Von der Angst, gefressen zu werden

Während der neue Staubsauberroboter durch die neue Wohnung flitzt, ist mal wieder die Zeit gekommen die Gedanken öffentlich auszubreiten. Denn. Es ist schon unglaublich wieviel Zeit so ein Umzug in Anspruch nimmt. Kraft sowieso. Wobei es noch ungeheuerlicher ist, wie stark man sich geistig und körperlich von solchen Kleinigkeiten aus dem Tritt bringen lässt. Andere bekommen oder verlieren Kinder im gleichen Zeitraum. Wir. Sind nur umgezogen. Raus aus der kleinen schnuckeligen Wohnung. Rein in das neue Haus. Eine spießige und zugleich schöne helle Doppelhaushälfte. Der Schritt nach vorne ist in dem Fall ein Schritt zurück, da ich in diesem Haus einst aufgewachsen bin. Jetzt. Bin ich wieder da. Und die Vergangenheit mit mir.

Es ist schon seltsam in ein Haus mit so viel persönlicher Geschichte zurückzuziehen. Viele Jahre in diesen Mauern waren die schwierigsten meines Lebens. Jede Familie hat ihr Drama. Jeder Mensch sein persönliches Martyrium. Und der hohle Spruch von der Geschichte, die einen immer wieder einholt, erweist sich einmal mehr als wahr.

Tagsüber ist alles in Ordnung. Wir haben die alten Gemäuer mit dem Krempel vollgestellt, den wir (meine Frau und ich) in der gemeinsamen Wohnung in den letzten drei Jahren angehäuft haben. Es sind die gleichen Regale mit der Hundertschaft an Büchern. Das Kanapee. Die Bilder an den Wänden. Fast genauso wie in den letzten Jahren. Doch wenn es Nacht wird, treten diese Dinge in den Hintergrund. In der Nacht kommen die Geister. Scherzhaft sprachen meine Frau und ich darüber, dass echte Geister in diesem Haus gar nicht zugange seien könnten, da vor diesem Haus hier bisher nur nackte Natur gewesen war. Wiesen und Wälder. In diesen Wänden ist meines Wissens nach keiner gestorben. Und doch… Sobald die Sonne unser Tal verlassen hat, kommen die Geister aus den Ecken. Sie sind nicht neu. Die Dämonen waren schon immer da. Zeit meines Lebens verfolgen sie mich hier. Diese krampfhaft realen Einbildungen. Schon als Kind, dann als Jugendlicher, wie auch als junger Mann warf ich immer einen angsterfüllten Blick über die Schulter, wenn ich zwischen den Zimmern wechselte. Irgendetwas schien mich hier in diesem Haus immer aus den Schatten zu belauern. Monster mit spitzen Zähnen. Kobolde mit fiesen Messern. Den Schritt zu beschleunigen wenn ich die Etage wechselte, wurde mir zur Gewohnheit.

Ganz schlimm ist es im Keller. Den Keller packe ich nachts auch heute nicht. Zu verschlungen lang und verwinkelt undurchsichtig ist er mir geblieben. Die letzten paar Schritte die Stufen hinauf, fühle ich mich immer noch gleich von hinten an den Schultern gepackt. Beim Umzug war das kein Problem. Letzte Woche ging es dann wieder los. Die Geister öffneten aus den Ecken ihre hungrigen Augen. Mein Schritt wurde schneller. Mein Stressspiegel stieg. Mit einem Mal war ich wieder 10 Jahre alt und Pennywise mir wieder dicht auf den Fersen. Dieses Mal würde es… Und dann blieb ich unvermittelt im Keller stehen. Wie lächerlich die Situation doch war. Ich bin inzwischen 38 Jahre alt. Ein Meter 95 groß. Handwerker mit der entsprechenden Physis. Was zum Himmel sollte denn bitteschön aus den Ecken kommen und so einen geraden Mann wie mich bedrohen? Zu meiner Drogenzeit mit dem irren Blick und der schweren Lederjacke, war ich es, der anderen alleine durch meinen Auftritt Angst einflößen konnte. Und jetzt? Jetzt stand ich in meinem Keller und hatte Angst vor dem schwarzen Mann. Genauer gesagt hatte ich Angst vor mir selbst und meiner Phantasie. Lächerlich! Selbstbewusst ging ich nach oben. Wo kommen wir denn da hin? Dieser Tag war gelaufen. Aber ein paar Tage später sah es gleich wieder ganz anders aus. Die Dämonen die uns heimsuchen, sind in uns selbst. Die Geister die uns bedrohen, unsere eigene Vergangenheit. Wovor fürchtet sich mein Unterbewusstsein? Vor der Brutalität meines Vaters? Den Schlägen meiner älteren Schwester? Der Verachtung meiner Mutter? Meiner eigenen Wut, die ich mir selbst einst gegenüber ausdrückte? Was sind es für Dämonen, die mich heute noch davor Angst haben lassen, im eigenen Haus gefressen zu werden? Denn. Um nicht weniger geht es. Die Sorge, von der eigenen Furcht in Stücke gerissen zu werden. Dafür. Kann man leider nicht zu alt werden. Denn die Geister werden nicht weniger. Im Gegenteil. Das hier. Ist die Fortsetzung des Horrors. Und in den Fortsetzungen, wird noch einmal eine Schippe draufgelegt

Absolution – 31 – Angst vor Frauen

11.

Katha, Sarah und Miguel entführten Paul ins „Abseits“, einen kleinen Club in Augsburg, den nur Eingeweihte kannten. Dort legte ein Bekannter von Miguel vor 20 anwesenden Besuchern auf, der sich (in Anspielung an den Weltbekannten DJ) „Dick-Son“ nannte. Die Vier hingen dort herum, gaben sich gegenseitig Getränke aus und Pauls Freunde stellten die gute Laune zur Schau, die Paul in dieser Zeitperiode der Übernächtigung und Erschöpfung vollkommen abging. Er war einfach zu platt und zu zerstört, dazu empfand er sich selbst als viel zu große Peinlichkeit, als dass er auf „gute Laune“ machen konnte. Zudem scheiterte jeder Versuch irgendwie „besonders“ auf Katha zu wirken. Es war wie verhext. Versuchte sie mit ihm zu Reden, ging ihm fast unverzüglich der Gesprächsstoff aus, viel zu groß war die übernächtigte, leer gewichste Ödnis in seinem Kopf. Machte er eine zweideutige, lieb oder erotisch gemeinte Anspielung (die er sich schwer aus dem Brachland seines Verstandes erkämpft hatte), kam er mit ihrer begeisterten Reaktion nicht klar. Tanzten sie zusammen, fühlte Paul sich lächerlich, wie ein Troll, der nur dämliche Gesten vollführte – am Liebsten wäre er einfach davon gelaufen – währenddessen Katha eisern an seiner Seite blieb. Katha wollte Paul. Was Paul absolut überforderte. Das Problem war eindeutig nicht, dass er Katha noch erobern müsste. Das Problem war viel mehr, dass Katha bereits (wie auch immer er das geschafft hatte) erobert war und Paul einfach nicht mit der Situation klar kam. Was für die meisten Männer ein Geschenk darstellt, erschien Paul in seinem gegenwärtigen Zustand als unlösbare Aufgabe. Er stand sich selbst im Weg. Die Wünsche der Drogen hatte ihn an diesen Punkt gebracht.

Und die Drogen retteten ihn.

Das Ecstasy entspannte sie. Und schon war es nichts besonderes mehr Katha in den Arm zu nehmen, und sogar auf einer abgelegenen, dunklen Bank mit ihr zu kuscheln. Das XTC half Paul über den Wahn und Paranoia hinweg, dass das Speed aufgebaut hatte. Alles schien gut. Alles erschien bereinigt. Der Bass wummerte über ihre Köpfe hinweg. Die Lichtorgel blitzte um ihre Köpfe. Ihr Lachen wurde zum Kettenbrief. Da war es wieder, dieses Gefühl von Freundschaft und Liebe, dass alles überdauern würde… Überdauern sollte. Überdauern müsste… Paul sah Katha verliebt an. Und sie ihn. Junge Menschen. Totally in Love zueinander. Vereint durch echten Gefühle ihrer Herzen, die in diesem Moment im Gleichtakt miteinander schlugen. Vereint durch die Funkenden Eruptionen, die nur die chemische Industrie garantieren kann. Sie sahen sich an und versanken ineinander. Einen Moment lang… Zwei Momente zu lange… Drei Momente zu lange… Und es geschah…

Er hätte einfach nur seinen Mund auf den ihren drücken müssen. Hätte einfach nur seine Zunge um ihre Tanzen lassen sollen. Er hätte einfach nur einen Moment keine Angst vor gar nichts haben müssen. Weder vor sich. Vor seinen Gefühlen. Vor Katha. Vor der Peinlichkeit. Seiner Unfähigkeit. Seiner Wahrheit… Paul hätte einfach nur dass tun müssen, wovon er so viele Nächte im Delirium geträumt hatte. Doch als die Momente zu lange anhielten – selbst auf dem Ecstasy, das Glücksmomente so unglaublich lang und schön bis ihn alle Momente zu dehnen vermag – war es vorbei. Paul lächelte schief. Fragte Katha nur, ob sie nicht Tanzen wolle, worauf die Enttäuschung in ihren Augen aufblitze, gleich einem Erdloch, dass plötzlich und von keinem Wissenschaftler vorhergesehen eine ganze Kleinstadt verschluckt und erledigt, gleich einem Arzt, zu dem die Angehörigen eines Unfallopfers voller Hoffnung rennen, der aber nur vom Misslingen der Operation und der Grenzen der Medizin berichten kann, gleich einem Ertrinkenden, der feststellen muss, dass es nichts gebracht hat bis zum letzten Moment und mit allen Kräften um sein Leben zu kämpfen.

Katha seufzte über all den Lärm des Technoclubs hinweg. Es war ein geradezu Bibliches Seufzen.

Irgendwie…“, brachte Paul noch hervor. „Ich komme heute einfach nicht so ganz klar.“

Ich weiß“, erklärte Katha darauf, „das ist es ja. Du kommst halt nie besonders gut klar…“

Aber ich würde es gerne…“

Dann mach doch…“

Ich weiß nicht wie… Du hast halt was besseres verdient.“
„Du bist so ein…“ Sie lächelte ihn mit großen Drogenaugen an. Voll Verständnis und aller verlorener Hoffnung zugleich. Dann blinzelte sie. Stand auf und ging hinüber zu Sarah, die ein paar Lärmmeter entfernt mit irgendjemanden an der Bar stand. Irgendwas wurde geredet, worauf Sarah den Kopf schüttelte und schüttelte und wütend wurde. Paul sah dem zu. Innerlich weinend. Vernichtet. Dabei extrem drauf und erfüllt von den Drogen. Der lächerlichste Zustand, den man sich vorstellen könnte. Am Liebsten wäre er von einer Brücke gesprungen. Nur hatte er nicht einmal die zur Verfügung. Paul wollte einfach nur gehen. Paul wollte einfach nur bleiben. Paul wollte im Erdboden verschwinden. Und er wollte zu Katha hinüber gehen und sagen, dass es ihm leid tue. Was auch immer. Dass es ein Missverständnis sei. Welches auch immer. Die Frauen sahen ihn an. Er sah zurück. Und nichts geschah.

Sekunden wurden zu Ewigkeiten. Jede Minute zur Folter.

Paul versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Sein Bestreben glich der einer Kompassnadel, die sich krampfhaft einnorden wollte und sich dabei hilflos im Kreis drehte, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wo Norden denn nun lag und was es überhaupt helfen sollte, die Richtung zu finden. Mehr als ein „Katha ist toll. Ich ein Idiot“ konnte er in sich selbst nicht finden. Er fühlte sich ebenso verzweifelt, wie er drauf war. Ein wirrer, taumelnder Zustand. Voller Schmerz und Glück, wie ein 14 jähriger Jugendlicher, der zum ersten Mal in seinem Leben sagenhaft unglücklich verliebt ist. Die ganze Zeit hatte er zu Katha und Sarah hinüber gesehen und dennoch stand die Frau seiner Träume mehr plötzlich als überraschend neben ihm, als er es für den Hauch einer Sekunden verstehen konnte. „Dann lass uns halt Tanzen“, lächelte sie ihn an. Mit ihren wunderschönen, wunderschönen druffen Augen. Für sie war das ja auch nicht leicht. Ebenso so verstrahlt, wenn auch nicht übernächtigt wie Paul; jede Beziehung hat zwei Seiten, zwei Geschichten, hunderte Perspektiven.

Es wurde getanzt.

Tanzen muss nicht immer leicht und fröhlich sein. Nicht immer locker und glücklich. Es kann von der Last der Lebens und den Umständen der Gegenwart beschwert sein, während es sich dumm und falsch anfühlt.

Wie kann man in so einem Moment nur Tanzen?

Wie kann man jetzt nur so tun, als wäre nichts gewesen?

Bis es dann geschieht. Bis die Bewegung und die Musik. Bis der Brettharte Sound einer amtlichen „Adam Beyer“-Platte. Alle Zweifel fürs erste Mal zur Seite schiebt. Und man sich wieder ernsthaft ehrlich anlächeln kann. So als wäre das Vorhin nicht gewesen. Als würde es nur die Zukunft geben.

Tanzen ist das Erste-Hilfe-Pflaster des Kosmos.

AfD-Parteitag in Augsburg

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Am Morgen beim Frühstück hatten wir es im Fernsehen gesehen: AfD-Parteitag in Augsburg. Quasi Fußläufig von uns. Und da wir eh in die Stadt wollten, sind wir dann noch hin. Sauer war ich am Morgen schon. Da muss man sich von diesen rechten Deppen erzählen lassen, SIE seien das Volk und es würde IHR Land kaputt gemacht. Und bei mir im Kopf so. Momentchen Mal. Ich bin doch auch das Volk. Das ist doch auch mein Land. Da sollte man doch – normal – auch jeder Zeit so Höcke Talkshow mäßig eine kleine Deutschlandfahne bei sich tragen um die den Deutschtümlern bei Bedarf ins Gesicht zu halten; dass ist auch mein Land. Mein liberales Deutschland. Ein buntes Land. Ein Land der Freiheit. Nicht euer CSU/AfD-Nazi-Scheiß. Vor diesem ganzen Krisending gingen mir ja schon die Konservativen auf die Nerven. Jetzt. Nach und im Rechtsruck des Landes halte ich mich selbst fast schon eher für konservativ als für alles andere. Eher links als rechts. Na klar. Mann ist bei Verstand. Aber eine geregelte Zuwanderung wird auch von mir erwünscht. Bin ja nicht blöd.

So gesehen haben Pegida und die AfD natürlich ihren Beitrag geleistet. Denn es wäre sicherlich auch ein Wahn wenn man sagen würde, der Urkern des Problems sei nicht vorhanden. ABER. (Ganz großes ABER). Warum müssen diese Bewegungen und Parteien die ganze Zeit lügen? Nehmt die Sorgen der Mensch ernst. Ja. Aber was soll das mit der Propaganda? Warum muss dauernd übertrieben und den Menschen Angst eingejagt werden? Ebenso ist es irre zu sagen, es kommen nur „gute Menschen“ nach Europa geflohen (warum auch immer), wobei „gut“ eigentlich auch nur „gut ausgebildet“ bedeutet. Deswegen können die Menschen trotzdem Mörder und Bombenbauer sein. Ebenso wie Ingenieure und Ärzte in der zündelnden AfD sind. Nein. Doch. Die Probleme müssen benannt werden. Klar. Aber daraus gleich einen Untergang des Abendlandes zu machen, ist wieder was ganz anderes. Angst wird uns nicht retten. Nur der Mut kann es.

Und ruhig auch mal aggressiv werden. Nicht gleich draufhauen auf den Demos. Sich aber auch nicht immer alles bieten lassen von Leuten, die dieses Land nicht retten, sondern es im Gegenteil kaputt machen wollen. Es gibt Millionen Deutschrussen hier. Millionen Geflüchtete aus dem ehemaligen Jugoslawien. Und die haben auch nicht nur große Europäische Werte nach Deutschland gebracht. Aber. Die sind halt fast alle sehr schön weiß auf der Haut. Dann ist das nicht so schlimm. Die Russen und Serben waren uns in unseren Menschenbild vielleicht auch schon immer einen Schritt voraus. Nicht. Selbstverständlich wird es Jahrzehnte dauern, bis sich die Gesellschaft so sehr verändert und aneinander angepasst hat, dass man die Folgen absehen kann. Aber. Jetzt gegen die Menschen zu sein, die eh schon da sind, schafft nur Gesellschaftliche Probleme in der Zukunft. Siehe Frankreich. Siehe Parallelgesellschaften. Und dass ist das was die AfD über kurz oder lang aufbaut: Sie verhindert nicht die Veränderung des Landes und führt es auch nicht zurück in die wohlige Zeit der grünen Auen, der Volksfeste und pünktlichen Züge. Nein. Sie betreibt eine Spaltung im Land die sie selbst nie wieder auflösen kann. Selbst wenn sie irgendwann mal Regierungspartei wäre. Außer. Diese Regierungspartei würde nach einer Endlösung streben. Denn nur die Endlösung kann die Zukunft stoppen.

Die Angst ist es, die uns genau dahin bringt, wovon die AfD fabuliert. Ich weiß nicht was die Zukunft bringen wird. Ich weiß nur, was ich mir von ihr erhoffe. Was sich all die Leute erhoffen und erträumen, die gestern in Augsburg marschiert und demonstriert sind. Und 5000 sind kein Pappenstiel. Wir träumen nicht von einer Welt des „Friede, Freude, Eierkuchen“. Sondern von einer menschlichen Zukunft. Die wir uns weder von Islamisten. Noch von Rassisten wegnehmen lassen. Wir haben ein Plan für unser Deutschland. Und ja. Es ist verflixt schwer den umzusetzen. Doch noch einmal: Die Angst wird uns nicht retten. Denn Angst ist ein Gift, dass alles und jeden langsam von innen her zersetzt.

Es war eine schöne Demo gestern in Augsburg. Die Leute waren friedlich, aber laut. Sie sangen in der Sonne. Hielten ihre Transparente hoch. Die Jungen. Wie die alten Leute.

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Israel – ein sicheres Urlaubsland? Ein Erlebnisbericht

Diesen Urlaub zusammenzufassen wird verknappt nicht möglich sein. Sie können also ruhig die Sicherheitsgurte öffnen, die Sitze verstellen und diese Reise auf mehreren Etappen angehen. Das zieht sich jetzt. Ich werde dabei nicht nur einen, sondern zwei Einträge zu unserem Israel-Urlaub schreiben. Jetzt zum Thema „Angst und Sicherheit“. Und das andere Mal über „Party und das schöne Leben“.

 

„Sicherheit“ war vor grob einem Jahr auch das Thema, warum ich begann mich für Israel zu interessieren. Es war die Zeit der ungezügelten Zuwanderung (keine Anführungszeichen) und niemand in Deutschland konnte wirklich sagen, was in den nächsten Monaten geschehen würde und was in den Jahren noch auf uns zukommt, welche Herausforderung die sogenannte „Flüchtlingskrise“ uns noch bringen würde und wird (nebenbei: Krisen sind normalerweise kurzzeitige Ereignisse die enden. „Krise“ ist hier „Neusprech“ und in diesem Fall sind schnelle Lösung  wohl nicht zu erwarten).

Wir wissen das „Köln“ passiert ist und wir wissen auch, dass der Begriff „Köln“ keiner weiteren Erklärung bedarf, wenn man mit den Geschehnissen des Jahres 2016 vertraut ist. Ich fragte mich damals, wie unser Land auf solche Ereignisse reagieren würde und die folgenden Anschläge und Terrorakte der letzten Monate, die in ein befestigtes Oktoberfest mündeten, bestätigten mich in unserem längst gefassten und gebuchten Entschluss, nach Israel zu reisen. Dabei ist es ganz gleich wie man nun zum Staate Israel steht: Jeder muss zu geben, dass dieses Land die meisten Erfahrung mit dem Umgang mit Terror im Alltag und dessen Bewältigung besitzt.

Kann oder muss unser Land, unser Europa auch so werden wie Israel?

Das war meine Fragestellung. Und weiter: Ist dieses sogenannte „Heilige Land“ überhaupt so, wie es uns die Tagesschau unser ganzes Leben lang eingeredet hat?

Einen Urlaub in Israel zu machen kam und kommt für viele Leute in meiner Umgebung mit Wahnsinn gleich, denn seit wir denken können steht Israel für Terror, Mord und Schrecken. Eine No-Go-Area. In der es keine wirkliche Sicherheit gibt. Egal ob in Jerusalem – der heiligsten Stadt der Welt, an der vier Weltreligionen auf einem Quadratkilometer aufeinander kollidiere -, oder auch ein paar Stunden entfernt in diesem winzigen Land, sei es in Tel Aviv, Betlehem oder in Hebron. Oder was weiß ich wo. Treffen kann es dich überall. (Wessen Schuld das ist und die politischen Fragen lasse ich zuerst einmal außen vor. Hier geht es nur um die Tatsache, dass dieses Land so ist, wie es ist). Die Statistik zeigt aber auch: Erwischen kann es dich auch in einem Einkaufszentrum in München.

 

Nichtsdestotrotz waren wir davon überrascht, dass das Gate-F am Terminal 1 nach Israel am Münchner Flughafen nicht nur von Polizisten mit Automatischen Gewehren gesichert wird, sondern auch, dass das „Gate F“ weit, weit abseits vom normalen Flughafenbetrieb liegt und allen Anschein nach nur dafür erdacht und erbaut wurde, um potentielle und wirkliche Gefährder (tolles Neusprech) vom normalen Münchener Alltag fernzuhalten; es fühlte sich so an, als wäre der Plan das hier abseits des normalen Betriebes ruhig was passieren kann, ohne dass es noch mehr Opfer (Kollataralschäden) gibt, die dann gar nichts mit Israel zu tun hätten. Das war der erste Eindruck. Und es machte einen großen.

Die Einlasskontrollen  dabei waren normal. Gründlich. Aber normal.

Die nächste Auffälligkeit zum Thema Sicherheit war, dass wir eine dreiviertel Stunde (oder war es eine halbe?) vor Ankunft in Tel Aviv angegurtet auf unseren Sitzen bleiben mussten. Nicht das sonst noch jemand auf der Toilette eine Bombe baut.

Dann waren wir da.

Bei unserem ersten, abendlichen Spaziergang lernten wir sofort, dass Israel vor allem eines ist, nämlich teuer. Nicht alles, doch die meisten Waren dort sind selbst für mich als Deutschen nicht gerade billig. Mit Dienstleistungen sieht es dann wieder anders aus. Warum erwähne ich das noch unter dem Oberbegriff „Sicherheit“? Das liegt für mich auf der Hand: Wenn du in einem Land lebst das von Feinden umgeben ist, steigt selbstverständlich auch der Aufwand, um Waren sicher ein und aus zu transportieren, das kostet einfach.

 

Ansonsten merkt man in Tel Aviv nicht allzu viel von den unglaublichen Problemen, die dieses Land hat. Bis auf Kleinigkeiten (das war vom Feeling her so ähnlich wie bei unserem letztjährigen Besuch in Kiew. Wo wir vom Krieg auch so gut wie nichts merkten). Okay. In Tel Aviv wird vor manchen Einkaufszentren  von einer selbst bezahlten Security  in alle Taschen geschaut. Ebenso bei öffentlichen Einrichtungen wie Museen, wo die Besucher auch noch kurz wie am Flughafen durchleuchtet werden. Mehr ist mir jetzt nicht aufgefallen.

Die Menschen gehen dort mit einer geschäftsmäßigen Gelassenheit um. Es gehört zu ihrem Alltag, das ist halt so. Keiner macht großes Aufsehen und es herrscht der gelebte Konsens, dass wenn es der Sicherheit dient auch in Ordnung ist. Und das ist die israelische Antwort auf meine Frage, wie sie gelernt haben mit dem Terror umzugehen: Gelassenheit. Es ist schwer zu glauben dass „der Deutsche“ damit ähnlich umgehen könnte. Eines Tages hat aber auch jedes Volk dieses Denken in ihre DNA übernommen.

Der Israeli an sich ist ohnehin ein unglaublich netter und gechillter Kollege. Die quatschen dich freundlich an und sind sofort außerordentlich hilfsbereit, wenn du als Touri Probleme hast (da reicht es auch schon nur nen Stadtplan in der Hand zu haben und schon will dir jemand helfen). Gesprochen wird dort zwar hebräisch, doch bis auf die meisten Busfahrer 😉 sprechen so gut wie alle dort ein sehr gutes Englisch.

Befremdlicher weise lässt sich aber auch sagen, dass der Israeli ein sehr stressiger Zeitgenosse ist, gerade im Straßenverkehr. Kaum sitzt er in oder auf etwas das Räder hat, ist es vorbei mit der Chilligkeit und die Hupe gilt als einziges doch dafür dauerpräsentes Kommunikationsmittel (da wird wirklich an einer roten Ampel gehupt, damit der vor einem weiß, dass es gleich Grün wird und man dann bitte zügig weiterfährt…).

In Jerusalem sieht die Lage dann doch ein wenig anders aus. Nicht nur, da wir in einer Feiertagswoche dort waren, und an einem der 3 wichtigsten Feiertage der Judentums überhaupt. Am Busbahnhof (in Israel fährt man fast überall mit dem Bus hin) wird natürlich zu allererst der Rucksack durchleuchtet, dann darf man rein. Drinnen ist – und von diesem Klischee hat sicherlich schon jeder gehört – alles voller Soldaten und Soldatinnen.

Die Wehrdienstzeit in Israel beträgt (so wurde mir es gesagt und ich glaube das jetzt mal) 3 Jahre und betrifft beide Geschlechter gleichermaßen. Da sitzen dann also Teenager neben dir im koscheren Mc Donalds mit ihren Automatischen und Halbautomatischen Gewehren auf dem Schoß und schieben sich ihr Fast-Food-Essen rein. Die Flinte am Mann (oder bei der Frau), immer Einsatzbereit. Das Magazin dafür steckt nicht darin. Das liegt wie ein Spielzeug neben dem Smartphone.  Wie ein Mode-Accessoire. Da sitzt man dann also mit fast normalen Teenagern zusammen. Nur dass sie Armee-Kleidung tragen und bewaffnet sind. Komische Situation, doch auch daran gewöhnt man sich überraschend schnell. Man kennt es ja. Aus dem Fernsehen.

In der Altstadt von Jerusalem, dort wo die Weltreligionen aufeinander treffen, sieht man noch mehr Militär und Polizei, gerade wenn man an einem der wichtigen Feiertage des Judentums aufschlägt, so wie es bei uns zufällig der Fall war (und nein, das wussten wir vorher nicht). Wir kamen mit dem Taxi nicht einmal bis zum Eingang der heiligen Stadt und mussten uns erst mal den Weg suchen, da die Zufahrtsstraßen gesperrt waren. Sicherheit wohin man sah.

Wir. Die wir noch nie da waren, und wahrlich keine Helden sind, nein, im Gegenteil, die sich über alles Mögliche und manchmal auch Unmögliche Sorgen machen, wussten jetzt vorher auch gar nicht, ob man in der heiligen Stadt überhaupt so herumlaufen kann. Ohne Touri-Führer. Schließlich kannten wir fast nur Bilder von Blut und Mord aus Jerusalem und es war schon ein wenig mulmig dort hinzufahren. Es gab keine Warnung des Auswärtigen Amtes und von neuerlichen Messerattacken und Schießereien hatten wir auch nichts mitbekommen, dann würde doch auch nichts schiefgehen, oder?

Tat es auch nicht. An normalen Tagen kann man auch ohne Profi durch die Altstadt von Jerusalem flanieren. Dir geschieht als Tourist rein gar nichts. An normalen Tagen… Die Frage ist nur, welcher Tag ist normal und welcher nicht?

Wir hatten einen professionellen Guide dabei, der leider nur russisch sprach (dessen ich nicht fähig bin und ich auf eine Übersetzung angewiesen war) und so wurde das auf einer anderen Ebene für mich kompliziert, nicht auf der Gewaltebene. Aber ich muss zugeben, dass ich mich schon sicherer mit Jemanden fühlte, der auch im ERNSTFALL weiß was zu tun ist.

Viele Backpacker und Israelis mögen mich mit meinen deutschen Sorgen, mit meiner German Angst vielleicht auslachen: Macht nur. Ich wurde wie bereits oben erwähnt Jahrzehnte lang von Fernsehbildern zum Thema Jerusalem und Israel konditioniert, da hat man nun einmal gewisse Bedenken und Bilder im Kopf. Dagegen wollte ich mich nie wehren, denn das ist ja auch durchaus die Wahrheit die man da präsentiert bekommt, nur halt nicht die Ganze. Wenn man jedoch wissen will, wie es wirklich ist, muss sich halt selbst ein Bild machen. Deswegen würde ich unser Mütchen zu dem Thema zwar auch nicht zu hoch hängen, aber ich finde schon das eine gewissen unlogische Selbstüberwindung dazugehört, auf der Suche nach Erkenntnis in ein Land zu fahren, von dem man eingeredet bekommt, man kommt dort im besten Fall nur mit Kratzern raus. Die Wahrheit sieht ganz anders aus. Und die muss man erst finden. Wenn man sie denn finden will (uns geht es so gut in Deutschland, warum sich also den Stress machen?)

Wir hatten einen wunderschönen Tag in Jerusalem. Erfuhren viel über die Stadt. Ich habe an der Klagemauer zu  Gott gesprochen (im Gegensatz zum Islam darf im Judentum jeder zu den wichtigen Stätten ihrer Religion). War an dem Ort an dem Jesus Christus gekreuzigt und begraben wurde. Da fühlt man als Christ und als Mensch schon einen ganz besonderen Vibe. Das möchte ich nicht verpasst haben. Auch wenn gerade an einem Feiertag die Möglichkeit einer Eskalation der Gewalt potentiell höher war als gewöhnlich.

Wie gesagt. Ich schreibe noch einen zweiten Blog-Eintrag über Israel und da werde ich darauf eingehen, wofür das Land auch steht: Nette Menschen, Freundlichkeit, wunderschöner Strand und Lebensfreude.

 

Für jetzt und zum Thema Angst und Sicherheit verlassen wir das Land gleich mal wieder mit dem Rat, möglichst früh vor der Abreise den Flughafen von Tel Aviv aufzusuchen, denn die Sicherheitsvorkehrungen beim sichersten Flughafen der Welt benötigen natürlich Zeit, sie beginnen sogar auch schon auf der Autobahnzufahrt dorthin.

Zum normalen Check-In und der Passkontrolle kommen noch ein, zwei Stationen, bei denen du persönliche Fragen über dich ergehen lassen musst (Wer deinen Koffer gepackt hat. Ob du alleine reist. Wie lange du deinen Partner kennst. Und in unserem Fall sogar, ob wir zusammenleben. Ob man Waffen dabei hat). Man bekommt eine Karte mit einem Code für eine Sicherheitsschranke, und dann hat man es auch schon geschafft. Und ehrlich gesagt ist man nach einer Woche in Israel auch schon absolut daran gewöhnt, durchleuchtet und befragt zu werden. Nur die Vorstellung das unser Kofferschloss geknackt werden würde falls man beim Durchleuchten etwas VERDÄCHTIGES findet, sagte uns nicht zu.

Über die Politik Israels und ihr Verhalten zu den Palästinensern will ich mich eigentlich gar nicht auslassen, auch wenn ich zwangsläufig als denkender Mensch eine Meinung dazu habe. Wahr ist auf jedem Fall, dass wir in diesem Urlaub nur eine Seite der Medaille gesehen haben, und zwar die schön strahlende und leuchtende, die einen auch durchaus blenden kann.

Meine Freundin hat einen schönen Gedanken angestoßen, als sie meinte, dass Israel im Gegensatz zu uns die Probleme direkt vor der Haustür hat, während sie bei uns schön weit weg sind. Und da gebe ich ihr vollkommen recht. Man kann und muss vieles verurteilen was dieser Staat macht (Gaza-Streifen und/oder Siedlungspolitik – was da geschieht geht zum Beispiel gar nicht), man sollte jedoch auch ehrlich sein und begreifen, dass wir hier im Prinzip nichts anderes machen. Nur sind durch die Globalisierung das Leid und Elend das wir mit unserer Lebensweise und unserem Konsumverhalten verursachen weit weg. Ich will damit nichts relativieren oder schönreden. Dennoch ist es doch so, dass Israel auch eine Metapher für die erste Welt ist, die die restliche Welt beherrscht, kleinhält und ihre Lebensart aufzwingt. Aber wie würde ich bei uns wählen, wenn in Köln meine Freundin angegangen oder gar vergewaltigt worden wäre? Sicherlich ebenso rechts wie das die Israelis momentan machen, die durch ihren Scheißlangen Militärdienst und was sie dort erleben natürlich in eine poltische Richtung geleitet werden, aber auch unter der ständigen Bedrohung und echten Terror leben müssen.  Das Alles ist nicht so einfach. Man kann nicht einfach nur sagen, die sind die Bösen und machen alles falsch. Wir müssen wirklich den Balken im eigenen Auge erkennen, bevor wir den Splitter in den Augen der anderen bekritteln. Das ist nur leider viel zu leicht daher geschwätzt. Denn Gutmenschentum funktioniert halt manchmal leider nicht. Denn man darf nicht vergessen, dass Jerusalem eben auch ein Synonym dafür ist, dass verschiedene Religionen seit Jahrzehnten dort zusammenleben, und eben kein Multikulti daraus wird, sondern Generationen währender Hass…

Soweit für jetzt. Der Partyteil kommt demnächst.

(Dieser Beitrag enthält Fotos aus dem „TLV Museum of Arts“, zu denen ich keine Recht besitze)

 

Es ist leicht, kein Gott zu sein

Nach dem Film lese ich nun die Erzählung „Es ist schwer ein Gott zu sein“, die sich vom Film unterscheidet. Vielleicht war es auch nur so, dass mich der ganze Dreck und das Elend im Film geblendet haben.

In beiden Medien geht es darum, dass die Menschen einen Planeten entdeckt haben, der sich auf dem geistigen Stand unseres finsteren Mittelalters befindet. Auf diesen namenlosen Planeten werden Wissenschaftler entstand, die nicht in die Entwicklung der Welt eingreifen sollten. Sie sind nur zu Dokumentationszwecken dort.

Diese fremde Welt wird von den Dons beherrscht und unser Wissenschaftler Don Rumata will die Weiterentwicklung dieser Menschheit voran treiben, während sein Gegenspieler, Don Reba, im Gegenzug versucht alles Wissen zu zerstören. Dieses  Kampf-Gebilde und ein gewisser Mystizismus über eine höhere Macht sind typisch für die Autoren, die Strugatzki Brüder, die ihre Science-Fiction-Werke zu Zeiten des Kommunismus schrieben. Die Sowjetunion und ihre Verwalter stehen für die Begrenzer und Zerstörer des Wissens, der normale Bürger wird in Dummheit gehalten. Er begnügt sich mit Essen, Fortpflanzung und einem leichten Leben. Und dann ist da wie in so vielen Abenteuer-Romanen der Gegenpol, jene, die mehr wissen wollen und gegen das System kämpfen. Kein Wunder das die meisten Werke der Strugatzkis in der UDSSR verboten waren oder unter Verschluss gehalten wurden.

 

Interessant sind die Gedanken Don Rumatas (der selbst Historiker ist) über die Entwicklung der Menschheit: Man kann Wissen und den Durst danach nicht ewig unterdrücken. Und was die Sowjetunion angeht, haben die Strugazkis Recht behalten. Alle Systeme enden. Das liegt ihnen sogar zu Grunde. Nur der Mensch entwickelt sich fort. Vielleicht gehört es sogar zu unserer Entwicklung (Anmerkung: Ich spiele gerade Fallout 4), dass wir uns und unsere momentane Lebensweise zerstören müssen, um daraus zu lernen (was man grob den Untergang der Welt nennen könnte, wie wir sie kennen – sei es durch Krieg, Naturkatastrophen Umweltverschmutzung usw.). Der Mensch jedoch (wenigstens ist das meine Meinung) wird fortbestehen. Auf irgendeine Weise. So wie es den Planeten schon ohne Lebewesen gab. Und Lebewesen ohne den Menschen. Die Dinge hören nicht einfach so auf zu existieren. Nicht einmal nach einem nuklearen Fallout.

 

Die Angst vor Veränderung ist in der globalisierten Welt gewachsen. Überall sehen wir Gefahren die unsere kulturelle Gesellschaftordnung, und die unser persönliches Leben bedrohen. Dabei ist es egal wie: Unser Leben wird enden. Das ist Teil des Lebens und das ist auch gut so. Und auch unsere Gesellschaft wird nicht unendliche Zeit so weiterbestehen. Sie KANN auch gar nicht unendlich weiterbestehen. Die Dinge sind im Fluss. Und sie werden sich verändern, sei es durch Zuwanderung oder durch andere Dinge.

Das ist ja diese Angst die die Pegida Leute haben: Veränderung durch Überfremdung. Das Ende unserer Abendländischen Kultur. Selbst wenn die Pegidisten nicht so auftreten, als hätten sie unsere humanistische Kultur verstanden. Doch bleiben wir bei den Ängsten.

„Es ist schwer ein Gott zu sein“ hat uns viel über unsere jetzige Zeit zu sagen. Denn es ist genau der Kampf der  kulturell in Deutschland geführt wird: Die, die das Wissen bewahren wollen, gegen jene, die es zu zerstören versuchen. Die Ironie ist (ist das überhaupt noch Ironie oder ist das immer so?) dass sich beide Seite das Gleiche auf die Fahnen geschrieben haben: BEIDE Seiten behaupten, die gesellschaftlichen Werte zu erhalten. Sowohl die Humanisten, als auch die, die Angst vor Überfremdung haben. Beide Seiten glauben, sie würden die Kultur retten. Die einen durch humanistische Integration, die anderen durch entmenschlichte Ablehnung. Die Einen wollen unsere freiheitliche Werteordnung vor dem „Mittelalterlichen Islam“ schützen, während die Anderen unsere freiheitliche Werteordnung vor den Ewiggestrigen des Nationalsozialismus beschützen wollen. Sorge vor der Zukunft treibt beide Parteien um.

Was gerade jetzt in unserem Land geschieht ist wahnsinnig spannend. Es ist ein Kampf um die Zukunft.

 

Obwohl ich mich moralisch und faktisch auf der Humanistischen Seite sehe, bin ich nicht blind vor den Ängsten vor Überfremdung, habe ich auch nicht gerade Lust meine sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Stand aufzugeben; wir haben so ein geiles Leben, weshalb sollte ich beim Gedanken daran weniger zu haben, nicht einen kleinen Kloß im Hals haben? Aber ich kann die Zeit nicht stoppen. Und es wird Veränderungen geben. Die Frage ist nur, auf welcher Seite du stehen willst.

 

Nehmen wir einmal an (auch mit einem Blick auf das Buch der Strugatzkis), dass wir uns wirklich wie in Houellebecqs Buch „Unterwerfung“ an den Islam anpassen und nicht umgekehrt: Bedeutet das einen Rücktritt ins zweite finstere Mittelalter? Ich denke nicht. Ich glaube zwar dass die Menschheit sicherlich in irgendeine Form von Mittelalter zurückfallen könnte (siehe Atomkrieg), viel mehr glaube ich aber, dass sich Wissen verbindet. Wenn Ideen zusammenkommen verändert sich nicht nur die westliche Kultur: Es verändert sich auch „der Islam“. Da kann der IS noch so viele Denkmalgeschützte Statuen und Weltkulturerbe Einrichtungen platt machen: Er wird nicht gewinnen. Und selbst wenn er „gewinnen“ sollte: Er wird die Vergangenheit nicht auslöschen können. Der IS ist ohnehin nur das, was bei die RAF früher war – er ist der Gipfel des Eisberges. Das Top einer Strömung. Die Stärkste und größte Ausgeburt eines Extremismus, der versucht die ganze Welt zu infizieren, das funktioniert nur nicht mehr.

Wenn wir die Welt mit ihrem Gedankengebäude, mit ihren Errungenschaften im Jahr 2016 nehmen, das Ganze als einen Organismus aus vielen Einzelteilen sehen wollen, dann ist uns war der IS eine Krankheit, die den Organismus zwar beeinflussen und verändern kann, sie kann ihn nur nicht töten.

Eine Idee kann einen gesunden Menschen zwar krank machen, jedoch wird sie ihn in den seltesten Fällen töten können. Aber, die Erfahrung dieser Idee wird den Organismus beeinflussen oder verändern. Im besten Falle.

 

Für uns als Einzelnen mag das wenig Trost sein, sollten wir doch mal zufällig (Chance von 1 zu mehreren Millionen) in die Luft gesprengt werden, sei es von rechts, links oder im Namen einer Religion. Historisch gesehen jedoch gehört das zum Menschsein dazu.

Den essentiellen Wissensdurst der Spezies Mensch und den Drang nach größtmöglicher Freiheit und Sicherheit wird man aber nicht aufhalten können. Und das ist doch eine schöne Vorstellung.

Angst vor Frauen

In Wahrheit war es so, dass er Angst vor Frauen hatte. Wobei, das klingt etwas zu sehr nach „Alles Fotzen außer Mutti“ von den Böhsen Onkelz. Die wirklich wahre Wahrheit war, dass er Angst vor peinlichen Situationen verspürte. Woher das kam, wusste er nicht. Irgendwas war da gewesen. Verschüttet in seiner Kindheit. Eine Peinlichkeit, die so stark und brutal gewesen sein musste, dass sie sein gesamtes bisheriges Leben überspannte und gleichzeitig so eine Schlagkraft entwickelt hatte, wodurch sein Unterbewusstsein ihm verbot, sich daran zu erinnern.

Er konnte einfach keine Frauen ansprechen.

 

Er wusste weder was er ihnen sagen sollte, noch was er antworten könnte. Denn für ihn war es doch so offensichtlich, dass er so gut wie jedes hübsche Mädchen nicht nur be-, sondern verehrte, weswegen ihm das Gefühl nachging, er trüge ein geheimes Zeichen auf seiner Stirn spazieren, sein „sign of  he void“, dass seine Absichten sofort klar machte – am liebsten hätte er sich sofort den Frauen unterworfen und wäre zu ihrem Schosshund geworden. Und wie das mit der Psyche so ist, war genau das Umgekehrte der Fall. Wenigstens. Bis er anfing in seinen Träume zu verreisen.

Zuvor war seine Antwort auf die allumfassende Schüchternheit Mädchen (es waren ja noch keine Frauen) gegenüber, sie zu beleidigen, zu ignorieren und sie nieder zu machen; Psychologisch gesehen keine Seltenheit: Man reduziert das Objekt der Begierde aus seine eigene Größe, um damit umgehen zu können. Wie eine Hyäne, die sich den feindlichen Angreifer kleiner denkt, da es nur gegen Gegner kämpft, die nicht größer ist als sie selbst. Die Ironie der Geschichte war nur, dass die Mädchen sich von so einem schroffen, aber sehr lauten und bösen Typen angezogen fühlten, da sie ihn für einen dominanten Macho hielten – wie wir wissen war das genaue Gegenteil der Fall, was wieder zu noch mehr Problemen führte….

Wahrscheinlich hatte das etwas mit dem frühen Verschwinden seiner Mutter zu tun – wer weiß das schon?

 

Als er später in seinen Drogenräuschen die Sonnenbarke seiner vorgestellten und dabei doch so realen Lustbarkeit betrat und mit ihr an ferne, fremde Ufer der Weiblichkeit anlegen konnte, war es vor allem der Akt der Kommunikation und Überredung die ihn erregte, seine Dominanz über die Situation mit der Frau, eben genau der Umstand, den ihm im realen Leben abging. Das beinhaltete einen kleinen Hauch von Erniedrigung der Frauen, da er für sich aus den Göttinnen sexual Partner zauber konnte – und ER sagte ihnen, wo es lang ging. ERNIEDRIGUNG bedeutete dabei nicht, dass er in seinen Träumen die Frauen schlug oder gar unterdrückte (von einem kleinem „Facial“ hier und eher ruppigerem Analverkehr dort abgesehen), nein, er machte sie für sich zu echten Menschen. Und das konnte seine beschädigte Psyche nur, indem er absolute Kontrolle über die Situation bekam.

 

Die Wirklichkeit über die „absolute Kontrolle“ einer Situation bestand darin, dass er mit seinen Freunden in irgendeinem Club unterwegs war, sich im Meer der Menschen und des alles dominierenden Lärm des Techno-Sounds versteckte, und einsam und alleine vor sich hin tanzte, dabei nicht einmal fähig eine Frau richtig anzusehen. Und kaum tanzte eine hübsche Frau mal 10 Minuten neben ihm gedankenversunken auf ihrem eigenen Film vor sich hin, bedrängte sie ihn ohne auch nur ein Wort oder eine Geste in seine Richtung zu verlieren durch ihre bloße Präsenz. Und da Drogen nun einmal geil und paranoid machen, glaubte er – wie ach so viele seiner Freunde – das die doch „was von ihm wolle“… Was ihn noch mehr verunsicherte und er nicht einmal mehr in Ruhe für sich tanzen konnte. Denn er wollte sie so gerne ansprechen. Nur leider ebenso sehr. Wie er sie gerne weggehabt hätte. Damit er sich auf seiner Tanzerei konzentrieren könnte…

 

Ganz furchtbar lächerlich wurde es immer – und darüber musste er selbst im Nachhinein Lachen und erzählte die Geschichte auch selbst – wenn ihn eine Frau ansprach, was durchaus vorkam, auch, wenn sie dabei nicht immer sexuelle, sondern meistens nur informative Gründe hatte. Wenn das geschah. Und wenn er den Moment der Kontaktaufnahme als aufdringlich in irgendeiner Form erachtete.  Lief er einfach davon. Woanders hin.

Ja.

Er konnte sich noch genau an den Moment erinnern, als eine hübsche Frau wie ein Schulmädchen auf ihn zukam. In der „Reithalle“. In München. Noch bevor Sven Väth das DJ-Pult geentert hatte. Irgendein Warm-Up-DJ legte gerade auf. Vielleicht Rene Vaitl. Und wie diese hübsche Frau ihn ansprach, während er da tanzte, um ihn zu fragen, ob er denn nicht ihre Freundin kennenlernen wolle. Die da drüben. Die große mit den roten Haaren und jetzt sehr neugierigen Blick. Und wie er da einfach davon gelaufen war. Obwohl er der Roten mit dem großen Charakter zu gern seine Zunge in den Hals gesteckt hätte.

(ein weiterer Text-Versuch für den Roman)