Vergiftete Döner

Kleiner Absolution-Text-Versuch:

Fettsacks Dönerladen hatte seine ganz eigene Geschichte. Das Geschäft war nicht wegen schlechter Umsätze insolvent gegangen. Das Geschäft des vorherigen Inhabers Achmed R. lief sogar ausgezeichnet. Die Umsätze waren hervorragend und die kleine Bude eine lokale Berühmtheit. Der „Bosporus“ wurde Scherzeshalber „Klein Berlin“ genannt. Da der Döner so „original“ und doch kulinarisch schmeckt. Es war genau die richtige Menge an allem darin. An Fleisch. Kraut. Zwiebeln. Tomaten. Nur leider auch die richtige Menge an Gift.

Achmed R. hatte Probleme. Seine Psycho spielte ihm Streiche. Vielleicht spielte auch er ihr Streiche. Nach außen war Achmed R. ein ganz normaler Deutschtürke. Nur wenn er zu viel Schnaps getrunken hatte, da merkte man in den Untertönen seiner Worte diese Nuance… Diese… Achmed R. hasste die Menschen nicht. Achmed hasste viel eher sich selbst. Sein Selbsthass war es, der ihm den Erfolg nicht gönnte. So träufelte er sich Gift in seine Sauce. Nicht so viel um die Menschen umzubringen. Wenigstens nicht sofort. Es war der stetige Konsum seines Döners, die Kundentreue, die die Menschen krank machte. Doch lange Zeit kam ihm keiner darauf. Wie sollte auch etwas was so gut schmeckt giftig sein? Am Ende erwischte man ihn nicht wie in einem Krimi. Es gab keine Beweiskette von Ereignissen und Dingen die zu ihm führte. Ein alter Saufbruder von ihm erwischte ihn ganz banal wie er das Gift in die Sauce mischte, als er sich noch ein Bier von hinten holen wollte.

Seltsamerweise schaffte es die kuriose Geschichte nie in die große Welt der digitalen Medien. Für Paul und Fettsack war sie nur noch ein Running-Gag, wenn sie mal wieder prall am Tresen hingen: Damals wie heute wurde im Bosporus Gift verkauft. Das war der ganze Scherz. Es hatte sich nicht viel getan. Nur wussten die Leute heute, dass sie Gift zu sich nahmen.

Und taten es. Mit reinem Gewissen.

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Absolution – 16 – Das erste Mal in der Traumwelt

6.

Dieses Mal war es anders. Während ansonsten die Frau im Mittelpunkt stand, das Lustobjekt und die heilige Maria in einem, die Eroberung, die Beute… Der Sinn von alldem… Dieses Mal fand er sich in einem Bambuswald wieder. Er wusste nichts über Bambus an sich. Nur, dass es keiner dieser freistehenden Bambusse aus japanisch/chinesischen Filmen war, sondern sehr engstehender, scheinbar undurchdringlicher Bambus, Dschungel wie er ihn  aus diesen Klaus Kinski/Werner Herzog-Filmen kannte, von denen er auch nur die Trailer oder Youtube-Kritiken kannte… Es war wie in diesem einem ganz besonderen Film aus seiner Kindheit, sein Vater hatte ihn auf VHS gehabt… SMARAGDWALD. So war der Titel gewesen. Auch wenn er sich nicht mehr daran erinnern konnte, dort sehr viel Bambus gesehen zu haben… Dieser Wald. Dieser Amazonasdschungel fühlte sich jedoch ebenso an, wie „der Smaragdwald“ im alten, schweren, großen Röhrenfernseher seiner Familie ausgesehen hatte. Nur war es NICHT der Smaragdwald in seiner Vision, und er war auch nicht dieser blonde, amerikanische Hauptdarsteller, der als Kind von Eingeborenen entführt wurde um in dieser pseudotypischen Geschichte als Teil des Stammes aufzuwachsen und sich dann gegen seinen wahren Vater aufzulehnen. Nein. Er war Teil dieses Stamms. Und er war es schon von Geburt an hier – er war immer hier gewesen. In einer Welt, fern ab jeder Zeitrechnung, versteckt, vor der so genannten industriellen Zivilisation. Wobei… Er konnte sich dumpf (sehr dumpf) daran erinnern, dass der Smaragdwald auf einer wahren Geschichte beruhte – was sogar NOCH besser für seine Vision war.

 

Die Luft war heiß und feucht. Er schwitzte. So wie er auf seinem Sofa in sein Leder schwitzte. Sein echter Körper war da, wie im Schatten seiner selbst war er noch zu spüren, ähnlich wie in den Erzählungen von Menschen, die eine Nah-Tod-Erfahrung erlebt hatten. Aber der reale Körper war nicht mehr wichtig. Er war abgelegt worden. Wie eine zweite Haut. Ein Kleidungsstück. Ein Mantel, den man an einer Garderobe für Geld der Obhut anderen überlässt.

Seine Vision konnte sich nicht entscheiden, ob es Tag oder Nacht in war. Es war dunkel und schummrig, während es gleichzeitig auch hell und erleuchtet zu sein schien. Und er war nicht alleine.

 

Vor ihm ging sein bester Freund, den er von Kindesbeinen an kannte. Sein Name war Paco. Und das war  die Größte und bemerkenswerteste Neuheit, die er jemals in einer seiner bisher immer sexuellen Visionen gehabt hatte: Er war nicht der einzige Mann dort. Bisher gab es dort Männer ohne Gesichter, ohne Biografie, schemenhafte Hüllen, die im Prinzip nur wortlose Doppelgänger und Willenserfüller seiner selbst waren, Kopien, die nicht fähig waren zu sprechen. Paco dagegen war keine Erweiterung seines Selbst. Paco war nicht nur ein Mensch. Er war sein bester Freund. Paco war sein Vorbild. Der Junge, der er selbst immer sein wollte. Das Vorbild, dass Paul im echten Leben nie gefunden hatte.

Es waren keine körperliche Unterschiede, die sie voneinander trennten. Das Leben am Amazonas hatte ihre Körper schlank und athletisch geschnitzt. Ihre Körper waren sehnig, jung und straff.  Raubkatzen gleich. Es war der Respekt den Paco auf ihn ausstrahlte (und er war sich sicher, dass es „Respekt“ war und kein „Neid“, da er in seinem Innersten wusste, dass sie den Begriff NEID hier nicht kannten und nicht verstehen könnten), einzig und alleine durch dessen unerschütterliche Souveränität. Durch das Gelingen all seiner Absichten. Paco war ein Anführer. Das Schicksal hatte  ihm das in die Wiege gelegt.

 

Auch wenn sie Wilde waren, sahen sie nicht so aus wie typische Amazonas-Wilde. Sie sahen schon ein wenig so aus wie Hollywood-Schauspieler, die Indios spielen, nicht wie Indios an sich. Deshalb hatten sie auch keine bemalten Gesichter oder seltsame Frisuren (ihre Haare waren geschoren, jedoch nicht auf eine wilde oder kämpferische Art). Sie fühlten sich an wie zwei normale Europäische Jungs um die 16 bis siebzehn Jahren. Der Jugend ist es gleich auf welchem Kontinent, in welcher Umgebung man sich aufhält. Junge Männer sind junge Männer. Die glauben, dass ihnen die Welt zu Füßen liegt.

Das Licht ändert sich nach und nach. Es wird dunkler. Sie bewerten den Umstand, dass die große Göttin Sonne schon so früh ihren Wagen über den Himmel fährt, kritisch. Ihre Speere sind lang und dünn. Spitz wie Reißzähne walisischer Fürsten. Sie wiegen nicht viel in ihren starken Händen. Ihre Körper sind gestählt vom ständigen Überlebenskampf. Sowohl Paco als auch er sind erfüllt von der stillen, warmen Euphorie frei und auf der Jagd zu sein. Würden sie den Vergleich kennen, könnten sie sich wie Götter fühlen. In dem Gefühl einer Unantastbarkeit, gepaart mit den fokussierten und zu ihrer zweiten Haut gewordenen Bewegungen der elementaren Stille ihrer Fortbewegungen, schleichen sie durch den Dschungel. Jäger und keine Gejagten. Männer. Und keine Insekten. In diesem Moment kennen sie weder Durst noch Hunger. Noch Hast oder Gier.

Absolution – 15 – Frauen sind die besseren Menschen

Paul stieg nur immer weiter in die unerschlossenen Stollen seiner Seele hinab.

Umso öfter er sich Frauen ansah um sich zu erregen, desto mehr er sie ehrfürchtig betrachtete wie Göttinnen, wie Fleisch gewordene Engel, je mehr er sie verehrte, idealisierte, je mehr er sich ihnen, ihren Blicken, ihren Körpern,  hingab und sie durch die Augen der Photographen und Designern wahrnahm, die sie einkleideten, schmückten, verzierten und in ein goldenes Licht setzt, ja, selbst  die kalten mathematische Computer-Technologie wurde eingesetzt um aus den Frauen ein höheres, besseres Wesen zu machen, bei dem es schon reichte, es nur ansehen zu können um in wahnhafte Verzückung zu verfallen. Diese Frauen auf dem Bildschirm, diese Supermodels und die Amateure der Schönheit, welche er niemals traf, niemals im echten Leben sah, verhexten ihn. Sie wiesen ihm seinen Platz zu. Und dieser Platz hieß „Schüchternheit“. Er ergab sich sofort und bei jeder Gelegenheit ihrer Aura, ihrem Bann und wurde dadurch immer mehr und mehr zu ihrem Sklaven… Einem Schoßtier, welches sich für sie auch im Dreck gesuhlt hätte. Mehr noch. Er hätte sich für sie geschlagen um sie vor anderen zu verteidigen, hätte sich ihre Gunst zum Narren gemacht, hätte versucht sie mit Kunst und Scherzen zu beeindrucken, hätte erwägt sie zu beschenken, sie mit Geld zu überhäufen, ihnen Alles zu geben, nur um in ihrer Nähe zu sein. Ihre Abwesenheit hieß ihm, auch in bester Männergesellschaft, Einsamkeit. Oh wie sehr er die Frauen verehrte… Und wenn die Zeitgerade des Entzugs an Zuneigung nur lange genug war, stieg selbst die Abstoßsenste von ihnen zu einer passablen „Möglichkeit“ auf. Er dachte den ganzen Tag und die ganze Nacht an sie: Frauen, Frauen, Frauen… So wahnsinnig machten sie ihn. Und manchmal, wenn er sich mit Eau de Toilette von Yves Saint Laurent einsprühte und die Vouge  durchblätterte, hatte er das Gefühl sich ihnen ein wenig zu näher. Ihnen näher zu sein. Als die ganzen Kerle, mit ihrer plumpen und dummen Art. Wenn er nur ein wenig mehr wie SIE sein könnte, würde er vielleicht auch ein besserer Mensch sein. Könnte Zugang zu ihrer Welt bekommen… Könnte ihr Freund werden. In ihrer Nähe sein. Sie ewig anbeten. Leben. In ihrem Licht der Grazie.

 

Hin und wieder erwachte er aus seinen Träumen und fragte sich, was wohl mit ihm wäre, wenn er sich nicht die ganze Zeit über Frauen den Kopf zerbrechen würde? Was denn wäre, wenn er sich lieber Männer ansehen würde? Nicht aus sexuellen Gründen. Sondern wegen einer ganz anderen Form von Idealisierung.

Denn stimmt es denn nicht, dass wir uns zwar männlich fühlen wenn wir hübsche Frauen sehen, doch bei jedem Anblick oder dem Versuch dem Objekt unserer Begierde nahe zu sein nicht immer so werden, wie das Objekt unserer Anbetung? Warum hatte er keine Männlichen Vorbilder? Und warum… Hat kein Mann mehr ein wirkliches Vorbild? Wo ist der Hemmingway der Gegenwart den man wegen seiner ungeschliffenen Männlichkeit verehren könnte? Wer ist denn noch ein „richtiger Kerl“, im positiven Sinn? Wo ist der Mann, der sich über Männlichkeit definiert, die sich wiederrum NICHT über den sexuellen Akt und dessen Häufigkeit berechnet? Denn was sind sexuell erfolgreiche Männer, wenn sie immer mehr aussehen wie aufgedonnerte Transvestiten? Und was symbolisieren die stärksten Muskel-Ottos, wenn sie keine Bildung besitzen? Nein. Ja. Er verehrte Frauen, die mehr darstellten als nur ein hübsches Gesicht und ein toller Körper. Er betete sie als Gesamtkunstwerk an. Nicht weil sie Schminktrullas waren, die einfach nur gutaussahen und die einen abstoßen, sobald sie den Mund öffnen…

Werde ich also weiblicher weil ich Frauen idealisiere?

Kann ich deswegen keine Helden nennen?

In einer Welt der Bilder verehren wird das, was uns überall vorgespielt wird, etwas, dass wir Sehen, etwas, dass wir kaufen können. Doch Tiefe und Menschlichkeit kann man uns nicht mit einem Bild vorspielen. Höchstens vorgaukeln. Ein Bild ist nicht genug. Ein Film nur eine Episode. Und auch ein Text zu wenig. Er musste seine Träume ordnen. Um Helden zu finden und Göttinnen zu schaffen.

 

Absolution – 14 – Erfundene Erinnerungen

5.

Ein paar Stunden später saß er wieder mit brennenden Augen vor seinem Bildschirm.

Paul dachte an die Frauen die er gehabt hatte. Meistens an jene Zeit, als er noch ein Jugendlicher war und die Frauen Mädchen. An die Unschuld ihrer Berührungen. Dem schamvollen Ertasten. Dem Erforschen der eigenen Lust. Wie weit man zu gehen bereit war.

Er rief sich die Szenen nicht nur ins Gedächtnis, er erlebte sie noch einmal neu. Jedes Detail. Sogar jedes Atemgeräusch, jeder Blick… Jeden einzelnen Sieg, den er auf dem liebevollen Schlachtfeld der Sexualität  gewonnen hatte. Wie ein Geistkörper fuhr er zurück durch die Zeit, schlich unbemerkt in seinen jungen Körper, und schmeckte und erlebte die Mädchen und Frauen immer wieder neu. Und oh Wunder: Je häufiger er mit den Drogen durch die Zeit zurückreiste, desto mehr Details entdeckte er. Manchmal sogar ganz neue Situationen oder andere Tatsachen, als er sich noch vor einiger Zeit daran erinnern konnte. Das ging so weit, bis er irgendwann, verschwitzt, mit blutig geschürften Penis, in seinem nassgeschwitzten Bett lag, und sich fragte, was war denn nun wirklich passiert? Hatte die Droge ihm geholfen sich besser zu erinnern? Oder war der Drogenrausch nur eine zweite, bessere Wirklichkeit gewesen, die er sich ausgedacht hatte?

 

Er wusste. Wir erinnern uns in Wahrheit nicht so sehr an Erinnerungen. Erinnerungen erinnern sich an Erinnerungen; wir erinnern uns an eine Vision der Vergangenheit, die wir uns – jedes Mal wenn wir allzu fest daran glauben – ein wenig anders zu recht legen. Drogen sind nicht besonders gut um Wahrheit zu erforschen. Und doch… Vielleicht war es doch so gewesen, wie er es sich apathisch im Drogenrausch vorgestellt hatte. Sicherlich hatte er doch was mit dem Mädchen A gehabt – er hatte es nur vergessen gehabt…

Am nächsten Tag glaubte er sich wieder erinnern zu können. Ja. Nein. Das hatte er sich in seiner Drogengeilheit nur ausgedacht… Doch ein kleiner Makel blieb auf seinem Herzen zurück. Es hatte sich doch so real angefühlt. BESSER als die Realität. Und als er sich auf dem Wochenende darauf, und auf dem darauf folgenden wieder in diese Scheinwelt seiner Vergangenheit  begab, als die Szenarien immer bildlicher, größer und wahrhaftiger geworden waren, wurde er sich sicher, dass es so geschehen war wie er sich JETZT daran erinnerte. Sein Verstand musste ihn bisher belogen haben…

Er konditionierte sich und seine Erinnerungen neu – und merkte es nicht einmal. Auch. Wenn er immer mehr von sich selbst, von seiner eigenen Vergangenheit in Frage stellte. Da er mit niemanden darüber sprach, spielte es keine Rolle was er über seinen One-Night-Stand mit dem Mädchen XY dachte zu wissen. Doch langsam. Nach und nach. Hatte er das Gefühl, sich selbst nicht mehr trauen zu können. Was war denn nun wahr? Und was hatte er sich ausgedacht? Spielte das überhaupt eine Rolle? Die Grenzen. Die Verfugungen zwischen Traum und Wirklichkeit lösten sich nach und nach auf. Was keine große Reaktion in Paul auslöste. Ihm war es egal was wahr war und was nicht. Hauptsache er konnte es wieder und wieder durchleben. Seine Realität war wie eine Menge Filmmaterial. Filmmaterial und Nachdrehs, welches er erst im Schnitt zu einem fertigen Film zusammenfügte. Bis er am Ende nicht mehr wusste, wie die Original-Version ausgesehen hatte. War das denn so wichtig? Hatte das irgendeine Auswirkung auf sein Leben wenn er glaubte mit der oder der intim gewesen zu sein? War er das Produkt seiner Vergangenheit? Oder das Produkt seiner Einbildungen? Oder war er Beides? Es war doch egal ob Katha und er vor einem Jahr aneinander herumgefummelt hatten. Oder er Sarah schon einmal geküsst hatte. Ob Judith ihm damals einen geblasen hatte. Oder ob all das nur in seinem Kopf geschah. Er war er. Und die Frauen waren die Frauen. Und die Droge war die Droge. Er könnte ewig so weiter machen und dabei glücklich sein. Was war falsch daran?

 

Absolution – 13 – Der Freund meiner Freundin ist mein Feind

Paul beobachtete Sarah weiter über ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. Flirtete sie etwa mit Stevo? Im Ernst jetzt? Mit Stevo? War sie vielleicht doch nicht mehr als der Ruf, den ihr die Neider auf den Leib geschrieben hatten? So oder so. Es würde ein neues Mosaiksteinchen in Pauls Phantasien werden. Je mehr Infos, je mehr Ereigniskarten er zur Verfügung hatte, desto besser. Paul verspürte keinen Neid auf Stevo. Die reale Absicht mit Sarah etwas „anfangen“ zu können erschien ihm als absurd. Ihm blieben die Träume. Die bessere Realität. Daran war nichts auszusetzen. Er nahm noch einen Schluck von seinem Whiskey. Ohne seinen Blick von Sarahs Spiegelbild abzuwenden. Unvermittelt musste er die Luft anhalten. Irgendwas war anders. Irgendwas. War. Komisch. Sein angetrunkener Verstand konnte nur nicht sagen… Da kniff Paul seine Augen zusammen und er erkannte was sein Unterbewusstsein schon längst begriffen hatte: Chris stand außerhalb des Bosporus. Vor der Scheibe. Hinter Sarahs Spiegelbild. Und sah ihn an. Paul konnte nicht sagen wie lange Chris dort schon stand und ihn ansah. Wusste nicht, wie lange Chris sich schon – bewusst oder  unbewusst, das war nicht zu klären – hinter Sarahs Lichtbild versteckt hatte. Sein Freund Chris verweilte dort wie ein Toter. Wie ein Zombie. Wie ein vom Leben Verlassener. Seine Augen waren leer und blutunterlaufen. Seine Haut glänzte blass in der Dunkelheit. Eine Millisekunde lang  erschrak Paul. Dann lächelte er. Nickte Chris zu und deutete ihm mit dem Kopf an, zum Eingang zu kommen. Chris bewegte sich nicht. Er stand nur da. Starrte durch die Scheibe. Seine Sarah an. Die mit Stevo und dem Fettsack Späßchen machte.  Paul zog die Augenbrauen zusammen und machte noch mehr Bewegungen mit seinem Kopf. Eine um die Aufmerksamkeit von Chris zu erregen. Zwei weitere die in Richtung Tür wiesen. Chris. Reagierte nur mit seinen Augen. Wie eine Puppe mit eingeschränkten Körperfunktionen sah er Paul an. Ohne seine Ausdruckslose Miene auch nur einen Moment zu verändern. Blinzelte. Und ging dann doch um den kleinen ehemaligen Dönerladen herum zur Eingangstüre. Zufälligerweise standen im gleichen Moment Fettsack und Sarah auf.

„Los Paul, komm mit. Wir gehen nach oben“, grinste ihn der Fettsack an.

„Äh… Ja klar. Du. Chris ist da draußen.“ Er nickte den Blick von Fettsack zur Eingangstür, wo Chris neben dem Türsteher stand, der sich noch nicht entschieden hatte ihn passieren zu lassen. Schließlich war Chris Pauls Freund. Nicht der von seinem Chef. Der Fettsack zuckte nur mit seinen Schultern: „Auf den habe ich heute keinen Bock.“ Schüttelte den Kopf in Richtung Torwächter und ging in den Backstage-Bereich. Damit hatte Paul nicht gerechnet. Es war fast logisch zu Chris zu gehen und den Fettsack zurückzulassen. Dafür sprach schon Pauls Gerechtigkeitsempfinden. Was war denn schon dabei den Chris hier rein zu lassen? Was soll denn jetzt dieser Unsinn. Er auf die Ausgangstüre zu, wollte hinaus zu seinem Freund. Um lieber draußen bei den Ausgeschlossenen zu sein, als drinnen bei den Möchtegern-Coolen. Hätte ihn da Sarah nicht am Arm berührt und gesagt: „Komm. Lass uns hochgehen.“ Was ausreichte um Chris zu vergessen und mit Sarah und Fettsack nach oben zu gehen. Sarah war wunderschön heute. Das Kokain in ihrer Nase machte sie nur noch zauberha

Absolution – 12 – Sarah und Fettsack?

Als er ein paar Stunden später Sarah im Bosporus antraf,  überraschte es Paul. Obwohl Sarah und Fettsack gute Freunde von Paul waren, hatten sie kaum eine Beziehung zueinander. Sie waren Freunde von Freunden. Und nun saß sie doch hier am Tresen und quatsche mit Pauls altem Freund. Sie. War wunderschön wie immer. Er. War bekifft wie immer. Bei Leuten wie dem Fettsack muss das nicht gleich bedeuten dass er platt und unbeweglich von der Droge war. Oft blühte er durch sie erst auf. Paul gab draußen im Sommer-Licht André die Freundschaftshand. Und drinnen ging ein großes „Hey!“ durch die Runde, als er die ehemalige Dönerbude betrat. Stevo, der hier irgendwie als Resident-DJ  durchging, mixte mit seinem Abelton gerade ein paar feine House-Tunes zusammen; ihm gab Paul gewohnheitsmäßig zuerst die Hand. Nicht dem Hausherren. Dieses „Ich-begrüße-erst-einmal-den-DJ“ war ein Running-Gag der sich verselbstständig hatte. Dann wurde der Fettsack ge-high-fivet. Zuletzt und doch als erstes umarmte er Sarah. Sarah die so roch wie Frauen riechen müssen.

„Du? Hier?“ Lachte Paul. Er klang ein wenig überraschter und verunsicherter als er auftreten wollte. Einerseits war es so, dass es nicht das erste Mal gewesen wäre, dass sich plötzlich die Freunde von Fleming untereinander besser verstanden als sie sich mit ihm – und er aufs Abstellgleis geschoben wurde. Andererseits war Sarah, Sarah. Und auch wenn sie nur Freunde waren, gönnte ein Mann nicht sofort einem anderen Mann ein tieferes Verhältnis zu einer scharfen Frau, als man es selbst zu ihr pflegte.  Besonders. Wenn der Freund ein anderes Moralverständnis als man selbst an den Tag legt. Sarah wischte die Frage mit einem Lächeln fort. Diesem endgültigen, Herzerwärmenden Lächeln, mit dem sie schon einige Fragen zu neugieriger Männer totbeglückte. Wieder eine dieser Fähigkeiten, zu der man sein musste wie Sarah. Der Fettsack grinste nur sein sympathische Gewinnergrinsen. Bestellte mit der gleichen Gestik für sich einen „Shirley Temple“ und für den von ihm so gerufenen „Fleming“ einen Whiskey Cola. Wie zu erwarten half der Whiskey Paul zu entspannen. Der Tag war so schon nervig genug gewesen. Das Glas zügig geleert.

Ein paar Gläser später, wie das Lachen der Freunde immer lauter wurde, die Musik noch housiger und aufgewühlter, ließ Paul Gedankenverloren die Kühlsteine in seinem Glas herum wirbeln. Er blickte scheinbar nach draußen. In das dunkle Nichts der Kleinstadt-Straßen. Sah aber in Wirklichkeit das Spiegelbild von Sarah in der daneben stehenden Fensterwand an. Wie sie da so saß. Einfach so da saß. Und mit ihrer Schönheit den Mittelpunkt des hier veranstalteten Gemäldes ausfüllte. Sie war. Wie ein Schwarzes Loch. Dass den Raum krümmte. So dass alle Männer und Frauen mehr oder weniger verstohlen ihr Augenpaar auf sie richtet mussten. Manchmal nur kurz und diebisch (Paul). Oder lange und wohlwollend (Fettsack). Es war ein Physikalisches Gesetz der Anziehung. Und sie war der Mittelpunkt des Trichters in dem sie versinken wollten. Es war fast schon lächerlich. Wie sehr die Männer sie wie prähistorische Wilde angeiferten. Und die Höhlenfrauen neidisch die Augen beim Blick auf sie verdrehten.

Nebenher erzählt Stevo ihnen eine Geschichte:

„Ja die verdammte Arbeit…  Hab ich dir die Geschichte erzählt wie sie mich aus der letzten raus gemobbt haben?“ Die Frage war eindeutig an Sarah gerichtet – wir Jungs kennen die Geschichte schon.

Fettsack zu Sarah: „Hör zu. Die ist witzig.“

 

Stevo: „Also ich komme in die Arbeit, weiß gar nicht, war Dienstag oder Mittwoch und ich war noch eeecht gut dabei, n bisschen verplant, ein wenig dehydriert, was blöd war, weil, ich hab doch damals in dem Metallverarbeitungsbetrieb gearbeitet, weil, da hat mich das Arbeitsamt hingeschickt und da war es heißt und laut. So richtig heiß und laut.“
Sarah: „Mhm.“

„Okay, okay. Da gings dann halt um Metall und so´n Kram. Legierungen oder was weiß ich.. Und die meinten zu mir: Hey, so wie du aussiehst dachten wir nicht wie gut du arbeiten kannst – bist aber voll in Ordnung. Dann kam halt der eine Tag. Ich also total verplant mit Gehörschutz, im Lärm, IN der Halle und dann kommt der Meister auf mich zu, eigentlich ein netter Kerl, so Mitte 40, dünn, weder abgerissen noch zu schnicke, hm… ich DACHTE das wäre ein netter Kerl, vorher , auf jeden Fall kommt der zu mir her und fragt so los: „Hast du die Drogen schon genommen?“
Und ich so, total verballert und verdreht und total dehydriert weil mir das Bier in der Nacht ausgegangen ist, ich also lasse mir überhaupt gar nichts anmerken, so ne Mischung aus Dummstellen und Pokerface: „Hä?“ Weil, war  ja laut. Ich also so: „Hä?“

Und er so: „Was?“

Und ich noch mal: „Hä?“

Und er: „Wie? Hast du die Drogen schon genommen? Oder soll ich die nehmen?“

Und ich so: „Hm. Ja ne. Ich kann die schon nehmen.“ Weil wenn der schon was hat, dachte ich. Man will ja nicht unhöflich sein.

„Ja dann nimm du die mal“, sagt der, geht aber weg ohne mir was zu geben. Ich hab dann da so weitergewurschtelt an der Maschine, schon am Überlegen was das denn jetzt war, und so ne viertel Stunde später oder was weiß ich, kam der wieder daher und fragt, ob ich die Drogen endlich genommen habe… Weil die im Labor schon darauf warten würden. Und ich werde natürlich langsam sauer, brülle ihn an was für DROGEN er denn meinen würde?! Was soll denn der Scheiß?! Das würde ihn doch überhaupt gar nichts angehen! Das ist doch wohl meine Sache! Und jetzt war der total verwirrt und fragte MICH ob bei mir alles okay ist… Ich dann so: „Ja… Klar.“ Und er dann so: „Okay. Siehst n bisschen verrückt aus und verhältst dich komisch…“ Er würde es dann halt selbst machen. Und ich gucke dem so nach wie er zur Maschine geht, Handschuhe anzieht und dann ein paar Teile mitnimmt, und dann checke ich es erst: ACH DU SCHEIßE! Der meinte gar nicht DROGEN! Der meinte Proben! Ob ich die Proben schon genommen habe! Fürs Labor! Weil die da irgendwas stündlich überprüfen mussten“…

Sarah: „Oh nein…“ Sie hielt sich beim Lachen die Hand vor dem Mund. Total süße Geste. Als würde sie ihre perfekten Zähne verbergen müssen…

Fettsack und Paul lachten dreckig. Was Stevo nur sauer macht: „Ja man kann sich doch auch mal verhören! Ihr Arschlöcher! Und… Na ja… Wenig später haben sie mich dann raus gemobbt, weil sie´s dann gecheckt haben. Die Schweine…“

Sarah mitfühlend: „Dumm gelaufen.“ Sie legt zu dem Kommentar tröstend kurz ihre Hand auf die von Stevo. Was ihn aufblühen und erröten ließ: „Aber meine Arbeit habe ich trotzdem gut gemacht, ist doch egal ob ich dicht bin oder kaputt aussehe…“

 

 

 

 

Absolution – 11- Auch Junkies haben Familie

Paul mochte seine Familie. Selbst wenn er nicht wusste ob das Wort „Liebe“ für die Beziehung zutreffend war. Sie waren vertraute Fremde. Gute alte Freunde. Ehemalige WG-Partner, denen man keine Wünsche abschlägt. Auf deren Nöte man hört und reagiert. Aber Liebe? Das große Drama darüber, das Pauls Mutter die Familie verlassen hatte, zerstörte die Familie und schweißte sie zu gleichen Teilen auch nur fester zusammen. In ein merkwürdiges Gebilde von Einzelgängern, die sich alle paar Monate um einen Restaurant-Tisch versammelten und so taten, als wüssten sie private Dinge übereinander. So wie es in einer Kleinstadt der Fall sein sollte.

Eine Kleinstadt war auch nicht anders als eine Großstadt. Für einige Dinge gab es andere Worte, wenn auch für einzelne Ausdrücke kein Synonym, die Tatsache bieben jedoch dieselben: Menschen leben zusammen und jede Menschengruppe erfüllt ein gewisses Klischee. Was in der Stadt der „Nerd“ war, ist auf dem Land der „Klugscheißer“ oder „Besserwisser“ (oder banaler ausgedrückt: „Der ist komisch“), „Proleten“ wurden in der Kleinstadt/Dorf „Bauern“ genannt, usw. usf.

Ebenso wie man in der Stadt nur in gewissen Situationen mit „Nerds“ und „Proleten“ zu tun haben musste, musste man sich auf dem Land nicht den ganzen Tag mit „Bauern“ auseinandersetzen. Jeder ging seiner Wege.  Baute sich seinen eigenen Mikrokosmos aus Beziehungen auf. Außer. Außer deine Schwester war mit so einem „Bauern“ zusammen und drückte dir diese Weltsicht damit bei jeder Familienfeier auf die Augen. So wie es bei Paul der Fall war.

Hans war kein Landwirt und doch würde ihn jeder als einen „Bauern“ bezeichnen. Es war nicht das was er beruflich machte und es ging auch nicht darum, dass er wirklich des Öfteren  einen Traktor fuhr. Es ging um eine gewisse Geisteshaltung. Paul mochte das Wort „konservativ“ nicht mehr, denn es stand für alles und ebenso für nichts. Doch durch seine bloße Verwendung entstand ein gewisses Bild in den Köpfen der Leute, gerade wenn man über Landmenschen sprach. Dabei konnte ein Intellektueller ebenso konservativ sein wie ein Dosenbierstechender Fußball-Hooligan. Hans war in dem Bezug konservativ, dass er ein klares, sexistisches Frauen- und Familienbild vertrat und typisch bayrisch dachte, dass am eigenen Wesen die Welt genesen sollte; wenn doch nur jeder so wäre wie er. Kein Wunder dass Paul ihn verabscheute. Und es war ebenso kein Wunder, dass Hans Paul für eine Schwuchtel hielt.

„Liberal“ und „Liberace“ hatten für Hans den gleichen Wortstamm.

 

Bei jedem Familientreffen blitze und krachte es zwischen den Beiden, ohne dass sie die Worte und erst recht nicht die Stimme gegeneinander erhoben. Es war ein eindeutiges Nebeneinanderher-Reden. Ohne Anbiedern. Manchmal. An Pauls guten Tagen.

An den schlechten, wenn Paul die ganze Nacht auf seinem Drogen-Film durch onaniert hatte, hielt er einfach seinen Mund und ließ den Macho gewähren – und somit gewinnen. Es war schon schwer genug für Paul überhaupt die Augen aufzuhalten und nicht in perverser Absicht auf die noch nicht ausgereiften, immensen Möpse seiner 16 Jährigen Nichte zu glotzen (was er zwar nicht wollte, denn er fand sie – da ganz gesund im Geiste – überhaupt nicht anziehend, schließlich war sie seine Nichte verdammt noch mal, leider aber konnte er die Blicke auch nicht unterdrücken). Da brauchte er sich nicht auch noch mit dem Hinterwäldler auseinandersetzen, der glaubte dass alle nach seiner Pfeife tanzen müssten.

 

Auch dieses Mal hangelte sich das Kuchenverdauende, stockende Gespräch in der Familie, bestehend aus Pauls Vater, dessen neuer Frau, der erwähnte und beschriebene Hans, die Schwester Pauls und ihre Tochter, Pauls Nichte, welche überhaupt nichts zu keinem Thema sagte, von Thema zu Thema, bis man, über die verschlungenen und kuriosen Wege Zeitlöcher der Stille mit Sprache zu stopfen, zum Thema „Bundeswehr“ gekommen war. Paul war ja damals noch dort gewesen. Hatte seinem Land „gedient“, wofür Hans nur ein verächtliches Schnauben übrig hatte. Auch der Vater war nicht dort gewesen, fügte aber gleich hinzu dass er damit alles richtig gemacht hätte, Paul mit harter Hand dorthin zu leiten, da der sonst ja nichts auf die Reihe bekam. Darüber. War Paul. Verwundert. Wie der Vater ihm so in den Rücken fallen konnte. Gerade vor der ganzen Familie. Und vor Hans; idiotischer weise schien Paul doch vor Hans gut dastehen zu wollen. Manchmal will man die am Stärksten beeindrucken, die man am Meisten verabscheut.

 

Sie wäre ja gerne Polizistin geworden, erklärte Pauls Schwester, doch MUTTER hatte sie überredet erst eine vernünftige Ausbildung zu machen, deshalb war sie Arzthelferin in einer kleinen Praxis geworden. Nebenher hatte sie alle Prüfungen und Bescheinigungen  erledigt, um zur Polizei zu gehen, es fehlte nur noch die Sportprüfung, die an drei verschiedenen Tagen abgenommen werden musste. Und weil sie keine Möglichkeit sah frei zu bekommen und sie auch nicht ihrem Chef sagen konnte, weshalb sie freihaben wollte (da sie die Angst umtrieb, wenn sie bei der Prüfung versagen würde, würde ihr Arzt sie auch nicht mehr übernehmen, da er nun wusste, dass sie eigentlich weg wollte), ging sie nicht hin und vertat somit ihre Chance Polizistin zu werden. Ihren großen Lebenstraum.

Wie blöd man nur sein kann, war Hansens Kommentar. „Da hätte ich doch einfach KRANK gemacht!“

„Ich habe NIE krank gemacht! Ich arbeite seit 25 Jahren und war NIE krank!“

„Typisch Frau. Das ist doch bescheuert! Sich so eine Chance entgegen zu lassen! Typisch hysterisches Huhn!“

„Das verstehe ich jetzt aber auch nicht“, schlug Pauls und ihr Vater in die gleiche Kerbe, „Du warst doch früher beim Sport bei mir! Ich kannte doch die Polizisten hier in der Gegend! Ich hätte dir doch eine Bescheinigung ausschreiben lassen können! Hättest du doch was gesagt!“

„Ich war damals 20. Sport habe ich bei dir bis 14 gemacht – was hätte das BRINGEN sollen!“

Hans, ganz besoffen an sich selbst, auch wenn er nur Kaffee trank: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Da sieht mal deine Tochter was passiert, wenn man nichts wagt!“

„Da verstehe ich dich wirklich nicht“, blaffte der Vater noch hinterher. „Da hätte ich doch eine Lösung für dich gefunden.“

„Das war beim Bundesgrenzschutz in Kaufbeuren! Das ist hundert Kilometer entfernt! Als wären sie zu dir in die Sportschule gekommen!“

„Ja der Ronnie…“

„Ach hör mir auf mit dem Ronnie… Und dann habe ich ja SIE bekommen und dann war es eh vorbei mit meinem Traum…“

Und Paul saß einfach nur besiegt da und konnte nicht fassen wie man auf einem aufgegebenen Lebenstraum so herum trampeln konnte, sagte aber nichts. Auch weil er irritiert war, wie seine Schwester noch ihrer Tochter eine verbale Ohrfeige mitgab, nur um den Druck von sich selbst zu nehmen. Wer wusste schon, wie oft das geschah… Paul verstand zu keinem Moment, warum seine Schwester mit so einem Idioten wie Hans zusammen war, der sie nur herunterputzte. Und er verstand auch nicht, wie sein Vater sich so aufspielen konnte, nachdem er die Kindheit Pauls und seiner Schwester lieber damit verbrachte in Gläser, als in die Wünschen und Bedürfnisse seiner Kinder zu schauen. Er war doch nie dagewesen. Wie konnte er sich jetzt darüber wundern, dass ihn keiner um Hilfe fragen wollte?

Und wie immer. Wollte Paul nur noch heim zu seiner idealen Realität. Zu seinen Vorstellungen von Katha und Sarah. Die er unbedingt auch wieder im echten Leben sehen musste.  Auch seinen Chris und seinen Fettsack vermisste er.