Absolution 49 – Ansage an die Konkurrenz

Der Fettsack bahnte sich wie ein geisteskranker Pac-Man seinen Weg in das Haus: Immer den Gang entlang. Scheinbar hatte er keine Ahnung wohin er musste, das „body count“-Kommando hinterher. Die Frau – vermutlich die Hausherrin – wurde auch von Paul sofort hinter sich gelassen, dabei schenkte nur er ihr ein entschuldigendes, leicht peinlich berührtes Lächeln. Vielleicht war dieses Lächeln sogar der Grund, warum die Frau noch einen weiteren Moment zögerte, bevor sie wie irre zu Schreien begann. Ein, zwei falsche Abbiegungen und dunkle, ideenlos normal eingerichtete Räume später, fand der Fettsack die Person die er suchte, der Hauptgrund und Mittelpunkt ihrer abendlichen Aktion: Den Baader. Und obwohl Paul den Herren Baader noch niemals jemals irgendwo bewusst gesehen hatte, weder auf der Straße noch in der Zeitung, klingelte es jetzt in seinem Kopf, um welchen Kerl es sich hier in Fettsacks Kopf drehte. Der Typ war der Besitzer der „Metzgerei Baader“, einem kleinen Konkurrenten des Fettsacks-Imperiums. An normalen Tagen wäre der kleine Leberkäspanscher für Fettsack nicht einmal der Rede wert gewesen, außer es ginge um miese Qualität und verfettete Produkte, schlechte Haltung; was man nun einmal so über die Konkurrenz so behauptet. Paul fand die Wurst vom Baader aber auch nicht so geil. Tatsächlich viel zu fettig. Jedoch war Paul auch klar, dass es hier nicht mehr nur um die Wurst ging. Jetzt ging es um Alles.

Der Baader machte das, was die meisten Deutschen ohne bewusste Probleme an einem Mittwochabend taten. Er saß in seinem Wohnzimmer vor der Glotze und aß. Ein halbes Hähnchen mit Kartoffelsalat. Der ganze Raum roch danach. Schön würzig. Vielleicht war der Baader doch nicht so ein schlechter Metzger wie der Fettsack immer behauptete. Auf das anstürmende „body count“-Kommando reagierte er ebenfalls so, wie man es von den meisten Deutschen erwarten konnte. Er sank erschrocken in sein eigenes Sofa und war baff vor Schreck. Fettsack: „Jetzt pass mal auf du mieser kleiner Wichser! Was schreibst du an meine Wand?! Was schreibst du an meine Waaaand!!! Was du an meine Wand schreibst?!“ Der Fettsack war mit seinem Kommando zwischen Tisch und Fernseher stehen geblieben, zeigte mit seinem nackten Finger auf dem Mann und schrie. Die Türsteher-Menschen neben sich. Irgendwo daneben stand Paul. Ganz daneben, noch in der Türe die Frau, bei der es sich wohl um Frau Baader handelte. Im Fernseher RTL. Über dem Sofa ein Bild von „Hundertwasser“. Der alte Baader, Mitte 50, dick, dreiviertel Glatze, Brillenträger, war bisher sicherlich jeden Tag der Herr über sein eigenes Leben gewesen – bis zu diesem Zeitpunkt. Fürchterlich erschrocken und traumatisiert brachte er nur ein wiederholtes: Ich… Ich… Ich… Ich…“ hervor, dass den Fettsack nicht sehr beeindruckte. Der stemmte nur seinen rechten Fuß mit der ganzen Sohle auf den Fernsehtisch, ohne dabei (Zufall) den Hähnchenteller zu berühren, lehnte sich nach vorne, drohte weiter mit seinem Zeigefinger und machte die Ansage: „Wenn ich NOCHMAL! IRGENDWAS! An meiner Wand lese! Mit dem du versuchst mein GESCHÄFT zu ruinieren! Dann mach ich dich ALLE! Ich schick meine Russen vorbei! Und dann nehmen sie deine Bude auseinander!“

Hier. Legte der Fettsack eine kleine theatralische Pause ein. Wahrscheinlich nur so, damit der Baader die Info verarbeiten konnte. Jedoch. Sagte einer der Russen mit starken Akzent in die Stille:

„Wir sind keine Russen…“
Der Fettsack: „WAS?!“

„Wir sind keine Russen. Wir sind Ukrainer.“
Der Fettsack drehte sich entnervt um und sah den Typen an. Mit fragenden Händen raunte er zu dem Kerl: „Das spielt doch über KEINE ROLLE!“

Der Sprecher des „body count“-Kommandos entgegnete darauf nur: „Für uns schon!“

Der Fettsack wirbelte wieder zu Baader herum und fragte ihn amüsiert: „Interessiert dich ob die Russen sind oder nicht?“ Der brachte nur ein „Äh“ hervor. „Oder sie Frau Baader?“ an Frau Baader gewandt. Die schüttelte nur eingeschüchtert mit dem Kopf, da sie nun auch noch Teil der Szene wurde. Wieder an den Kerl gewandt: „Es ist jetzt gerade nicht so wichtig…“ Etwas beruhigt und scheinbar sogar von der Szene belustigt wandte er sich wieder dem sprachlosen Baader zu. Wollte etwas sagen, dann kam ihm ein Gedanke, worauf er sich Paul zuwandte: „Die Klitschkos sind doch Ukrainer, oder?“

Paul: „Ähm. Tja. Tatsächlich stimmt das…“

Der Fettsack wirbelte wieder herum.

„WENN DU NOCH EINMAL IRGENDEINEN SCHEISSDRECK AN MEINE WAND SCHREIBST! DANN SCHICKE ICH DIR MEINE KLITSCHKOS AUF DEN HALS, VERSTANDEN!“ brüllte darauf der Fettsack wieder auf den Baader ein. Der Baader wurde darauf noch bleicher, seine Frau klammerte sich ängstlich an den Türrahmen ihrer Wohnzimmertüre und die Ukrainer lächelten ein wenig ob ihrer Bezeichnung als Klitschkos; das klang schon viel besser.

Baader: Nickte.

Und der Fettsack. Zuckte mit den Schultern. Drehte sich um und sagte ruhig und ausgelassen: „Okay. Wir sind hier fertig.“  Das „body count“-Kommando machte sich wieder auf den Weg nach draußen. Nur Paul konnte es sich nicht verkneifen noch zu bemerken: „Und ganz ehrlich: Hundertwasser ist scheiße.“ Der Fettsack tätschelte noch im Hinausgehen den Knackarsch der Frau vom Baader. Packte richtig tief rein.

Als die Autotüren wieder ins Schloss dumpften meinte der Fettsack ganz ausgeglichen und sichtlich selbstzufrieden: „Das lief ja ganz ordentlich.“

Paul verzog daraufhin den Mund zu einer abschätzigen Grimasse in Richtung seines Freundes und sprach: „Aber das mit dem Fenster. Das war der nicht…“

„Jupp“, stimmte der Fettsack zu. „Glaube ich auch nicht.“

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Absolution 48 – Die besten Ideen kommen einem auf Drogen

Warum hatte er nur zugesagt? Hatte Paul denn nicht schon genug eigene Probleme? Mal von seiner Zusage abgesehen kurz mal eine ganze Fantasy-Welt retten zu müssen, wäre er jetzt lieber bei Katha und würde mit ihr Kuscheln. Oder ihr nach einem spaßigen Fick ins Gesicht spritzen. Normale-Leute-Zeug also. Das galt nur nicht für Leute wie ihn. Denn jetzt saß er hier in dieser beschissenen Bonzenkarre, diesem gigantischen roten Audi. Dem RS6. Dieser fahrende, grelle Lippenstift, welchen im Normalfall nicht der Fettsack selbst lenkte, sondern dessen Frau. Im Moment jedoch besaß der Fettsack einen Führerschein; wobei die Gründe weshalb er ihn wieder eingeklagt hatte (tatsächlich hatte der Fettsack den Führerschein wegen einer Hausdurchsuchung abgeben müssen, bei der er mit einer Geldstrafe und Führerscheinentzug davongekommen war) erstens aus DEM PRINZIP bestand, denn, der Fettsack war dieses Mal nicht mit Drogen am Steuer erwischt worden und hatte deswegen den Staat Bayern ob der Unfairness verklagt, trotzdem den Führerschein abgeben zu müssen, zweitens (und wichtiger) dem Umstand, dass er als Führerscheinbesitzer nicht den ganzen Tag twentyfourseven drauf sein konnte, denn irgendwann würde er ja doch mal wieder Autofahren müssen, als ausnüchternde Maßnahme quasi und schließlich drittens konnte man den Lappen hin und wieder wirklich gut gebrauchen um selbst von A nach B zu kommen, so wie in diesem Fall.

Auf die Frage ob der Fettsack nicht schon bei Chris vorbeigesehen hätte, war die Antwort wie zu erwarten „Als erstens natürlich“ gewesen. „Den hab ich an die Wand geklatscht, dass seine Füße bloß noch so zum Boden gebommelt sind und hab ihn mal ner richtig heftigen Umfrage unterzogen“, fuhr er weiter fort.“
Paul: „Und?“

„Wie und? Nix und! Konnte ihm ja schlecht nen Finger abschneiden. Der hat aber auch so schnell zu Flennen angefangen. Ist wirklich schwer zu sagen ob er es war. Bin mir sicher, dass der wegen mir und Sarah nen Film schiebt. Aber… Ob das für so ne Aktion mit der dem Graffiti reicht? Ich meine. Der weiß doch wer ich bin. Und er ein Niemand. Aber selbst dem muss klar sein was für ne Kettenreaktion das nach sich zieht. (Pause) Dass es Chris war ist vielleicht auch einfach ZU offensichtlich.“

Der Lippenstift von Audi mit seinen vielen, vielen Pferdchen unter der Haube schnitt ruckartig durch die Gäßchen des Dorfes in welches der Fettsack sie gebracht hatte. Paul hasste es wenn Leute schnell fuhren und dann glaubten, sie seien GUTE Autofahrer. Wer schnell fährt, fährt in Pauls Sichtweise nicht gut. „Sportlich“ hatte in seiner Denkweise nichts auf einer öffentlichen Straße verloren. Die zwei anderen Typen im Audi mochten dabei einer anderen Meinung sein. Paul kannte die nicht. Sie sahen auf jeden Fall viel gefährlicher aus, als Paul es auf die Waage brachte. Mit Sicherheit waren sie beim Fettsack-Chris-Besuch auch am Start gewesen. Mit absoluter Sicherheit. Die Zwei saßen wie zwei Sack voller Türsteher auf der hinteren Sitzbank des Lippenstifts, nur dass Paul die Beiden noch nie an der Tür des Bosporus gesehen hatte. Keine Ahnung wo man solche Kerle herbekommt. Die Art jedoch wie der Fettsack seine Nase beim Autofahren und Schwitzen nach oben zog, gaben Paul eine Vorstellung. Paul sollte nur als höherer (O-Ton-Fettsack: ) „body count“ mitkommen, denn durch einen mehr wäre ihr Auftreten furchteinflößender. Drei sei eine gute Zahl von Leuten. Vier jedoch schon ein ganzes Team. So wie im Sport. Dass „body count“ eigentlich „Opferzahl“ bedeutete und nicht „Körperzahl“, ließ Paul einfach mal unerklärt. Die Ironie war zu groß für so eine krasse Situation.

Moment mal? Hatten die Typen auf dem Rücksitz etwa Waffen dabei?

„Du sagst einfach gar nichts und stehst nur cool da. Bistn großer Typ. Einfach grimmig schauen. Oder ne. Schau einfach neutral. Mach den Schweizer“, instruierte ihn noch der Fettsack, als sie vor einem unscheinbaren Einfamilienhaus irgendwo in einem für Paul namenlosen Kaff hielten – und Paul war hier in der Gegend aufgewachsen. Als die Türen dumpf ins Autoschloss gefallen waren, fühlte sich Paul ein wenig wie in dieser amerikanischen Serie „Ozark“, bei der in jeder Folge immer und die ganze Zeit viel zu viel passiert und die Protagonisten nie auch nur einen Tag zur Ruhe bekommen können. Dabei war es jetzt auch schon wieder Mittwoch. Wenn Paul es schon nicht fertiggebracht hatte dem Fettsack abzusagen, hätte er ihn wenigstens danach fragen sollen, zu wem zum Teufel er ihn überhaupt brachte? War das so ne Art Drogenbaron hier? Oder nur ein Dealer oder…? Wen zur Hölle hatte sich der Fettsack ausgerechnet, dass er ihm „Junkie“ an seine Scheibe geschmiert haben könnte?

In den meisten Dailysoaps gäbe es keine Handlung mehr, würden sich die Leute nur einmal anständig über ihre Motive und Probleme aussprechen.

Auf dem Klingelschild stand „Baader“ und die Hausglocke machte ganz Sitcomstylisch: DingDong. Da standen sie nun. Der durchtrainierte Fettsack mit seinen Schlägern. Und seinem Kindergartenfreund Paul. Es fühlte sich an wie die eine Szene aus einem Gangsterfilm, die nachträglich herausgeschnitten werden würde. Als das Licht im Gang zur Haustüre angeknipst wurde, dachte sich Paul noch kurz: „Baader? Momentchen Mal, ist das etwa?“ Und schon wurde die Türklinke von innen betätigt und eine vollkommen normal aussehende Frau in ihren Vierzigern stand in der Türe. Sie war dürr, hatte blond gefärbte Haar, war nicht unmodisch gekleidet – und sah überhaupt nicht aus nach Puffmama oder Drogenmutti. Nein. Sie sah aus wie der personifizierte Mittelstand. Zu Pauls steigender Überraschung hatte der Fettsack genau damit gerechnet, denn noch bevor ein „Ja bitte?“ aus dem überraschten O-Mund der Frau entweichen konnte, machte Pauls Freund die Ansage: „Und jetzt geht´s los!“ Stieß dabei die Frau zur Seite und das „body count“ Kommando stürmte voll rein.

Fettsack: „BAAAAAAADER! Wo steckst du Mistkerl?!“

Absolution 47 – Die Wahrheit über die Mi-Cock

„Wir konnten sie nicht in der Schlacht besiegen. Unsere tapfersten und mutigsten Krieger mussten ihr Leben lassen, doch sie konnten sie nur aufhalten. Uns Zeit verschaffen. Ein Sieg war unmöglich. Ein solcher Feind war uns noch nie begegnet. Andere skrupellose Königreiche, die unser Land wollten, jawohl. Doch solche Bestien? Ich weiß was du fragen willst, Paul. Wie sehen diese Bestien aus? Doch diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Und ich weiß, wie verrückt das klingt. Sie müssen doch Gesichter haben. Arme, Beine, eine Körpergröße, vielleicht einen Schwanz! Doch niemand kann es mit Genauigkeit sagen. Nur, dass sie für jeden der sie sieht, ein anderes Aussehen besitzen… Vielleicht macht genau das ihren Schrecken aus? Manche sehen riesige Spinnen, Insekten oder anderes Getier. Andere berichteten von Reptilien, die gebaut waren wie Menschen. Nur vollkommen nackt und… Glitschig. Wieder andere sahen ganz normale Menschen, nur mit pechschwarzer Haut und wulstigen Lippen. Krause Haare. Menschen wie du und ich… Nur… Schwarz…. Die einen erzählten von Feuerfontänen, welche sie spien. Andere sprachen nur von normalen Hieb- und Stichwaffen… Ich weiß nicht ob diese Berichte den eigenen Phantasien oder unzähligen Einzelerlebnissen entsprangen. Vielleicht war alles davon wahr. Vielleicht auch nichts… Ich kann nur sagen, dass wir keine Möglichkeit hatten, diesen Feind zu besiegen. Noch nie habe ich meinen Vater so hilflos gesehen. Er ist ein stolzer Mann, Paul. Jemand, der auf alles entweder eine Antwort weiß, oder zumindest jemanden findet, der sie ihm gibt. Solche Monster kannte nicht einmal er. Keiner von uns. Wir haben nicht einmal einen Namen für sie. Wir nennen sie Monster oder Dämonen. Es gibt keinen Ausdruck für sie, der ihnen gerecht werden würde. Was ist schon eine Bestie?“

„Hast du denn gar keinen von ihnen gesehen?“

„Ich… Ich will nicht darüber sprechen… Mit ein wenig Glück siehst du sie vielleicht nie. Mit ein wenig Glück haben wir dich ganz umsonst hierhergeholt.“

„Und ohne dieses Glück?“

„Ich muss dir nun wirklich von Thorfinn erzählen. Thorfinn war der Sohn von Klove. Sie Beide gehörten unserem Stand von Weisen an. Dabei musst du wissen. Unser Volk teilte sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch in drei verschiedene Stände. Wir lebten in Einklang miteinander. Jeder diente dem anderen, doch keiner hätte ohne den anderen überleben können. Jeder hatte in seinem Stand eine genaue Aufgabe, die er zu erfüllen hatte. In diese Aufgaben wurde man hineingeboren. Ehelichungen zwischen den Ständen waren verboten.“
„Wieso?“

„Weil es sich nicht gehört, wenn die Tochter eines Weisen einen Arbeiter heiratet.“

 „Wieso?“

„Ich… Verstehe deine Frage nicht? Es ist so.“

„Und wieso ist es jetzt nicht mehr so?“

„Da unser Volk in dieser Form nicht mehr existiert. Was hier angekommen ist, sind nur noch die Scherben unseres Volkes. Jetzt sind wir alle gleich. Bis wir wieder einen Ort zum Leben gefunden haben, in der sich die Stände neu errichten können. Vor der Flucht gab es für jedes Problem eine Lösung, in Form einer Person. Wie ich schon sagte. Jeder hatte eine Aufgabe. Ein Mi-Cock ohne Aufgabe gibt es nicht. Alles war genau aufgeteilt.“

„Es gab die Weisen, die Arbeiter. Und wer war der dritte Stand?“

„Die Feuerwächter. Sie lebten in den Bergen…“

„Ich hätte jetzt den Adel erwartet. Die Herrscher.“

„Das sind die Weisen. Wer sollte denn sonst befehlen, außer den Weisen? Worüber lachst du?“

 „Ach… Unsere Völker sind sich unterschiedlicher als du dir vielleicht vorstellen magst.“

„Wieso? Erzähl mir von deinem Volk! Ich will alles wissen! Bitte erzähl mir von dir!“

„Öhm… Ach… Erzähl mir zuerst von Thorfinn. Ehrlich gesagt kann ich dir nicht genau sagen, wieviel Zeit mir bei euch bleibt. Ich weiß nicht wie ich es beeinflussen kann, hier zu sein oder gehen zu müssen. Ehrlich gesagt wollte ich bisher immer nur wieder weg… Ich verstehe ohnehin nicht wie das Alles funktioniert.“

„Es ist Magie.“

„Nun. Das ist eine etwas dürftige Erklärung. Denn selbst wenn es so etwas wie Magie gäbe, muss sie nach irgendwelchen Gesetzen funktionieren. Selbst Zauberei hat einen Ursprung, der mit irgendwelchen Umständen verbunden sein muss.“

„Magie ist wie die Sonne. Sie ist immer schon dagewesen.“

„Oh… Glaub mir… Die Sonne ist von meinem Volk gut erforscht worden.“

„Ihr wart auf der SONNE?“

„Ne. Ne, ne. Wir haben sie beobachtet. Den Mond haben wir besucht… Du musst wissen, dass mein… VOLK, ähm die Fähigkeit hat die Erde zu verlassen.“

„Den Mond! Magie!“

„Nein… Es ist… Eine besondere Form von Magie. Vereinfacht gesagt gibt es mehrere Orte wie die Welt in der wir leben. Du hast eine davon gesehen. Ich auf jeden Fall. Als ich deine Kugel berührt habe, sah ich eine weitere Welt, du natürlich auch.“

„Die große Kugel?“
„Genau. Die Sonne ist so etwas ähnliches.“
„Wir müssen sie finden.“

„Wen? Die Sonne?“

„Nein, die anderen Kugeln!“

„Ich… Verstehe nicht…“

„Wir müssen sechs Kugeln finden. Diese hier, ist nur eine davon.“

„Es gibt noch fünf… Wo sind sie?“

„Deswegen haben wir dich gerufen. Du musst mir helfen die Kugeln zu finden!“

„Wie soll ich denn?… Ich hab keine Ahnung wie ich diese Dinger finden könnte.“

„Ist dir irgendetwas aufgefallen als du hierhergekommen bist? Ist dir irgendein Ort besonders vertraut?“
„…“

„Irgendwas?!“

„Tja… Ganz ehrlich… Mir ist nichts aufgefallen.“

„Du wirst es sicher noch verstehen…“

„Was hat das mit dieser Thorfinn-Geschichte zu tun? Und was bringt es alle 6 von diesem Kugeln zu besitzen.“

„Wenn wir alle 6 Kugeln haben, können wir die Dämonen besiegen.“

„Und wie?“

„Das weiß ich nicht. Das hat Klove uns nicht verraten.“

„Wo ist Klove? Ist er bei Thorfinn?“
„Sie sind Beide gestorben. Klove wurde gefressen.“

„Das ist übel. Und Thorfinn?“

„Ich… Ich weiß es nicht… Er ist in ein Licht gegangen.“

„Der Logik aller Filme nach lebt er also noch…“

„Film?“

„So nennen wir unsere Überlieferungen. Wir erzählen sie uns zu unserer Unterhaltung.“

„Thorfinn sollte das Medium sein, durch das wir die Pforte in deine Welt öffnen. Klove wusste wie groß die Bedrohung ist. Er hat sogar seinen eigenen Sohn geopfert… Ban… Paul. Nachdem was ich gesehen habe, glaube ich nicht an ein Überleben von Thorfinn…“

„War auch nur eine Vermutung…“

„Also? Hilfst du uns? Hilfst du dieser ganzen Welt zu überleben? Wenn du eine Belohnung benötigst ich… Ich habe natürlich bemerkt wie du mich ansiehst, und…“

„NEIN! Nein, nein… Ich weiß nicht… Du bist außerordentlich hübsch und… Ich… Ich… Weißt du… Jetzt… Jetzt wo das Ganze irgendwie real geworden ist… Also vorher, bevor ich die Kugel berührt habe… Da… Versteh mich nicht falsch. Du bist unglaublich geil… Aber jetzt… Nicht so… Nicht in der Realität…“

„Bin ich denn nicht nur eine weitere Frau für dich? Eine Wilde?“

„Ja… Und nein… Das warst du. Also du nicht echt für mich warst… Jetzt… Jetzt bist du für mich zu einem Menschen geworden… Ich weiß das klingt bescheuert…“
„Ist es wegen deiner Freundin? Wegen Techno?“

„Was?“

„Du meintest du liebst Techno.“

„Äh nein. Das ist. Das ist Musik. Doch da ist jemand. In meiner Welt… Egal… Weißt du. Irgendwie ist jetzt alles anders. Das alles hier“ Banyardis Arme machen eine ausholende Geste. „Ist plötzlich Wirklichkeit geworden… Du… Du hast mich überzeugt.“

„Also hilfst du mir?“

„Ja… Nur… Wie?“

„Das ist fantastisch! Wir müssen die Kugel finden, die hier im Dorf ist!“

„Hier im Dorf? Ich dachte wir begeben uns auf eine Reise oder so…“

„Das sind wir schon. Wir sind schon auf der Reise die Kugeln zu finden. Oder warum glaubst du ist ein Volk, dass so stark ist in der Gefangenschaft deiner Ureinwohner? Was denkst du warum wir hier sind?“

„Ihr… Ihr habt euch gefangen nehmen lassen?“ „War das denn nicht vom ersten Augenblick an offensichtlich?“

Absolution – 46 – Die Erleuchtung

Paul packt mit Banyardis starker Hand Ylva an ihrem linken Arm und zerrt sie fort. „Komm mit verdammt noch mal. Wir haben zu reden.“ Der Griff seiner Hände ist grob und brutal. Jede Frau in der realen Welt hätte vor Schmerzen rebelliert. Nicht Ylva. Er zerrt sie vom Dorf fort. Fort von den Menschen, die seiner Logik nach gar keine sind. Als sie außer Sicht und Hörweite sind lässt er sie frei.

„Ich bin kein Erlöser, kein Auserwählter, kein gar nichts. Ich bin ein MISSverständnis. Denn erstens gibt es kein (er fuchtelt mit seiner rechten Hand in die Dschungelluft) HIER. Und zweitens bin ich gar nicht hier.“ Ylva massiert ihren rechten Arm, an dem er sie gepackt und gezogen hat.

„Beruhige dich Banyardi… Wesen… In Banyardi…“

„Paul. Mein Name ist Paul.“

„ Paul…“. Ihr wunderschönes Gesicht zeigt weder Entsetzen noch Furcht. Ihr Blick verrät freudige Hoffnung. „WIR haben dich gerufen. Wir haben dich hierhergeholt! Wir, die Mi-Cock! Du wirst unser Retter sein!“

„Püppy. Du hörst mir nicht zu! Ich weiß nicht einmal wie man ohne Feuerzeug FEUER macht! Mein Verstand redet sich nur ein, dass du dir einredest, dass ich mir etwas… EINREDE!… Herr im Himmel klingt das verrückt… Pass auf… Ich würde in diesem Dschungel verhungern! Ich bin kein Erlöser. Und ich bin auch niemandem eine Hilfe…“
„Du verstehst nicht! Auch ich kann in diesem Dschungel nicht alleine überleben. Wir haben dich nicht gerufen, damit du uns ernährst. Wir haben dich gerufen, damit du mir hilfst! Du bist der Schlüssel!“

„Dir? Warum ausgerechnet dir? Was macht dich denn zu etwas Besonderem?“ Paul zeigt dabei mit seiner ausgestreckten Hand ohne beabsichtigte Ironie auf ihre großen Brüste.

„Weil ich sie finden kann Paul! Ich kann sie finden!“ Mit diesen Worten hebt Ylva ihre Kette zwischen ihren Brüsten hervor, an der eine einzige, große Kugel die bis vor kurzem neckisch zwischen ihren Brüste gebommelt hat, und streckt ihm nun  eben jene Kugel entgegen. Tatsächlich ist diese Kugel wie nichts was Paul in dieser Welt jemals gesehen hat. Sie ähnelt einer braunen, verschlungenen Glasperle, ähnlich den Perlen, mit denen Paul als Kind einmal gespielt hat, bis er (sehr schnell) das Interesse an ihnen verloren hatte. Sie waren irgendwo im Schrank seiner Schwester gelegen. In einem kleinen Säckchen. Wahrscheinlich hatte auch seine Schwester sie nie benutzt, sondern sie nur von ihrer Mutter oder von einer Tante „geerbt“ gehabt. Paul mochte an ihnen, wie glatt und sanft sie gewesen waren. Fast anschmiegsam. Ylvas Kugel schien diesen zu gleichen, nur ist sie ein wenig größer und damit schwerer.

„Gute Frau. Ich will jetzt ja nicht massig mit meiner un-glaublichen Bildung protzen. Doch. Ich weiß, dass in Amerika indige Völker wie die Ma-Fag ihre eigenen Leute, ganze Länder für so wertloses Zeug wie diese Kugel verkauft haben. Doch. Nur weil du etwas nicht kennst und oder verstehst, muss es nicht von Wert sein. Glaskugeln sind nur… Gegenstände.“

„Berühre sie.“

„Was?“

„Ich will das du meine Kugel in die Hand nimmst.“

Ylva sieht ihn mit so weiten fordernden Augen an, dass ihm dabei unwohl wird. Allein dir Vorstellung etwas zu berühren, dass gerade so penetrant zwischen ihren wogenden Titten gebaumelt hat, erscheint Paul als einen Einbruch in Ylvas Intimbereich.

„Fass sie an!“
Paul seufzt. „Na okay. Ja gut. Dann fass ich halt deine blöde…“ In dem Moment in dem sich die von Paul bewegte Hand Banyardis um die Kugel schließt, schrumpft das gesamte Gesichtsfeld Pauls, dass auf Ylvas Gesicht gerichtet ist, schlagartig auf einen immer kleiner werdenden Punkt zusammen. Es beginnt damit, dass der Himmel verschwindet. Dann der Dschungel. Dann Ylva. Alles fällt in sich zusammen. Bis am Ende nicht nur Ylva, sondern auch der gesamte Dschungel, der Planet, jegliches Sonnenlicht, ALLES in sich zusammengebrochen und auf einen Punkt singularisiert ist. Bis auch dieses Staubkorn, welches einmal ein ganzer Planet war, verschwunden ist. In der ersten Sekunde in der, der kleine Punkt, in der sich die Welt der Ma-Fag fokussiert hat, verschwunden ist, saugt das Nichts des Weltalls in dem er sich unvermittelt und unvorbereitet befindet, die Luft aus seinen Lungen. Paul fühlt wie er fast augenblicklich dabei ist zu ersticken. Doch dazu kommt es nicht. Denn in der zweiten Sekunde erfriert Paul im Vakuum des Universums schwebend, abgeschnitten von allem, was ein Mensch zu überleben braucht. Kein Mensch kann außerhalb der Erde existieren. Doch er stirbt nicht.

Sein Bewusstsein versteht es zwar nicht, nimmt die Gegebenheit dennoch als Tatsache wahr, dass es hier einen Körper weder benötigt noch besitzt. Dabei ist Pauls Seele geschockt vor Angst. Noch nie in seinem Leben hatte sich so ein Gefühl der Überwältigung in ihm breitgemacht. Das hier war heftiger als jeder Drogenkick. Krasser als jede Panikattacke.  Schlimmer als ein Ritt auf LSD und Ketamin zusammen. Sein Bewusstsein ist innerhalb einer Sekunde komplett zusammengebrochen, wie ein Stern, der in sich zusammenfällt, nur um noch als tanzendes Staubkorn zu existieren. Er taumelt, dreht sich im Nichts. Und erst dann sieht er den Planeten. Diese unglaublich, unglaublich, ungeheuerlich verschissen große, riesige, gigantische Kugel direkt vor seinem Staubkornbewusstsein. Paul schreit, doch er hat keinen Mund, aus dem ein Wort entweichen könnte. Paul wird verrückt, doch er besitzt auch keinen Verstand, der in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.  Die pure Daseinshaftigkeit des beigen, braunen Planeten, hinter dem irgendwo, weit entfernt von der Erde die Sonne aufgeht, dem größten Planeten des Sonnensystems mit dem rotierenden, wabbernden Auge an dessen Unterseite, der irgendwie genauso und doch ganz anders aussieht wie auf den Teleskopbildern der Wissenschaftler, zerdrückt mit seiner Schwerkraft und durch seiner puren Daseinshaftigkeit Pauls Staubkornbewusstsein. Zermalmt alles was an ihm jemals menschlich oder auch nur möglich war. Paul wird verrückt beim Anblick der für ihn unendlich großen und dabei so gespensthaft göttlich stillen Gaskugel. Paul schreibt. Doch da ist kein Laut. Paul wird zerrissen, doch da ist kein Körper.

Alles geschieht auf einmal. Der Zusammensturz der Ma-Fag-Welt. Das Ersticken. Das Erfrieren. Der Planet. Der Wahnsinn. Und dann auch noch dieser entfernt schwache Sonnenaufgang hinter dem Gasballon, der all die Stürme und Wirbel beleuchtet und zum Vorschein bringt die über den Planeten tanzen; dieses Bild ist so schön, so schön, so schön, ungreifbar herrlich, dass es Pauls Bewusstsein so dermaßen überstimuliert, dass… Er weint und lacht zugleich. Verliert jeglichen Lebensmut. Und fühlt sich der göttlichen Erlösung so nahe wie noch nie in seinem Leben.

Wie Ylva ihn von sich stößt, fällt Paul nach hinten auf dem Boden und landet auf seinem Hintern. Paul wieder zurück im Dschungel. Zurück in der stickig warmen Welt von Mi-Cock und Ma-Fag. Zuhause auf Mutter Erde. Neugeboren auf dem dritten Planeten des Sonnensystems. Paul ist wieder Mensch geworden. Da sind seine Hände. Da seine Arme. Hier seine Beine. Da sein Kopf. Nachdem er die anderen Körperteile abgetastet hat bleiben seine beiden Hände auf ihm liegen. Erst dann saugt er erschrocken die heißfeuchte Luft des Dschungels in seine Lungen ein – noch nie hat Luft so gut geschmeckt wie in diesem Moment. Er hatte nicht einmal gewusst, das Luft schmecken kann. Ylva sieht das Entsetzen in seinen Augen.

„Hast du es gesehen?“ Die Frage ist überflüssig. Nur welche Frage wäre nach dieser Erfahrung angebracht?

„Fuck… Das… Das war Jupiter, oder etwa nicht?“

„Jupi?…“

„DER VERDAMMTE PLANET JUPITER!“

„War dir ebenfalls so kalt bei der Erscheinung?“

„KALT!?“

Paul seufzt. Daraufhin nickt er einmal entkräftet.
„Ja. Ja, mir war auch sehr kalt. Und sehr wenig Atemluft…“ Paul ist müde. Das Alles ist eindeutig zu viel für ihn. Sein Blick geht starr in den Dschungel hinein. Jetzt, nach diesem Erlebnis in der Kälte des Weltraums – was zur Hölle hätte seine… Vision denn sonst darstellen sollen? – fühlt sich dieser Ort unendlich wahrhaftig und lebendig an. Paul bohrt die Finger des Wilden in den Erdboden und greift fest in ihnen hinein, so als ob er im Inbegriff wäre, gleich wieder davon zu fliegen. Wie schön die Natur doch ist. Wie beschützenswert. Voller Leben und Hoffnung. Der Dschungel. Die pulsierende, raschelnde Lunge des Planeten Erde. Fasziniert lässt Paul seine schmutzigen Finger (Schmutz? Welcher Schmutz?) über die Blätter eines ihm unbekannten Gewächses gleiten. Eine Art Farn. Einfach nur grün und lang und blättrig. Und wunderschön. Der Farn fühlt sich lebendig in seinen Fingern an. Als hätte er wie Paul ein Herz und eine Seele. Er schüttelt den Kopf. Entweder ist dieser Ort eine andere Wahrheit. Oder. Er ist nun endgültig verrückt geworden. Sein Blick gleitet von dem Farn hinüber zur Mi-Cock Prinzessin, die ihn noch immer erwartungsvoll ansieht. Darauf wartet, dass der „Erlöser“ mit ihr spricht. Wie schön sie ist. Nur ist ihre Schönheit für Paul nicht mehr die Gleiche wie vor seinem Ausflug zum Jupiter. Ihre jetzige Schönheit ist für Paul nicht mehr die eines Objektes. Nicht einmal mehr die einer Frau. Ylva ist für ihn zu einem Menschen geworden. Paul seufzt. Was ist schon real? Katha? Ylva? Wie definiert man überhaupt den Begriff „Wirklichkeit“? Fragen über Fragen die man einem Psychotherapeuten stellen könnte. Er steht auf. Nickt Ylva aufmunternd zu und meint zu ihr: „Dann erzählt mir mal von deinem Thorfinn.“      

Absolution 45 – Fantasy ist ein Witz

15

„Was hast du gesprochen?“

„Ach scheiße…“

„Was du gerade zu mir gesprochen hast?“

Paul lacht Ylva über Banyardis Mund in ihr Gesicht: „Bin ich doch wieder hier. Ich glaub´s ja nicht.“

Ylva sieht ihn mit großen Augen an. Sie flüstert: „Wusste ich es doch…“
Wieder steht Paul im Körper des Wilden Banyardi im Urwald und wieder redet er mit Ylva, dem weiblichen Superwesen jeglicher Männerphantasien. Was für ein Zufall. Selbstverständlich schickt ihn seine Phantasie zu dieser heißen Mieze zurück und nicht zu den anderen Dschungelbewohnern. Was haben die ihm auch schon zu bieten? Nur hat Paul jetzt keine Lust mehr.

„Jetzt ist Schluss, YL-VA!“ grinste Paul sowohl amüsiert als auch genervt die Mi-Cock-Prinzessin an. „Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß.“

„Banyardi! Was war der letzte Satz, den ich zu dir gesagt habe?“

Darauf zuckt er mit den Schultern. „Davon abgesehen, dass es mir total Wurst ist was Banyardi gerade gesagt hat, weiß ich es nicht. Okay?

„O… Was?“ Ylva macht erschrocken einen Schritt zurück. Doch. Ihre Augen bleiben neugierig. Sie ist weder so überrascht wie Paul es erwartet hätte, noch scheint sie Angst vor dem Wechsel in Banyardis Kopf zu empfinden.

„Ich wusste das in dir zwei Seelen leben“, mit dem Satz macht sie wieder zwei Schritte an Banyardi heran. „Ich wusste, dass die Zeremonie etwas gebracht hat. Nur das du… Und hier… Und erst jetzt…“

Paul schiebt Ylva sacht drei Schritte von sich weg. Sie war eindeutig zu nah gekommen, was sich für Paul noch immer sehr unangenehm anfühlt. Außerdem hat er jetzt eine Freundin.

„Ja, ja“, winkt Paul ab. „Zeremonie. Ma-Fag. Mi-cock. Blahblahblah. Gute Frau. Ich brauche all das nicht mehr. Ehrlich gesagt, denke ich, dass ich das nie gebraucht habe. Kein Plan was mein Unterbewusstsein das ausgeheckt hat.“

„Du verstehst nicht!“ Ylva will sich wieder auf Paul zu bewegen. Sie lässt es nach einer Sekunde des Zögerns. „Wir haben dich gerufen.“

„Natürlich habt ihr mich gerufen! Euch gibt’s ja auch alle gar nicht. Euch gibt es nur in meinem Kopf. Der denkt aber, dass er euch braucht. Das ist aber Bullshit. Ihr seid alle nur Projektionen meines…“ Paul muss schlucken. „Wahnsinns… Durch dich geile Sau kom-pen-SIERE ich nur irgendwas in meinem Kopf. Das ist jetzt aber vorbei. Ich bin jetzt nicht mehr alleine.“

„Wer bist du? Erzähl mir nur wer du bist! Sag mir ob du der bist, den wir gerufen haben?“
„Mann das war noch Zeiten als ich mir druff einen runterholen konnte und meine RUHE hatte… Wie soll denn das in Zukunft laufen? Ihr macht mir JEDES Mal meinen Film kaputt…“
„Wer glaubst du, dass du bist? Gerade warst du noch ganz anders. Gerade haben wir noch über den Dschungel gesprochen und…“

„Ich habe keine Ahnung von. DSCHUNGEL. Ich lebe im verdammten 21 Jahrhundert. In einem Haus (Paul formt mit zwei Finger ein Strichhäuschen in die Luft) und gehe ar-beiten. Kennt ihr ja nicht… Ich liebe TECHNO auch wenn jeder Idiot heutzutage ELECTRO dazu sagt. Ist komisch. Ich weiß. Ist aber so.“

„Wer ist diese Techno?“
Paul lässt den Kopf überzeichnet sinken: „Echt jetzt?“
„Wie ist ein Name? Dein richtiger Name?“
„Paul. Mein Name ist Paul.“

„Und du kommst aus einer anderen Zeit?“

„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich vom gleichen Planeten komme wie ihr Wilden.“
„Paul, hör mir zu.“ Ylva geht wieder auf ihn zu, ergreift seine beiden Hände und blickt ihm von unten tief in seine Augen. „WIR haben dich gerufen, weil wir deine Hilfe brauchen. Die Mi-Cock sind der Grund weshalb du hier bist. Noch bevor die Monster uns überfallen haben, noch vor unserer Flucht, haben wir eine Zeremonie abgehalten um jemanden wie dich zu holen. Wir dachten, du würdest in den Körper von Thorfinn eintauchen… Der arme Thorfinn… Er…“

„Nichts davon ist wahr“, Paul reißt grob seine Hände aus Ylvas Griff. „Ist dir außerdem schon mal aufgefallen das es in jeglicher Unterhaltungsgeschichte immer einen ERLÖSER geben muss? Von Star Wars über Matrix bist zu Herr der Ringe. Das ist so DÄMLICH und unkreativ. Das ist alles Bullshit!“

„Was?“

„Das ist alles UN-SINN!“

„Bitte sei nicht so laut. Die Ma-Fag werden auf uns aufmerksam…“

„Na wenn schon?! Es GIBT keine Ma-Fag! Verstehst du? Ach… Wie solltest du das auch verstehen?…“
„Banyardi… Paul… Wir haben dich gerufen, damit du mir helfen kannst sie zu finden.“

„Was zu finden denn?“ Paul breitet seine Arme aus.“ „Was zum Teufel glaubt ihr denn hier finden zu können?“

Eine Hand legt sich auf Pauls kräftige Banyardi Schulter. Unwirsch dreht Paul sich um und wischt sie weg. Erschrocken taumelt Maya zurück. „Mein Sohn, was ist geschehen?“ Paul hält inne. Maya zu Sehen verändert etwas in ihm. Banyardis Gefühle zu seiner Mutter stürzen über ihn herein. Sofort bereut er es seine Mutter so brüsk behandelt zu haben. „Mutter… Ich… Ich wollte nicht… Ich wusste nicht…“ Und sofort sah er in ihren Augen, dass es gut war. Maya würde es ihm nicht allzu lange verübeln, aus der Rolle gefallen zu sein. Hierfür. Traf ihn keine Schuld.

„Ich muss um Verzeihung bitten Mutter. Der Rat hat mich gebeten mit Ylva zu reden.“

„Welcher Rat mein Sohn?“

„Ähm. Kamyor hat mich gebeten.“

Absolution 44 – Liebe hat nichts damit zu tun

„Ende gut. Alles gut“, sprach Paul wortwörtlich in sich hinein. Pflichtbewusst und pünktlich wie immer stand die Sonne am Himmel und schien auf all die glücklichen wie unglücklichen Ameisen auf den Planeten Erde hinab. Katha und Paul hatten zusammen gefrühstückt und auch das hatte gut funktioniert. Schließlich waren sie seit Jahren befreundet gewesen, bis diese Nacht unwiderruflich alles verändert hatte. Der gemeinsame, frisch aufgebrochene Alltag fühlte sich ebenso seltsam wie natürlich an.  Sie hatten die Semmeln mit Frauen-Brotaufstrichen beschmiert, dessen Geschmacksrichtungen ebenso fremd gewesen waren, wie die Topfpflanzen an Kathas Fenstern. Der Kaffee war ein wenig zu schwach, was in Ordnung war. Dabei tönte irgendein Radiosender aus der kleinen tragbaren Anlage. Auf eine seltsam lustige Art zauberte die Radiomusik die größte Verwunderung in Pauls Lachen: „Tatsächlich, ich höre Radio – und es gefällt mir.“ Er musste es nicht aussprechen. Katha kannte Pauls Verhältnis zur Radiomusik, die er immer als „Volksverblödung“ abgetan hatte. Nun nickte er lächelnd mit, während die Sonne ihre ersten Strahlen auf Kathas wunderschöne Erscheinung warf. Sie beobachtete ihn genau. Sah die Verwandlung einsetzen die sie für ihn geplant hatte und erfreute sich an ihrem „Freund“; was immer dieser Ausdruck im Deutschen bedeuten konnte.

Pauls Herz schlug spürbar locker und fröhlich vor sich. Er konnte sein eigenes Herz spüren, vor Freude. Ein Gefühl, das er kaum mehr kannte. Sein Herz war ihm bisher nur aufgefallen, wenn es unverhofft und unnatürlich in seinem Herzen vor sich hin stolperte, sich scheinbar überschlug. Die Frage ob er Katha gegenüber echte Liebe empfand, stellte sich nicht. Dafür war er viel zu heiter und ausgelassen. Die großen Fragen mussten warten und würden, der Methode der Erfahrung folgend, erst im Nachhinein beantwortet werden, wenn alles zu spät war. So. War es immer gewesen.

Als Paul seine Wohnungstür geschlossen hatte, überlegte er 5 Sekunden lang, wie der Tag weitergehen würde. Es war ein Sonntag und Katha hatte sich schon beim Frühstück entschuldigt, dass sie heute mit Familiendingen beschäftigt sein würde – am liebsten hätten sich die Beiden nach dem Frühstück gleich wieder zurück ins Bett verdrückt, um es nie wieder zu verlassen. Doch da das nach all den Jahren, die die Vorbereitung der Katha/Paul-Geschichte benötigt hatte, die vergangene Nacht nun doch mehr als überraschend doch zustande kam, mussten die Stelldicheins auf die kommende Woche verschoben werden. Paul hatte den Rest des Tages frei. Nur. Was machen „normale Menschen“ an einem freien Tag? Familie hatte er erst gesehen; und eh keine Lust drauf. Was mit Fettsack machen? Chris? Na ja. Wäre eine Möglichkeit. Aber. Irgendwie schien das eine zu darke und deepe Wendung genommen. Vielleicht sollte er die mal in Ruhe lassen.  Tatsache war: Paul hatte noch Amphetamine da. Einen guten Haufen sogar. Ganz sicher. Die Frage war nur, ob das jetzt überhaupt noch Sinn machte. Jetzt wo er im echten Leben das hatte, was er sich Jahrelang so gewünscht hatte…  

Der Kopf musste die Frage gar nicht beantworten. Pauls Körper lief wie ferngesteuert los und holte mit einem gekonnt blinden Griff sein Pep vom Küchenschrank. Ja. Ja. Das war ja alles ganz toll mit Katha. Er war so glücklich. Wahrscheinlich liebte er sie wirklich. Aber. Nur. Er war halt auch ganz gerne richtig gut drauf. Da musste er ehrlich zu sein selbst sein. Warum nicht einfach ein paar Lines platt machen und sich noch einmal in die letzte Nacht zurück träumen? Denn. Genau. Das würde er jetzt machen. In der Drogenerinnerung noch einmal seine Seele über Kathas Körper gleiten lassen. Im Rückspiegel noch einmal ganz nah bei ihr sein. So wie FRÜHER. Nichts da mit irgendwelchen Fantasy-Urvölkern. Das war doch nur ein hohler, blöder Ersatz für einen Mangel an Liebe gewesen. Jetzt musste er sich nicht mehr dorthin verabschieden. Denn nun war alles anders. Jetzt. War Katha. Okay. Penibel ausgedrückt war jetzt Drogenzeit. Nicht Katha. Mit Liebe hat das aber nichts zu tun. Dann saugte er gleich noch eine dritte Line in sich hinein. Sein Leben konnte gar nicht besser sein.

Absolution 43 – Die junge Christiane Paul

Katha lachte Paul an. Und die Welt lachte mit ihr.

Schon seit jeher hatte Kathas Äußeres Paul an die Schauspielerin „Christiane Paul“ erinnert. „Die junge Paul“, selbstverständlich nicht die alte. So ticken die Hormone. „Die junge Paul“ hatte es Paul seit jener Nacht angetan. Er hatte sie zufällig im Fernsehen gesehen, in jenen Tagen, als das Fernsehen für Pauls Generation noch existierte. Wie lange mochte das her sein? Fünf Jahre. Sechs Jahre. Eine Ewigkeit. Paul war ein noch junger Kerl gewesen, der es nicht nötig hatte sich vor dem Rechner in Träumen zu verlieren. Bestimmt würde der junge Paul, den alten verabscheuen, wenn er sein Schicksal antizipieren könnte.  

„Im Juli“ hieß der Spielfilm von Fathi Akin, in dem „die junge Paul“ und Moritz Bleibtreu einen Roadtrip nach Istanbul bewältigten, um nicht weniger als die Liebe zu finden. Der reale Paul hatte Katha gerade vor ein paar Stunden kennen gelernt gehabt und genau in dieser Nacht, in welcher dieser Film lief, kam er nachhause, was zu dieser Zeit noch das Haus seines Vaters war, und sah mit druffer, verliebt verschobener Optik „die junge knackige Paul“ aus dem Empfangsgerät lächeln. Nein. Strahlen. „Die junge Paul“ strahlte ihn aus dem Fernseher an – und Pauls Herz ging auf. Die Ähnlichkeit zu Katha schien ihm verblüffend, obwohl „die junge Paul“ in dem Film afrikanisch geflochtene Haar trug und ihre eindrucksvollen Titten doch ein wenig zu groß und saftig waren, um mit denen von Katha zu vergleichen gewesen wären. Tatsächlich war es der Körper der jungen Frau gewesen, welcher ihn nicht weiter durch das Programm zappen ließ. Gefangen nahm ihn letztendlich doch nur ihr Lächeln. Ihre Aura. Ihre einnehmende Ausstrahlung, die es Paul schon damals erschwerte, zwischen der echten Katha und der Schauspielerin zu unterscheiden. In diesem Moment, auf dem Sofa seines Vaters, wurde die Figur auf dem Bildschirm eins mit dem Mädchen, dass er gerade zum ersten Mal getroffen hatte. Fast automatisch spürte Paul eine ungeheure Verliebtheit in sich, die weit über die Banalität des Sexes hinausging. Ob das die Drogen waren? Oder ein Fingerzeig einer höheren Instanz? Nun. Das spielte jetzt keine Rolle. Ebenso, wie es in Zukunft keine Rolle spielen würde. „Die junge Paul“ im Film lächelte weiter. Sie wuchs im Film vor Pauls Augen zu einer Über-Frau heran. Nicht weil sie eine „Sex-Bombe“ war. Es war ihr offenes Schauspiel ohne Visier, dieser Blick, der gleichzeitig Mut und Verletzlichkeit ausstrahlte. Sie wirkte kokett devot, obwohl sie doch in jeder Situation die Zügel über den weiteren Filmverlauf in der Hand hielt… Sie war mehr Frau, als jegliche kalte Hollywood-Schauspielerin, die Paul jemals in der Flimmerkiste gesehen hatte. Sie war so, wie sich Paul eine komplette Frau vorstellte. Eine komplette Persönlichkeit, nicht nur ein lächerlich überzeichnetes Idealbild einer Frau. Sie war ein junges Mädchen und eine erwachsene Frau in einer Erscheinung. Und. Sie war auch Katha… Und Katha war „die Paul“.  

Der Name des Regisseurs war „Faith“ was so viel bedeutete wie Schicksal. Der Name des Hauptdarstellers „Bleibtreu“… Wie konnte der Film kein Zeichen sein? Selbst als Paul einige Monate später feststellen musste, dass der Name des Regisseurs keineswegs „Faith“ sondern „Fathi“ lautete. Nur spielte dieser Umstand schon lange keine Rolle mehr… Nun schon gar nicht mehr. Seine „junge Paul“ lag verschmitzt lächelnd in seinen Armen. Und Paul war am Ende seiner Reise angekommen. Hier dürfte Pauls Film nun enden. Katha und Paul lächeln sich verliebt an, während die Kamera Abschied nimmt. Abblende.