Stereotyp – Nietzsches Drogen hatten längst zu wirken begonnen

Paul verließ seinen Sitzplatz und holte sich an der Bar von einer mit silbernen Glitzer im ganzen Gesicht bestückten und geschminkten Transfrau unbestimmbaren Alters ein „Bio-Bier“. Nach dem ersten Schluck aus der Flasche konnte Paul zwar nicht herausschmecken was an diesem Bier „Bio“ sein sollte, um jedoch nicht aufzufallen stellte er keine Frage nach der Andersartigkeit dieses Bieres zu anderen Bieren und gab dafür der Transfrau einen vollen Euro Trinkgeld. Überraschenderweise freute sich die Dame über das Trinkgeld so sehr, dass es Paul schon wieder leidtat es gegeben zu haben. Scheinbar war es in diesen Hippie/Hipster-Kreisen alles andere als normal mehr für andere auszugeben, als nötig.  Irgendwie war es gar nicht so einfach in so einem Club nicht aufzufallen. Wenigstens wenn man so auftrat die Paul. Zwei Räume und einen Pulk von lachenden, schwatzenden und lauftanzenden Menschen später, machte er an einer mit grünem Flokati überzogenen Sitzecke halt und setzte sich abermals zu den Techno-Raver-Leuten. Es war nicht mehr ganz so laut wie an dem Platz mit dem Kachelofen, so dass auch die Technoschrei-Affen sich viel weniger anschrien als gerade eben. Der Bass wummerte nur dumpf abgeschirmt durch die dicken Wände vom Nebenraum her. Paul nahm einen Schluck von seinem Bio-Bier; der Gerstensaft tat ihm richtig gut. Vielleicht war es nicht die klügste Idee sich hier und jetzt in der „Wilden Barbara“ zu betrinken. Doch das Bier half ihm trotzdem den Stressdruck auf seinen Kopf zu vermindern. Wie lange müsste er wohl hierbleiben? Missmutig sah Paul umher. Die Techno-Raver würden sicherlich noch mindestens bis Montagmittag durch die Räume der „Barbara“ stolpern. Zeit hatte Paul also genug. Es erzeugte ein sehr ironisches Gefühl in ihm sich geradehier vor der Polizei zu verstecken, denn bis vor 5 Stunden hätte er noch über die als von einigen als „geschützten Räume“ bezeichneten Techno-Clubs Berlins gelacht. Dem zum Trotz war durch die Geschehnisse dieses Tages die „Wilde Barbara“ für ihn zu einem ebensolchen geschützten Zufluchtsort geworden. Darauf gab er sich noch einen Schluck Bio-Bier. Auf die Ironie. Auf Berlin.

„Wusstest du, dass Ungarn die meisten Pornodarsteller pro Millionen Einwohner hat?“ Die Frage galt nicht Paul, auch wenn der Kerl rechts neben ihn Paul angesprochen hatte und ihn dazu ansah. Tatsächlich sprach der Kerl mit Bürstenhaarschnitt und einem tatsächlichen Friedrich Nietzsche Oberlippenbart mit der Dame, die eine Sitz-Etage hinter Paul saß, doch da der Nietzsche-Bart-Träger durch seinen offensichtlichen Zustand nicht mehr fähig war sich mit seinem Körper ganz zu ihr umzudrehen ohne von der Sitzecke zu fallen, blickte er dafür im Austausch Paul an. Nietzsches Drogen hatten längst zu wirken begonnen.

„Sollen wir?“ Paul machte mit seinen beiden zwei Zeigefingern eine Tauschgeste auf sich und die junge Frau hinter ihm, worauf der Kerl mit Nietzsche-Bart nur den Kopf schüttelte:

„Ich glaubäää… Die Annalena macht eh gerade Pause.“ Dabei kniff der verstrahlte Technodepp die Augen zusammen um die genaue Situation bei seiner Freundin zu entschlüsseln. Auch wenn er sie sicherlich weder aus diesem Winkel, noch mit diesen Augen, erkennen konnte.

Paul überlegte eine Sekunde lang, in welcher er den Kopf ein paar Zentimeter in Richtung „Annalena“ wendete, ob er sich zu der Frau umdrehen sollte. Dann beließ er es doch dabei. Lieber nahm er noch einen kräftigen Schluck aus der fast leeren Bierflasche.

„Wusstest du?“ fragte der Typ von rechts. Paul ignorierte den Nietzsche-Kerl mit seinem offensichtlichen Laber-Flash, bis Nietzsche schließlich mit seinem Gesicht so nah an Paul herankam, so dass dieser den jenen nicht mehr ignorieren konnte und der Kerl die Frage einfach noch einmal wiederholte: „Wusstest du?“

„WAS! Weiß ich?“ Paul hatte Nietzsche immer gehasst. Wieso konnte die Welt ihn nicht einfach in Ruhe lassen? War der Tag denn nicht so schon schlimm genug? Mussten die banalen Leben der anderen immer aus ihren Mündern sprudeln? Konnte denn keiner sehen, wie scheiße es Paul gerade ging?

Der Typ grinste ihn an: „Wusstest du das Lewandowsko 90 Prozent aller Tore beim Fc Bayern schießt? Hä? Wusstest du?“
„Nein! Ich habe es nicht so mit Fußball.“

„Ist aber so. Weißt du? Und ich denke mir… Ja… Ich denke mir. Ich meine“, der Typ kramte eine Zigarette hervor und bot auch Paul eine an, der mit einem Auch-schon-egal-Gesichtsausdruck die Fluppe nahm und diese sich von dem Kerl anfeuern ließ, „was ich meine. Ist“, fuhr der Nietzsche-Kerl fort, „WARUM bricht dem Lewandosko keiner die Beine? Verstehst du? Ich meine. Im Fußball steckt so viel Geld! Hat der irgendwie so Personenschützer? Ich meine. Wenn man dem die Beine bricht, wer schießt dann die Tore für den FC Bayern? Und. Ich meine. Wo würden die dann in der Tabelle stehen? Da geht es doch um MILLIONEN! Ich meine. Ist doch krass. Neunzig Prozent aller Tore! So viel Geld! Wettmafia! Champions League!“

Und weil es Paul egal war nickte er nur und sagte: „Ja. Das hast du schon recht.“ Darauf nickte der andere Kerl auch nur. Wohlwissend jemand gefunden zu haben, der ihn verstand. Die beiden rauchten. Währenddessen zogen die jungen Leute schreiend und tobend an ihnen vorbei. Viel weniger wild und hedonistisch wirkend als sie sich in diesem Moment selbst gerade fühlten. Mit ihren Bieren in der Hand und den chemischen Substanzen in der Nase. Dazu die gängigen klischeehaften Instagram-Bilder über sich und dieser Welt im Kopf, die ihnen vorgaben wie sie diese Welt zu sehen und zu erleben hatten. Alle Leute hier waren offensichtlich mit den gleichen Wünschen aufgeladen, die nur vom eigenen Sex und Erfolg handelten. Und ebenso sehr wie sie sich danach verzehrten, verleugneten sie ihre eigenen Triebe den anderen Menschen gegenüber. Dies hier, war die Hippie-Hölle. Die dunkle Seite des Mondes. In der jeder sich selbst vorgaukelte nach einer subjektiven, persönlichen wie allgemeinen Freiheit zu streben – um am Ende nur zu wollen, was jeder erstrebt. Das war weder schlimm, nur menschlich. Jedoch unendlich langweilig. Eine Jugend im Swinger-Club. Und wenn sie dann erwachsen wurden, wollten sie gerade deswegen das Haus am See. Wenigstens hatte Paul so immer über diese Berghain-Trottel gedacht. Die „Wilde Barbara“, die nach Jane Fonda in „Barbarella“ benannt war, füllte sich mit jeder Minute mit noch mehr glücklich grinsenden Jugendlichen. Die ausgelassene Stimmung der einfachen Leute strömte regelrecht in die für sie heiligen Räume. Selbst Paul konnte fühlen, wie sich der Club mehr und mehr mit weltvergessener Euphorie und bedingungslosem Feierwillen auflud. Überall waren Männer, Frauen, Musik; Hände, Gläser, Gelächter. Alles war und schien in Bewegung und konnte nicht die Finger voneinander lassen.

„Und frohen Jahrestag!“, lachte ihn der Kerl mit dem merkwürdigen Bart plötzlich euphorisch an, nachdem der sich kurz um seine Freundin Annalena gekümmert hatte. „Ja dir auch!“ lächelte Paul den Typen verkniffen an, der ihn darauf gleich herzlich und warm umarmte. Darüber musste Paul tatsächlich Lachen. So weit weg war die Welt dort draußen für ihn inzwischen schon. Die Bahn. Die Bullen. Die Hunde. Vielleicht ein Hubschrauber… Es war doch eh schon alles egal. Egal und unabänderlich. Was das Gleiche war… Nun war er hier. In Sicherheit.

„Deiner Freundin“, meinte Paul mit dem rechten Daumen nach hinten. „Geht es der gut?“

„Ist nicht meine Freundin! Sie ist meine Schwester!“

„Ah, okay? Geht es der gut?“

„Sie ist meine Schwester!“ brüllte der Schreiaffe und schüttelte dabei dumm seinen Kopf hin und her.
Darauf musste Paul wieder Lachen, diesmal sogar ehrlich. Vielleicht waren diese Techno-Clubs gar nicht mal so übel wie er immer gedacht hatte. Wahrscheinlich war es in diesen Zeiten gar nicht einmal die schlechteste Wahl vor der Wirklichkeit in die Drogenbeseelte Dummheit dieser Szene zu fliehen, um einfach nur zu Tanzen und Schwachsinn daherreden. Und wenn Paul irgendwo sicher vor der Polizei sein sollte, dann sicherlich an solch einem Ort. Weiß Gott: Es bestand sogar die Möglichkeit, dass ihn vorhin niemand gesehen hatte. Schließlich war Paul mindestens eine, wenn nicht zwei Stunden lang danach in der Schlange vor der „Wilden Barbara“ gestanden, um sich in der Menge zu verstecken. Zur Erinnerung: In diesen Clubs werden am Eingang sogar die Handykameras abgeklebt! Sogar Mark Zuckerberg musste draußen bleiben. Was sollte Paul jetzt noch passieren? Dass was geschehen war, konnte er ohnehin nicht mehr rückgängig machen.  Vielleicht brauchte er nur ein weiteres Bier. Und noch eines. Und noch eines. Und noch… Immerhin hatte er es bis hierhin geschafft. Auch wenn… Paul stellte sein leeres Bier auf den Boden, zu seinen Füßen. Für ihn hätte es schlimmer kommen können. Er nickte unbewusst ein wenig zu dem stumpfen Techno-Beat mit, der nicht aufhören wollte durch die Wände zu wummern. Hier und da fiel ihm eine hübsche Frau auf. Klar. Das alles war immer noch saublöd, hier. Aber. Wer nicht draußen ist, ist drinnen.

„Wir sind ja ewig angestanden“, laberflashte der Nietzsche-Imitator ihn wieder mit seiner nassen Aussprache voll.

„Ja, ich auch. Normal“, gab Paul zurück.

„Ja ne! Anna… Lena… Und ich waren fast drin. So richtig fast drin. Ganz vorne. Nur noch die Security-Schranke. Dann kamen die Bullen zu den Türstehis. Und dann war erst mal zu. So direkt vor uns. Ich meine. Da haben wir zwei richtig Pech gehabt. Halbe Stunde! Halbe Stunde noch mal. Standen wir da. Man kann schon richtig Pech im Leben haben. Ich meine. Wir waren ja fast drin.“

Paul wurde es schlagartig eiskalt. Die Welt zog sich ebenso zusammen wie seine Brustkorb. Ebenso wie seine Kehle. Er hielt die Luft an und japste mit dünner Stimme: „Was wollten die Bullen denn?“
„Ach!“ gab Nietzsche angewidert zurück. „Nix wichtiges. Bullenzeug. Suchten halt irgend so einen… Deppen. Irgendwas mit nem Zug. Wohl da hat sich… Da hat sich wohl irgend so ein Idiot vor den Zug geworfen. Meine ich. Irgendwo. So ein Kerl.“

Pauls Bewusstsein erinnerte sich mit einem Mal an den Schock, den er vor ein paar Stunden erlitten hatte. Noch einmal fühlte er den Aufschlag. Dieses dumpfe Klatschen, welches die Bahn erzeugt hatte, was sich ganz anders anhörte, als in einem Film. Durch die Erzählung des Nietzsche-Typen war es für Paul so, als würde die Zeit mit einmal stehen bleiben. Die Techno-Raver froren in ihren Bewegungen auf den Flokati-Bänken und im schummrigen Flur ebenso ein, wie die Musik aus den Boxen und das Licht aus den Computern. Selbst Pauls Herz verkrampfte sich, als wäre sein Herz eine Schallplatte und eine große, böse Hand Dämonenhand hätte sich auf den Plattenspieler des Lebens gelegt um mit dem erwartbaren dumpfen, stöhnenden Geräusch die Platte anzuhalten. Ein Horrorgefühlmoment der ganz besonderen Klasse. Die Welt stand still. Und es tat weh.

„Wer hat sich vor den Zug geworfen?“ war Pauls Frage, als er wieder die Kontrolle über sich zurückgewann und seine innere Schallplatten jaulend wieder anlief. Viel schneller und hektischer als noch gerade bevor sie gestoppt wurde. Sein Herz raste.

„Keine Ahnung“, Nietzsches Hände nahmen die Ahnungslos-Haltung an. „Weiß nicht. Ich meine. Niemand kennt seinen Namen.“

Paul stand im gleichen Moment auf, wie die Panik aus seinen Fingerspitzen gleich einem Stromschlag in seinen Kopf schoss. Die Raver-Welt längst wieder aus ihrer Starre gelöst. Es war laut. Hektisch. Unübersichtlich. Wild. Und… Dumm. Und in diese dumme, laute Wildheit der „Wilden Barbara“ sagte Paul zu sich und zu niemanden anderen in den Krach des Planten „Barbara“ der ihn umschlossen hielt: „Ich kenne seinen Namen.“

Entwurf vs. endgültiges Cover "Verlorene Jungs"

Vor einem Jahr habe ich lange überlegt für welche Version des Covers ich mich entscheiden soll. Im Endeffekt wurde es dann die untere Ausgabe, da mir die obere als zu dunkel erschien.

Ich mache meine Cover nicht selbst, sondern lasse sie von einer Freundin einer Freundin anfertigen, die ich auch nur über das Telefon und Whatsapp kenne. Bei dem Thema Malerei und Gestaltung, bei dem ich selbst nicht fähig bin etwas brauchbares zu produzieren, muss man meiner Meinung nach auch die Zügel aus der Hand geben können. Mir war von vornherein klar, nicht genau das Ergebnis zu bekommen würde, wie ich es im Kopf hatte. Diese Freundin einer Freundin fertigt auch größtenteils Cover und Designs für Kinderbücher an – was man dem Cover von „Verlorene Junge“ auch stark ansieht. Dennoch hat sie sich gut an meine Vorgaben gehalten und ich bin sehr zufrieden. Auch wenn das Cover viel braver aussieht als das Buch tatsächlich ist.

Ich wollte eine ein wenig an van Gogh angelehnte Kleinstadt bei Nacht, über die Ecstasy-Tabletten wie Monde schweben (deswegen ein Herz, ein Halbmond, eine Sonne auf den Monden). Leider nur erkennen den Ecstasy-Vergleich die wenigstens Betrachter. Das ist einerseits ärgerlich, andererseits wollte ich keine zu platten und offensichtlichen Drogen-Abbildungen auf dem Buchumschlag. Eine Art künstlerischer Wert war mir wichtiger, als ein sofortiger „Ja eh“-Moment.

Sowieso würde ich es jedem einmal empfehlen einer wildfremden Person am Telefon zu erklären, dass man gerne Monde aus Ecstasy auf seinem Cover hat. Sie wusste nicht einmal wie Ecstasy aussieht. Das löste eine mega peinliche, wie ebenso lustige Gefühlsreaktion bei mir auch. Und auch sie hat herzlich gelacht. In ihrer Welt kommen Menschen wie ich nicht vor.

Mein Techno- und Drogen-Roman „Verlorene Jungs“ ist weiterhin umsonst auf Bookrix und in vielen anderen eBook-Shops über diesen Link hier erhältlich.

Bemerkenswert

Die Bücher "Absolution" und "Verlorene Jungs" von Paul Fleming umsonst in ihrem eBook-Shop

Die Bücher sind ganz einfach in eurem eBook-Shop frei zum Download erhältlich (außer via Amazon, da Amazon keine Bücher für 0 Euro anbietet) – oder einfach über mein Bookrix-Profil, welches ihr über diesen farbig markierten Link anklicken könnt.

Ich habe muss für die „Umsonst-für-alle-Variante“ entschieden, da eh nicht viel Geld für mich dabei herausspringt und ich lieber gelesen werde, als mehr schlecht als recht 10 Euro im Monat damit zu verdienen.

Viel Spaß damit!

Ohne Titel.

Es ist viel passiert die letzten Monate. Kaum Gutes. Irgendwann einmal werde ich das in Text verarbeiten können. Jetzt versuche ich mal einfach wieder in das Schreiben hineinzukommen. Was selbstverständlich bedeutet, ins DENKEN wieder hineinzufinden. Den Kopf freibekommen. Weg von dem Verlust unseres Traumes, in nächster Zeit ein gesundes Kind zu bekommen. Es ist wirklich viel passiert die letzten Monate.

Absolution 42 – Besser als Sex?

Einen Tag später schmeckte Kathas Mund nach Gummi-Bärchen. Paul überraschte das nicht weiter. Vanille hätte er auch nicht übel gefunden. Oder Erdbeere. Alles Geschmacksrichtungen nach der eine Traumfrau wie Katha in Pauls Vorstellung schmecken musste. Zum Glück hatte sie sich bevor die Beiden den Kinosaal betreten hatten, für die Fruchtgummis entschieden, nicht für dieses tropfende, scharfe, käsige Chipszeugs, was sich die dicken Marvel-Fans Tonnenweise in ihren fetten Hals stopfen.

Ihren ersten wirklichen Kuss, womit sowohl Paul als auch seine Traumfrau einen Kuss OHNE Drogen meinten, gab sie sich auf jene angespannte Art, über die im Nachhinein keiner öffentlich sprechen würde. Der erste Kuss ist meistens der schlechteste aller Küsse, wenn auch der wichtigste, da es ohne ihn keine gemeinsame Zukunft geben kann. Kathas und Pauls Lippen waren seit Monaten auf diesen Moment vorbereitet, was die „Aktion“ ungemein erschwerte. Aufeinander wartende Lippen verhalten sich gerne wie zwei unterschiedlich geladene Magnet: Immer gerade so am Ziel vorbei. Doch es passierte. Und mit dem zweiten Kuss war der erste sofort vergessen. Die Wärme, Nähe und Lust des anderen waren plötzlich überall. Das Joch war zerbrochen, der Fluch besiegt: Was zum Teufel war all die Monate so schwer daran gewesen? ALLES war daran schwer gewesen. Jede einzelne Minute. „Hände“, dachte sich Paul als er seine Hände wandern ließ. Dabei meinte er nicht „Hände“, sondern „Brüste“. Katha lachte leise. Er schmunzelte daraufhin laut. Dann rief er die Hände wieder zurück. Schließlich befanden sie sich in der Öffentlichkeit, wenn auch in der Dunkelheit eines Kinosaals, in der irgendeine unwichtige Fortsetzung zu einem  ebenso wichtigen Superhelden-Film lief. Es gab nichts Anderes zu dieser Zeit. Und das Lachen des Publikums hinter und um ihre Küsse herum vertiefte im Beobachter die Gewissheit, dass dieser Film ebenso redundant war, wie sein Publikum. Sei es drum: Katha und Paul waren glücklich. Ihre Welt drehte sich nur noch um sie, ganze 2,5 Stunden lang. Denn dann würde der Film enden. 2,5 Stunden hatten sie Zeit. Fürs Erste.

Sie knutschten wie die Teenager.

Paul wusste nach dem Abspann gar nicht, wie er aus dem Sessel aufstehen sollte.

In Kathas Wohnung fielen sie endlich übereinander her. Ihr erster Sex war ein wüstes, animalisches, sich gegenseitiges Verschlingen. Ihre Sinne tauchten ineinander ab, gleich einem psychedelischen Zeichentrickfilm-Strudel aus den 80ger Jahren, in welchem die Kamera keinen Halt findet und Bilder, Farben und Formen ineinander verschwimmen. Jeder Zentimeter unerforschte Haut, glich einem neu entdeckten Phänomen. Jede zärtliche Berührung der Intimität des begehrten Objekts, einer neuen Mondlandung. Paul glaubte tausende Finger zu benötigen, um mit hunderten Augen diesen Traum der Weiblichkeit zu erforschen. Indessen Kathas Augen unglaublich fordernd und suchend über ihn hinwegstrahlten. Desto realer ihre Körper und Lippen gegeneinander drangen, desto surrealer fühlte es sich an. Ihre Gedanken schlugen unendliche Purzelbäume miteinander, während sie sich gegenseitig den heißen Atem der Lust entlockten. Ein Stöhnen des einen, wurden stets mit einem Lachen des anderen gefeiert. Es begann als Spiel, als erwachsene Kinderei, bis die Lust sie in verspielte Tiere verwandelte. Eine gefühlte, gefeierte Unendlichkeit lang verloren Katha wie Paul die Fähigkeit ganze Sätze zu bilden, was vom anderen nur noch mit mehr Wollen und Geilheit erwidert wurde. Da waren keine Kommandos. Kein Dirty-Talk. Kein Alphatier. Für was hier geschah, reichen Worte nicht aus. Außer, um den Zustand der Tat zu banalisieren…

Paul konnte länger als er gedacht hatte. Und er ärgerte sich sofort darüber, dass das eine Rolle spielen musste. Er schob den Gedanken fort und sah sich in Kathas Schlafzimmer um, während nebenan schon längst die Dusche rauschte. Paul fühlte sich gut. Sehr gut. Lange hatte er auf diesen Moment gewartet gehabt. Seine Freunde würden sagen: ZU LANGE. Dennoch fühlte sich das alles nicht echt an. Und. So schön es auch gewesen war… So unglaublich toll und geil und… Das Ende seiner Träume… Wie könnte sein Leben nach diesem Fick, während dem er Kathas Liebe spüren konnte, noch weitergehen? Und doch… Er wandte den Kopf planlos ab und sah eine Topfpflanze an, die schöne, strahlende Blüten zur Schau stellte, wie es nur Topfpflanzen von echten Frauen können… Was für eine unsagbar schöne Pflanze das war. Selbstverständlich konnte ein echter Mann den Namen dieser Pflanze nicht kennen… Daneben die Solarbetriebene Katze aus China, die den Liebenden unbemerkt gerade die ganze Zeit zwecks ihres integriertem, automatischen Mechanismus zugewinkt hatte… Dieser ganze Frauenkram… Der viel zu kleine Fernseher… Überhaupt HIER zu sein, erwünscht zu sein, geliebt zu werden… Wenn auch nur für den Moment… War wichtiger für Paul als der Sex gewesen… Denn… Und jetzt musste er es doch aussprechen. Wenigstens für sich… Denn der Sex auf Drogen. In Gedanken. Mit Katha. War geiler gewesen als die köstliche Rangelei, die sie gerade veranstaltet hatten. Nein. Doch. Es war ME-GA gewesen. Und doch. Trotzdem. War da plötzlich so viel von einem anderen Menschen. Und zu wenig von Paul selbst gewesen… Nicht dass er zu kurz gekommen wäre. Nein. Katha hatte keine Wünsche offen gelesen. Es war mehr so ein… Ding in seinem Kopf. Ein saublödes, absolutes Un-Ding. Welches im sagte. Und Paul wusste: Es hatte Recht. Dass der echte Sex nie so gut werden würde, wie sein Sex in Gedanken…

Pauls Gesicht zeigte ein unbewusst schiefes Lächeln. Es verschwand sofort, als Katha blitzblank geduscht und strahlend wie eine Göttin aus dem Badezimmer zurück schwebte und sich zu ihm legte. Der idiotische Vergleich war sofort vergessen. Das war sicherlich nur einer seiner Blödsinns Gedanken. Eine typische, Paulsche Dummheit.  

Absolution 41 – Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“

Kapitel 14

Manchen Theorien zur Folge sind unsere Träume keine Reflektionen auf unser Tag-Leben, sondern es verhält sich umgekehrt: Die Traumwelt ist die echte Welt und das Tag-Leben nur der Sammel- und Versuchsballon der dazu dient, Eindrücke für die tatsächliche Wirklichkeitsebene zu speichern, um schließlich in der von uns so genannten „Traumebene“ neues Leben und Zusammenhänge entstehen zu lassen. Von dieser Perspektive aus betrachtet, hätte Paul gar kein Leben. Fast immer waren seine Träume ein grabdunkles, tiefes Schwarz, welches am Ehesten noch mit einem schwarzen Loch zu vergleichen war, in dem seine Erlebnisse nicht aufgearbeitet wurden; sie wurden einfach nur zu einer Eiskalten Singularität spagettisiert, aus der es keine Rückkehr mehr zu geben schien.  Seine schlaflosen Nächte gaben ihm die verlockende Vorstellung zu wissen, wie es sich anfühlen müsste, tot zu sein. Der Tod: Eine dunkle, schwarze, nichts verarbeitende Stille der Seele. Ein Wortloses, ersticktes Unterbewusstsein. Frei jeder Hoffnung, Zukunft oder Vergangenheit. Bei jedem Erwachen beschlich ihn das Gefühl, dass sein eigenes Unterbewusstes nichts mit ihm zu tun haben wollte.

„Katha ficken“. Immer noch eine gute Idee. Doch wie und wann hatte er das notiert… Und warum?…

Heute war noch minus einen Tag bis zum Wochenende. Er war sich darüber klar, es diesmal sein zu lassen. Es seien lassen zu müssen. Keine Ur-Völker mehr mit Fantasy-Problemen. Keine Ylva oder andere Spinnereien. Dieses Wochenende würde er sein Leben geschissen bekommen. Und da er aus dem letzten Wochenende was gelernt hatte, schrieb er heute, an diesem Freitag, voller Motivation und kaltem Bewusstsein: „Leben geschissen bekommen“ auf ein Post-It und klebte es an die gleiche Stelle, an der er sich noch vor ein paar Tagen geraten hatte, es Katha zu besorgen.  Kurz und gar nicht lächerlich nickte er dem Post-It in seinem Badezimmer zu, dann tippte er auf seinem Handy eine Nachricht für Katha ein, ob sie nicht mal Bock hätte mit ihm was zu machen. Kino oder so. Morgen wäre klasse. Er würde sich sehr darüber freuen. Am liebsten würde er gerne heute. Nur heute, war leider Familientag. Schon wieder. Danach machte sich Paul fertig für die Arbeit. Nicht ohne sich mit wild pochendem Herzen darüber freuen zu dürfen, wie Katha ihm ebenfalls freudig zusagte.

 

Nach der Arbeit besorgte er sich die obligatorische Dose Gulaschsuppe. Wie immer die von „Fleischmann“. Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ war eine Marotte von Pauls Familie. Ein Running-Gag und Familien-Tradition in einem, die jedes Jahr am gleichen Datum abgehalten wurde. Zur Erinnerung an den verhängnisvollen Tag, als Pauls Mutter sie verlassen hatte. Dieser Tag war so wohl merkwürdig als auch lächerlich gewesen, denn auch wenn sich manche Ereignisse Monate, vielleicht sogar Jahrelang vorher überdeutlich andeuten, waren am Ende doch alle überrascht gewesen, dass wirklich geschah was alle hatten kommen sehen. Von einem Tag auf den anderen war „Mutter“ weggewesen und Vater stand mit seinen beiden Kindern und der Karate-Schule alleine da. Alle hatten gewusst, dass dieser Tag kommt, außer Paul wahrscheinlich, der noch zu jung war um die Zeichen zu deuten. Er war viel zu sehr Muttersöhnchen gewesen um zu verstehen, dass es andere Prioritäten in Mutters Leben gab. Und Vater war sich seiner Sache viel zu sicher gewesen. Viel, viel zu sicher. „Soll die Alte mal drohen und toben. Am Ende wird sie es doch nicht durchziehen“, so simpel und lange auch richtig waren seine Gedanken gewesen. Nur Pauls Schwester hatte die Situation realistisch gesehen und die Familie deswegen seelisch und geistig schon lange aufgegeben. Für sie war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Mutter ihre Frau stand… Dann war sie fort und die Familien-Geschichte, die in Mutters Kopf „gar nicht mehr schlimmer hätte sein können“, war genau das geworden: Viel schlimmer als sie es sich selbst hätte vorstellen können oder wollen. Was nun keine Rolle mehr spielte, da sie selbst nun endlich nichts mehr mit diesen grauenhaft selbstverliebten Leuten zu tun hatte. Während die zurückgebliebenen Kinder und der Mann fassungs- und wortlos vor den Scherben ihrer Vergangenheit standen.

„Wo ist Mutter?“ hatte Paul seine Schwester und den Vater gefragt, als er abends vom Nachmittagsunterricht zurückgekommen war. Er hatte sich morgens nur kurz darüber gewundert, dass für ihn kein Pausenbrot vorbereitet war und hatte sich aus Vaters Geldbörse den kleinstmöglichen Schein genommen. Die Schule hielt genug Prüfungen und Teenagergeilheit für ihn bereit. Da konnte er sich nicht auch noch vom Familienleben ablenken lassen. Paul war schon immer ein Spätentwickler gewesen. Und sollte es auch bleiben.

„Fort“, seine Schwester hatte nur noch schief lächeln können.

„Wie fort? Wann kommt sie wieder?“

„Ja weg! Ganz weg!“ hatte sein Vater laut gekläfft gehabt, laut und böse und deprimiert.

„Wie weg?“ Wie hätte es Paul auch verstehen können?

„WEG! WEG!“ hatte Pauls Vater ihn wie noch nie in seinem Leben zuvor angeschrien und hatte mit seiner massigen Karateschulfaust auf den Tisch gedroschen, so dass jener erbebte wie unter der Hand Gottes.

So war das also gewesen. Weg, weg… Niemand hatte geweint. Keiner hatte jemand umarmt. Einfach nur weg, weg. Auf immer. Wahrscheinlich auf ewig.

Wäre dies eine Fernsehfamilie gewesen, wäre nun der übliche Trostmechanismus angesprungen. Menschen hätten einander versichert, nichts dafür zu können. Dass es jetzt schon „irgendwie weitergehen würde“. Dass die Familie jetzt zusammenhalten müsste, wie nie im Leben zuvor. Dass es irgendwie gar nicht so schlimm wäre. Irgendwie… Nur war diese Familie keine Fernsehfamilie. Niemand sprach ein Wort. Jeder hing in seinem Kopf fest. Das Undenkbare war zum Unsagbaren geworden.

Bis.

Bis Vater aufstand und die ersten drei Lebensmittel aus dem Schrank nahm, die sich ihm dargeboten hatten: Drei Dosen Gulaschsuppe. Jeder von einem anderen Hersteller. Dass eine von ihnen sogar abgelaufen gewesen war: Geschenkt. Vater schüttete die drei ungleichen Dosen zusammen und die wurden dann von den drei ungleichen Familienmitgliedern wortlos verspeist. Es hatte ebenso nach nichts geschmeckt, wie sich die Situation angefühlt hatte. Es hatte das Salz gefehlt. Ebenso wie das Brot. Salz und Brot hatten die Familie verlassen. Und so sollte es auch bleiben. Für immer. Dann war das Leben einfach weitergegangen, wie es immer der Fall ist.

 

Um an diesen Tag zu erinnern, kam die verstümmelte Familie jedes Jahr zusammen. Vater. Schwester und Bruder brachten jeder eine Dose Gulaschsuppe mit, die sie wie jedes Jahr zusammenmischten und aßen. Jedes Mal darauf wartend, dass Mutter hereinkäme und Salz und Brot auf den Tisch stellen würde. Im ersten Jahr hatte Vater kurz geweint. Danach nie wieder. Auch nicht. Als seine neue Frau die Drei nur kopfschüttelnd ansah und in die Küche ging. Und das brachte und wurde, was sie alle so lange vermisst hatten. „Ihr seid doch bekloppt“, hatte die neue Mutter kopfschüttelnd geraunt und die Suppe gesalzen. „Ihr wisst doch gar nicht was gut ist.“ Worauf sich nach Jahren der Tradition keine Gefühlsregungen zu zeigen, ein Lächeln in ihre Gesichter schlich.

Zum heutigen Tage war diese Tradition, der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ wie Paul ihn nannte, Pauls liebstes Familienfest geworden. Nie war er so ausgelassen mit seiner Familie, als zu diesem Fest. Selbst der obligatorische Hans und das unpassend viel zu tiefe Dekolleté seiner Nichte konnten Paul nicht irritierend. Diese Gulaschsuppe. War jedes Jahr das beste Essen, welches er sich nur vorstellen konnte. Dabei mochte er weder die neue Frau seines Vaters, noch seine Familie besonders gern. Aber dennoch…

 

Einen Tag später schmeckte Kathas Mund nach Gummi-Bärchen.

 

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Gedanken zur letzten SPEX-Ausgabe

Mehr als rührselig habe ich gerade die letzte Ausgabe der SPEX ausgepackt. Ein kurzes Durchblättern hat mich dann gleich abgeschreckt: Bäh. Seitenweise Rückblicke und Melancholie wohin man sieht. Nun. Sei es ihnen vergönnt. Das Musik-Magazin SPEX hat sich immerhin fast 38 Jahre gehalten und wurde schon seit mindestens 15 Jahren totgesagt – was ungefähr genau die Zeit ist, seitdem ich sie lese. Andauernd wurde ich mit der These konfrontiert, dass die SPEX früher relevant war. Heute schon lange nicht mehr. Für mich schon. Für mich war die SPEX ein Fenster in eine andere Welt der Musik, von der ich im gleichen Maße angezogen wie abgestoßen war. SPEC-CDs waren nicht selten unhörbar für mich. Und doch. Stieß man in den Artikeln immer wieder auf Perlen der Musik. Und ganzen Inseln voller Haltung. Das hat mich bis zum Ende fasziniert. Die SPEX holte mich immer wieder aus meiner Bubble, in der ich jetzt wahrscheinlich versinken werde. Ja. Ich fand es schon immer toll mich mit Musik zu beschäftigen, mit der ich mich wenig bis gar nicht identifizieren konnte. „Radiohead“ und „LCD Soundsystem“ wurden ein großes Thema für mich, wie „Sohn“, „Apparat“, „Get Well Soon“, „DJ Koze“, „Frank Ocean“, „Zebra Katz“, „Alt-J“ oder wie sie alle hießen oder noch heißen mögen. Vor der SPEX war ich straight Techno. Aber der Techno-Hype war, gerade auf seinem Höhepunkt angelangt (Anfang der Nuller Jahre) für mich schon vorbei; Techno war tot und man ging trotzdem noch hin. Selbst die besten Dinge überleben sich. Die SPEX öffnete für mich Türen und Räume, in die ich alleine stolpern musste, ganz ohne meine Techno-Haudegen-Freunde. Plötzlich waren Electro/New Rave für mich interessant und auch HipHop und Indie wurden bemerkt. SPEX stand für mich immer für eine Öffnung dem Anderen gegenüber, lange bevor in dem Magazin der Geschlechterkampf klar für die Frauen entschieden wurde. Denn die SPEX wollte nicht nur Teil einer Diskussion sein. Nein. Sie lebte es auch vor, in dem fast ganze Ausgaben Frauen gewidmet wurden. Das fand ich immer ganz toll. Transgender und queere Themen waren hier (neben dem Kampf gegen den Rassismus) die normalsten Dinge der Welt. Für einen Kerl wie mich. Anfang 20. Jetzt 39. Aus einer Kleinstadt. Abgetrennt von den Hotspots der Zeit. Ein Faszinosum.

Zusammenfassend würde ich die SPEX als den Club bezeichnen, in den ich am liebsten ging. Es war nicht der Cocoon-Club oder das U 60311 in Frankfurt, nicht das Ultraschall, das Heizkraft oder das Nachtwerk in München. Und erst Recht kein Laden im langweiligen und konservativen Berlin, Tresor hin, Kater holzig her. Nein. Für mich, dem Kleinstadt-Hippster, war die SPEX eine Art Lieblingslocation, in der man zu jeder Tages- und Nachtzeit gehen konnte, um dort altbekannte Bands und DJs zu hören und diesen ganzen neuen verrückten Scheiß, der irgendwie faszinierend, oft aber auch viel zu bemüht klang. Da stand ich dann an der Bar im Club SPEX, nippte an meinem verwässerten Whiskey neben Schwarzen, Transgender und Möchtegern-Indie-Stars und unterhielt mich im Mode-Teil über die Kunst, nicht ganz wie ein Penner herumzulaufen und die richtigen Filme zu sehen. In manchen Monaten dieser mehr als 15 Jahre war ich jede Woche mehrmals in diesem Club. Während es natürlich auch ein paar Jahre gab, in denen ich zwar an dem alten Laden vorbeiging, das Magazin jedoch kaum aufschlug. Wenn aber, fand ich hier immer wieder neue Impulse, um mein „erwachsenes Leben“ in Frage zu stellen. Wahrscheinlich wäre ich weniger links ohne die SPEX.  Vermutlich wäre ich auch weniger liberal was andere Lebensformen angeht. Tatsächlich wäre ich ohne die SPEX mehr Kleinstadt als mir lieb ist. Die SPEX war nie meine Haltung, sie half nur, sie richtig zu definieren.

Ich erinnere mich noch gut wie ich einmal ein Gewinnspiel dort gewann, mit Karten für Marteria (Marsimoto in dem Fall) und mit einem Gastauftritt von Casper. Da standen wir also. Besoffen. Und lebten 2, 3 Stunden in einer Welt, in der wir nicht hingehörten. Und das war doch was Gutes, wenn man plötzlich vor einer ganz anderen Bühne, vor ganz anderen Führern steht, als dass man es von sich selbst denken würde. Tatsächlich hätte ich das auch ohne die SPEX geschafft. Man muss ja einfach nur hingehen. Man muss sich nur auch inspirieren lassen.

Jetzt wird die SPEX also geschlossen. Noch einmal treten wie ein in die Heiligen Hallen, für die einige Menschen nur Verachtung übrighaben, weil sie nicht mehr für das standen, was sie einmal waren. Während sie für andere immer noch alles bedeuten.

Es wird ein Leben ohne SPEX geben. Ohne freien Print-Musik-Journalismus. Dafür mit tumben und arroganten Einzelmeinungen in Blogs und Vlogs; okay, was die Überheblichkeit und Arroganz der SPEX-Redakteure angeht, werden wenigsten sie die Zeitschrift überdauern und weitervererbt werden.  Am Ende habt ihr es so gewollt. Also beschwert euch nicht. Wenn die Welt bald nur noch aus den Inselblasen der Playlists auf Spotify bestehen; die Mainstrem-Disco Spotify öffnet ihre Toren noch weiter, während die SPEX ausgefeiert hat. Schade. Doch irgendwann muss jeder alte Laden mal schließen. Ich hab ihm viel zu verdanken. Ein letzter Whiskey. Ein letzter Tanz. Und ein letztes großes Kopfschütteln über die unsagbar schlechte SPEX-CD: Danke für alles. Euer Abonnent.