Den Blick frei geradeaus

Schreibt doch mal wieder etwas. Denn nur wer Lebenszeichen sendet, wer sich meldet und sich gehör verschafft, der ist auch real für die anderen begreifbar; aha, so so, mhm. Wenns denn sein muss.

 

Es war ein sehr befreiendes Gefühl vorgestern meine alte Wohnung zu übergeben, es fühlte sich fast wie eine Beichte an. Dass diese Beichte kommen werden müsste, davor trug ich schon seit Jahren Sorge. Denn diese Wohnung, das war ja auch ich gewesen. Wie viele Stunden hatte ich mich dort alleine eingesperrt und Line um Line Speed gezogen? Und wie viele Stunden fraß ich dort Drogen   mit Freunden? Wie viel Gläser forderte dort mein Alkoholiker-Herz? Und wie viele Lügen verkaufte ich meiner damaligen Freundin als Wahrheit, während sie in meinen Armen lag?

Diese Wohnung war meine „Festung der Einsamkeit“, nur war ich kein Superman, ich war ein ganz armes Würstchen. Ein Lügner, ein Dieb, ein Bastard – und ich war sogar noch stolz darauf…

Es war ja schon immer so, dass ich nur das Schlechte in der Vergangenheit sehe…

 

Natürlich war auch vieles gut und toll gewesen. 10 Jahre, eben nicht nur die gleiche Scheiße. Bei einer Beichte aber denkt man nicht an die Triumphe und die Freiheit, man denkt nicht auf direktem Weg an die Liebe, nur auf schuldbeladenen Umwegen. Auch wenn es die Redewendung gibt, beichtet man niemals seine Liebe oder sein Glück. Es geht nur um Schuld und Peinlichkeiten. Eines Tages aber will ich meine Glück beichten können.

Als ich ein paar Minuten vor der Schlüsselzurückgabe alleine in der Wohnung war, überkam mich dann doch die Melancholie, und mit ihr fast ein Lächeln. Dort war ich einmal schwitzend zusammen gebrochen. Da hatte ich immer meinen Stoff versteckt (vor wem eigentlich?). Hier war mein PC gestanden, mein Leuchtturm in die Außenwelt… Das Alles würde mir überhaupt nicht fehlen.

Mit 35 Jahren stand ich dort und sah auf ein ganzes Lebenskapitel zurück, das nicht nur aussah wie eine leere Wohnung mit weißen Fließen, es fühlte sich auch so an. Ich habe mich selbst sehr gehasst in diesen vier Wänden. Ja. Verachtet sogar. Hatte versucht mich mit meinem Glück langsam umzubringen. Das ist die Wahrheit… Aber wenn das die Wahrheit ist, warum ist mein Gesicht jetzt schon durchfurcht von Lachfalten? Da entkommt mir ein Lächeln.

Mein Vermieter konnte die Schuld selbstverständlich nicht sehen, er erahnte es sicherlich nicht einmal. Er hat nicht die richtigen Augen und nicht den richtigen Verstand um zu verstehen, weshalb ich mich um vieles nicht gekümmert hatte, weshalb meine Wohnung in bestimmten Grau-Bereichen sehr verwahrlost war. Es gibt Gründe für das Menschliche Tun. Und somit waren die Löcher in der Wand, die herausgefallenen Schubladen oder Scharnierlosen Schränke mehr als die Produkte meiner Handwerklichen Unfähigkeit. Sie waren Zeichen der Sucht und der Selbstzerstörung. Anzeichen einer grundlegenden Scheißegaligkeit.

Ich bin höflich zu meinem Vermieter. Er ist ein netter Kerl. Und er sieht natürlich nur SEINE Wohnung und nennt mich die ganze Zeit den „idealen Mieter“, da ich nie viel forderte, einigermaßen ordentlich war und vor allem immer pünktlich zahlte. Hatte ich das schon früher so verstanden. Dann hätte ich keine Angst vor diesem Moment gehabt, in dem ich vor ihm Rechenschafft ablegen muss. Und ja klar, es war keine Rechenschaft, für niemanden, nur vor mir selbst, und das fühlte sich noch befremdlicher an. Da war ich doch glatt davongekommen. Wie ist denn das passiert?

 

Jetzt sitze ich vor meinem alten PC, in meiner neuen, schönen Wohnung und habe das Gefühl als würde ich über deinen Fremden schreiben. Und das ist ein gutes Gefühl. Das Ironische ist, dass ich früher so hohe Stücke auf mich selbst hielt und ich den Typ von damals gar nicht mehr leiden kann. Ich bewundere ihn um seine Ideale, ja. Um seine Wut. Und auch um seine Fähigkeit blind für die Lösung der eigenen Probleme zu sein und sich in Literatur und Geschichten zu stürzen, um in der Abstraktion eine Lösung zu finden… Ich war zwar nie eine richtiger, doch mehr Künstler als vor 5 bis 10 Jahren werde ich nie wieder sein. Und ich habe es überlebt.

 

Gestern war eine alte Freundin bei mir, die 8 Monate in Südamerika war und nur zurückgekommen ist, um ihr Leben wieder aufzulösen und abzuhauen. Raus aus Deutschland, wo wir uns alle im Bekanntenkreis die Geschichte von unseren schleichenden Arbeitserkrankungen erzählen: Depressionen. Burnout. Verschlissene Körper. Dagegen sie mit ihrer fröhlichen Art und des Selbstbestimmung, mit diesem ungeheuren Egoismus auf jeden und alles zu scheißen, und frei zu sein. So kann ich nicht sein, will ich auch nicht. Doch ihr Egoismus – nennt es Selbstbestimmung – flößt mir Respekt ein, jedoch auch Mut. Den Mut, auch wenn man sich jetzt in die konservative Ecke gestellt hat, einen neuen Lebensabschnitt auch anzunehmen. Schließlich bin ich ein Überlebender, und ja, scheißdrauf, selbst wenn ich diesen Umstand idealisieren sollte, kann und werde ich daraus Energie schöpfen. Ihr werdet schon sehen.

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