Absolution – 9 – Auf Amphetaminen arbeiten gehen

Schon der Weg in die Arbeit war in diesem Zustand die Hölle. „Lieber Gott lass mich gut ankommen“, sagte er sich jedes Mal im Geiste, wiederholte es wie ein Mantra, obwohl sein Verhältnis zu Gott alles andere als geklärt war. Unter der Dusche konnte man sich noch einreden „normal“ zu sein. Das es „gar nicht so wild“ sei. Hinter dem Lenkrad eines Autos gibt es nichts mehr zu verbergen. Hier wurde ihm ein um das andere mal sofort klar, wie drauf er eigentlich noch war. Und dann fuhr er los. „Hauptsache ankommen“. „Nur keinen Unfall bauen“. „Gleich bin ich da“. So sollte es sein: Paul kam ohne sich oder jemand anderen verletzt zu haben sicher in der Arbeit an. Parkte seinen Wagen. Zerkratze nicht mal den Lack eines anderen Autos. Vielleicht. War diese ungesühnte Narrenfreiheit sogar das Heftigste für Paul. Dass er immer wieder und wieder damit durchkam. Bis zu diesem Punkt. In der Arbeit angekommen dachte er sich nach jeder Drogennacht: „Normal verhalten“. Doch wie verhält man sich eigentlich normal? Was redet man denn so normalerweise? Wer ist man denn, wenn man nüchtern ist? Wie sieht einen das Umfeld im Gegensatz dazu, wie man sich selbst einschätzt? Am besten. Gar nichts sagen. Auf den Boden sehen und ansonsten seine Arbeit machen. Unter dem Radar bleiben. Das wird schon. Und möglichst viel Flüssigkeit in sich hineinschütten um den Wasserhaushalt wieder auszugleichen. Bloß keinen Kaffee trinken! Der Extra-Kick-Kaffee würde ihn nach der durchgemachten Nacht, in der er Kalorien verbrannt hatte wie ein Hochleistungssportler, komplett wahnsinnig machen. Das Koffein würde ihn nur noch wirrer machen als er ohnehin schon war. Sein Herz schlug ihm so schon unaufhörlich bis zum Hals. Irgendwie kam er so jedes Mal durch den Tag. Machte seinen Kram. Mucksmäuschenstill. Blieb unter dem Radar. Benahm sich „normal“ und fand darin Erleichterung. Wie gut er seine Prallheit verbarg. Bis irgendein Arbeitskollege angewidert raunte, wie beschissen Paul schon wieder aussah; einfach Überhören, einfach gar nicht darauf eingehen. Und damit kam Paul durch. Seit Jahren. Er musste nur kommen und scheinen Scheiß gebacken bekommen. Der Rest interessierte niemanden… Bis auf einmal. Dieses eine Mal brachte der Stress, den er sich selbst machte, dazu, dass er hyperventilierte. Paul klappte damals zusammen. Spürte seine Arme und Beine nicht mehr. Ihm wurde schwindlig. Kippte um. Ein Arbeitskollege brachte ihn zum Arzt. Der sah Paul mitleidig an. Ob er unter Stress stehe. Ob er vielleicht Ärger mit der Freundin hätte. Paul, total auf Amphetamine, nickte nur wie ein Idiot: „Ja, ja. Ärger mit der Freundin“. Obwohl er gar keine hatte. Dabei lachte er sich ins Fäustchen über die Blödheit des Arztes. Der einen eindeutig Megadruffen und irren Typen wie ihn nicht all das identifizieren konnte, was er war. Ein toller Arzt. Und dieser Arzt ist selbstverständlich auch heute noch Pauls Hausarzt. Nachdem der ihn krankgeschrieben hatte fuhr Paul nachhause, machte das nächste Briefchen Speed auf, und lachte darüber wie dumm alle anderen Menschen seien.

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Arg

Wenn ich nicht gerade den Text korrigiere schaue ich mit meiner Freundin Fernsehen. Wir sahen vorgestern kurz in „Hanna Arendt“ rein, die sexistischer Weise am  Bekanntesten dafür ist, mit Heidegger gefickt zu haben. Auf jeden Fall war da die Stelle im Film, in der der Eichmann-Prozess thematisiert wurde.  Und als der Eichmann meinte, ER habe ja keinen Juden getötet, sondern nur dafür gesorgt dass die Züge pünktlich und richtig fuhren, fiel es mir wie die Schuppen von den Augen; bereits die Woche DAVOR hatte unser Vorgesetzter im Bereich Qualitätssicherung gesagt, es müssten alle drei Sauerstoffmessgeräte JEDE Woche gereinigt werden, auch, wenn wir davon nur eines benutzen. Auf unsere Frage dazu, woher wir die Zeit für diese recht langwierigen Reinigungen hernehmen sollen – den jeder von uns hat schon mehrere Hundert Überstunden – meinte er nur: „Das sei ihm scheißegal!“ Und jetzt, also vorgestern, war mir schlagartig klar, dass das genau die gleiche Mechanik ist, nach der Eichmann seine Todeszüge pünktlich fahren lies: Da ist keine Menschlichkeit. Kein Mensch hat etwas gegen Qualitätssicherung. Nur. Was bringt diese, wenn an der Lebensqualität des Menschen gespart wird, der diese ausführen muss? Da beißt sich der Hund doch in den Schwanz. Wieso überhaupt sind so viele Leute arbeitslos und die anderen sind ganz kaputt von den vielen Überstunden? Ach so, weil die Arbeitslosen so dumm sind… Ne. Das kann ich nicht glauben. Das wird uns nur eingeredet. Die anderen sind so dumm, du so klug, also arbeite dich kaputt: Das spart uns Kosten…

Auf jeden Fall. Den Eichmann- Vergleich mochte keiner von uns in der Arbeit. Er sei ihnen zu „arg“… Ich finde halt andere Dinge. Arg.

Der Stefan mit dem Rohr

Alle paar Monate kommt ein Schweißer in die Firma, um gebrochene Edelstahl-Leitungen und –Halterungen nach zu schweißen. Stahl bewegt sich wenn es extremen Temperaturen ausgesetzt ist. Das kommt vor.

Dieses Mal kam ein neuer Schweißer. Beim alten wurde ein Gehirntumor entdeckt. So von jetzt auf gleich musste er operiert werden.

 

1: Was hältst du vom neuen Schweißer?

2: Wir kennen uns irgendwie.

1: Ach ja? Wie? Irgendwie?

2: Selber Jahrgang. Parallelklassen und so. Man kennt sich nicht, und hat halt doch miteinander gesprochen. Damals. In der Jugend. Schon komisch wie die Dinge sich entwickeln. Ein Freunde von ehemaligen Freunden oder so.

1: Und?

2: Ja passt schon. Ist gut drauf und hat Ahnung von dem was er tut.

1: Na wenigstens hat er die, wenn du schon keinen Plan hast.

2: Sehr witzig.

 

Dann redet man also mit dem Kerl von früher, der in der Vergangenheit keine tragende Rolle im eigenen Leben gespielt hat, auf Augenhöhe. Respekt macht viel aus. Und als Stefan, der neue Schweißer auch noch einen ganzen Mohnkuchen für die Schicht mitbrachte, war die Stimmung bei allen richtig gut. „Unsere Sympathien sind käuflich“, lachten wir mit vollem Mund.

Stefan hat einen Sohn, erzählt er. Stefan ist geschieden, sagt er. Stefan hat seine eigene, kleine Firma. So Ich-AG mäßig. Und Stefan kann sich vor Angeboten nicht retten. „Denn wenn du hart arbeitest und sofort zur Stelle bist, dann macht das viel wett wenn du nur Einer bist“, hat er erzählt.

Später dann, ging ich auf die Toilette. Ich stellte mich an ein Pissoir und ließ ein angestautes Stöhnen von mir, dass ich früher nur beim Sex abgegeben hätte. Darüber lächle ich. Und muss an den Woody Allen Film von neulich denken, in welchem seine Filmpartnerin erklärte, dass sie zu oft schlechte Orgasmen hätte. Was Allen gar nicht verstehen konnte, denn bei ihm sei auch noch der schlechteste Orgasmus „ein voller Schuss ins Schwarze“. Ich höre wie hinter mir Gestöhnt wird. Wie jetzt?… Unser Betrieb ist so klein, dass unsere Männer-Toilette nur zwei Pissoirs und eine (selbstverständlich) abgegrenzte Toiletten-Kabine enthält. Das Gestöhne kommt aus der Kabine. Ich spitze die Ohren. Ja! Nein… Das ist eine Videoaufnahme die da läuft. Da bin ich mir sicher. Irgendwer streamt einen Porno auf seinem Handy. Da ist Musik im Hintergrund. Ganz leise. Und scheinbar zwei Männer. Das hört man an ihrem Dirty Talk.

Ich gehe dann raus. Wasche mir die Hände. Und dann kommt wohl auch Stefan. Ein paar Minuten später verlässt er die Kabine. Redet mit mir beim Essen als wäre nichts gewesen. Er scheint erleichtert zu sein. Und ich muss zugeben dass ich Stefan noch weniger kenne, als dass ich dachte.

Frohes Neues euch Leuten

Während ihr wahrscheinlich gerade runter, ach was, ne, RICHTIG drauf kommt bin ich schon wieder am Arbeiten und ein wenig habe ich das auch gemacht die letzten zwei Urlaubswochen: Arbeit am „Text zur Nacht“, Arbeit an meinem Roman, um finanzielle unabhängig von meinem Broterwerb zu werden und um nur noch an Texten arbeiten zu müssen… Jetzt nicht ganz im Ernst, doch das mit dem Herumwerkeln stimmt. Ein Viertel habe ich schon, nur leider das leichte Viertel… Vielleicht wird es deswegen hier ein wenig stiller. Schließlich kann man nicht überall gleichzeitig sein.

 

Ich stehe beim Korrigieren vor einem Luxus-Problem, denn ich habe viel zu viel geschrieben und muss jetzt meine Feinde „Rotstift“ und „Radiergummi“ ansetzen um da mal kräftig umzuräumen. Ihr wisst ja was ich für ein Plappermaul bin und das muss ich jetzt selbst ausbaden… Schreiben selbst ist viel leichter als zu kürzen. Irgendwie erscheint Alles wichtig zu sein, da es ja um das gesamte Ding geht, um „die totale Wahrnehmung der Sucht“; Roman und Ratgeber in Einem. Und kaum habe ich mich dafür entschieden einiges in die Tonne zu klopfen, nehme ich später im Text doch nur wieder Bezug darauf… Schwierig, schwierig…  Gar nicht so dumm was ich früher auf Droge geschrieben habe. Nur auch nicht wirklich gut genug.

 

Also ein frohes neues Jahr von mir und bis demnächst. Man liest sich bestimmt 🙂

Arbeit macht ja gar nicht frei

In den letzten Wochen und Monaten habe ich einen Spruch immer wieder gesagt: „Ich habe meinem Land gedient; ich habe meiner Firma gedient: Jetzt kann ich aber bald nicht mehr.“ Das zog sich wirklich über Wochen hin, dieses „bald nicht mehr können“. Und Sisyphos konnte dann doch. Der machte sogar Überstunden. Wochen, in denen ich Phasenweise psychische Totalausfälle hatte, Phasen, in denen ich nicht mehr konzentriert zuhören konnte, in denen ich sinnlos Zeug vor mir her brabbelte, in denen ich aggressiv und launisch war, Momente, in welchen ich dachte wie ein kleines Mädchen zu heulen zu beginnen (wegen nichts), in welchen ich einen unglaublichen Druck auf den Kopf verspürte, der nur dann entwich, wenn ich meine Augen nach oben verdrehte, Tage, in denen ich einen starken physischen Druck auf der Brust hatte, der mich kaum atmen ließ… Habe ich irgendwas vergessen? Bestimmt… Hände zittern. Schlaflosigkeit. Ermüdungserscheinungen. Volles Programm.

 

Und dennoch war ich ein guter Soldat. Machte meinen Job während um mich herum alle krank wurden oder in den Urlaub gingen. Zwar flehte ich meinen Chef an mir mal ein paar Tage oder Stunden freizugeben, das ist nur relativ schwer wenn von 7 möglichen Beschäftigten nur noch 2 da sind; und ich sah mich um, in diesen Momenten und wunderte mich ohne Ende, dass gerade ICH einer dieser zwei Irren war, die noch immer HIER waren; einmal sagte ich zu meinem Kollegen: „Komm lass uns einen Arbeitskreis bilden“, und wir nahmen uns an den Händen und lachten uns ins Gesicht. Aus dem Kreis war eine Kette mit einem Glied geworden.

 

Trotzdem machten wir immer weiter und weiter. Fluchend. Maulend. Fast heulend. Frustriertes Lachen, höchstens.

 

Auf jeder Ebene wurden wir vertröstet. „Ja, irgendwann wir mal jemand eingestellt…“ Ich: „2017 oder noch dieses Jahr?“ „Und die Arbeit wird jetzt auch weniger, wenn es Winter wird.“ „Wann ist denn dieser Winter? Oktober? November? Januar?“

Immer wieder diese lächerlichen Hinweise von der Führungsetage, dass der Partnerbetrieb dieselbe Stückzahl mit ebenso vielen Menschen produziert wie wir, worüber wir lachten: „Ja, selbe Stückzahl, schon klar. Nur machen die zwei Sorten. Wir 12. Das ist nicht das Gleiche. Und wir wissen dass ihr das wisst, ihr wollt es nur nicht hören. Da das angenehmer für euch ist; angenehmer so zu tun, als würdet ihr uns nicht für dumm verkaufen. Hat doch alles eine Ordnung.“

 

Am Montag war es dann vorbei. Mein Kreislauf machte zu und ich verstand die Worte der Menschen gar nicht mehr. Was will der von mir? Wem soll ich HELFEN? Was ist hier eigentlich los? Da traf ich die Entscheidung zum Arzt zu gehen. Monatelang hatte ich alle Warnsignale meines Körpers ignoriert, jetzt war Schluss damit. Der Krug geht halt doch wirklich so lange zum Brunnen, bis er bricht.

 

In den letzten zwei Jahren des Wahnsinns, in welchen unser Chef „nach oben buckelte“ und zu uns „herab trat“, hatte sich etwas angestaut, was sich nicht einfach mehr über das Wochenende abbauen ließ. Es war vorbei. Und diese Entscheidung, dass es jetzt VORBEI war, war die schwierigste Entscheidung der letzten Monate. Immer weiter und weiter zu machen, im gleichen Trott der Menschenzermahlenden Tretmühle, ist viel einfacher, als sich hinzustellen und zu sagen: Ich kann nicht mehr. Dieses Nicht-Mehr-Können, ist der größte Berg geworden, den ich am Schlechtesten überwinden konnte. Es GING doch immer alles. Doch es muss und darf nicht immer alles gehen – sonst geht bald gar nichts mehr.

 

So blöd ist der Mensch: Hätte ich eine Grippe oder einen gebrochenen Finger, hätte ich von überall Verständnis bekommen. So nur wirsche Blicke: „Was hat er denn? Warum stellt der sich so an? Jetzt sind doch wieder zwei Leute mehr da. Jetzt geht es doch wieder aufwärts.“

Mir aber waren plötzlich die normalen Aufgaben zu schwer. Nicht einmal der stressige, komplizierte Scheiß. Ne. Die Normalität war schon zu groß to handle geworden.

Meine Aussage dazu: „Ich habe euch Wochen und Monate gewarnt dass es so nicht weiter geht. Irgendwann ist es vorbei. Das habe ich immer gesagt. Ich habe euch immer gewarnt: Gebt mir mal einen Tag frei – sonst bin ich länger weg. Dann geht gar nichts mehr.“

Und komisch. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, zuhause zu sein. Man fühlt sich ein wenig wie ein Verräter. Obwohl ich noch vor zwei Tagen in der Arbeit fast zusammen gebrochen wäre. Obwohl mir jetzt noch manchmal schwindlig ist. Und ich bei dem Gedanken an die Arbeit schneller zu Atmen beginne und doch keine Luft zu bekommen scheine.

 

Abschiedsworte in der Firma: „Gedenkt meiner nicht als denjenigen der jetzt eine Woche fehlt, sondern als den, der sich zwei Jahre zerrissen hat.“

Diese Rechnung. Macht der Kapitalismus nur nicht auf. Undank. Ist gar kein Lohn.

Wir müssen Bier werden

Unterhalten sich zwei Bierbrauer.

1: „Mann, Mann, Mann, ich bin so fertig… Mir tut alles weh, ich kann nicht mehr… Ich bräuchte mal einen Tag Urlaub, aber geht natürlich gar nichts… Von ner WOCHE wage ich gar nicht zu träumen.“

2: „Warst du beim Meister?“

1: „Ja klar, da geht gar nichts…“

2: „Du gehst da auch mit der Voll-Kommen Falschen Perspektive ran. Du musst BIER werden!“

1: „Äh… Wie bitte?“

2: „Ist doch ganz einfach. Stehst du vorm Chef und sagst: „Hier. Aua. Blöd.“ Interessierst das natürlich keine Sau.“

1: „Aber wirklich auch gar keine Sau.“

2: „Stell dir aber mal vor, er ist er, und du bist ein Bier.“

1: „ÖH…“

2: „So isses. Er würde sagen: „Guten Tag liebes Bier, wie geht es dir denn heute?“ Und dann „Oh, du siehst aber trüb oder dünn aus, was ist denn mit dir los?“ Und sofort würde es LOS GEHEN! Er würde nachsehen ob du dich wohl fühlst. Stehst du unter zu viel Druck, oder zu wenig? Bist du sauer, lass doch mal den PH-Wert prüfen, Farbe.“

1: „Zwischen 8 und 10?“

2: „Den Unterschied sieht sowieso keiner. Weiter. „Ist dir zu kalt?“ „Bist du zu warm?“ „Brauchst du vielleicht ein wenig Ruhe? Sollen wir dich noch ein wenig lagern?“

1: „Gärt es etwa in dir? Bist du ein Jungspund?“

2: „Jetzt genau hast du es. Und wenn er dann anfängt alle möglichen biologischen Untersuchungen mit dir zu machen, holt es bestimmt ein Gerät um deine Gase zu kontrollieren, Alkohol, was weiß ich. Und weißt du was?“

1: „Hm?“

2: Sollte ihm der Wert nicht passen, wird er sogar ein ZWEITES Gerät anschleppen, weil: Das andere Gerät könnte ja defekt sein! So viel Zeit und Mühe wird er in dich investieren!“

1: „Dann würde er wohl noch nachsehen wo ich war. Ob ich mit dem Auto gefahren bin, wie viel da von mir reinpasst und würde die Nummernschilder checken.“

2: „Steht ja auch alles im Computer. Die totale Nachverfolgung, und wenn du so ein Bier wärst, würde auch noch JEDER Raum nach dir gereinigt oder sterilisiert werden.“

1: „Der Hammer. „Lass das Etikett hängen, Kleiner, das bekommen wir schon wieder hin.“

2: „Stimmt der Code auch mit dem Datum überein?“

1: „Und am Ende ist eh alles egal. Wert passt nicht? Na dann wirst du trotzdem verkauft: Merkt eh keiner.“

2: „So ist es. Wenn es dir also das nächst Mal schlecht geht, dann denk daran, dass du zum Bier werden musst, damit sich jemand für dich interessiert.“

1: „Jeder mag Bier. Also mag jeder mich.“

2: „Genau so ist es. Und wer kein Bier mag, mit dem stimmt was nicht.“

1: „Allzu viel besser fühle ich mich jetzt aber auch nicht…“
2: „So ist das halt im Kapitalismus. Um das Produkt geht es, nicht um Menschen.“

1: „Deswegen demonstrieren sie wohl auch gegen TITIP und CETA und nicht für die Menschlichkeit. Produktrechte werden ausgehandelt, keine Menschenrechte.“

2: „Kein Schwein interessiert es wie du dich fühlst: Außer du wirst zum Produkt.“
1: „Willkommen im Krankenhaus.“

Die dunkelsten Männerphantasien

Was hast du getan?

Man soll nicht in der Vergangenheit leben. Immer nach vorne schauen. Nicht zurück. In alten Wunden stochern hilft nicht. Wem nützt es schon in weißen, äußerlich verheilten Stellen auf der Haut herum zu bohren? Der Zugang ist verschlossen. Die ehedem freiliegenden Nerven haben sich regeneriert. Das Ereignis ist nur noch Erinnerung. Und als es geschah, fühlte es sich gar nicht so schlimm an. Taten werden erst durch ihre Konsequenzen wichtig.

Warum hast du es getan?

Wieso muss es eigentlich immer schwerer sein in der Gegenwart zu leben oder in die Zukunft zu blicken, als zurückzuschauen? Kann die Vergangenheit denn nicht endlich aufhören? Das ist der Grund, weshalb die Menschen jung bleiben oder es wieder werden wollen, denn „Jung sein“ heißt, nicht die Konsequenzen durchlebt zu haben.

 

Sie hatte es für Geld gemacht. Und ja, natürlich hätte man sein Geld auch anders verdienen können, nur wie? Dieses „du hättest auch was anderes machen können“ ist für außenstehende Dritte immer leicht daher gesagt. Über andere zu urteilen wenn man sie weder kennt noch versteht, ist mit das geläufigste und dümmste Merkmal der Menschen, denn die Leute wollen damit sagen: „Ich habe und hätte es anders gemacht.“  Dabei haben sie sich weder in der auslösenden Position befunden, haben nicht die gleiche Vergangenheit geteilt, noch besitzen sie die Fähigkeit, sich in andere Lebensformen hineinzuversetzen. Es gibt Situationen und Stationen in einem Lebensweg, in welchen dir alle anderen Türen verschlossen erscheinen und du dich zwangsläufig dafür entscheiden musst, das sogenannte „Falsche“ zu tun. Dein Gefühl dabei ist weder gut, noch machst du dir eine Hoffnung darauf, stolz auf das zu sein was gerade passiert. Hier. Ist die Vergangenheit ein Hoffnungsanker: Irgendwann endet jede Situation. Und mit den Konsequenzen kann man doch leben, oder? Die Tat liegt doch schon lange zurück.

 

Sie kann die Vergangenheit auch kleinreden.

Ein  Filmchen als Hauptrolle war es gewesen. Und wenn man sich durch die Umsonst-Portale im Internet klickert, sieht man es unzählige Frauen und Männer tun. In Wahrheit tun sie es die ganze Zeit. Immer und überall. Die natürlichste Sache der Welt. Und hier waren nun einmal ein oder zwei Kameras dabei. Das ist kein Big Deal. Das ist „business as usual“. Die Leute am Set waren nett, höflich, alle taten so, als wäre jeder mit jedem sympathisch und irgendwo stimmte das irgendwie. Es wurde viel Gelacht beim Dreh. Eine kleine Produktion von kleinen Leuten, für kleine Leute. Eine private Phantasie, semiprofessionell aufgezogen, eine Spinnerei und das Geld war gut und schnell verdient und selbst wenn sie ihre Würde ein wenig ablegte, kam sie sich direkt danach nicht ENTWÜRDIGT vor. Ach was. Die normalste und älteste Sache der Welt und wäre das Szenario nicht so gewesen wie es war, hätte sich auch kein Mensch daran erinnert. Wirklich. Niemand. Gar keiner… Es hätte einfach keine Rolle gespielt. Menschen beim Sex für Geld  zu filmen ist schon lange und zum Glück kein Politikum mehr.  Und weshalb muss jeder Trottel denn immer die Phantasien von anderen dermaßen überbewerten? Hat das denn nicht in Wahrheit damit zu tun, dass diese ach so moralischen Menschen, diese verklemmten Anstandsjuristen, diese „Das-musst-du-doch-genauso-sehen“-Typen, sich für ihre Phantasien schämen, oder nein! Ja! War es denn nicht so, dass sich diese LEUTE dafür schämten, GAR KEINE Phantasie zu haben?

 

Das Drehbuch… Sind wir doch einmal ehrlich: Wer interessierte sich denn bei dem Kram wirklich um das DREH-BUCH? Und am Ende wird geheiratet – oder was? Blödsinn… Es war für sie schon schwer genug die SACHEN überhaupt zu tun. Spielte der Rest dann überhaupt eine Rolle? Gut, dann war sie eben nicht professionell bei der Aufnahme gewesen und war sich nicht über die unmöglichen FOLGEN klar gewesen. Na und? War das denn in dem Fall nicht etwas Gutes kein Profi zu sein? Sie wollte es nur hinter sich bringen. Und die Stimmung am Set war gut gewesen… Und die Menschen freundlich…

Der Film zeigt nun einmal nicht die Wirklichkeit, nicht das was geschehen ist. Der Film entsteht eben erst im Schnitt. Wenn man das weiß, kann man keinem Schauspieler – und das war sie doch gewesen – einen Vorwurf machen.

 

Und der Markt verlangt nun einmal nach neuen Dingen. Und diese Produktion war bei Gott nicht die einzige, die nach dem Fall Natascha Kampusch mit den Vorstellungen der Männer spielte, was all diese Jahre in diesem Kellergefängnis wohl geschehen ist. Gewalt in sexuellen Filmen ist ohnehin ein wichtiges Thema und darüber gehört viel mehr gesprochen, als über sie und ihre Rolle. Es macht eh keinen Sinn die ganze Schuld bei ihr und ihrer fiktiven Figur abzuladen. Sie hatte es nur der Geldes wegen gemacht und ja VERDAMMT, heute würde sie das auch nicht mehr machen, nur damals… Da…  Da hatte sie keine andere Hoffnung. Hatte nichts gelernt. Nichts gehabt. Niemanden… Was hätte sie denn machen sollen? Nein, nun wirklich! Was hätte sie denn machen sollen?

 

Ab da war sie immer die Frau geblieben, die auf den Kampusch-Zug aufgesprungen ist. Die die Situation, die Qualen der armen Frau ausgenutzt hatte. Sie wurde zu der, die sich daran bereichert hatte. Aber wie bitteschön sieht denn diese BEREICHERUNG aus? War es denn in Wahrheit denn nicht so, dass diese Geschichte, diese Geschichte von dem entführten und entkommenen Mädchen und die Geschichte von ihr, der jungen Frau der keine andere Möglichkeit blieb und das nachzustellen hatte, was sich der Regisseur und der Drehbuchautor ausdachten, dass das doch eigentlich die gleiche Geschichte ist, die immer gleiche Geschichte davon, dass Frauen von Männern unterdrückt werden damit diese, und alle Männer die davon hören, ihre Phantasien ausleben können und damit Frauen entwürdigen und unterdrücken?… Wer hat denn eine Wahl? Wer hat denn ein gutes Elternhaus? Wer wird geliebt? Und wer geht denn nicht unter aller Augen verloren? Und warum muss das immer wieder und wieder so sein? Und wieso tut niemand etwas dagegen? Weshalb bezahlen die Leute sogar Geld dafür? Bis sie dich auf Youporn gar nicht mehr wahrnehmen zwischen all den Leibern und Grimassen, zwischen all den Karikaturen ihrer selbst. Mit Stolz hat das gar nichts zu tun… Wer nicht in dieser Situation ist, weiß gar nicht was Stolz und Würde ist. Wie kann man nur über sie urteilen, nachdem sie das durchgemacht hat?

 

Der Sturm hat sich gelegt. Die Medien mit ihrer scheinheiligen Moral sind woanders hingezogen. Neues Drama. Neues Leid. Neue, unverbrauchte Gesichter. Und objektiv betrachtet war ihre Woche Ruhm im Rückspiegel der unendlich gigantischen Medienmaschinerie keine große Sache. Nicht einmal eine Randnotiz. Für eine Frau auf sich alleine gestellt, kam es einer Exekution gleich. Dieses Signum geht nie wieder weg.

Du bist was du getan hast. Und in einer Welt in der nichts mehr vergessen wird, bist du gut beraten, so zu sein wie alle anderen auch. Die auf andere zeigen. Und selbst niemand sind.