Heimat Sharing- Ein Augsburger Bürger Bühnen Stück

 

Das Gegenteil von gut ist eben nicht immer nur gutgemeint.

In diesem (ich nenne es einmal: ) „integrativen“ Theaterstück traten 14 Laiendarsteller auf.  Diese brachten ihre einzelnen Lebenswege aus verschiedenen Bereichen der BRD, der Türkei, der Mongolei, dem Senegal, Rumänen und Russland   in die Stadt Augsburg. Die Grundfrage war: Was ist Heimat? Was bedeutet sie für mich? Kann man mehrere davon haben? Kann man Heimat teilen?

 

Jeder Selbstdarsteller (im positiven Sinn) erzählte ein wenig von seiner Lebensgeschichte und trat nicht nur als Einwanderer oder Zugezogener auf, sondern – viel wichtiger – als Mensch. Ja. Das Prinzip des Stückes war den Menschen hinter dem Etikett „Ausländer“ (besser: Nicht-Augsburger) erkennbar zu machen. Und es wurde auch der Frage nachgegangen, wie das so ist mit Augsburg und seinen Ausländern. Dabei wurde auch nicht an Kritik am provinziellen Augsburger gespart, aber auch nicht am Lob der ansässigen Bürger. Ein versöhnlicher Abend sollte es sein, bei dem Fehler eingestanden und benannt wurden.

 

Alleine schon die Form war sehr ansprechend erdacht: Durch ein Zufallslos wurde man verschiedenen Gruppen zugeteilt, durch die der Besucher in drei verschiedene Bereiche des Kultur-Theaters Abraxas geleitet wurde, in der die Leute aus den verschiedensten Regionen der Welt im kleinem Rahmen von ihren Erlebnissen mit Augsburg, Bayern und Deutschland berichteten, von ihren Erfahrungen mit dem öffentlichen Verkehrsnetz, der medizinischen Versorgungen bis hin zur unterschiedlichen Ernährung; der besondere Fokus lag selbstverständlich auf die Behandlung des Einzelnen durch andere Einzelne. Das war hart und nah dran am Menschen und es war so gut wie unmöglich sich den Sympathien zu entziehen, die in einem aufkommen mussten, wenn es so sehr menschelt. Das ist etwas sehr Gutes. Und das Symbol mit dem gemeinsamen Essen welches während jeder Episode gekocht und geschnitten wurde – welches man nach dem Stück zusammen mit den Darstellern verspeißen konnte – war ein so herzerweichend simples, klares und durchaus positiv naives Symbol, dass es nur funktionieren konnte. Ja. Man verstand die Leute, die hier in erster, zweiter oder dritter Generation in Augsburg waren, ein wenig besser und auch wenn man sich ihnen nicht krass verbunden vorkam, verstand man deren Zweifel und Probleme, denn recht schnell war der innere moralische Zeiger auf dem Empathie-Manometer ganz weit oben angekommen.

Doch was sagt so ein Stück über unsere Zeit aus? Das war unsere Frage.

Natürlich braucht es Offenheit um zwischenmenschliche Grenzen zu überwinden. Und ebenso ist es wichtig zu erfahren, was für Schicksale hinter den Hunderttausenden, hinter den Millionen Menschen stehen, die jetzt nach Deutschland kommen.

Das Thema hier war die gelungene Integration und sparte dabei die zentrale Frage aus, die uns seit Monaten umtreibt: Ist diese gelungene, gegenseitige Integration auch noch dann möglich, wenn eine Millionen Menschen, vielleicht sogar zwei Millionen Menschen innerhalb von ein, zwei Jahren unkontrolliert nach Deutschland kommen? Das ist doch die Frage um die es geht. Auch wenn es selbstverständlich sehr wichtig zu erkennen ist, das Integration in den meisten Fällen sehr gut funktioniert. Denn ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch. Aber Menschen brauchen Zeit um sich aneinander zu gewöhnen (was auch eine Grundaussage des Abends war) – und   meine Begleitung und mich trieb natürlich die Frage um, ob das in der gegenwärtigen Debatte, ja, in der gerade geschehenden Krise noch möglich ist? Bisher ist es geglückt und selbst hier war es nicht leicht:  Wird es auch in Zukunft funktionieren? Und zu welchem Preis? Wie weit werden wir voneinander wegtreiben, bis wir beieinander ankommen? Wie viel Opfer und Verstümmelungen müssen wir dafür in Kauf nehmen? Nicht nur moralische und ethische. Denn so manches Subjekt wird konkret psychisch und physisch davon betroffen sein.

 

Die Antwort hier lautete: Wenn wir zusammen – und doch jeder für sich – aneinander arbeiten. Dann schaffen wir das. Dennoch ist eine gewisse Skepsis bei diesem Europa ohne Grenzen mehr als angebracht. Besonders, wenn man in München am Bahnhof arbeitet, und jeden Tag die Flüchtlinge ankommen sah. Wie viel Zeit wird es brauchen bis diese Leute, bis diese Menschen integriert sind? Und ist es nicht auch berechtigt Angst zu haben, ob man selbst unter die Räder der Zeit gelangt bei dem Prozess des sich aneinander anpassen?

Ich kann auch jede Frau verstehen, die sich in diesen Tagen Tränengas kauft um sich zu schützen. Nicht weil man allen anderen nicht traut. Nein, weil man eben nicht JEDEM trauen kann. Hier erzeugt die Berichterstattung und ihr reales Fundament Ängste.

 

Der Abend war – bis auf den Herren aus Senegal – eine Zelebration des gelungenen Miteinanders. Dafür muss und sollte Zeit sein, gerade in diesen Tagen der Vorbehalten und der Sorgen unter den Deutschen. Es ist ein Abend der Versöhnung gewesen, der Hoffnung macht. Der an die Menschlichkeit in jedem von uns appelliert hat. Es war aber auch ein Abend, in dem liberale Besucher auf ein liberales Konzept getroffen sind; wieder einmal wurden weit offene Türen eingerannt.

Man sollte solche Stücke für Schulen machen. Für Arbeiter. Für die, mit den härtesten Vorurteilen. Nicht für ein Theaterpublikum.

 

Es hat Spaß und Freude gemacht den Laiendarstellern zuzusehen, zuhören und ein wenig an ihrer Biografie u schnuppern. Es hat durchaus ein wenig in mir verändert. Dennoch fühlte es sich an wie ein kleiner Anachronismus.

Doch selten an so einem so guten, gutgemeinten Kunststück teilgenommen.

 

 

 

Sexuelles Asyl

In ihrem Traum  wurde sie von antifaschistischen Häschern gejagt. In Frankreich. In Holland. Belgien. Das war nicht so klar zu erkennen. Die anderen Frauen, die ebenfalls gesucht und im Gegensatz zu ihr auch gefunden wurden, was sie von ihrem Fenster, hinter den Vorhängen hervor, erblinzeln konnte, wurden bespuckt und auch geschlagen, angeschrien, und als Kennzeichnung dafür, dass sie etwas mit einem nationaldeutschen Soldaten gehabt hatte, wurden ihr die Haare vom Kopf geschoren; damit jeder sofort ihre Schande erkennen konnte, ihr Verbrechen, die Geliebte eines Besatzungssoldaten gewesen zu sein. Dabei, hatte sie ihren Franz, Hans, Josef, wie auch immer der Mann im Traum hieß, wirklich geliebt. Nur geliebt. Und jetzt, nachdem die Nazis vertrieben worden waren, war diese Liebe ein Verbrechen. Vaterlandsverrat.

Nach dem Aufwachen wunderte sie sich ein wenig über die Reflektionen ihres Verstandes. Den Traum hatte ihr eindeutig ihr Ex-Freund eingeredet, als er im Streit „Kollaboration“ mit den „Wirtschaftsflüchtlingen“ vorgeworfen hatte. Der arme Amadeo konnte es einfach nicht verschmerzen, dass sie nicht mehr mit ihm, sondern mit „Nadim“ aus Syrien zusammen sein wollte.

 

In ihrer Internetwirklichkeit wurde sie von faschistischen Kommentaren bombardiert, auf Facebook, da sie ehrenamtlich für ein Flüchtlingshilfswerk arbeitete. Ihr Ex-Freund Amadeo nannte es nicht Hilfe, sondern „berechnende Zuhälterei“, obwohl er selbst wusste, dass das nicht der Fall war. Sie wollte nicht Menschen zum Sex an andere Menschen vermitteln, sie stand einfach auf diesen Typ Mann. „Richtige Männer“, wie sie zu Amadeo in einem schwachen Moment sagte. Was sie nicht ausführte nachdem sie Amadeos Gesicht auf den Ausspruch sah: Nicht so Waschlappen wie dich.

 

Im Sommer, an diesem berühmten Tag, der dazu beitrug dass sogar die Bundeskanzlerin ihre Politik danach ausrichtete, holte sie ihren Vater von München vom Flughafen ab. Sie nahmen den Zug und wurden dadurch Zeuge und Teilnehmer einer Aktion, deren Bilder rund um die Welt gingen; sie war eine der applaudierenden „Begrüßer“ am Münchner Hauptbahnhof, als die Flüchtlinge eintrafen. Es wurde sogar ein Foto von ihr gemacht… Sie verteilte Wasser und Süßigkeiten vom „Yorma´s“ an Alte und Junge. Schüttelte Hände. Lächelte. Bis es ihrem Vater zu viel wurde und sie schließlich in einen anderen Zug stiegen und sie ihn nachhause nach Augsburg brachte. Schließlich hatte ihr Vater einen langen Flug hinter sich.

 

Ihr Vater war auf Sex-Urlaub in Thailand gewesen. Er machte daraus kein großes Geheimnis, nicht einmal seiner Tochter gegenüber (wohl aber über seine „sexuellen Experimente“ im Urlaub) und wie sie dort am Hauptbahnhof des Freistaats Bayern die vielen jungen Männer sah, sah sie mehr als nur Hilfe suchende Flüchtlinge; sie sah eine Chance, auch für sich.

Ihre Beziehung mit Amadeo steckte schon seit längerer Zeit in einer Krise und dies war eine historische Möglichkeit um ihrem Leben neue Würze zu geben. Auch. Wenn sie es sich selbst nicht eingestand. Sie war keine berechnende Frau. Und erst recht keine Schlampe. Sie suchte nach Liebe und Geborgenheit – aber auch nach Abenteuern. Und zu diesem Abenteuer musste sie nicht einmal reisen: Es kam zu ihr.

Was könnte man auch Besseres für diese verwirrten, teilweise traumatisierten Jungs machen, als mit ihnen zu schlafen? Wie könnte man ihnen besser den richtigen Umgang mit europäischen Frauen beibringen, als durch Intimität? Diese Männer mussten lernen, dass eine Frau in diesem Land nicht nur die gleichen Rechte, nein, dass sie auch denselben Wert hatten wie ein Mann? Und würde sie nicht einfach nur mit ihren ganzen Körper etwas für die Integration tun? Diese Halbwahrheiten, diese dünnen Lügen, erzählte sie sich selbst um sich Lust zu verschaffen.

Amadeo meinte, sie sei krank. Abartig. Jemand, der sich für eine „Heilige Hure“ hielte. Und sie konnte nicht einsehen, weshalb es a) unmoralisch sei als Single-Frau (denn sie hatte sie zuvor von Amadeo getrennt) mit so vielen Männern zu schlafen wie sie wolle, und b) weshalb Amadeo ihrem Vater dann nicht vorgeworfen hatte, dass er wegen dem Sex-Tourismus ein schlechter Mann sei.

Und schließlich tat sie es doch offensichtlich nicht nur aus egoistischen Gründen, nein, um die Sprachbarriere zu überwinden und gegen die Traumas des Krieges vorzugehen, benutzte sie einfach nur die Sprache der Liebe…

 

Es war alles Unsinn. Sie wusste das auch. In Wahrheit war sie einfach nur einsam und wenn sie die armen, heimatlosen Vertriebenen, die im Sommer an den öffentlichen Plätzen ihrer Stadt im ebenfalls öffentlichen WLAN herumhingen und nachhause in den Krieg schrieben, glaubte sie, dass nur diese Männer ihre Sehnsucht verstehen konnten, eine Sehnsucht, die einer Philosophie gleichkommt. Die Philosophie der Verstümmelten, die etwas verloren haben und nun unter Phantomschmerzen danach suchten.

Auf „Namir“ folgte „Safi“, auf „Safi“ „Ruhi“, auf „Ruhi“ „Zarif“. Sie verstanden sich über ihre Körper und schenkten einander den Frieden, der für alle längst schon lange verloren und abgebrannt war.

 

In den Tagen vor Silvester, als die Explosionskörper der Jahresfeier immer lauter und näher einschlugen, als die Erinnerungen an den Krieg immer deutlicher in die Köpfe der Traumatisierten zutage traten und sie sich zitternd an ihren Körper drückten, spürte sie, dass sie mehr tat als sich diesen Männer hinzugeben. Es war mehr als Trost was ihnen gab. Oder Schutz. Sicherheit. Es war Hoffnung. Und ihr war es ganz gleich was die Leute über sie sagten. Die Einheimischen. Oder die Fremden. Es war ihr gleich welche Namen und Titel man ihr gab. Denn sie wusste, ganz tief in ihrem Innern, dass es mehr war als nur Sex: Es war Vergebung. Sie vergab den Männern die Schuld, noch am Leben und nicht ebenso tot zu sein, wie all die Verwandten und Freunde, all die Söhne, Töchter, Mütter und Väter, die der Krieg ihnen entrissen hatte. Ja.  Vielleicht war sie genau das, was Amadeo ihr vorgeworfen hatte: Eine heilige Hure.

Grenzen

Wir sahen uns diese Woche  die Daily-Soap GZSZ an, in welcher der böse Joe Gerner scheinbar ein Grundstück vergiften ließ, auf dem ein Aktionsbündnis ein Flüchtlingsheim errichten wollte; Gerner wollte das Grundstück für seine Firma und wendete eine Finte an. Aber natürlich sind die guten Aktivisten schon dabei die Lunte zu riechen.

 

Ich (Ironie an): „Bestimmt haben die bösen Flüchtlinge selbst das Gelände versucht, um Gerner eins auszuwischen.“

Bekannte/Freundin: „Erinnerst du dich noch als ich in der Gärtnerei gearbeitet habe?“

„Klaro.“
„Dort habe ich auch mit Flüchtlingen zusammengearbeitet. Aus Afrika. Wo will man denn auch Leute einsetzen, die die Sprache nichts sprechen und nichts können?“

„Auf dem Feld.“

„Das haben die sich vom Amt wohl auch gedacht. Deswegen schicken sie immer wieder welche zu meinem Chef.“

„Immer wieder?“

„Ja. Der muss sie die ganze Zeit wieder loswerden. Weil die nicht zur Arbeit kommen. Und wenn dann, wann sie wollen. Die kennen das nicht aufstehen zu müssen wenn es Zeit ist. Die sind es gewohnt aufzustehen wenn sie aufwachen. Genau (es fällt ihr wieder ein), aus Eritrea waren die.“

„Dann müssen die das gelernt bekommen.“

„Ja. Das stimmt schon. Wenn man aber auf Feldern arbeitet kann sich die Arbeit nicht um die Arbeiter drehen, die Pflanzen stehen im Mittelpunkt. Mein Chef konnte mit diesen Leuten nichts anfangen, denen seine Pflanzen egal waren und sich nicht um sie kümmerten. Deutschland ist von Natur her kein besonders fruchtbares Land.“
„Hm… Das ist ja echt scheiße.“
„Außerdem waren die, wenn sie denn kamen, faul. Die hatten keine Lust zu arbeiten. Und von mir ließen die sich sowieso nichts sagen…“

„Weil du eine Frau bist.“

„…Weil ich eine Frau bin ja. Weißt du wie sich das anfühlt wie Luft behandelt zu werden und wenn man dann – zwangsläufig – lauter wird, mit abschätzigem Blick angesehen zu werden als ob du nichts wert bist? Und dann geht der einfach und lässt dich die Arbeit machen?“

„Das ist natürlich hart… Aber Eritrea ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die sind einfach ungebildet. Und auf dem Feld arbeiten da sicherlich nur Frauen.“

„Das stimmt wahrscheinlich. Das hilft mir und meinem Chef nur sehr wenig. Er würde gerne mehr von denen nehmen. Die taugen aber nichts. Die Meisten verstehen nicht, dass wir hier nicht einfach so im Wohlstand leben, dass wir dafür hart arbeiten.“

„Aber es sind nicht Alle so.“

„Ne. Natürlich nicht.“

Pause. Irgendetwas bescheuertes, doch irgendwie Wichtiges geschieht in der falschen Welt von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ auf RTL, dann fügte sie noch hinzu:
„Ganz bestimmt nicht Alle. Aber die, die ich kennen gelernt habe.“

Erklärung:

Ich habe jetzt lange überlegt ob ich so einen Eintrag schreibe, da er eine gewisse Stimmung generiert. Aber. Die Geschichte wurde mir von ihr so erzählt und ich glaube ihr – was würde es bedeuten sie absichtlich zu verheimlichen?

Verdammte humanistische Gutmenschen!!

Er sagt:

„Es geht nicht darum wie viel wir essen, wie das Alles angebaut wird, was man den Bauern zahlt, den Lohnarbeitern, ob das Sklavenarbeiter oder Kinder sind. Es geht auch nicht darum wie wir unser Vieh behandeln, ob wir das Reihenweise abschlachten, ihm Antibiotika geben, es schlagen, Hormone hinein pumpen und die am Ende selbst mit fressen, oder weg werfen. Auch ob unser Getreide überdüngt wird, die Äpfel gespritzt oder irgendein Anti-Irgendwas-Mittel eingesetzt wird, dass den Boden verpestet und damit wieder uns… Es ist auch vollkommen egal ob wir unseren Müll trennen, keine Plastikflaschen mehr verwenden sondern Mehrweg-Produkte, ob wir unser Essen selbst anbauen.

Es ist egal. Denn dabei geht es nur darum einen Prozess aufzuschieben, der nicht aufzuhalten ist. Und jeder weiß es, wenn er nicht total verblödet ist.

Du kannst noch so viel Plastik aus den Meeren fischen, keine fossilen Brennstoffe mehr benutzen und gegen Tierhaltung sein. Du kannst sogar der Supervegetarier, der Superveganer werden, nichts mehr essen, was einen Schatten wirft: Es spielt einfach keine Rolle. Wirklich nicht.

Es ist nicht der Wohlstand der die Welt zugrunde richtet. Es ist der Humanismus. Die Mitmenschlichkeit. Denn wer jedem anderen auf dem Planeten zugesteht, dass dieser die gleichen Rechten und Vorzüge erhalten soll wie er selbst, mag ohne Zweifel ein guter, ein vorzüglicher Mensch, ja, ein Menschenfreund sein, diese globale Gleichberechtigung aller Wesen ist jedoch auch der Untergang der Menschheit wie wir sie kennen. Der Mensch wird nicht die Erde zerstören. Dafür ist er gar nicht stark und groß genug, denn das Leben wird – über die Jahrmillionen – wieder einen Weg finden zurückzukehren, dafür reichen, wenn Darwin Recht behält, das Überleben von Kleinstlebewesen. Doch der Mensch wird die Menschheit zerstören. Er wird sie vergiften, ertränken, und sich früher oder später gegenseitig auffressen, was er jetzt schon auf die eine oder andere Art macht. Das ist die Wahrheit. Und es mag der Menschheit ein paar Jahre bringen, wenn wir alle brav unseren Müll trennen. Und es wird sicherlich helfen, wenn wir eines Tages einen anderen Planeten urbar machen – dort aber werden wir nach demselben Prinzip verfahren:

Zuviel Population für zu wenig Raum. Das Pop-pen ist das Problem.

Und doch ist das Poppen genau das, was den Menschen ausmacht. Sein einziger Traum. Sex bis zum Umfallen und so viele Kinder wie man will.

Es gibt keine gegenteilige Bezeichnung zum Kindersegen. „Kinder sind ja so toll“. „Sie sind unsere Zukunft.“ „Sie sind unser Glück.“ Es gab Zeiten, da stimmte das. Doch wie dankbar werden unsere Kinder sein, wenn wir immer mehr Kinder in die Welt setzen? Wenn wir nicht nur die virtuellen Privatsphäre abschaffen, sondern die reale gleich mit, in dem wir so viele Kinder zeugen, dass es nur noch einen begrenzten Lebensraum gibt? Und all diese mehr oder weniger glücklichen Nachfahren wollen selbst immer mehr Kinder bekommen, denn schließlich wollen sie selbst auch glücklich sein! Und wer kann ihnen dieses Glück auch vergällen, denn schließlich sind wir Humanisten und stehen ihnen dieses Glück, unser Glück, ihnen auch zu! Bis es irgendwann einmal nicht mehr geht. Es werden Kriege folgen. Seuchen. Mord und Totschlag. Das wird das „Finstere Mittelalter der Menschheit“. Und nicht der Kapitalismus und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen wird daran Schuld tragen. Nein. „Schuld“ hat die Menschenliebe. Weil man jeden Deppen so sehr liebt, wie sich selbst – ganz egal ob DER einen liebt.

Das Kapital wie wir es kennen, nimmt keine Rücksicht auf den Menschen, außer denjenigen, der es besitzt. Der Kapitalist, der Reiche,  wird sich einen schönen Ort einrichten, in dem er gut leben kann. Und das ist richtig so. Er wird sich eine Blase schaffen, die er sich verdient hat. Alle anderen müssen draußen bleiben. Und das ist klug. Denn wenn man alle Heuschrecken gleichzeitig in das Paradies lässt, was wird dann geschehen? Oder anders gefragt: Was geschieht wenn man nur eine EINZIGE Heuschrecke hineinlässt? Werden dann mit der Zeit  nicht daraus zwei oder drei werden? Und wie geht die Geschichte weiter? Was wird aus den Sklaven von einst, mit denen wir Mitleid hatten? Seht nach Amerika. Seht nach Frankreich. Was aus all der „Nächstenliebe“ geworden ist…

Nächstenliebe muss man sich leisten können.

Denn der Nächste will das, was du hast. Nein. Er will es dir nicht wegnehmen. Der Nächste ist kein schlechter Kerl. Der Fremde ist nicht der Böse. Er will nur das GLEICHE haben wir du. Denn er denkt, er ist wie du. Und du behandelst ihn doch auch wie dich! Also wird er dir, nach und nach, das wegnehmen was du hast. Weil er so ist. Wie du. Du würdest doch genau das Gleiche wollen, wie du, oder? Du bist doch auch nicht schlechter. Siehst du, da haben wir es schon.

Wir brauchen Mauern um uns zu retten. Keine Brücken. Eine Brücke braucht man nur, um sich aus dem selbstverschuldeten Elend zu retten. Und ich kann nichts dafür, wenn irgendwo Krieg ist. Ich habe niemanden dazu gezwungen, Waffen zu kaufen oder auf wen zu schießen. Unsere Wirtschaft sagt nur: „Hier, das ist ein gutes Gewehr, bei seiner Handhabung wirst du keine Probleme bekommen.“ Seit wann ist Qualität ein Grund dafür, jemanden die Schuld zuzuschieben? Würden diese Leute nicht ihre eigenen Gewehre benutzen, wenn sie könnten? Natürlich würden sie das. Sie kaufen nicht unsere Waffen weil wir so nett sind, sondern weil sie gut schießen. Würde jemand anders sie herstellen, würden sie, sie dort kaufen. Ganz sicher.

Und welcher Flüchtling holt schon seine Familie nach? Ich bitte euch… Unsere Großeltern wissen wie man flüchtet. Mit nichts am Leib als dem nackten Überleben und die Kinder aufm Arm. Nachzug von Familien… Was sind denn das für Flüchtlinge? Und was ist das für ein lächerlicher Krieg? Unsere Gesellschaft wollen die unterwandern. Dass sind doch ALLE IS-Terroristen! Unsere Regierung verschweigt uns das nur! Und ich weiß aus sicherer Quelle – ein Freund von mir ist Polizist und war in München dabei – wie viel mehr Frauen da am Bahnhof vergewaltigt wurden; die dürfen nur nicht darüber sprechen. Weil die Regierung versucht die Leute ruhig zu halten, und die ficken unsere schönen jungen, weißen Frauen! Und denkt mal an die Schwulen! Wir holen uns den Henker ins eigene Land!

Nach und nach baut sich hier eine Parallelgesellschaft, mit Moscheen und Kopftuchmädchen auf und mit allem drum und dran…. Und stelle euch mal vor, WIR würden in der Türkei eine katholische Kirche hinstellen wollen! Hahaha! Hahahahahaha!“, lachte er, trank seine Binoade aus und ging auf die Straße mit seinem Plakat, auf dem stand: „Genug ist genug!“ Und brüllte: „Wir sind das Volk“

Meine Kollegin und ich sahen uns ein wenig ratlos an. Ich dann so: „Na ja. Mit dem Thema Überbevölkerung hat er wirklich recht gehabt.“

Sie: „Ja. Irgendwann wird es wohl viel zu viele Menschen geben. Wieso dann aber die Ausländer als erstes wegmüssen?“
„Das war doch schon immer so.“

„Verdammte humanistische Gutmenschen seid ihr!“ brüllte uns sein Kollege, der immer noch am Tisch saß, bisher aber nichts gesagt hatte.

Sie: „Wieso? Wir sagen doch, dass er Recht hat, dass viele Menschen weggehören, um den Rest zu retten. Ist es da nicht egal, welche Menschen weggehören?“

Und der Kollege brüllt nur: „Die ANDEREN gehören weg!“

Otto Normalversager

Um 4 Uhr in der Früh piept der Wecker. Seine Hand saust routiniert auf die „Off“-Taste. Das Ding hat nur ein einziges Mal gepiept. Er will nicht dass seine Frau ebenfalls aufwacht. Das Aufwachen ist er geübt.

Am Abend zuvor hatten sie noch gestritten gehabt. Es war nichts Wichtiges gewesen, kein Grundsatzthema, sondern einer dieser Grundsatzstreits, die mit der Grundsätzlichkeit des Zusammenlebens zu tun haben; es ging wie immer um das gemeinsame Kind, die Tochter, mit ihrer unheilbaren Lungenkrankheit, um die richtige lebensverlängernde Therapie, und ob sich die Familie diese leisten kann oder leisten können muss. Der Streit handelte wie so oft um Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Prozentzahlen, die ihnen fremde Ärzte im vertrauten Tonfall nahgebracht haben. Und trotz der ganzen Streiterei war Mama und Papa die ganze Zeit über klar, dass es für die Liebe keiner Prozentrechnung bedarf.

Eine Tochter ist eine Tochter ist eine Tochter.

Papa und Mama sind sich in ihrer Sorge fremdgeworden. Sie berühren sich kaum mehr umeinander. Nur noch in ihren Blicken. In ihrem Kummer. Das Höchste sind traurige Umarmungen, die Kraft geben sollen und sie dabei doch, fast ab dem Moment wo sie sich voneinander trennen, auseinander stoßen, in die Einsamkeit des guten Willens.

Er fährt sich zuerst mit der Zahnbürste durch den Mund und dann mit der Bahn zur Arbeit.

Im Betrieb ist schon wieder die Hölle los. Kurt ist krank, schon wieder. Kurt ist eigentlich immer krank. In den letzten 8 Jahren geschlagene 4 Jahre, und die Chefs lachen schon darüber, dass man den eigentlich gar nicht brauchen würde, die anderen würden ja seine Arbeit ohnehin mitmachen. Die aber, die diese Arbeit machen müssen, wissen, dass sie diesen ewig kranken Kurt brauchen. Dass sie es nicht mehr lange durchhalten. Dass der Druck irgendwann einmal einfach zu groß wird. Woher konnten sie damals auch erahnen, dass der Typ dessen Arbeit sie sich auf die Schultern legten, jeder viertel Jahr wieder ein viertel Jahr fehlen würde?

Unser Mann arbeitet auf zwei Etagen gleichzeitig. Unten hebt er mit seiner ganzen Kraft die gepressten Metallplatten aus der Presse, während er oben, eine Etage höher, die Reinigung des Kessels überwacht und gleichzeitig den Papierkram macht. „Geht nicht, gibt´s nicht“. Man muss nur ein System haben. Und leider – verdammt noch mal – funktioniert das System auch. Unser Held weiß nur nicht, wie lange er noch funktionieren wird. Die Maschinen nutzen sich nicht ab. Sie werden gewartet. Er nicht… Keiner wartet ihn – alles wartet auf ihn.

Neben seinen drei Aufgaben gibt er noch den Lehrlingen Ratschläge, weißt seine anderen Gesellen an, erledigt Betriebsbedingte Telefonate – und reißt Witze. Im Sog der Arbeit merkt er den Stress gar nicht mehr, der macht sich erst bemerkbar, wenn er später zuhause bei der Frau ist und einfach nicht mehr kann. Nichts mehr. Dann sitzt er einfach nur da und starrt in die Leere, während ihn seine Frau ausschimpft, weshalb er denn so DUMM ist so hart zu arbeiten.

Sie versteht es nicht. Sie ist nicht dort. Sie weiß gar nichts.

Pausen macht man dann wenn man Zeit hat. Der Kaffee wird im Stehen getrunken. Der Muffin aus kohlrabenschwarzen Händen gegessen. Und seit er nicht mehr Raucht hat er nicht mehr Zeit für sich (wie er erst dachte, als er das mit den Zigaretten ließ), sondern noch weniger, denn da war plötzlich noch mehr Zeit um zu Arbeiten.

Manchmal sind die Pausen schlimmer als die Arbeit, denn kaum sitzt er länger als 10 Minuten, kommt er kaum mehr hoch; „Niemals anhalten“, denkt er sich dann, und weiß, dass er nicht müde geworden wäre, hätte er keine Pause gemacht, denn die Pausen erinnern den Körper daran, dass er keine Maschine ist und fordern den logischen Tribut ein.

Seine Hände sind Landkarten seines Tuns. Sie sind von weißen, braunen, violetten Striemen und von unförmigen, vertrockneten Seen gleicher Couleur überzogen, Grüße von Metallsplittern und Verbrennungen, von anorganischen Küssen, die sich tief in seine Haut gebohrt haben. Er hat große Hände. Menschen die mit ihren Händen arbeiten, haben große Hände.

Die Überstunden sind schon so etwas wie Routine. Und er hasst sich dafür, dass er sie so wahrnimmt und nicht mehr nur als Ausnahme. Irgendwie braucht er sie auch um seine Familie über die Runden zu bekommen, wohlwissend, dass er viel weniger für ausbezahlte Überstunden bekommt, als dass sie es wertgewesen wären sie zu verdienen.

Im Winter sieht er manchmal Wochenlang keine Sonne, denn er kommt zu früh zur Arbeit und geht zu spät, um die Lebensspenderin am Himmel zu finden. Er arbeitet „unter Tage“, auf zwei fast Fensterlosen Stockwerken über der Erde. Sein Keller ist der erste Stock.

Und als er dann endlich um 7 Uhr abends in die Bahn steigt, ganz wirr und kaputt, gar nicht fähig die Informationen von Spiegel Online aus seinem Handy zu lesen, sind da plötzlich diese jugendlichen Nazis, die sich im gleichen Abteil über einen hermachen, der wie ein Asylant aussieht.

„Scheiße“, denkt er sich, „jetzt hört aber auf…“ So einen Mist kann er jetzt gar nicht gebrauchen. Er ist müde. Zerschunden. Will nur zu seiner Tochter. Zu seiner Frau. Und will wissen wie ihre heutige Untersuchung im Detail abgelaufen ist.

Im ersten Moment blickt er weg. Und es hilft. Dann setzt es die erste Ohrfeige, die jungen Superdeutschen machen sich über „Abdul“ her (wie sie ihn nennen) und bei der nächsten Haltestelle steigt unser Held aus und zieht draußen sein Handy hervor: Um die Polizei zu rufen.

Dazu kommt es aber nicht.

Hinter ihm stürmt sowohl der rechte Mob, wie der angegriffene Abdul aus der Bahn, das Kamerateam von RTL 3 im Schlepptau. Das Ganze war eine inszenierte Geschichte, wegen dieser die „Journalisten“ wissen wollen, warum der große starke Mann nichts unternommen hätte, weshalb er keine Zivilcourage gezeigt hatte. Wie könne das denn sein?! Schließlich sei er doch ein großer und starker Kerl!

Unser Held sieht die jungen Typen um die 20 an, die einem wirklichem 9-to-5-Job nachgehen, der im Wesentlichen darin besteht Kaffee zu trinken und sich im Büro überlegen, wie sie die Gesellschaft „enttarnen“ können. Unglaublich klug und belesen kommen sie sich vor. In ihren teuren Klamotten und mit ihren wichtigen I-Phones.

Und unser Held, betroffen über die Situation („Ich habe wirklich falsch gehandelt!“) ist dennoch zu müde, zu erledigt und zu k.o. um sich wirklich zu ärgern. Er fragt die Jungs nur: „Was wisst ihr denn von Courage?“

Und geht nachhause. Heim. Wo das Glück. Und die Trauer wohnt.