semmel aufgeschnitten und echter Mohrenkopf hineingelegt.

Ich: „Das passt doch gar nicht zusammen.“
Und meine Schwester darauf nur so: „Ja geht so. Ihm schmeckt das. Andere essen das aus Gewohnheit gern.“

Und Timmi sagt trotzig: „Es hat zusammenzupassen. Weil es mir schmeckt.“

Das Statement zum Abend: Es hat zusammenzupassen.

Ich verabschiede mich. Wundere mich nur noch im Hinausgehen darüber, dass alle Kerle meiner Schwester die gleiche Frisur haben.

Natürliche Exzesse

Es ist ungefähr 5 Uhr in der Früh als ich auf den Balkon trete. Die Stadt liegt still und feucht vor mir, leise vibrierend wie ein Organ. Aus der Ferne hört man das Zischen der Straßen, welches uns wie rauschendes Blut umgibt. Die Lichter in den Fenstern sind geschlossen. Eine untrügerische Ruhe liegt wie ein Nebel, wie Atem,  über allem.

Ich stütze mich am Geländer ab. Kann die feuchte Erde der Blumentöpfe riechen.

Aus Fernseh-Erinnerungsgründen denke ich über einen Tsunami nach den ich gerade gesehen habe, der die akkurat  angelegten und bepflanzten Felder auf der japanischen Insel mit einer Lawine Müll einfach hinfort fegte. Eine geballte, unglaubliche Naturgewalt.  Menschen, Tiere, Hoffnungen – Alles unter sich begrabend. Und ich wundere mich dabei über den Umstand, dass die meisten Menschen nicht direkt durch die Fluten sterben müssen, sondern ironischer weise von ihrem eigenem Hab und Gut erschlagen und durchbohrt werden, von dem ganzen Mist, der ihnen ihr Leben lang so verdammt wichtig war… Das ist es was uns die Natur zurückgibt, wenn wir sie wie einen Topf behandeln, den wir zum Überkochen bringen.

Es sind kühle, wenig emotionale Gedanken. Nur eine Metapher unter vielen, die vergehen, sich auflösen und verschwinden, wie alle anderen zuvor, die sich ein Mensch für greifbare Tatsachen ausgedacht hat.

Unwichtig also, klingt aber gut.

Mein Blick wandert die Straße entlang. Haltlos. Ohne konkrete Dinge zu erfassen. Deswegen bin ich weder überrascht, noch verwundert, als sich ganz hinten eine Tür öffnet. Ganz langsam und leise. Es ist eine Frau. Keine Ahnung wer das ist. Sie stiehlt sich regelrecht aus dem Haus. Schleicht davon. Zwei Häuser weiter. Wo  – Dank des Bewegungsmelders – kurz ihr blondes Haar aufleuchtet und ich glaube, Frau Müller erkennen zu können.

Hm? Die ist doch verheiratet? Was macht die denn um diese Uhrzeit noch hier draußen?

Direkt unter mir, aus dem Hausausgang meines Mehrparteienhauses, scheint auch plötzlich Licht. Dann schlägt leise die Türe ins Schloss und der Lichtstrahl ist zugeklappt. Ich sehe im Mondlicht Herr Yildiz unter mir aus dem Haus kommen, und wie er verstohlen unter den Buchen entlang nachhause läuft. In seinem eigenen Hauseingang kommt ihm Herr Ivanov entgegen. Sie nicken sich zu. Scheinen aber nichts zueinander zu sagen. Sie verwehren sich gegenseitig den Blick, ohne sich aber gänzlich ignorieren zu können. Auch Ivanov geht die Straße entlang. Raucht dabei aber noch eine, um hinter meinem Blickfeld sicherlich zu seiner Familie zurückzukehren. Und bevor ich noch „Was geschieht hier?“ denken kann, gehen irgendwo in der Straße noch ein paar Türen auf, und Leute, Nachbarn oder auch nicht, stehlen sich aus Wohnungen, um zurück zu ihren Familien und Partnern zu schleichen.

Es ist 5 Uhr 15. Heimkehrstunde.

Die Geliebten. Die Liebhaber. Oder anders ausgedrückt die „Ehebrecher“ und „Fremdgeher“, je nach Perspektive, schleichen sich zurück in ihr normales Leben.

Alle scheinen ein geheimes Leben zu haben. Wenigstens sieht das von hier oben so aus. Jeder hat eine Frau neben seiner Frau. Einen Kerl neben seinem Kerl. Oder gleich ein gleichgeschlechtliches Abenteuer. In der „Affäre“ holen sie sich die Kicks ab, die sich zuhause nicht auszuleben trauen.

Frau Müller nimmt ihn in den Mund und schluckt. Herr Ivanov lässt sich gerne fesseln. Herr Yildiz hat es gerne in seinen eigenen Hintern. Frau Schmidt bekommt weibliche Ejakulationen. Herr Carstensen leckt Muschis.

All das. Machen sie zuhause nicht. Überall. Nur nicht zuhause. Zuhause geht das nicht. Dort können sie nicht ihre sexuellen Phantasien, ihre perversen Praktiken ausleben, denn der Kick ist nicht WAS sie machen, sondern dass sie etwas mit jemanden anderen machen. Der Nervenkitzel ist die Schuld, das Verbrechen – und wenn man sich schon einmal selbst verurteilt hat, kann man weiter über die Strenge schlagen. Denn wenn der Damm einmal gebrochen ist… Dann…

Es ist ein stetiges Treiben und Gehen da unten geworden. Jeder scheint es mit jedem zu treiben. Manchmal schämen sie sich, andere verbergen es gar nicht. Ja. Jeder mit jedem. Und jeder bescheißt jeden. Jede Paarung ist möglich. Nur nicht die mit seinem eigenem Partner.

Ich gehe ins Bett. Und denke noch ein wenig über die Globalisierung und den Treibhauseffekt nach, über übervolle Töpfe, die dampfend ihren Schaum auf heiße Herdplatten tropfen.

Dann schlafe ich ein.