Absolution 39 – Echte Männer trinken 15 Weizen

Noch einen Tag später lag Paul mehr tot als lebendig im Pausenraum seiner Arbeit. Den ersten Tag nach dem „Feiern“ empfand Paul erfahrungsgemäß als gar nicht so schlimm. Die Drogen wirkten noch ein wenig nach und wenn sich einmal die Konsuminduzierte Verstörtheit gelegt hatte, fühlte sich Paul für einige Stunden geradezu entspannt. Er bewegte sich dann in seiner Selbstwahrnehmungsblase wie in dem Auge eines Orkans, in welchem er ausgeglichen und konzentriert Beobachtungen feststellen konnte, bis… Bis am späten Nachmittag ihm unabwendbar die große Erschöpfung die Füße wegzog und ihn unsagbar schlapp und müde machte. Am zweiten Tag danach hatte er für gewöhnlich 10 bis 12 Stunden Schlaf eingefahren, was leider nur dazu führte, dass er sich platter fühlte als am Vortag. Da weder sein Körper noch sein Verstand sich im Klaren darüber waren, ob er nun wach war oder nicht, war Paul so gut wie jeden Dienstag immer ziemlich durch mit der Welt. Selbst der raue Verzehr von Kaffee machte ihn nicht mehr fit, sondern nur im Gegenteil nur noch wirrer. So lag er also auch diesmal in seiner Pausenzeit mit dem Kopf auf dem Tisch wie erschlagen da und döste vor sich hin. An Schlaf war nicht zu denken. Die Augen zu schließen fühlte sich dennoch erholsam an. Wenn nur nicht das ständig Gerede seiner Arbeitskollegen wäre.

Junger Kollege: „Oh… Ich war gestern soooo dermaßen voll… Bis um halb 4 Uhr früh ist erst gegangen…“
Alter Kollege: „Du bist ja heftig unterwegs!“

Junger Kollege: „15 Weizen habe ich getrunken!“

Alter Kollege: „15 Weizen!“

Junger Kollege: „Und dann haben wir mit dem Schnaps angefangen! Wir hatten ja auch was zu Feiern! Im Clubhaus haben wir einen Dildo an die Wand geschraubt! Vorne nen Dübel rein! Hinten nen Dübel! SOOO groß ist das Teil!“

Alter Kollege: „Hahaha, ihr seid ja verrückt!“

Paul innerlich: Stöhn…

Junger Kollege: „Da haben wir dann n Licht außen rum gemacht und zu jeder vollen Stunde fängt der zu blinken an!“

Alter Kollege: „Das ist ja geil! Auf IDEEN kommt ihr! Ich trink ja kaum mehr was… Der Paul eigentlich auch nicht mehr… Sagt er…“
Paul stellte sich weiterhin schlafend.

Alter Kollege: „Apropos Dildo! Hier! Der neue Porno-Kalender ist übrigens.“

Paul hörte Finger, die sich durch Papier blättern.

Junger Kollege: „Der ist ja SUUUUPER. Was ist denn das? Ah. Von Aichen. Der Gabelstabler-Firma. (Kurze Pause) Boah!!! Schau dir mal DIE an! Die hat ja größere Titten als ihr KOPF!“

Alter Kollege: „Die würde ich auch ordentlich ran nehmen wenn die mir über den Weg käme!“

Beide lachend: Muaahahahahaha!!!!

Paul war durchaus klar, dass vor ein paar Wochen seine Hauptbeschäftigung darin bestand, sich Nächte lang zu Pornografie selbst zu befriedigen, dennoch, widerten ihn seine Kollegen unglaublich an… Was waren das nur für Menschen? Hatten die denn gar kein Niveau? Sollten sie privat machen was sie wollten. Mussten sie deswegen aber so einen Scheiß herauslabern? Erstens konnte sich Paul nicht vorstellen, dass der kleine Maier 15 Weizen von gestern Abend auf heute Morgen getrunken hatte (vom darauffolgenden Schnaps ganz zu schweigen), zweitens war es ihm vollkommen fremd mit seiner eigenen Trinkleistung anzugeben. Wie alt waren sie denn? 17? Drittens beeindruckte es einen Drogenuser wie ihn herzlich wenig, viel Trinken zu können. Um sich von den Amphetaminen „herunter zu trinken“ (d.h. um die Wirkung des Speeds zu überdecken und bestenfalls dadurch schlafen zu können) gab es Nächte, an denen er eine Flasche Wodka in zwei Zügen geleert hatte – nur um immer noch sehr drauf und überhaupt nicht betrunken oder müde zu sein… Und es ist ja eine Sache eine Frau geil zu finden, man muss dann aber auch nicht so eine Grütze rauslabern als würde man sich in einer Fußballer-Umkleidekabine befinden. Oder in der Kommentarspalte unter einem You-Porn-Video. Verdammte Bauernproleten…  Was sollte das den vortäuschen? Männlichkeit?

 

Alter Kollege: „Früher habe ich auch gesoffen und die jungen Mädler bestiegen wie einen Fünftausender! Das kannst du mir aber glauben! 2 Mädler am gleichen Tag waren da keine Seltenheit!“

Junger Kollege: „Das kenne ich!!!!  Wenn ich einmal LOSLEGE, ABER DANN!“
Worauf sich Paul dachte: Jetzt reicht der Schwachsinn aber.

Abrupt hob er den Kopf vom Tisch und legte die Fakten auf den Tisch. Er zeigte auf den jungen Arbeitskollegen und blaffte ihn an: „Du bist Scheiße, Mann!“ Paul richtete seinen Finger auf den älteren Kollegen: „Und du warst schon IMMER Scheiße! Hört ihr euch überhaupt zu?“

Alter Kollege: „Was hast du denn?“

Junger Kollege: „Ja! Was stimmt denn mit dir nicht?!“

Paul stand auf und ging einfach wieder an die Arbeit. Wie konnte man in so einer Umgebung NICHT Drogensüchtig sein? Hatte er überhaupt jemals eine andere Chance gehabt?

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Das neue Geschlecht

In der Arbeit. Pausen-Situation.

Drei Leute. Typisch: Der Älteste hat die BILD-Zeitung auf dem Tisch. Letzte Seite.

Junger: „Wem gehört eigentlich die gelbe Limo hier?“

Jüngerer: „Mir!“

Ältester: „Da sieht man schon einmal was in diesem Laden falsch läuft! Aller gelber Limo sollte mir gehören!“ Dann Lacht er: „Muahahaha!“ Trinkt einen Schluck aus seiner gelben Brause.

Der Junge macht den Mund auf. Sagt aber nichts. Der Jüngere schaut weiter in sein Smartphone.

Ältester: „Böh… Der Glööckler ist soooo widerlich… Wie der schon aussieht!“ Der Älteste zeigt auf seine letzte Seite der Bild-Zeitung. Auf der der Glööckler ausgedehnt auf einem Kanapee liegt. „Solche Leute brauche ich gar nicht!“

Der Junge: „Hast du ein Problem mit queeren Leuten?“

Ältester: „Mit was für? Mit was für Leuten? Die Conchita Wurst ist genau so eine! Abartig“

Der Jüngere zum Jungen: „Da hast du deine Antwort.“

Junger: „Lass die Leute doch einfach so wie sie sind. Ist jetzt auch nicht mein Fall. Aber für irgendwen ist der Glööckler ein Held so wie der da liegt. Und fürn anderen die Wurst ein Idol. Menschen sind unterschiedlich. Ist halt so.“

Älterer: „Ne die gehen gar nicht. Schau doch mal wie die aussehen!“

Junger, jetzt auch lauter: „Na und! Lass die Leute doch so wie sie sind! Ich sag doch auch nicht dass der Nazi den ganzen gelben Limo für sich behalten will! Ich denk mir okay! Lass ihn doch machen!“

Der Jüngere lacht.

Der Älteste pampig: „Ich bin kein Nazi…“ Gibt dann aber auch Ruhe.

Und ich. Der Junge. Denke mir: „Okay, ja. Nazi ist er natürlich keiner. Das war jetzt schon sehr verallgemeinert.“

 

Ich habe auch noch später über die Szene nachgedacht. Dass Thomas. Der Älteste. Ja auch eine ganz andere Generation ist. Mit Mitte 50. Und dass es in seiner Jugend anders zuging in den Massenmedien. Für mich sind queere Personen fast schon Normalität. Fast schon. Weil ich keine/n persönlich kenne. Und deswegen kann ich ihm keinen Vorwurf machen. Die Leute brauchen Zeit um Veränderungen zu verarbeiten. Und desto älter man ist. Umso…

Bill Burr hat einmal in einem Comedy-Programm die Geschichte erzählt, wie damals der Besitzer irgendeines Basketball-Teams (ein alter Mann, geboren in oder vor der Zeit des zweiten Weltkrieges) zu seiner extrem jungen Freundin gesagt hat, dass sie mit den Schwarzen zwar tun und lassen könne was sie wolle, aber sie solle sie nicht in der Öffentlichkeit treffen, was, laut Burr, doch eine ziemlich liberale Haltung ist. Dieses Gespräch wurde von irgendwem aufgezeichnet und die amerikanische Öffentlichkeit war darüber empört, wie sich der alte Mann gegenüber seiner Freundin generiert hat. Burr fand das widersinning. Denn man müsse dem alten Mann doch zu Gute halten, dass nicht einmal das „N-Wort“ gefallen ist, obwohl es in der Kindheit und Jugend des Mannes vollkommen normal, das Wort zu verwenden.

Ich erinnere mich nach an eine „Otto-Kassette“ aus meiner Kindheit. Da war so eine Episode drauf, wie Otto Englisch falsch übersetzt. Es heißt da:

„This is Alice Schwarzer – Das sind ALLES Neger.

And this is Roy Black! – Und das ist der KÖNIG der Neger!“

Man muss Otto jetzt bestimmt keinen Rassismus unterstellen. Es war einfach eine andere Zeit. Man ging anders mit den Menschen um. Ließ ihnen weniger Freiräume. Die Zeiten haben sich geändert. Und es eine Errungenschaft von „Gayropa“, dass es ein öffentliches (positiv konnotiertes) Podest für queere Menschen wie Glööckler und Wurst gib. Nochmal: Irgendwo fühlt sich ein Mädchen oder ein Junge oder ein … durch die Beiden in ihrer/seiner Daseinsform bestätigt. Ist mir egal ob da in den Online-Medien jetzt viel vom „Gender-Wahn“ zu lesen ist, den man überall antrifft. Lasst die Leute doch einfach in Ruhe. Sie tun euch doch nichts.

Aber.

Ich will ehrlich sein.

Ganz egal WIE liberal und offen ich mich auch fühle. Ich könnte nicht sagen, wie ich sein werde, wenn ich einmal so alt wie mein Arbeitskollege Thomas wäre. Wahrscheinlich komme ich mir dann doch immer noch offen und liberal vor, während der Planet sich weiter gedreht hat. Vielleicht gibt es in 20 Jahren irgendwelche Geschlechterbilder, die ich jetzt nicht kenne und dann auch nicht mehr voll und ganz akzeptieren kann. Weil sie mir als widernatürlich erscheinen. Nur. Weil ich keine Übung darin habe, sie zu sehen.

Absolution – 9 – Auf Amphetaminen arbeiten gehen

Schon der Weg in die Arbeit war in diesem Zustand die Hölle. „Lieber Gott lass mich gut ankommen“, sagte er sich jedes Mal im Geiste, wiederholte es wie ein Mantra, obwohl sein Verhältnis zu Gott alles andere als geklärt war. Unter der Dusche konnte man sich noch einreden „normal“ zu sein. Das es „gar nicht so wild“ sei. Hinter dem Lenkrad eines Autos gibt es nichts mehr zu verbergen. Hier wurde ihm ein um das andere mal sofort klar, wie drauf er eigentlich noch war. Und dann fuhr er los. „Hauptsache ankommen“. „Nur keinen Unfall bauen“. „Gleich bin ich da“. So sollte es sein: Paul kam ohne sich oder jemand anderen verletzt zu haben sicher in der Arbeit an. Parkte seinen Wagen. Zerkratze nicht mal den Lack eines anderen Autos. Vielleicht. War diese ungesühnte Narrenfreiheit sogar das Heftigste für Paul. Dass er immer wieder und wieder damit durchkam. Bis zu diesem Punkt. In der Arbeit angekommen dachte er sich nach jeder Drogennacht: „Normal verhalten“. Doch wie verhält man sich eigentlich normal? Was redet man denn so normalerweise? Wer ist man denn, wenn man nüchtern ist? Wie sieht einen das Umfeld im Gegensatz dazu, wie man sich selbst einschätzt? Am besten. Gar nichts sagen. Auf den Boden sehen und ansonsten seine Arbeit machen. Unter dem Radar bleiben. Das wird schon. Und möglichst viel Flüssigkeit in sich hineinschütten um den Wasserhaushalt wieder auszugleichen. Bloß keinen Kaffee trinken! Der Extra-Kick-Kaffee würde ihn nach der durchgemachten Nacht, in der er Kalorien verbrannt hatte wie ein Hochleistungssportler, komplett wahnsinnig machen. Das Koffein würde ihn nur noch wirrer machen als er ohnehin schon war. Sein Herz schlug ihm so schon unaufhörlich bis zum Hals. Irgendwie kam er so jedes Mal durch den Tag. Machte seinen Kram. Mucksmäuschenstill. Blieb unter dem Radar. Benahm sich „normal“ und fand darin Erleichterung. Wie gut er seine Prallheit verbarg. Bis irgendein Arbeitskollege angewidert raunte, wie beschissen Paul schon wieder aussah; einfach Überhören, einfach gar nicht darauf eingehen. Und damit kam Paul durch. Seit Jahren. Er musste nur kommen und scheinen Scheiß gebacken bekommen. Der Rest interessierte niemanden… Bis auf einmal. Dieses eine Mal brachte der Stress, den er sich selbst machte, dazu, dass er hyperventilierte. Paul klappte damals zusammen. Spürte seine Arme und Beine nicht mehr. Ihm wurde schwindlig. Kippte um. Ein Arbeitskollege brachte ihn zum Arzt. Der sah Paul mitleidig an. Ob er unter Stress stehe. Ob er vielleicht Ärger mit der Freundin hätte. Paul, total auf Amphetamine, nickte nur wie ein Idiot: „Ja, ja. Ärger mit der Freundin“. Obwohl er gar keine hatte. Dabei lachte er sich ins Fäustchen über die Blödheit des Arztes. Der einen eindeutig Megadruffen und irren Typen wie ihn nicht all das identifizieren konnte, was er war. Ein toller Arzt. Und dieser Arzt ist selbstverständlich auch heute noch Pauls Hausarzt. Nachdem der ihn krankgeschrieben hatte fuhr Paul nachhause, machte das nächste Briefchen Speed auf, und lachte darüber wie dumm alle anderen Menschen seien.

Arg

Wenn ich nicht gerade den Text korrigiere schaue ich mit meiner Freundin Fernsehen. Wir sahen vorgestern kurz in „Hanna Arendt“ rein, die sexistischer Weise am  Bekanntesten dafür ist, mit Heidegger gefickt zu haben. Auf jeden Fall war da die Stelle im Film, in der der Eichmann-Prozess thematisiert wurde.  Und als der Eichmann meinte, ER habe ja keinen Juden getötet, sondern nur dafür gesorgt dass die Züge pünktlich und richtig fuhren, fiel es mir wie die Schuppen von den Augen; bereits die Woche DAVOR hatte unser Vorgesetzter im Bereich Qualitätssicherung gesagt, es müssten alle drei Sauerstoffmessgeräte JEDE Woche gereinigt werden, auch, wenn wir davon nur eines benutzen. Auf unsere Frage dazu, woher wir die Zeit für diese recht langwierigen Reinigungen hernehmen sollen – den jeder von uns hat schon mehrere Hundert Überstunden – meinte er nur: „Das sei ihm scheißegal!“ Und jetzt, also vorgestern, war mir schlagartig klar, dass das genau die gleiche Mechanik ist, nach der Eichmann seine Todeszüge pünktlich fahren lies: Da ist keine Menschlichkeit. Kein Mensch hat etwas gegen Qualitätssicherung. Nur. Was bringt diese, wenn an der Lebensqualität des Menschen gespart wird, der diese ausführen muss? Da beißt sich der Hund doch in den Schwanz. Wieso überhaupt sind so viele Leute arbeitslos und die anderen sind ganz kaputt von den vielen Überstunden? Ach so, weil die Arbeitslosen so dumm sind… Ne. Das kann ich nicht glauben. Das wird uns nur eingeredet. Die anderen sind so dumm, du so klug, also arbeite dich kaputt: Das spart uns Kosten…

Auf jeden Fall. Den Eichmann- Vergleich mochte keiner von uns in der Arbeit. Er sei ihnen zu „arg“… Ich finde halt andere Dinge. Arg.

Der Stefan mit dem Rohr

Alle paar Monate kommt ein Schweißer in die Firma, um gebrochene Edelstahl-Leitungen und –Halterungen nach zu schweißen. Stahl bewegt sich wenn es extremen Temperaturen ausgesetzt ist. Das kommt vor.

Dieses Mal kam ein neuer Schweißer. Beim alten wurde ein Gehirntumor entdeckt. So von jetzt auf gleich musste er operiert werden.

 

1: Was hältst du vom neuen Schweißer?

2: Wir kennen uns irgendwie.

1: Ach ja? Wie? Irgendwie?

2: Selber Jahrgang. Parallelklassen und so. Man kennt sich nicht, und hat halt doch miteinander gesprochen. Damals. In der Jugend. Schon komisch wie die Dinge sich entwickeln. Ein Freunde von ehemaligen Freunden oder so.

1: Und?

2: Ja passt schon. Ist gut drauf und hat Ahnung von dem was er tut.

1: Na wenigstens hat er die, wenn du schon keinen Plan hast.

2: Sehr witzig.

 

Dann redet man also mit dem Kerl von früher, der in der Vergangenheit keine tragende Rolle im eigenen Leben gespielt hat, auf Augenhöhe. Respekt macht viel aus. Und als Stefan, der neue Schweißer auch noch einen ganzen Mohnkuchen für die Schicht mitbrachte, war die Stimmung bei allen richtig gut. „Unsere Sympathien sind käuflich“, lachten wir mit vollem Mund.

Stefan hat einen Sohn, erzählt er. Stefan ist geschieden, sagt er. Stefan hat seine eigene, kleine Firma. So Ich-AG mäßig. Und Stefan kann sich vor Angeboten nicht retten. „Denn wenn du hart arbeitest und sofort zur Stelle bist, dann macht das viel wett wenn du nur Einer bist“, hat er erzählt.

Später dann, ging ich auf die Toilette. Ich stellte mich an ein Pissoir und ließ ein angestautes Stöhnen von mir, dass ich früher nur beim Sex abgegeben hätte. Darüber lächle ich. Und muss an den Woody Allen Film von neulich denken, in welchem seine Filmpartnerin erklärte, dass sie zu oft schlechte Orgasmen hätte. Was Allen gar nicht verstehen konnte, denn bei ihm sei auch noch der schlechteste Orgasmus „ein voller Schuss ins Schwarze“. Ich höre wie hinter mir Gestöhnt wird. Wie jetzt?… Unser Betrieb ist so klein, dass unsere Männer-Toilette nur zwei Pissoirs und eine (selbstverständlich) abgegrenzte Toiletten-Kabine enthält. Das Gestöhne kommt aus der Kabine. Ich spitze die Ohren. Ja! Nein… Das ist eine Videoaufnahme die da läuft. Da bin ich mir sicher. Irgendwer streamt einen Porno auf seinem Handy. Da ist Musik im Hintergrund. Ganz leise. Und scheinbar zwei Männer. Das hört man an ihrem Dirty Talk.

Ich gehe dann raus. Wasche mir die Hände. Und dann kommt wohl auch Stefan. Ein paar Minuten später verlässt er die Kabine. Redet mit mir beim Essen als wäre nichts gewesen. Er scheint erleichtert zu sein. Und ich muss zugeben dass ich Stefan noch weniger kenne, als dass ich dachte.

Frohes Neues euch Leuten

Während ihr wahrscheinlich gerade runter, ach was, ne, RICHTIG drauf kommt bin ich schon wieder am Arbeiten und ein wenig habe ich das auch gemacht die letzten zwei Urlaubswochen: Arbeit am „Text zur Nacht“, Arbeit an meinem Roman, um finanzielle unabhängig von meinem Broterwerb zu werden und um nur noch an Texten arbeiten zu müssen… Jetzt nicht ganz im Ernst, doch das mit dem Herumwerkeln stimmt. Ein Viertel habe ich schon, nur leider das leichte Viertel… Vielleicht wird es deswegen hier ein wenig stiller. Schließlich kann man nicht überall gleichzeitig sein.

 

Ich stehe beim Korrigieren vor einem Luxus-Problem, denn ich habe viel zu viel geschrieben und muss jetzt meine Feinde „Rotstift“ und „Radiergummi“ ansetzen um da mal kräftig umzuräumen. Ihr wisst ja was ich für ein Plappermaul bin und das muss ich jetzt selbst ausbaden… Schreiben selbst ist viel leichter als zu kürzen. Irgendwie erscheint Alles wichtig zu sein, da es ja um das gesamte Ding geht, um „die totale Wahrnehmung der Sucht“; Roman und Ratgeber in Einem. Und kaum habe ich mich dafür entschieden einiges in die Tonne zu klopfen, nehme ich später im Text doch nur wieder Bezug darauf… Schwierig, schwierig…  Gar nicht so dumm was ich früher auf Droge geschrieben habe. Nur auch nicht wirklich gut genug.

 

Also ein frohes neues Jahr von mir und bis demnächst. Man liest sich bestimmt 🙂

Arbeit macht ja gar nicht frei

In den letzten Wochen und Monaten habe ich einen Spruch immer wieder gesagt: „Ich habe meinem Land gedient; ich habe meiner Firma gedient: Jetzt kann ich aber bald nicht mehr.“ Das zog sich wirklich über Wochen hin, dieses „bald nicht mehr können“. Und Sisyphos konnte dann doch. Der machte sogar Überstunden. Wochen, in denen ich Phasenweise psychische Totalausfälle hatte, Phasen, in denen ich nicht mehr konzentriert zuhören konnte, in denen ich sinnlos Zeug vor mir her brabbelte, in denen ich aggressiv und launisch war, Momente, in welchen ich dachte wie ein kleines Mädchen zu heulen zu beginnen (wegen nichts), in welchen ich einen unglaublichen Druck auf den Kopf verspürte, der nur dann entwich, wenn ich meine Augen nach oben verdrehte, Tage, in denen ich einen starken physischen Druck auf der Brust hatte, der mich kaum atmen ließ… Habe ich irgendwas vergessen? Bestimmt… Hände zittern. Schlaflosigkeit. Ermüdungserscheinungen. Volles Programm.

 

Und dennoch war ich ein guter Soldat. Machte meinen Job während um mich herum alle krank wurden oder in den Urlaub gingen. Zwar flehte ich meinen Chef an mir mal ein paar Tage oder Stunden freizugeben, das ist nur relativ schwer wenn von 7 möglichen Beschäftigten nur noch 2 da sind; und ich sah mich um, in diesen Momenten und wunderte mich ohne Ende, dass gerade ICH einer dieser zwei Irren war, die noch immer HIER waren; einmal sagte ich zu meinem Kollegen: „Komm lass uns einen Arbeitskreis bilden“, und wir nahmen uns an den Händen und lachten uns ins Gesicht. Aus dem Kreis war eine Kette mit einem Glied geworden.

 

Trotzdem machten wir immer weiter und weiter. Fluchend. Maulend. Fast heulend. Frustriertes Lachen, höchstens.

 

Auf jeder Ebene wurden wir vertröstet. „Ja, irgendwann wir mal jemand eingestellt…“ Ich: „2017 oder noch dieses Jahr?“ „Und die Arbeit wird jetzt auch weniger, wenn es Winter wird.“ „Wann ist denn dieser Winter? Oktober? November? Januar?“

Immer wieder diese lächerlichen Hinweise von der Führungsetage, dass der Partnerbetrieb dieselbe Stückzahl mit ebenso vielen Menschen produziert wie wir, worüber wir lachten: „Ja, selbe Stückzahl, schon klar. Nur machen die zwei Sorten. Wir 12. Das ist nicht das Gleiche. Und wir wissen dass ihr das wisst, ihr wollt es nur nicht hören. Da das angenehmer für euch ist; angenehmer so zu tun, als würdet ihr uns nicht für dumm verkaufen. Hat doch alles eine Ordnung.“

 

Am Montag war es dann vorbei. Mein Kreislauf machte zu und ich verstand die Worte der Menschen gar nicht mehr. Was will der von mir? Wem soll ich HELFEN? Was ist hier eigentlich los? Da traf ich die Entscheidung zum Arzt zu gehen. Monatelang hatte ich alle Warnsignale meines Körpers ignoriert, jetzt war Schluss damit. Der Krug geht halt doch wirklich so lange zum Brunnen, bis er bricht.

 

In den letzten zwei Jahren des Wahnsinns, in welchen unser Chef „nach oben buckelte“ und zu uns „herab trat“, hatte sich etwas angestaut, was sich nicht einfach mehr über das Wochenende abbauen ließ. Es war vorbei. Und diese Entscheidung, dass es jetzt VORBEI war, war die schwierigste Entscheidung der letzten Monate. Immer weiter und weiter zu machen, im gleichen Trott der Menschenzermahlenden Tretmühle, ist viel einfacher, als sich hinzustellen und zu sagen: Ich kann nicht mehr. Dieses Nicht-Mehr-Können, ist der größte Berg geworden, den ich am Schlechtesten überwinden konnte. Es GING doch immer alles. Doch es muss und darf nicht immer alles gehen – sonst geht bald gar nichts mehr.

 

So blöd ist der Mensch: Hätte ich eine Grippe oder einen gebrochenen Finger, hätte ich von überall Verständnis bekommen. So nur wirsche Blicke: „Was hat er denn? Warum stellt der sich so an? Jetzt sind doch wieder zwei Leute mehr da. Jetzt geht es doch wieder aufwärts.“

Mir aber waren plötzlich die normalen Aufgaben zu schwer. Nicht einmal der stressige, komplizierte Scheiß. Ne. Die Normalität war schon zu groß to handle geworden.

Meine Aussage dazu: „Ich habe euch Wochen und Monate gewarnt dass es so nicht weiter geht. Irgendwann ist es vorbei. Das habe ich immer gesagt. Ich habe euch immer gewarnt: Gebt mir mal einen Tag frei – sonst bin ich länger weg. Dann geht gar nichts mehr.“

Und komisch. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, zuhause zu sein. Man fühlt sich ein wenig wie ein Verräter. Obwohl ich noch vor zwei Tagen in der Arbeit fast zusammen gebrochen wäre. Obwohl mir jetzt noch manchmal schwindlig ist. Und ich bei dem Gedanken an die Arbeit schneller zu Atmen beginne und doch keine Luft zu bekommen scheine.

 

Abschiedsworte in der Firma: „Gedenkt meiner nicht als denjenigen der jetzt eine Woche fehlt, sondern als den, der sich zwei Jahre zerrissen hat.“

Diese Rechnung. Macht der Kapitalismus nur nicht auf. Undank. Ist gar kein Lohn.