Absolution – 5 – Afterhour der Träume

2.

Für viele Menschen funktionieren Drogen nur in einem gewissen Kontext. Sie müssen im Club geschluckt werden. In der Bar getrunken. Bei gewissen Freunden durch die Nase gezogen werden. Oder sie werden hinter irgendeinem Wohnkomplex auf einer Parkbank neben den Mülltonnen geraucht. Weil es sich einfach so gehört. Die Menschen verbinden mit der Wirkung ein gewisses Setting. Ihre guten Erfahrungen haben sie an diese Stelle gebracht. Drogenkonsum hat schon immer  mit der Gestaltung  von Sehnsuchtsorten zu tun.  Heile-Welt-Blasen. Die nach und nach zerplatzen. Techno-Nächte leben von der Kopie eines Gefühls, dass die Menschen bei ihrem ersten Feiererlebnis haben: Die erste und beste Nacht die sie jemals auf Drogen hatten. Und genau dieses Erlebnis, diese Nacht, suchen sie in all den Nächten wieder, wenn sie –  Wochenende für Wochenende – die Tür hinter sich abschließen und sich auf die Suche nach ihrer eigenen Vergangenheit machen. Es ist die Möglichkeit immer wieder und wieder ein Kind zu sein. Sich immer wieder und wieder wie zum ersten Mal verliebt zu fühlen. Doch Blasen platzen. Oder sie fallen ermüdet in sich zusammen.

 

Eines Tages war das Feiern nicht mehr so wichtig. Das Feiern war, wie das Leben, nur noch ein Rahmenprogramm für seine Träume. So wie man Essen, Trinken, Schlafen und auf eine gewisse Art auch Arbeiten musste, so musste auch gefeiert werden, nur um sich komplett zu fühlen. „Alibi-Weggehen“ nannte das der Fettsack, wobei er meinte, dass man nur deswegen in den Club ging um später zu anderen und vor allem zu sich sagen zu können, dass man was gemacht hätte, außer zuhause dicht auf dem Kanapee vor der Glotze herumzuhängen. Das Feiern war nicht mehr der Grund weswegen man Drogen nahm. Das Feiern war die Ausrede, die Begründung, die einfache Zerstörte wie Fleming brauchten, um seine Sucht vor sich selbst zu rechtfertigen. Es legitimierte den Konsum. Eine Legitimation, die in Wahrheit niemand brauchte. Man hätte ja einfach machen können was man wollte, wenn da nicht diese merkwürdige Feiermoral im Weg stand, dieses „Wer A sagt, der darf auch B sagen“, dass von Freunden und einem selbst intonierte: „Drogen einfach so zu nehmen ist schäbig“. Sie hielten sich für „Partysüchtig“, nicht für Drogensüchtig. Eines Tages taugte das Alibi aber nur noch als Alibi.

Fleming wollte irgendwann nicht mehr nach draußen gehen. Er wollte zuhause bleiben. Alleine. Unbeobachtet, ungestört. Frei. Und vor allem druff.

 

Er wollte nicht mehr die Bahn in die Stadt nehmen, wollte nicht mehr mit seinen Freunden lachen, feiern, trinken, schnupfen – nur das Tanzen fehlte ihm, da das Tanzen ihn an eine vergangene Ekstase erinnerte, die es nur in seiner Jugend gegeben hatte. Das konnte er nicht mehr zurückbekommen, die Welt hatte sich weitergedreht und er mit ihr, ob er wollte oder nicht. Und der Rest dieser Party-Kultur war zwar ganz nett, nur ziemlich egal, wenn es um das Wesentliche geht. Wir wollen eben nur das haben, was wir nicht bekommen können. Und wenn man nicht mehr jung sein kann, nur so tut, weshalb also sollte man dann nicht einfach zuhause bleiben, sich abschießen und von der Vergangenheit träumen, in der „Alles besser“ war? War das denn nicht ehrlicher als dieses unsinnige Aufbrechen in die Gegenwart um dort Rituale aufzuführen, die man schon immer zelebrierte nur um sich zu fühlen wie vor 10 Jahren? Das war kein Alibi mehr, das war nur lächerlich und verlogen. Keine S-Bahn bringt dich zurück in die Vergangenheit. Kein DJ-Set macht dich wieder jugendlich, nicht einmal ein aufgezeichnetes… Und ganz bestimmt macht dich keine neue Jugendbewegung, für deren Teil du dich mit Ende 20 noch hältst, noch einmal jung.

Und bei all diesen falschen Fake-Feiereinstellungen konnte er sich fast gar nicht mehr daran erinnern, wann er wirklich real gewesen war… Wie lange ging denn nun die Wahrheit? Ein Jahr? Zwei? Fünf? Oder nur so lange die Pille in seinem Kopf ihn glücklich machte? Gab es in Wahrheit denn nicht nur diese eine, unglaubliche, diese perfekte Nacht der man dann Jahre lang hinterher läuft wie Alice dem Hasen? Oder war es immer noch die Wahrheit, wenn er auf der Tanzfläche wirbelte wie mit 20 Jännern und seine Wut und die Sorgen aus sich heraus tanzte?

Zuhause, bei sich selbst angekommen spielte das keine Rolle mehr. Man braucht keine Ausrede um daheim zu bleiben – selbst wenn man diesen Irrtum mit 20 begeht und Rechtfertigungen dafür braucht nicht wegzugehen…

Zuhause musste er keine Verhaltensstunts aufführen. Er musste niemanden gefallen, nichts beweisen und in keiner Situation souverän oder stark wirken. Zuhause, eingeschlossen im Rausch, wo er sich generieren konnte wie der typische Junkie, war er frei von allen Ansprüchen. Hier war er lebendig. War es denn in Wahrheit nicht so, dass das Leben um ihn herum zum Alibi geworden war? Dass er arbeiten, einkaufen, auf Konzerte, Freunde und Familie besuchen usw. ging, bis er allen Ansprüchen an sich selbst (von außen und von innen) gerecht geworden war, um schließlich in seinen perfekten Träumen endlich er selbst zu sein und das tun zu können, was ihm die ganze Zeit verwehrt blieb? Ist denn das Glück nicht etwas, dass in uns selbst entsteht, auch wenn wir es normalerweise durch äußere Einflüsse in uns selbst finden? Sind wir denn nicht in Wahrheit in uns selbst eingeschlossene Wesen und unser Glück nicht nur eine Mischung von Hormonen, biochemischen Reaktionen  und den damit verbundenen Gefühlen? Ist denn nicht jede Befriedigung die wir von zweiten, dritten oder von allen anderen erhalten nicht in Wirklichkeit nur eine besondere Form von Selbstbefriedigung? Ist denn nicht jede Handlung, jeder Handgriff, jedes Wort und sogar jede Lust die wir einem anderen zufügen nicht eigentlich nur auf uns selbstgezielt; ist unser Leben denn nicht eine egoistische Kettenreaktion zur eigenen Selbstbefriedigung und -verwirklichung?

 

Wenn alles was du suchst in dir selbst verborgen ist, wieso also noch das Haus verlassen, wenn dort draußen Gefahren lauern, die dich nicht bestätigen, nein, die dich im Gegensatz sogar verletzen wollen?

 

Aber er musste hinaus. Musste Geld verdienen um sich seine nasal zugefügten Träume zu ermöglichen.  Musste Nahrung kaufen. Musste Drogen besorgen und sich deswegen mit den besten und falschesten Freunden auseinandersetzen, was immer ein Drama war. Und irgendwo brauchte er immer noch die anderen Menschen. Die Frauen. Der emotionale Austausch. Ihre Normalität. Ihre Zuneigung. Trotzdem. Wenn er ehrlich zu sich selbst war,  war das Ganze für ihn nur noch eine Alibi-Welt, die nur deswegen existierte und hinter sich gebracht werden musste, bis er sich endlich, endlich zuhause einsperrte um frei von dem ganzen Mist zu sein, den wir alle Gesellschaft nennen und uns gegenseitig aufdrängen.

Sein Traum war Realität geworden. Der Traum war das, weswegen er jeden Morgen aufstand – wenn er denn schlief. Und der Rest war nur eine Ausrede um sich diesen Traum zu erfüllen.

Die Afterhour-Kaputten

Denn es ist auch schön, am Morgen zu der Party von Gestern zu fahren, die man selbst früh verlassen hat, um sich die Kaputten dort anzusehen, wie sie dort noch immer herumliegen, ganz erschlagen, zerfeiert, banale Aktionen unter großen Aufwand ausführend. Diese ganze stumpfe Dummheit die diese Morgenstunden in sich prägen, da man ums Verrecken einfach nicht heimgehen weil… Wieso eigentlich? Mit Spaß hat das oft schon lange nichts mehr zu tun, eher mit Party-Routine. Ich kenne das. Habe das selber oft genug gemacht. Es ist aber – wie erwähnt – auch schön erfrischt mit dem Fahrrad dort vorbeizufahren und auf die Frage weshalb man denn schon so früh nachhause gegangen ist Wahrheitsgemäß zu antworten: „Ich finde die Leute hier scheiße.“ Nicht weil es schlechte Menschen sind. Ah geh! Nein, weil es einfach nur Party-Bekanntschaften ohne Substanz sind. Nervige Langweiler, die man nur im Rausch gut ertragen kann und deren Lallen man dann eben doch mit Tiefsinnigkeit verwechselt. Das sind die falschen Freunde, diese in Wahrheit richtigen Freunde; falsche Freunde gibt es ja nicht, nur Menschen von denen man genug haben sollte, kann und ja in Wahrheit niemals haben muss.
Ja. Nein. Es gibt nur in der Retrospektive die „falschen Freunde“. Nicht in der Gegenwart. Die Gegenwärtigkeit des Erlebens schließt die Unmittelbarkeit der falschen Freundschaft meistens aus. Außer. Du wirst wie eine Katze mit dem Gesicht in den Haufen gestoßen, den sie selbst in der Wohnung hinterlassen hat…

Es hat einen ungeheuren Reiz gar nicht mehr nachhause gehen zu wollen. Jeder weiß das, der das Abstürzen gelernt hat zu genießen. Irgendwann sollte es aber auch eine Gegen-Reizbewegung geben, die dir klar macht, dass der geistige Wohlfühlabsturz auf Dauer nur ziemlich dämlich macht.
Kant wird der Spruch nachgesagt: „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Und es wäre ein Missverständnis dies nur auf den technologischen oder gesamten wissenschaftlichen Kontext zu beziehen, viel mehr muss es auf das Kleinklein des eigenen Gedenkes angewandt werden. Sei kein Depp also. Was bedeutet. Sei nicht dauern dicht. Und sei nicht immer nüchtern. Sei beweglich. Sei frei. Und nicht so wie die Leute es von dir erwarten, fordern oder dir sogar unterstellen.
„Don´t forget to go home“ hat Ewan Pearson einmal zu der Jugend in Berlin gesagt – und das leider später dann doch noch in seiner Kolumne umgewandelt in ein „Never go“, da die Leute das Genießen sollten, was sie sich erschaffen haben; das ist aber ein Fehler Herr Pearson. Ein Trugschluss. Also: Geht doch auch mal nachhause. Denn Spaß lässt sich nicht endlos dehnen. Er endet. Und die Dumpfheit der Durchhalteparolen können daran zum Glück nichts ändern.

Und weil das dort (um es zu Ende zu führen) eben NICHT meine Freunde mehr sind (die sind längst gegangen) die dort herumliegen kann man auch im Geiste eines früheren Fleming sagen: Ja, die Leute dort sind wirklich scheiße. Also verbringt nicht zu viel Zeit mit Scheiß-Leuten. Sie färben ab und verdunkeln deine Seele.