Ein DJ ist kein Arzt

Seit ein paar Jahren ist unser Nachbar ein bekannter DJ. Wir sind nicht die dicksten Freunde, doch hin und wieder macht man was zusammen; die Frauen kennen sich, Bier wird zusammen getrunken. Nicht oft. Aber doch. Neulich fragte ich ihn:

 

„Hey, ich weiß, es ist nicht ganz so gewöhnlich. Aber meine Freundin wird 25, wir machen ne kleine Party, und…“

„Nein.“

„Wie nein?“

„Du wolltest mich doch fragen, ob ich bei eurer blöden Party auflege?“

„Öh… Ja. Nicht lange. Nur ein, zwei Stunden. Damit es halt ein wenig besonderer wird.“

„Nein. Das mache ich kategorisch nicht. Weil AUFLEGEN nicht mein Hobby ist, sondern meine ARBEIT. Ich verdiene damit mein Geld. Du bist doch Fliesenleger?“

„Stimmt, ja.“

„Was würdest du davon halten, wenn ich von dir verlange mein Bad zu fließen?“

„Also erstens verlange ich nichts von dir und zweitens wenn Freunde nett fragen, dann helfe ich denen, ist doch klar.“

„Du HILFST denen?“

„Das macht man dann zusammen. Das ist so wie du die Party nicht alleine stemmst. Man macht das zusammen, weil man sich mag. Und hat Spaß zusammen.“

„Ich mache das kategorisch nicht. Auflegen ist Job.“

„Na wie du meinst… Finde ich jetzt komisch, aber okay.“

„Wieso KOMISCH?“

„Na ja, als sich dein Sohn den Arm gebrochen hat, seid ihr auch gleich zu uns gekommen, weil Paula (meine Freundin) Ärztin ist. Da hat sie auch nichts gesagt von wegen „Arbeit“ und „Privat“.“

„Tja, die ist ja auch Ärztin. Die muss helfen.“

„Stimmt. Die hat einen Eid geleistet. Aber weißt du was?“

„Hm?“

„Diesen Eid hat sie freiwillig geleistet. Sie hat sich freiwillig dafür gemeldet, immer zu helfen.“

„Da siehste mal. Ich nicht. Weißt du überhaupt was ich an einem Abend verdiene?“

„Du meinst wohl, was du an einem Abend verdienen WÜRDEST.“

„Was soll das jetzt heißen?“

Mediziner-Abschluss-Party

Uni ist halt doch wie Schule, wenigstens wenn es um die Abschlussfeiern geht. Eine heiter quirlige Energie allerorts, die fast schon pubertär anmutet, und das viele ihre Eltern mitgebracht haben, verstärkt den Eindruck noch; neben den Alten sehen die Jungen gleich noch viel jünger aus.

 

Es ist ein fettes „600 plus X“-Leute-Event, in einer festlich ausgeleuchteten Mensa, nur leider hilft das neue schummrige  Licht dem Essen selbst wenig… Wie man sich Mensa-Mahlzeiten halt so vorstellt. Doch der Sekt ist umsonst und die Getränke billig (was immerhin für mich von Vorteil war) und alle Studenten, die man jetzt zu den „Ehemaligen“ zählen kann, sind happy und gut drauf, „schön sich noch einmal zu sehen“, während sie sich selbst abfeiern. Das haben sie sich verdient. Dennoch sehen die grauen Mäuschen und Pseudo-Coolen-Typen in ihrem schicken Outfit ein wenig überstylt aus, ein harter Backflash zu all den inszenierten Abschlusspartys, die man aus US-Amerikanischen Filmchen kennt. Die Erkenntnis reift heran, dass man dem (so sagte man früher, heute würde es Scham hervorrufen) „großen Bruder“ doch ähnlicher ist als man dachte.  Trotz der teilweise sehr tief ausgeschnittenen Kleider und anderen Blickfängern (man denke an den Titel der Band von „ Joe Caputo“ in „Orange is the new black“) bleibt es eine mehr als biedere Veranstaltung, die niemals ihre angenehm infantile und dennoch akademische Würde verliert. Schließlich sind heute Mediziner am Start und keine High-School-Proleten. Hier ist die Verpackung nicht der Inhalt.

Es werden unzählige Fotos geschossen. In jeder möglichen Konstellation.

„Verdammt wir sind jetzt Ärzte!“ Nur das hier keiner VERDAMMT sagen oder herumschreien würde… Das wäre peinlich.

 

Die Reden sind teilweise trocken und peinlich – das macht aber nichts. Denn der Dekan reißt durch eine ernste Aussage seine bis dahin  so dermaßen furchtbar gewollt lustige  Rede ins Plus des Gedächtnisses, in dem er die versammelten jungen Ärzte daran erinnert, dass sie nun gleich den „Hippokratischen Eid“ ablegen werden. Diesem zufolge  verpflichten sie sich JEDEM Menschen zu helfen, ganz egal ob er Deutscher oder Flüchtling ist, schließlich ist es immer ein Mensch der vor einem steht. Immer ein Mensch der Hilfe braucht. Was das für ein Mensch ist, ist zweitrangig. Mensch ist Mensch. Und auch wenn der Herr Dekan mit dem Angela Merkel Zitat „Wir schaffen das!“ für meinen Geschmack dann doch ein wenig mit seiner Rede überpaced hat, fand ich den Gedankengang einfach nur richtig, wahr, klar und verständlich. Und auch mir, der ich hier nur Besucher und Zaungast war, gab diese in Wahrheit sehr simple Erkenntnis neuen Mut und Kraft.

So einfach ist das mit der Wahrheit.

Köln hin und eingewanderter Verbrecher her.

Mensch bleibt Mensch. Ganz egal ob er dir fremd ist oder du ihm. Und auch wenn der Fremde Verbrechen begeht und du ihn aus verständlichen Gründen hasst, so ist er nur ein einzelner Mensch, der weder mit seinen Taten, noch mit seinen Worten für alle sprechen darf oder kann. Das hat nichts mit „Gutmenschentum“ zu tun. Das ist simple Logik:

Ich bin nicht du. Ich bin wie du.

 

Natürlich kam einem diese ganze Problematik, die jeden in Deutschland seit Wochen umtreibt, auf diesem Akademiker-Treffen sehr weit entfernt vor.  Die „Anderen“ sind nicht hier. Können nicht bekehrt und belehrt werden. Für sie ist der Zugang zu dieser hohen, höchsten Form der Bildung verwehrt. Und gerade ihr Mangel an Bildung lässt sie Dinge tun, die sie in unserer Gesellschaft „unmöglich“ machen; das stimmt aber nicht. Aus dem „Unmöglichen“ muss hier ein „Zusammen“ gemacht werden. Sonst funktioniert das Miteinander nicht. Kann es denn funktionieren?

 

Da stand ich dann also mit der Kamera in der Hand und wartete darauf, dass meine Freundin auf die Bühne gerufen wurde; jeder Absolvent wurde einzelnen auf die Bühne gerufen und geehrt. Ihr Nachname kommt nur leider sehr spät im Alphabet, weswegen ich/wir sehr lange warten mussten. Viele Männer und junge Frauen kamen breitgrinsend auf die Bühne, „Wuuuhooo! Endlich Arzt!“ sagten ihr innere Sonnen, die über ihre Augen nach außen strahlten. Wirklich sehr viele neue Ärztinnen waren dabei, mehr als ihre männlichen Kollegen. Darunter sehr viele mit Migrationshintergrund. Da fragte ich mich: Für wie viele war es vor einigen Jahren  noch „unmöglich“  Arzt in Deutschland zu werden? Es war eine Aneinanderreihung von integrativen Erfolgsgeschichten. Und seit wie lange dürfen Frauen in Deutschland überhaupt Medizin studieren?

Was ich da sah, war eine einzige emanzipatorische Erfolgsgeschichte. Wer hätte das vor ein paar Jahrzehnten noch gedacht? Also…. Funktioniert es, oder?…

Ich weiß, das ist sehr patethisch. Es klingt ziemlich idealistisch. Fast schon verblendet…

Und doch entspricht es der Wahrheit.

 

Zum Schluss kam der peinlichste Auftritt der Abends: Die Finale musikalische Einlage der Professoren-Band, die furchtbar  gezwungen eingedeutschte Lieder zum Thema „Medizin“ zum Besten gaben. Wirklich ganz furchtbar. Die Schul-Klischees wurden vollkommen erfüllt. Aber was soll´s? Da gibt es Schlimmeres.

 

Es war der Abend meiner Freundin und ich freute mich sehr für sie. Ich war (und bin) stolz auf sie. Freute mich daran wie sie mit ihren Freundinnen feierte und lachte. Auch wenn ich mir teilweise schwer vorstellen konnte, dass diese aufgedonnerten Weiber einmal meine Ärztinnen seien könnten (da kam mein persönlicher Sexismus durch: Die waren teilweise viel zu hübsch! Die kann ich doch gar nicht ernst nehmen…).

 

Dann gingen wir nachhause. Einfach so. Und die Studienzeit war ein für allemal vorbei.