Absolution 45 – Fantasy ist ein Witz

15

„Was hast du gesprochen?“

„Ach scheiße…“

„Was du gerade zu mir gesprochen hast?“

Paul lacht Ylva über Banyardis Mund in ihr Gesicht: „Bin ich doch wieder hier. Ich glaub´s ja nicht.“

Ylva sieht ihn mit großen Augen an. Sie flüstert: „Wusste ich es doch…“
Wieder steht Paul im Körper des Wilden Banyardi im Urwald und wieder redet er mit Ylva, dem weiblichen Superwesen jeglicher Männerphantasien. Was für ein Zufall. Selbstverständlich schickt ihn seine Phantasie zu dieser heißen Mieze zurück und nicht zu den anderen Dschungelbewohnern. Was haben die ihm auch schon zu bieten? Nur hat Paul jetzt keine Lust mehr.

„Jetzt ist Schluss, YL-VA!“ grinste Paul sowohl amüsiert als auch genervt die Mi-Cock-Prinzessin an. „Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß.“

„Banyardi! Was war der letzte Satz, den ich zu dir gesagt habe?“

Darauf zuckt er mit den Schultern. „Davon abgesehen, dass es mir total Wurst ist was Banyardi gerade gesagt hat, weiß ich es nicht. Okay?

„O… Was?“ Ylva macht erschrocken einen Schritt zurück. Doch. Ihre Augen bleiben neugierig. Sie ist weder so überrascht wie Paul es erwartet hätte, noch scheint sie Angst vor dem Wechsel in Banyardis Kopf zu empfinden.

„Ich wusste das in dir zwei Seelen leben“, mit dem Satz macht sie wieder zwei Schritte an Banyardi heran. „Ich wusste, dass die Zeremonie etwas gebracht hat. Nur das du… Und hier… Und erst jetzt…“

Paul schiebt Ylva sacht drei Schritte von sich weg. Sie war eindeutig zu nah gekommen, was sich für Paul noch immer sehr unangenehm anfühlt. Außerdem hat er jetzt eine Freundin.

„Ja, ja“, winkt Paul ab. „Zeremonie. Ma-Fag. Mi-cock. Blahblahblah. Gute Frau. Ich brauche all das nicht mehr. Ehrlich gesagt, denke ich, dass ich das nie gebraucht habe. Kein Plan was mein Unterbewusstsein das ausgeheckt hat.“

„Du verstehst nicht!“ Ylva will sich wieder auf Paul zu bewegen. Sie lässt es nach einer Sekunde des Zögerns. „Wir haben dich gerufen.“

„Natürlich habt ihr mich gerufen! Euch gibt’s ja auch alle gar nicht. Euch gibt es nur in meinem Kopf. Der denkt aber, dass er euch braucht. Das ist aber Bullshit. Ihr seid alle nur Projektionen meines…“ Paul muss schlucken. „Wahnsinns… Durch dich geile Sau kom-pen-SIERE ich nur irgendwas in meinem Kopf. Das ist jetzt aber vorbei. Ich bin jetzt nicht mehr alleine.“

„Wer bist du? Erzähl mir nur wer du bist! Sag mir ob du der bist, den wir gerufen haben?“
„Mann das war noch Zeiten als ich mir druff einen runterholen konnte und meine RUHE hatte… Wie soll denn das in Zukunft laufen? Ihr macht mir JEDES Mal meinen Film kaputt…“
„Wer glaubst du, dass du bist? Gerade warst du noch ganz anders. Gerade haben wir noch über den Dschungel gesprochen und…“

„Ich habe keine Ahnung von. DSCHUNGEL. Ich lebe im verdammten 21 Jahrhundert. In einem Haus (Paul formt mit zwei Finger ein Strichhäuschen in die Luft) und gehe ar-beiten. Kennt ihr ja nicht… Ich liebe TECHNO auch wenn jeder Idiot heutzutage ELECTRO dazu sagt. Ist komisch. Ich weiß. Ist aber so.“

„Wer ist diese Techno?“
Paul lässt den Kopf überzeichnet sinken: „Echt jetzt?“
„Wie ist ein Name? Dein richtiger Name?“
„Paul. Mein Name ist Paul.“

„Und du kommst aus einer anderen Zeit?“

„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich vom gleichen Planeten komme wie ihr Wilden.“
„Paul, hör mir zu.“ Ylva geht wieder auf ihn zu, ergreift seine beiden Hände und blickt ihm von unten tief in seine Augen. „WIR haben dich gerufen, weil wir deine Hilfe brauchen. Die Mi-Cock sind der Grund weshalb du hier bist. Noch bevor die Monster uns überfallen haben, noch vor unserer Flucht, haben wir eine Zeremonie abgehalten um jemanden wie dich zu holen. Wir dachten, du würdest in den Körper von Thorfinn eintauchen… Der arme Thorfinn… Er…“

„Nichts davon ist wahr“, Paul reißt grob seine Hände aus Ylvas Griff. „Ist dir außerdem schon mal aufgefallen das es in jeglicher Unterhaltungsgeschichte immer einen ERLÖSER geben muss? Von Star Wars über Matrix bist zu Herr der Ringe. Das ist so DÄMLICH und unkreativ. Das ist alles Bullshit!“

„Was?“

„Das ist alles UN-SINN!“

„Bitte sei nicht so laut. Die Ma-Fag werden auf uns aufmerksam…“

„Na wenn schon?! Es GIBT keine Ma-Fag! Verstehst du? Ach… Wie solltest du das auch verstehen?…“
„Banyardi… Paul… Wir haben dich gerufen, damit du mir helfen kannst sie zu finden.“

„Was zu finden denn?“ Paul breitet seine Arme aus.“ „Was zum Teufel glaubt ihr denn hier finden zu können?“

Eine Hand legt sich auf Pauls kräftige Banyardi Schulter. Unwirsch dreht Paul sich um und wischt sie weg. Erschrocken taumelt Maya zurück. „Mein Sohn, was ist geschehen?“ Paul hält inne. Maya zu Sehen verändert etwas in ihm. Banyardis Gefühle zu seiner Mutter stürzen über ihn herein. Sofort bereut er es seine Mutter so brüsk behandelt zu haben. „Mutter… Ich… Ich wollte nicht… Ich wusste nicht…“ Und sofort sah er in ihren Augen, dass es gut war. Maya würde es ihm nicht allzu lange verübeln, aus der Rolle gefallen zu sein. Hierfür. Traf ihn keine Schuld.

„Ich muss um Verzeihung bitten Mutter. Der Rat hat mich gebeten mit Ylva zu reden.“

„Welcher Rat mein Sohn?“

„Ähm. Kamyor hat mich gebeten.“

Werbeanzeigen

Absolution 44 – Liebe hat nichts damit zu tun

„Ende gut. Alles gut“, sprach Paul wortwörtlich in sich hinein. Pflichtbewusst und pünktlich wie immer stand die Sonne am Himmel und schien auf all die glücklichen wie unglücklichen Ameisen auf den Planeten Erde hinab. Katha und Paul hatten zusammen gefrühstückt und auch das hatte gut funktioniert. Schließlich waren sie seit Jahren befreundet gewesen, bis diese Nacht unwiderruflich alles verändert hatte. Der gemeinsame, frisch aufgebrochene Alltag fühlte sich ebenso seltsam wie natürlich an.  Sie hatten die Semmeln mit Frauen-Brotaufstrichen beschmiert, dessen Geschmacksrichtungen ebenso fremd gewesen waren, wie die Topfpflanzen an Kathas Fenstern. Der Kaffee war ein wenig zu schwach, was in Ordnung war. Dabei tönte irgendein Radiosender aus der kleinen tragbaren Anlage. Auf eine seltsam lustige Art zauberte die Radiomusik die größte Verwunderung in Pauls Lachen: „Tatsächlich, ich höre Radio – und es gefällt mir.“ Er musste es nicht aussprechen. Katha kannte Pauls Verhältnis zur Radiomusik, die er immer als „Volksverblödung“ abgetan hatte. Nun nickte er lächelnd mit, während die Sonne ihre ersten Strahlen auf Kathas wunderschöne Erscheinung warf. Sie beobachtete ihn genau. Sah die Verwandlung einsetzen die sie für ihn geplant hatte und erfreute sich an ihrem „Freund“; was immer dieser Ausdruck im Deutschen bedeuten konnte.

Pauls Herz schlug spürbar locker und fröhlich vor sich. Er konnte sein eigenes Herz spüren, vor Freude. Ein Gefühl, das er kaum mehr kannte. Sein Herz war ihm bisher nur aufgefallen, wenn es unverhofft und unnatürlich in seinem Herzen vor sich hin stolperte, sich scheinbar überschlug. Die Frage ob er Katha gegenüber echte Liebe empfand, stellte sich nicht. Dafür war er viel zu heiter und ausgelassen. Die großen Fragen mussten warten und würden, der Methode der Erfahrung folgend, erst im Nachhinein beantwortet werden, wenn alles zu spät war. So. War es immer gewesen.

Als Paul seine Wohnungstür geschlossen hatte, überlegte er 5 Sekunden lang, wie der Tag weitergehen würde. Es war ein Sonntag und Katha hatte sich schon beim Frühstück entschuldigt, dass sie heute mit Familiendingen beschäftigt sein würde – am liebsten hätten sich die Beiden nach dem Frühstück gleich wieder zurück ins Bett verdrückt, um es nie wieder zu verlassen. Doch da das nach all den Jahren, die die Vorbereitung der Katha/Paul-Geschichte benötigt hatte, die vergangene Nacht nun doch mehr als überraschend doch zustande kam, mussten die Stelldicheins auf die kommende Woche verschoben werden. Paul hatte den Rest des Tages frei. Nur. Was machen „normale Menschen“ an einem freien Tag? Familie hatte er erst gesehen; und eh keine Lust drauf. Was mit Fettsack machen? Chris? Na ja. Wäre eine Möglichkeit. Aber. Irgendwie schien das eine zu darke und deepe Wendung genommen. Vielleicht sollte er die mal in Ruhe lassen.  Tatsache war: Paul hatte noch Amphetamine da. Einen guten Haufen sogar. Ganz sicher. Die Frage war nur, ob das jetzt überhaupt noch Sinn machte. Jetzt wo er im echten Leben das hatte, was er sich Jahrelang so gewünscht hatte…  

Der Kopf musste die Frage gar nicht beantworten. Pauls Körper lief wie ferngesteuert los und holte mit einem gekonnt blinden Griff sein Pep vom Küchenschrank. Ja. Ja. Das war ja alles ganz toll mit Katha. Er war so glücklich. Wahrscheinlich liebte er sie wirklich. Aber. Nur. Er war halt auch ganz gerne richtig gut drauf. Da musste er ehrlich zu sein selbst sein. Warum nicht einfach ein paar Lines platt machen und sich noch einmal in die letzte Nacht zurück träumen? Denn. Genau. Das würde er jetzt machen. In der Drogenerinnerung noch einmal seine Seele über Kathas Körper gleiten lassen. Im Rückspiegel noch einmal ganz nah bei ihr sein. So wie FRÜHER. Nichts da mit irgendwelchen Fantasy-Urvölkern. Das war doch nur ein hohler, blöder Ersatz für einen Mangel an Liebe gewesen. Jetzt musste er sich nicht mehr dorthin verabschieden. Denn nun war alles anders. Jetzt. War Katha. Okay. Penibel ausgedrückt war jetzt Drogenzeit. Nicht Katha. Mit Liebe hat das aber nichts zu tun. Dann saugte er gleich noch eine dritte Line in sich hinein. Sein Leben konnte gar nicht besser sein.

Absolution 43 – Die junge Christiane Paul

Katha lachte Paul an. Und die Welt lachte mit ihr.

Schon seit jeher hatte Kathas Äußeres Paul an die Schauspielerin „Christiane Paul“ erinnert. „Die junge Paul“, selbstverständlich nicht die alte. So ticken die Hormone. „Die junge Paul“ hatte es Paul seit jener Nacht angetan. Er hatte sie zufällig im Fernsehen gesehen, in jenen Tagen, als das Fernsehen für Pauls Generation noch existierte. Wie lange mochte das her sein? Fünf Jahre. Sechs Jahre. Eine Ewigkeit. Paul war ein noch junger Kerl gewesen, der es nicht nötig hatte sich vor dem Rechner in Träumen zu verlieren. Bestimmt würde der junge Paul, den alten verabscheuen, wenn er sein Schicksal antizipieren könnte.  

„Im Juli“ hieß der Spielfilm von Fathi Akin, in dem „die junge Paul“ und Moritz Bleibtreu einen Roadtrip nach Istanbul bewältigten, um nicht weniger als die Liebe zu finden. Der reale Paul hatte Katha gerade vor ein paar Stunden kennen gelernt gehabt und genau in dieser Nacht, in welcher dieser Film lief, kam er nachhause, was zu dieser Zeit noch das Haus seines Vaters war, und sah mit druffer, verliebt verschobener Optik „die junge knackige Paul“ aus dem Empfangsgerät lächeln. Nein. Strahlen. „Die junge Paul“ strahlte ihn aus dem Fernseher an – und Pauls Herz ging auf. Die Ähnlichkeit zu Katha schien ihm verblüffend, obwohl „die junge Paul“ in dem Film afrikanisch geflochtene Haar trug und ihre eindrucksvollen Titten doch ein wenig zu groß und saftig waren, um mit denen von Katha zu vergleichen gewesen wären. Tatsächlich war es der Körper der jungen Frau gewesen, welcher ihn nicht weiter durch das Programm zappen ließ. Gefangen nahm ihn letztendlich doch nur ihr Lächeln. Ihre Aura. Ihre einnehmende Ausstrahlung, die es Paul schon damals erschwerte, zwischen der echten Katha und der Schauspielerin zu unterscheiden. In diesem Moment, auf dem Sofa seines Vaters, wurde die Figur auf dem Bildschirm eins mit dem Mädchen, dass er gerade zum ersten Mal getroffen hatte. Fast automatisch spürte Paul eine ungeheure Verliebtheit in sich, die weit über die Banalität des Sexes hinausging. Ob das die Drogen waren? Oder ein Fingerzeig einer höheren Instanz? Nun. Das spielte jetzt keine Rolle. Ebenso, wie es in Zukunft keine Rolle spielen würde. „Die junge Paul“ im Film lächelte weiter. Sie wuchs im Film vor Pauls Augen zu einer Über-Frau heran. Nicht weil sie eine „Sex-Bombe“ war. Es war ihr offenes Schauspiel ohne Visier, dieser Blick, der gleichzeitig Mut und Verletzlichkeit ausstrahlte. Sie wirkte kokett devot, obwohl sie doch in jeder Situation die Zügel über den weiteren Filmverlauf in der Hand hielt… Sie war mehr Frau, als jegliche kalte Hollywood-Schauspielerin, die Paul jemals in der Flimmerkiste gesehen hatte. Sie war so, wie sich Paul eine komplette Frau vorstellte. Eine komplette Persönlichkeit, nicht nur ein lächerlich überzeichnetes Idealbild einer Frau. Sie war ein junges Mädchen und eine erwachsene Frau in einer Erscheinung. Und. Sie war auch Katha… Und Katha war „die Paul“.  

Der Name des Regisseurs war „Faith“ was so viel bedeutete wie Schicksal. Der Name des Hauptdarstellers „Bleibtreu“… Wie konnte der Film kein Zeichen sein? Selbst als Paul einige Monate später feststellen musste, dass der Name des Regisseurs keineswegs „Faith“ sondern „Fathi“ lautete. Nur spielte dieser Umstand schon lange keine Rolle mehr… Nun schon gar nicht mehr. Seine „junge Paul“ lag verschmitzt lächelnd in seinen Armen. Und Paul war am Ende seiner Reise angekommen. Hier dürfte Pauls Film nun enden. Katha und Paul lächeln sich verliebt an, während die Kamera Abschied nimmt. Abblende.

Absolution 42 – Besser als Sex?

Einen Tag später schmeckte Kathas Mund nach Gummi-Bärchen. Paul überraschte das nicht weiter. Vanille hätte er auch nicht übel gefunden. Oder Erdbeere. Alles Geschmacksrichtungen nach der eine Traumfrau wie Katha in Pauls Vorstellung schmecken musste. Zum Glück hatte sie sich bevor die Beiden den Kinosaal betreten hatten, für die Fruchtgummis entschieden, nicht für dieses tropfende, scharfe, käsige Chipszeugs, was sich die dicken Marvel-Fans Tonnenweise in ihren fetten Hals stopfen.

Ihren ersten wirklichen Kuss, womit sowohl Paul als auch seine Traumfrau einen Kuss OHNE Drogen meinten, gab sie sich auf jene angespannte Art, über die im Nachhinein keiner öffentlich sprechen würde. Der erste Kuss ist meistens der schlechteste aller Küsse, wenn auch der wichtigste, da es ohne ihn keine gemeinsame Zukunft geben kann. Kathas und Pauls Lippen waren seit Monaten auf diesen Moment vorbereitet, was die „Aktion“ ungemein erschwerte. Aufeinander wartende Lippen verhalten sich gerne wie zwei unterschiedlich geladene Magnet: Immer gerade so am Ziel vorbei. Doch es passierte. Und mit dem zweiten Kuss war der erste sofort vergessen. Die Wärme, Nähe und Lust des anderen waren plötzlich überall. Das Joch war zerbrochen, der Fluch besiegt: Was zum Teufel war all die Monate so schwer daran gewesen? ALLES war daran schwer gewesen. Jede einzelne Minute. „Hände“, dachte sich Paul als er seine Hände wandern ließ. Dabei meinte er nicht „Hände“, sondern „Brüste“. Katha lachte leise. Er schmunzelte daraufhin laut. Dann rief er die Hände wieder zurück. Schließlich befanden sie sich in der Öffentlichkeit, wenn auch in der Dunkelheit eines Kinosaals, in der irgendeine unwichtige Fortsetzung zu einem  ebenso wichtigen Superhelden-Film lief. Es gab nichts Anderes zu dieser Zeit. Und das Lachen des Publikums hinter und um ihre Küsse herum vertiefte im Beobachter die Gewissheit, dass dieser Film ebenso redundant war, wie sein Publikum. Sei es drum: Katha und Paul waren glücklich. Ihre Welt drehte sich nur noch um sie, ganze 2,5 Stunden lang. Denn dann würde der Film enden. 2,5 Stunden hatten sie Zeit. Fürs Erste.

Sie knutschten wie die Teenager.

Paul wusste nach dem Abspann gar nicht, wie er aus dem Sessel aufstehen sollte.

In Kathas Wohnung fielen sie endlich übereinander her. Ihr erster Sex war ein wüstes, animalisches, sich gegenseitiges Verschlingen. Ihre Sinne tauchten ineinander ab, gleich einem psychedelischen Zeichentrickfilm-Strudel aus den 80ger Jahren, in welchem die Kamera keinen Halt findet und Bilder, Farben und Formen ineinander verschwimmen. Jeder Zentimeter unerforschte Haut, glich einem neu entdeckten Phänomen. Jede zärtliche Berührung der Intimität des begehrten Objekts, einer neuen Mondlandung. Paul glaubte tausende Finger zu benötigen, um mit hunderten Augen diesen Traum der Weiblichkeit zu erforschen. Indessen Kathas Augen unglaublich fordernd und suchend über ihn hinwegstrahlten. Desto realer ihre Körper und Lippen gegeneinander drangen, desto surrealer fühlte es sich an. Ihre Gedanken schlugen unendliche Purzelbäume miteinander, während sie sich gegenseitig den heißen Atem der Lust entlockten. Ein Stöhnen des einen, wurden stets mit einem Lachen des anderen gefeiert. Es begann als Spiel, als erwachsene Kinderei, bis die Lust sie in verspielte Tiere verwandelte. Eine gefühlte, gefeierte Unendlichkeit lang verloren Katha wie Paul die Fähigkeit ganze Sätze zu bilden, was vom anderen nur noch mit mehr Wollen und Geilheit erwidert wurde. Da waren keine Kommandos. Kein Dirty-Talk. Kein Alphatier. Für was hier geschah, reichen Worte nicht aus. Außer, um den Zustand der Tat zu banalisieren…

Paul konnte länger als er gedacht hatte. Und er ärgerte sich sofort darüber, dass das eine Rolle spielen musste. Er schob den Gedanken fort und sah sich in Kathas Schlafzimmer um, während nebenan schon längst die Dusche rauschte. Paul fühlte sich gut. Sehr gut. Lange hatte er auf diesen Moment gewartet gehabt. Seine Freunde würden sagen: ZU LANGE. Dennoch fühlte sich das alles nicht echt an. Und. So schön es auch gewesen war… So unglaublich toll und geil und… Das Ende seiner Träume… Wie könnte sein Leben nach diesem Fick, während dem er Kathas Liebe spüren konnte, noch weitergehen? Und doch… Er wandte den Kopf planlos ab und sah eine Topfpflanze an, die schöne, strahlende Blüten zur Schau stellte, wie es nur Topfpflanzen von echten Frauen können… Was für eine unsagbar schöne Pflanze das war. Selbstverständlich konnte ein echter Mann den Namen dieser Pflanze nicht kennen… Daneben die Solarbetriebene Katze aus China, die den Liebenden unbemerkt gerade die ganze Zeit zwecks ihres integriertem, automatischen Mechanismus zugewinkt hatte… Dieser ganze Frauenkram… Der viel zu kleine Fernseher… Überhaupt HIER zu sein, erwünscht zu sein, geliebt zu werden… Wenn auch nur für den Moment… War wichtiger für Paul als der Sex gewesen… Denn… Und jetzt musste er es doch aussprechen. Wenigstens für sich… Denn der Sex auf Drogen. In Gedanken. Mit Katha. War geiler gewesen als die köstliche Rangelei, die sie gerade veranstaltet hatten. Nein. Doch. Es war ME-GA gewesen. Und doch. Trotzdem. War da plötzlich so viel von einem anderen Menschen. Und zu wenig von Paul selbst gewesen… Nicht dass er zu kurz gekommen wäre. Nein. Katha hatte keine Wünsche offen gelesen. Es war mehr so ein… Ding in seinem Kopf. Ein saublödes, absolutes Un-Ding. Welches im sagte. Und Paul wusste: Es hatte Recht. Dass der echte Sex nie so gut werden würde, wie sein Sex in Gedanken…

Pauls Gesicht zeigte ein unbewusst schiefes Lächeln. Es verschwand sofort, als Katha blitzblank geduscht und strahlend wie eine Göttin aus dem Badezimmer zurück schwebte und sich zu ihm legte. Der idiotische Vergleich war sofort vergessen. Das war sicherlich nur einer seiner Blödsinns Gedanken. Eine typische, Paulsche Dummheit.  

Absolution 41 – Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“

Kapitel 14

Manchen Theorien zur Folge sind unsere Träume keine Reflektionen auf unser Tag-Leben, sondern es verhält sich umgekehrt: Die Traumwelt ist die echte Welt und das Tag-Leben nur der Sammel- und Versuchsballon der dazu dient, Eindrücke für die tatsächliche Wirklichkeitsebene zu speichern, um schließlich in der von uns so genannten „Traumebene“ neues Leben und Zusammenhänge entstehen zu lassen. Von dieser Perspektive aus betrachtet, hätte Paul gar kein Leben. Fast immer waren seine Träume ein grabdunkles, tiefes Schwarz, welches am Ehesten noch mit einem schwarzen Loch zu vergleichen war, in dem seine Erlebnisse nicht aufgearbeitet wurden; sie wurden einfach nur zu einer Eiskalten Singularität spagettisiert, aus der es keine Rückkehr mehr zu geben schien.  Seine schlaflosen Nächte gaben ihm die verlockende Vorstellung zu wissen, wie es sich anfühlen müsste, tot zu sein. Der Tod: Eine dunkle, schwarze, nichts verarbeitende Stille der Seele. Ein Wortloses, ersticktes Unterbewusstsein. Frei jeder Hoffnung, Zukunft oder Vergangenheit. Bei jedem Erwachen beschlich ihn das Gefühl, dass sein eigenes Unterbewusstes nichts mit ihm zu tun haben wollte.

„Katha ficken“. Immer noch eine gute Idee. Doch wie und wann hatte er das notiert… Und warum?…

Heute war noch minus einen Tag bis zum Wochenende. Er war sich darüber klar, es diesmal sein zu lassen. Es seien lassen zu müssen. Keine Ur-Völker mehr mit Fantasy-Problemen. Keine Ylva oder andere Spinnereien. Dieses Wochenende würde er sein Leben geschissen bekommen. Und da er aus dem letzten Wochenende was gelernt hatte, schrieb er heute, an diesem Freitag, voller Motivation und kaltem Bewusstsein: „Leben geschissen bekommen“ auf ein Post-It und klebte es an die gleiche Stelle, an der er sich noch vor ein paar Tagen geraten hatte, es Katha zu besorgen.  Kurz und gar nicht lächerlich nickte er dem Post-It in seinem Badezimmer zu, dann tippte er auf seinem Handy eine Nachricht für Katha ein, ob sie nicht mal Bock hätte mit ihm was zu machen. Kino oder so. Morgen wäre klasse. Er würde sich sehr darüber freuen. Am liebsten würde er gerne heute. Nur heute, war leider Familientag. Schon wieder. Danach machte sich Paul fertig für die Arbeit. Nicht ohne sich mit wild pochendem Herzen darüber freuen zu dürfen, wie Katha ihm ebenfalls freudig zusagte.

 

Nach der Arbeit besorgte er sich die obligatorische Dose Gulaschsuppe. Wie immer die von „Fleischmann“. Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ war eine Marotte von Pauls Familie. Ein Running-Gag und Familien-Tradition in einem, die jedes Jahr am gleichen Datum abgehalten wurde. Zur Erinnerung an den verhängnisvollen Tag, als Pauls Mutter sie verlassen hatte. Dieser Tag war so wohl merkwürdig als auch lächerlich gewesen, denn auch wenn sich manche Ereignisse Monate, vielleicht sogar Jahrelang vorher überdeutlich andeuten, waren am Ende doch alle überrascht gewesen, dass wirklich geschah was alle hatten kommen sehen. Von einem Tag auf den anderen war „Mutter“ weggewesen und Vater stand mit seinen beiden Kindern und der Karate-Schule alleine da. Alle hatten gewusst, dass dieser Tag kommt, außer Paul wahrscheinlich, der noch zu jung war um die Zeichen zu deuten. Er war viel zu sehr Muttersöhnchen gewesen um zu verstehen, dass es andere Prioritäten in Mutters Leben gab. Und Vater war sich seiner Sache viel zu sicher gewesen. Viel, viel zu sicher. „Soll die Alte mal drohen und toben. Am Ende wird sie es doch nicht durchziehen“, so simpel und lange auch richtig waren seine Gedanken gewesen. Nur Pauls Schwester hatte die Situation realistisch gesehen und die Familie deswegen seelisch und geistig schon lange aufgegeben. Für sie war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Mutter ihre Frau stand… Dann war sie fort und die Familien-Geschichte, die in Mutters Kopf „gar nicht mehr schlimmer hätte sein können“, war genau das geworden: Viel schlimmer als sie es sich selbst hätte vorstellen können oder wollen. Was nun keine Rolle mehr spielte, da sie selbst nun endlich nichts mehr mit diesen grauenhaft selbstverliebten Leuten zu tun hatte. Während die zurückgebliebenen Kinder und der Mann fassungs- und wortlos vor den Scherben ihrer Vergangenheit standen.

„Wo ist Mutter?“ hatte Paul seine Schwester und den Vater gefragt, als er abends vom Nachmittagsunterricht zurückgekommen war. Er hatte sich morgens nur kurz darüber gewundert, dass für ihn kein Pausenbrot vorbereitet war und hatte sich aus Vaters Geldbörse den kleinstmöglichen Schein genommen. Die Schule hielt genug Prüfungen und Teenagergeilheit für ihn bereit. Da konnte er sich nicht auch noch vom Familienleben ablenken lassen. Paul war schon immer ein Spätentwickler gewesen. Und sollte es auch bleiben.

„Fort“, seine Schwester hatte nur noch schief lächeln können.

„Wie fort? Wann kommt sie wieder?“

„Ja weg! Ganz weg!“ hatte sein Vater laut gekläfft gehabt, laut und böse und deprimiert.

„Wie weg?“ Wie hätte es Paul auch verstehen können?

„WEG! WEG!“ hatte Pauls Vater ihn wie noch nie in seinem Leben zuvor angeschrien und hatte mit seiner massigen Karateschulfaust auf den Tisch gedroschen, so dass jener erbebte wie unter der Hand Gottes.

So war das also gewesen. Weg, weg… Niemand hatte geweint. Keiner hatte jemand umarmt. Einfach nur weg, weg. Auf immer. Wahrscheinlich auf ewig.

Wäre dies eine Fernsehfamilie gewesen, wäre nun der übliche Trostmechanismus angesprungen. Menschen hätten einander versichert, nichts dafür zu können. Dass es jetzt schon „irgendwie weitergehen würde“. Dass die Familie jetzt zusammenhalten müsste, wie nie im Leben zuvor. Dass es irgendwie gar nicht so schlimm wäre. Irgendwie… Nur war diese Familie keine Fernsehfamilie. Niemand sprach ein Wort. Jeder hing in seinem Kopf fest. Das Undenkbare war zum Unsagbaren geworden.

Bis.

Bis Vater aufstand und die ersten drei Lebensmittel aus dem Schrank nahm, die sich ihm dargeboten hatten: Drei Dosen Gulaschsuppe. Jeder von einem anderen Hersteller. Dass eine von ihnen sogar abgelaufen gewesen war: Geschenkt. Vater schüttete die drei ungleichen Dosen zusammen und die wurden dann von den drei ungleichen Familienmitgliedern wortlos verspeist. Es hatte ebenso nach nichts geschmeckt, wie sich die Situation angefühlt hatte. Es hatte das Salz gefehlt. Ebenso wie das Brot. Salz und Brot hatten die Familie verlassen. Und so sollte es auch bleiben. Für immer. Dann war das Leben einfach weitergegangen, wie es immer der Fall ist.

 

Um an diesen Tag zu erinnern, kam die verstümmelte Familie jedes Jahr zusammen. Vater. Schwester und Bruder brachten jeder eine Dose Gulaschsuppe mit, die sie wie jedes Jahr zusammenmischten und aßen. Jedes Mal darauf wartend, dass Mutter hereinkäme und Salz und Brot auf den Tisch stellen würde. Im ersten Jahr hatte Vater kurz geweint. Danach nie wieder. Auch nicht. Als seine neue Frau die Drei nur kopfschüttelnd ansah und in die Küche ging. Und das brachte und wurde, was sie alle so lange vermisst hatten. „Ihr seid doch bekloppt“, hatte die neue Mutter kopfschüttelnd geraunt und die Suppe gesalzen. „Ihr wisst doch gar nicht was gut ist.“ Worauf sich nach Jahren der Tradition keine Gefühlsregungen zu zeigen, ein Lächeln in ihre Gesichter schlich.

Zum heutigen Tage war diese Tradition, der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ wie Paul ihn nannte, Pauls liebstes Familienfest geworden. Nie war er so ausgelassen mit seiner Familie, als zu diesem Fest. Selbst der obligatorische Hans und das unpassend viel zu tiefe Dekolleté seiner Nichte konnten Paul nicht irritierend. Diese Gulaschsuppe. War jedes Jahr das beste Essen, welches er sich nur vorstellen konnte. Dabei mochte er weder die neue Frau seines Vaters, noch seine Familie besonders gern. Aber dennoch…

 

Einen Tag später schmeckte Kathas Mund nach Gummi-Bärchen.

 

Hier geht es zu meinem eBook „Verlorene Jungs“

Absolution 40 -Die Perspektive der Schnecke

Noch ein paar Stunden später an jenem Tag, an dem er sich inzwischen noch ausgebombter und breiiger im Kopf fühlte als in der Arbeit, saß Paul auf dem Bett von Chris. Es war keine gute Idee den Besuch bei Chris so schnell wie möglich durchzuziehen, nur um ihn hinter sich zu haben. Geistig war er nicht im Mindesten auf der Höhe für so ein Gespräch. Auf vielen Ebenen wäre es klüger gewesen, noch ein paar Nächte durchzuschlafen. Sich zu sammeln. Klar zu kommen. Aber. Paul wollte diesen ganzen Unsinn weghaben. Paul. Hatte einfach genug eigene Probleme.

„Und da kommst du dann zu mir gerannt?!“ Chris tat entsetzt und overactete dramatisch. Die Hände flogen in die Luft, der Kopf gleichzeitig von links nach rechts. Theatralischer ging es kaum. Chris wirbelte in seinem Zimmer herum. Drehte sich mal hierhin, mal dorthin. Stellenweise verblüffte es, dass kein Gegenstand von einem Regal gestoßen wurde und klirrend wie splitternd am Boden zerbrach. Paul wusste dennoch nicht, ob das jetzt Show war oder er Chris die Performance nun abkaufen sollte, oder musste. War Chris nur sauer darüber, weil Paul ihn sofort erwischt hatte? Oder war Chris wirklich beleidigt, da Paul ihn in der Fettsack-Junkie-Geschichte überhaupt verdächtigte? Die Müdigkeit in Pauls Kopf war dichter und stärker als jeglicher Nebel oder alle trüben Schleier, die in den Geschichten der Gebrüder Grimm für undurchsichtige Verhältnisse führen.

„Was heißt denn zu dir gerannt? Ich meine. Das war am Wochenende. Und da kommen einem mit der Zeit halt solche Gedanken…“

„Denkt der an mich!“ seufzte Chris. Kopfschüttelnd. Übertrieben lächelnd, geistig wie körperlich eine Grimasse ziehend. Jedoch ohne – und das fiel selbst Paul in seinem dämmrigen Zustand auf – Paul in die Augen sehen zu können.

„Du hast dich doch erst nach Fettsack und Sarah erkundigt… Als du die Bea-Geschichte erzählt hast.“

„UND?“

„Wie und? Ich mache mir halt Sorgen…“

„Um wen? Um den Fettsack oder um mich?“

Paul war sprachlos. Nicht weil er wirklich baff war. Sein Gehirn verweigerte inzwischen schlichtweg den Dienst. Paul fühlte sich leer und dumm.

„Wen hast du denn lieber?“ grinste Chris und sah Paul in dessen hilflosen Augen. Direkt in seinen leeren Kopf.

„Darum geht es doch gar nicht…“

„Was hat er denn je für dich getan?“

„Öhm… Das ist jetzt ne ziemliche Frauenfrage. Fällt mir jetzt spontan nichts ein. Aber ich bin mir SICHER. Er hat viel für mich getan.“ Paul empfand sich selbst so hilflos und stumpf, wie er sich gerade präsentierte. Er konnte sich selbst beim Hilflossein beobachten, ohne auch nur im Geringsten etwas dagegen unternehmen zu können.

 

Die Sonne schien immer noch fröhlich zum Fenster herein. Vögel zwitscherten idyllisch auf dem Baum vor dem Fenster.

Chris wohnte noch immer bei seinen Eltern. Der Vater von Chris hatte Paul vorhin hereingelassen. Paul hatte den Vater von Chris noch nie leiden können, diesen ganzen Typ von Vater, den er für Paul repräsentierte, der sich als der beste Freund seines Sohnes aufspielte. Furchtbar.

Es gab Jahre. Da war Paul sehr oft bei Chris gewesen. Als sie Beide noch jung waren. Nüchtern. Voller Hoffnungen.  Jene Jahre des Menschseins, wenn man nicht mehr miteinander spielt und das gemeinsame Reden und Denken entdeckt, wie aneinander entwickelt. Paul hatte Chris immer gemocht. Deswegen sagte er nach der Gesprächsstille: „Darum geht es wirklich nicht… Darf ich mir denn keine Sorgen machen?“

„Mach dir lieber um den Junkie Sorgen… Oh…“

Paul: „Hm?“

Eine kleine Schnecke hatte sich auf das Fensterbrett verirrt und steuerte blind in die Tiefen von Chris Zimmer. Der griff sie sachte an ihrem runden Panzer an, hob sie hoch. Zwei Sekundenlang betrachtete er das hilflose Tier in seiner Hand, dass mit seinem schleimigen Körper versuchte, festen Untergrund zu finden. Diese zwei Sekunden erschienen Paul als der einzige Moment während des Besuches, in dem Chris sich normal verhielt, in dem Chris, der richtige Chris war. Sein Freund Chris. Nach diesen 2 Sekunden warf er die Schnecke nicht einfach achtlos aus dem Fenster in das Nichts des Gartens (wie Paul es getan hätte). Er setzte die Schnecke auf den heranreichenden Ast des Kastanienbaums vor seinem Fenster.  „Schon komisch“, sinnierte Chris vor sich hin (oder zu Paul? Es war nicht klar in diesem Moment), „Wir Menschen bewegen uns immer so hastig und strukturiert durch die Welt. Glauben ständig einen Plan zu haben. Und dann kommt so eine Schnecke daher und zeigt uns, dass es auch ganz andere Möglichkeit und Perspektiven gibt. Dass eine Wand keine Grenze ist, sondern tatsächlich ein neuer Weg. Wir Idioten sehen das bloß nicht.“

Das klang schön für Paul. Seine Aufmerksamkeit reichte nicht aus für Zwischentöne.  Er wollte nur noch nachhause. Schlafen.

„Ich weiß nicht wer das Bosporus besprüht hat. Tut mir leid.“

Paul nickte zu den Worten seines Freundes. Was hätte er auch sonst machen sollen?

Absolution 39 – Echte Männer trinken 15 Weizen

Noch einen Tag später lag Paul mehr tot als lebendig im Pausenraum seiner Arbeit. Den ersten Tag nach dem „Feiern“ empfand Paul erfahrungsgemäß als gar nicht so schlimm. Die Drogen wirkten noch ein wenig nach und wenn sich einmal die Konsuminduzierte Verstörtheit gelegt hatte, fühlte sich Paul für einige Stunden geradezu entspannt. Er bewegte sich dann in seiner Selbstwahrnehmungsblase wie in dem Auge eines Orkans, in welchem er ausgeglichen und konzentriert Beobachtungen feststellen konnte, bis… Bis am späten Nachmittag ihm unabwendbar die große Erschöpfung die Füße wegzog und ihn unsagbar schlapp und müde machte. Am zweiten Tag danach hatte er für gewöhnlich 10 bis 12 Stunden Schlaf eingefahren, was leider nur dazu führte, dass er sich platter fühlte als am Vortag. Da weder sein Körper noch sein Verstand sich im Klaren darüber waren, ob er nun wach war oder nicht, war Paul so gut wie jeden Dienstag immer ziemlich durch mit der Welt. Selbst der raue Verzehr von Kaffee machte ihn nicht mehr fit, sondern nur im Gegenteil nur noch wirrer. So lag er also auch diesmal in seiner Pausenzeit mit dem Kopf auf dem Tisch wie erschlagen da und döste vor sich hin. An Schlaf war nicht zu denken. Die Augen zu schließen fühlte sich dennoch erholsam an. Wenn nur nicht das ständig Gerede seiner Arbeitskollegen wäre.

Junger Kollege: „Oh… Ich war gestern soooo dermaßen voll… Bis um halb 4 Uhr früh ist erst gegangen…“
Alter Kollege: „Du bist ja heftig unterwegs!“

Junger Kollege: „15 Weizen habe ich getrunken!“

Alter Kollege: „15 Weizen!“

Junger Kollege: „Und dann haben wir mit dem Schnaps angefangen! Wir hatten ja auch was zu Feiern! Im Clubhaus haben wir einen Dildo an die Wand geschraubt! Vorne nen Dübel rein! Hinten nen Dübel! SOOO groß ist das Teil!“

Alter Kollege: „Hahaha, ihr seid ja verrückt!“

Paul innerlich: Stöhn…

Junger Kollege: „Da haben wir dann n Licht außen rum gemacht und zu jeder vollen Stunde fängt der zu blinken an!“

Alter Kollege: „Das ist ja geil! Auf IDEEN kommt ihr! Ich trink ja kaum mehr was… Der Paul eigentlich auch nicht mehr… Sagt er…“
Paul stellte sich weiterhin schlafend.

Alter Kollege: „Apropos Dildo! Hier! Der neue Porno-Kalender ist übrigens.“

Paul hörte Finger, die sich durch Papier blättern.

Junger Kollege: „Der ist ja SUUUUPER. Was ist denn das? Ah. Von Aichen. Der Gabelstabler-Firma. (Kurze Pause) Boah!!! Schau dir mal DIE an! Die hat ja größere Titten als ihr KOPF!“

Alter Kollege: „Die würde ich auch ordentlich ran nehmen wenn die mir über den Weg käme!“

Beide lachend: Muaahahahahaha!!!!

Paul war durchaus klar, dass vor ein paar Wochen seine Hauptbeschäftigung darin bestand, sich Nächte lang zu Pornografie selbst zu befriedigen, dennoch, widerten ihn seine Kollegen unglaublich an… Was waren das nur für Menschen? Hatten die denn gar kein Niveau? Sollten sie privat machen was sie wollten. Mussten sie deswegen aber so einen Scheiß herauslabern? Erstens konnte sich Paul nicht vorstellen, dass der kleine Maier 15 Weizen von gestern Abend auf heute Morgen getrunken hatte (vom darauffolgenden Schnaps ganz zu schweigen), zweitens war es ihm vollkommen fremd mit seiner eigenen Trinkleistung anzugeben. Wie alt waren sie denn? 17? Drittens beeindruckte es einen Drogenuser wie ihn herzlich wenig, viel Trinken zu können. Um sich von den Amphetaminen „herunter zu trinken“ (d.h. um die Wirkung des Speeds zu überdecken und bestenfalls dadurch schlafen zu können) gab es Nächte, an denen er eine Flasche Wodka in zwei Zügen geleert hatte – nur um immer noch sehr drauf und überhaupt nicht betrunken oder müde zu sein… Und es ist ja eine Sache eine Frau geil zu finden, man muss dann aber auch nicht so eine Grütze rauslabern als würde man sich in einer Fußballer-Umkleidekabine befinden. Oder in der Kommentarspalte unter einem You-Porn-Video. Verdammte Bauernproleten…  Was sollte das den vortäuschen? Männlichkeit?

 

Alter Kollege: „Früher habe ich auch gesoffen und die jungen Mädler bestiegen wie einen Fünftausender! Das kannst du mir aber glauben! 2 Mädler am gleichen Tag waren da keine Seltenheit!“

Junger Kollege: „Das kenne ich!!!!  Wenn ich einmal LOSLEGE, ABER DANN!“
Worauf sich Paul dachte: Jetzt reicht der Schwachsinn aber.

Abrupt hob er den Kopf vom Tisch und legte die Fakten auf den Tisch. Er zeigte auf den jungen Arbeitskollegen und blaffte ihn an: „Du bist Scheiße, Mann!“ Paul richtete seinen Finger auf den älteren Kollegen: „Und du warst schon IMMER Scheiße! Hört ihr euch überhaupt zu?“

Alter Kollege: „Was hast du denn?“

Junger Kollege: „Ja! Was stimmt denn mit dir nicht?!“

Paul stand auf und ging einfach wieder an die Arbeit. Wie konnte man in so einer Umgebung NICHT Drogensüchtig sein? Hatte er überhaupt jemals eine andere Chance gehabt?

Hier geht es zu meinem eBook „Verlorene Jungs“