Absolution – 28 – Flüchtlinge im Dschungel

Während Pauls Abwesenheit in der realen Welt, waren die Ma-Fag nicht untätig gewesen. Sie hatten die Gruppe aufgespürt, zu denen die Frauen gehören, die Paul und Paco auf ihrer Jagd entdeckt hatten. Insgesamt handelt es sich bei der Gruppe um 20 bis 30 Leute. Vertriebene, wie sie selbst sagten. Sie nennen ihr Volk selbst „Mi-Cock“. Der Name ihres Anführers ist Murdock. Murdock ist ein großer, weißer Mann. Der Anführer der Vertriebenen trägt einen vollen, großen Bart zu seiner Glatze. Und ist im Gegensatz zu den Ma-Fag unglaublich weiß. Fast schon nordisch. Sein Körper scheint ein einziger Muskel zu sein. Wie die Hauptfigur aus dem Videospiel; „Kriegsgott“, kommt Paul in den Sinn. „Thanos“ oder so glaubt Paul sich zu erinnern. Murdock und sein Volk sehen in diesem Dschungeldorf wie Programmierfehler aus: Die Nordmänner in den Tropen. Trotz seiner stattlichen Erscheinung steht Murdock vor den Ältesten wie ein Häufchen Elend. Seine Schultern sind tief eingesunken. Sein Blick ist leer und blass wie seine Haut, die von den Urwald-Mücken als ein Leckerbissen angesehen und regelrecht verspeist wird. Neben ihm steht seine rechte Hand. Ebenfalls eine Eiche von Mann. Ebenfalls ein guter Wikinger-Darsteller.

Die Handvoll „Mi-Cock“ hatten sich kaum bis gar nicht gegen die Gefangennahme durch die Ma-Fag gewehrt. Warum erklärt der geschlagene Gigant auf die Frage Kamyors:

Wir sind schon lange auf der Flucht. Sehr lange… Wir mussten unsere Heimat aufgeben. Unsere Ländereien. Alles.“

Weshalb?“ fragt einer der Ältesten. „Bringt ihr Krankheiten in den Wald?“

Nein. Nein…“ Murdocks Stimme ist hart und rau. „Wenn man so will haben wir versucht die Krankheit zurück zu lassen… Wir fliehen vor einem Feind, der größer und stärker ist als alles was…“ Sein Blick geht ins Nichts. In den Dschungelhimmel. „Wir hatten keine Chance…“

Wer ist euer Feind?“ Kamyor lehnt sich nach der Frage nach vorne. „Diese Vierarmigen Kreaturen?“

Gramon? Nein Gramon war… Ein Freund von uns… Ein Beschützer… Ein…“ Murdocks Blick sucht unter den Ma-Fag den Mörder Gramons. Doch für ihn sehen alle Ma-Fag ziemlich gleich aus. Noch nie hat er ein Volk wie das ihre gesehen. „Unser Feind sind… Ist… Es sind Kreaturen die vor nichts Halt machen. Sie sind nicht so wie wir… Sie sind auch nicht wie ihr… Sie sind… Anders… Und wir können sie nicht besiegen…“ Sein leerer Blick schweift über das Häufchen, dass der Stamme der Ma-Fag für ihn ist. „Auch nicht zusammen… Wir waren einst 5 bis 6 Mal so viele wie ihr… Wir hatten keine Chance.“

Unruhe breitet sich unter den Ma-Fag aus. Auch Banyardi wird unruhig. Seine Heldentat scheint schon vor Jahren verblasst zu sein. Was für Kreaturen müssen das sein, die so ein physisch starkes Volk vertreiben können?

Euer Krieg geht uns nichts an“, es ist Masiyo der spricht. Der Nachfolger von Kamyor in der Rolle des Dorflehrers. „Wir haben keinen Streit mit deinen… Kreaturen. Eure Probleme sind nicht die unseren.“ Die Ma-Fag nicken. Das Ganze ist nicht ihr Problem. Warum es dazu machen?

Ihr versteht nicht. Selbst wenn ihr uns ihnen ausliefert, wird sich nichts ändern. Selbst wenn ihr euch von ihnen versteckt, werdet ihr nicht davon kommen. Nicht einmal in diesem Wald… Auch wir haben keinen Streit mit ihnen. Wir haben versucht mit ihnen zu verhandeln! Aber… Mit Dämonen kann man nicht verhandeln.“ Erneute Unruhe. Die erst damit endet, als Murdock fortfährt: „Es geht nicht darum wer wir sind und wer ihr seid… Es geht darum, DASS wir sind…“

Die Unruhe nimmt Tumultartige Formen an. Ma-Fag springen auf und schreien Murdock an. Sie schreien sich gegenseitig an. Sie diskutieren laut, fuchteln mit den Händen – ein Verhalten, dass die Ma-Fag ansonsten nicht zeigen. Das besonne Dschungelvolk ist dabei den Kopf zu verlieren. Feinde als solches kennen sie nicht. Sie kennen Zwistigkeiten, Reiberein, auch Mordanschläge von anderen Stämmen. Monster und Soldaten jedoch sind ihnen fremd.

Wir müssen gemeinsam fliehen“, der zweite Mann der Mi-Cock hat zum ersten Mal gesprochen. „Das ist unsere einzige Rettung.“ Auch der zweite Mann der Mi-Cock sieht aus wie ein Nordmann. Lange blonde Haare. Breite Schultern. Hübsches Gesicht. Paul würde es nicht wundern, wäre sein Name „Sven“.

Für euch ist es ein Segen uns getroffen zu haben. Und es hätte nicht zu dem voreiligen Kampf kommen müssen! Das war ein Irrtum! Aber jetzt müssen wir zusammen arbeiten! Wir haben nicht viel Zeit!“ Nach seiner Rede steht „Sven“ impulsiv mit offenen Armen vor dem Rat der Ma-Fag.

Schweig!“ Kamyor steht vor lauter Erregung auf. „Wer hat dir erlaubt zu sprechen! Führt die Gefangenen fort! Wir müssen uns beraten…“

Die Nordmänner nicken unterwürfig und werden abgeführt.

Kamyor: „Was haltet ihr davon?“

Die Stimmen gehen durcheinander: „Ich weiß nicht…“ „Die Lügen doch! Die wollen uns doch nur verunsichern und uns später selbst überfallen!“ „Seht ihr was das für Riesen sind? Wer sollte diese Leute vertreiben?“ „Aber was ist mit dem Monster das Paco getötet hat?“ „Ja! Was ist wenn es MEHR von ihnen gibt?“ „Wir sollten sie erst einmal einsperren…“ „Wie wollte ihr denn so viele Leute verpflegen?“ „Wir haben genug für uns. Weil wir der Wald sind. Aber der Wald kann nicht alle ernähren!“ „Am Ende werden sie uns töten und uns unsere Frauen wegnehmen!“ „Aber was ist wenn sie die Wahrheit sagen?!“ Stille.

Banyardis Hand geht an sein Kinn. Das schlimmste Szenario ist wirklich, wenn sie die Wahrheit sagen…

Die Diskussion geht weiter: „Wir müssen die Bedrohung selbst mit eigenen Augen sehen!“ „Ja. Wir müssen Späher aussehenden!“ „Die Wachen verdoppeln!“ „Wir sollten die Männer und Frauen der Mi-Cock trennen.“ „Genau! Die Frauen gehören uns! So will es der Brauch!“ „Wir haben sie besiegt! Wir werden auch andere besiegen!“ „Lasst uns ihre Frauen nehmen, bevor sie die unseren nehmen!“ „Wir können sie nicht alle verpflegen. Lasst uns die töten, die keinen Nutzen für uns haben!“ „Aber wir können doch nicht einfach Leute umbringen, die Schutz bei uns suchen! Wir sind doch keine Mörder! Sind es nie gewesen!“ „Wenn wir nicht klug handeln, werden wir selbst unter ihren hungrigen Mündern leiden.“ „Der Wald ist zu klein für alle!“ „Nein! Das ist er nicht!“ „Wir müssen gute Gastgeber sein!“ „Wir müssen die Wahrheit heraus finden!“ „Schickt sie doch einfach weg! Sie sagen doch, sie wollen eh nicht hier bleiben!“ „Damit sie uns nächste Nacht ermorden können?“

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Absolution – 27 – Ein Wolkenkratzer mitten im Dschungel

Er war es, viele Jahre lang, der die Geister Kinder erzog, sie in den Dingen des Waldes, also des Wissen unterwies, während die Väter in Kamyors Welt lediglich dazu da waren, die Bäuche und Muskelstränge der Menschen zu füllen. Kamyor unterrichtete nur die Knaben. Selbstverständlich. Metoo-Debatten sind im Dorfe der Ma-Fag nicht einmal gedanklich zu begreifen, geschweige denn sie durchzuspielen. Dabei kümmerte sich Kamyor sehr wohl um die Frauen. Um die Mütter, um genau zu sein. Wenn die Väter mal wieder „im Holz“ waren, wie Kamyor es abfällig nannte. Machte er die Beine und Münder der Frauen breit und ihre Bäuche rund. Auch Banyardi. Hat seinen Vater nie kennengelernt.

Der Mann mit 46 Jahren. Der Älteste des Dorfes. Zeigt Banyardi seinen Platz am Feuer. Zum ersten Mal in seinem Leben nimmt Banyardi bei den Kriegern Platz. Bei den Männern.

Obwohl das Volk der Ma-Fag ein sehr friedliches Volk ist, welches im Einklang mit der Natur lebt, dass nur ein Tier tötet oder ein Baum rodet, wenn es das Wohle des Stammes verlangt, ist Banyardi durch seinen Sieg über das Vierarmige Monster zum Mann geworden. Hier ist ein Mann der einen Feind tötet kein Mörder. Er ist ein Held. In der Propaganda der einfachen Männer. Und auch in dem Jungen, der ein Krieger geworden ist, findet sich kein Zweifel oder schlechtes Gewissen über seine Tat. Jetzt nicht mehr. Jetzt. Hier am Feuer. Im Kreise der Männer. Ist Paul ganz Banyardi geworden. Er ist stolz auf seinen Sieg. Im gleichen Maße. Wie er seinen Freund Paco vermisst. Doch über die Toten schweigen die Krieger. So. Wie sie es immer getan haben.

Der Monolog des Ältesten endet. Der Schamane übernimmt die Leitung der Prozedur. Durch eine ruckartige Bewegung seines Kopfes setzen die Trommeln ein. Und der Tanz beginnt. Es ist das Klischee vom Tanzenden Wilden, der das Feuer umkreist. Der Schlag der Trommeln wird indessen immer wilder und lauter. Das Getrommel brandet an. Leuchtet farblos auf in dunkler Nacht. Wie eine Lawine, die sich vom zentralen Punkte des Feuers aus, in jeder Himmelsrichtung durch den Urwald schiebt. Die Lawine erfasst alles. Die Männer. Die Frauen. Die Kinder. Die Hütten. Die Bäume. Die Tiere – die erschrocken vor so viel Menschlichkeit panisch fliehen. Oder staunend in die Dunkelheit starren. Der Rhythmus der Trommeln errichtet ein Hochhaus, einen Wolkenkratzer, mitten im Dschungel, der mit seiner Präsenz alles überflutet und verdrängt, woran Völker wie die Ma-Fag eigentlich glauben; wovon sie leben. Der menschliche Klang der Trommeln. Der Tanz der Wilden. Schleudert die Natur aus ihren Bahnen. Der Kreislauf, der Vertrag zwischen den Naturvölkern und seiner Umwelt, wird durch das wilde koordinierte, entfesselte Stampfen der Tänzer aus seinen Fugen genommen. Der Mensch wird Mensch im Tanze. Gleichwie sein Geist animalisch und wild wird. Der Kopf wird zum Tier. Während sich der Körper aus dem Einklang mit der Natur löst. Bäume kennen keinen Klang. Tiere keinen Rhythmus. Die Tänzer werden zu Göttern, die zwischen den Welten leben. Um dem toten Jungen zu gedenken. Der für seinen Stamm sein Leben gab. Genauso, wie der Schamane es beabsichtigt hat.

Paul kennt das. Er kennt den Tanz. Er erkennt den Rhythmus. Den Rausch in dem man verfällt, wenn man den Körper einfach machen lässt. Dafür hat er seine Jugend geopfert. Nicht den Drogen. Nein. Es ging immer nur um den Tanz. Um die Heilige Messe. In der der Tänzer Sein selbst aufgibt. Um sich mit anderen Tänzern zu vereinen. Paul weiß was es heißt. Ein Gott zu sein. Aus mehreren Teilen zu bestehen. Teil eines großen, stampfend Bewusstseins einer Tanzfläche zu sein. Nur. Hatte er es irgendwie vergessen… Es missverstanden.. Es… Verloren… Andere Dinge hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Ihn von der rechten Bahn abgebracht. Die Drogen hatten ihn vergessen lassen, worum es eigentlich geht. Der Rausch war wichtiger geworden als die Erleuchtung. Umso wilder tanzt er jetzt. Seine Arme und Beine schleudern wie Kreisel um seinen Körper. Sein Blick kennt keinen Halt mehr. Mehrmals wäre er fast lachend in das Feuer gefallen. Doch nie war er wirklich in Gefahr zu fallen. Paul fühlt sich mehr wie Paul, als in all den Jahren zuvor. Er spürt sich selbst, wie er sich lange nicht mehr gespürt hat. Und im gleichen Augenblick erkennt ein junger Wilder der Banyardi genannt wird, dass da etwas in ihm ist, was vorher nicht da war. Ein Fremder… Ein Geist… Ein… Freund? Banyardi und Paul sehen sich in die Augen. Die Zeit bleibt stehen. HAP! Sie halten Beide die Luft an. Die Lichter gehen aus. Vor den Fenstern von Pauls Wohnung. Sein Bildschirm mit dem längst beendeten Porno geht aus. Auch das Feuer im Dschungel erlischt mit einem Schlag. Absolute Dunkelheit kehrt ein. Die Beiden stehen sich gegenüber. Paul und Banyardi. Banyardi. Sie sehen sich. Erkennen sich. Auch ohne Licht. Im leeren Raum. Wie in einem Ladeprogramm der Matrix. Da sind nur die Beiden. Der Krieger und der Konsument. Und der Hall der Trommeln in der Dunkelheit. Die Kamera ihres Bewusstseins fliegt zwischen den Beiden hin und her. Umkreist sie. Bis die Männer anfangen, sich selbst im Tanze zu umkreisen. Sie verfallen wieder in den Singsang der Trommeln. Dann ist das Feuer ist wieder da. Der Urwald leuchtet auf.

Dann ist es vorbei. Die wilden Götter der Ma-Fag werden wieder zu Menschen. Der Dschungel atmet entspannt aus. Alle setzen sich. Die Gefangenen werden vorgeführt.

Absolution – 26 – Dieser furchtbare Satz

Mich rechtfertigen…“

Müssen sich Helden denn rechtfertigen?2

Ich habe getötet… Paco wurde…“

Ihr habt den Stamm beschützt.“

Die Meinung einer Mutter über ihren Sohn ist unerschütterlich. Sie wird für immer das Gute in ihm sehen. Ganz egal was er auch macht. Ganz gleich wie er sich auch nennen mag. Er wird immer ihr kleiner Sohn bleiben. Nie ein Mörder oder Vergewaltiger. Eine seiner beiden Mütter hat sich für ihn entschieden. Das Gefühl der Liebe in seinem Herz zu seiner Mutter mag nicht abflauen. Während sich Paul im Stillen selbst nicht darüber im Klaren ist, ob diese bedingungslose Liebe nicht doch die Triebfeder für alles schlechte in der Welt ist. Diese Liebe, die die seinen total einschließt, sie behütet, sie niemals fallen lässt. Währenddessen sie alle anderen Menschen mit ihren Realitäten und Gewissheiten zu Lügner und Objekten verkommen lässt. Doch was hätten die Söhne mit den Frauen getan, wäre nicht das Beschützer-Tier auf den Plan getreten?

Banyardi steht auf. Der Zweifel in ihm kommt aus einer anderen Welt. First-world-problems. Der Krieger hingegen schreitet voran. Er verlässt die Hütte, deren Dach er noch letztes Jahr mit Paco erneuert hat. Die Hütte, die für jetzt und wahrscheinlich für immer sein zuhause sein würde. Kein vier- oder gar sechsarmiger Riese würde etwas daran ändern. Paco war nicht umsonst gestorben (da war er, dieser furchtbare Satz…). Sein Freund war ein Vertreter seines Stammes gewesen. Nichts ist in dieser Welt größer als der eigene Stamm. So wie überall unter den Göttermonden.

Im Dorfe der Ma-Fag lebt es sich nah beieinander. Hütte steht an Hütte. Fenster an Fenster. Die Ausgangspforten sind auf den den Dorfplatz gerichtet, auf welchem jetzt das große Feuer des Ältestenrates lodert. Angefacht von den Magieren und ihren Handlangern.

Die Köpfe der Kinder, die in den Hauseingängen sitzen und lauschen, was die Alten und Weisen zu sagen haben, dessen Sinn sie doch nicht verstehen, heben sich beim Anblick von Banyardi. Für die Kinder ist Banyardi ein Held. Ihre Gesichter hellen bei seinem Anblick auf. Jegliche Müdigkeit ist mit einmal aus ihren Wangen verschwunden. Dank Leute wie Banyardi würde es kein Leid in der Gemeinschaft geben. Dank ihm würde sie immer gut schlafen können. Würde ihre Mutter immer für sie da sein. Würden auch sie eines Tages zu Kriegern werden. Ehrenvolle Recken, die die Götter weiterhin stumm aber gnädig stimmen würden. Ihr Lachen ist entrückt und gläubig, noch mehr sogar bei den Jugendlichen, die als Hüter der Kinder mit in den Hütten zurück geblieben sind. Ihr Weltbild hat das Kindesalter längst verlassen. Ihre Gläubigkeit ist durch die Routine der Erwachsenenwelt ein Fels geworden. Paul. Erinnert das arrogante Grinsen der Ma-Fag Jugendlichen an die Beifallklatschenden Gesichter auf dem Wiener Heldenplatz, als…

Banyardi ist ein Symbol geworden. Seine breite, starke Brust gleicht einer wehenden Fahne.

Noch kann Paul die Worte der Ältesten nicht verstehen. Trotzdem erkennt er die Stimme von Kamyor. Ein weiteres Schlüsselerlebnis prasselt auf Paul ein. Kamyor. Wieder ploppen Polaroids wie Pop-Ups in seinem Kopf auf. Kamyor, der Dorfälteste. Der ehemalige Lehrer der Dorfkinder.

Krebskranke und gelähmte Mütter

Er sperrte sein Auto mit seinem elektronischen Schlüssel ab und sah gleichzeitig, im Weggehen, eine Bewegung hinter einem Busch des Nachbargrundstücks. Frau Mauermeier war anwesend. Wie immer. Ähnlich einer Märchenfigur schien diese Frau hinter den  Büschen zu leben. Das war schon seit jeher so gewesen. Selbst als Paul noch ein Kind war. Wie eine Mischung aus Mensch und einem übergroßen Frosch stand diese Frau quasi immer in ihrem eigenen Garten und späte nach draußen. Vielleicht lebte sie in Wahrheit auch in ihrem Haus und stürzte nur nach draußen, wenn sich etwas auf der Straße tat. Die Überlieferungen zu diesem Umstand waren schon immer Lückenhaft gewesen. Selbst Pauls Schwester, die immerhin älter als er selbst war, konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen, schließlich hatte man die inzwischen alte Frau nie RENNEN sehen. Vor Ort auf Spähstation war die Frau Mauermeier dennoch immer. Wie ein Fluch. Oder wie eine sprechende Überwachungskamera. Und wie sie Paul jetzt ansprach dachte der nur verwundert, dass es solche Leute wirklich gab. Nicht nur im Fernsehen. Paul. Blieb höflich. Mit Höflichkeit kommt man am Weitesten. Auch wenn man damit unglaublich viel Lebenszeit vergeudet.

Die Mauermeier erzählte davon, dass sie Krebs hätte. Ihr Mann auch. Ob es nun der Gleiche sei blieb ungefragt. Was sagt man auch in solch einer Situation? Da war nur dieses schlechte Gewissen in Paul, da er diese arme neugierige Froschähnliche Frau nicht als das gesehen hatte, was sie vielleicht auch schon immer war: Todkrank.

Früher. Ja. Als Pauls Mutter noch lebte, da war es ihr besser gegangen. Die Mauermeier hatte seine Mutter ja ständig besucht. Weil die eine Heilige war. Die ihr Schicksal so unglaublich toll meisterte. Und noch für andere betete. Diese Heilige. Die hatte ihr geholfen, ihr Schicksal besser zu ertragen. Ganz oft war sie noch bei ihr gewesen… Was die Frau Mauermeier meinte nur nicht aussprach: „Paul, warum hast du deine Mutter so selten besucht?“ Während der nur dasteht und die Situation zum Kotzen fand. In diesem Moment fühlte sich seine Drogensucht als etwas vollkommen natürliches an. Was soll man auch zu einer Krebskranken sagen die einem etwas von einer Schwerstbehinderten, weil Gelähmten, erzählt, die Paul so gut wie nie besucht hatte? Weil sie für ihn nämlich keine Heilige war. Sondern die Mutter, die ihn geschlagen und verlassen hatte. Als sie ihn noch schlagen und verlassen konnte. Nein. Doch. Heilige sind nur für diejenigen heilig, die nicht mit ihnen verwandt sind oder zusammenleben. Für Paul war seine gelähmte Mutter in den letzten Jahren nur eine Art Stillleben gewesen, dass von Gott und Erlösung röchelte. Während so viel unausgesprochen blieb. Ebenso wie die Unfairness, von einer Totkranken das Recht abgesprochen zu bekommen, die eigene Mutter hassen zu dürfen. Da die doch eine Heilige war. Wieso sah Paul das nicht? Nun. Ein Grund könnte gewesen sein, dass Paul in seiner Haut steckte. Und Frau Mauermeier in der ihren. Herren Mauermeier hatte Paul immer gut leiden können. Ein netter Mann. Der selten viel sprach.

Absolution – 25 – Die Mutter, die ich niemals hatte

Paul ist zurück im Dorfe der Ma-Fag. Genauso wie sich ein Schläfer nicht mehr an den Moment des Einschlafens erinnert, ist die Spur der Übergangs vom Sog der Drogen in den Traum bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Pauls Verstand steckt einfach wieder in seinem Phantasiewelt-Avatar. „Banyardi?“ Der Avatar sieht zu seiner Mutter hinüber und im gleichen Moment, als er seine Mutter als solche identifiziert, stürzt die Erinnerung eines ganzen Lebens auf Paul ein. Paul erinnert sich in allen Facetten daran, der Sohn von Maja zu sein. Dieses Erinnern ist kein Film der vor seinem inneren Auge abläuft, es ist mehr wie eine Ansammlung von Polaroids, die in seinem Verstand aufpoppen. Jedes dieser Polaroids steht sinnbildlich für eine Begebenheit zwischen seiner Mutter und ihm. Jedes dieser Bilder erzählt eine komplette, unabgeschlossene Geschichte, deren Wirkung bis in die Gegenwart andauert. Die fundamentalen Momente einer reifen Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Und Paul ist sich darüber im Klaren, dass diese Erinnerungen erst verschwinden werden, wenn der, den seine Mutter „Banyardi“ genannt hat, gestorben sein würde. Sie würden selbst den Tod seiner Mutter  überdauern. Voller Liebe und dennoch voller Irritation sieht Paul/Banyardi zu seiner Mutter hinüber. Die Mutter, die Paul im echten Leben niemals gehabt hatte. Seine Emotionen und die damit verbundene Reaktion darauf sind so stark, so eindeutig, dass sich seine Augen ein wenig mit Tränen füllen. So unheimlich groß ist seine Liebe zu ihr. Zu seiner Mutter, die hier, in dieser Welt immer für ihn da gewesen ist. Nicht minder groß ist Pauls Schock, für eine Mutterfigur so viel Liebe empfinden zu können. Nicht viel, und er würde von seinen Gefühlen zermalmt werden. Paul hatte seine Mutter für ihre Abwesenheit immer gehasst – und jetzt: Das komplette Gegenteil.

„Ist alles in Ordnung mein Sohn?“ Paul/Banyardi muss seinen Blick abwenden, damit er nicht los heult wie ein Patient auf dem Stuhl eines Psychologen, da über diesen ein Schlüsselerlebnis herein gebrochen ist. Paul erträgt die Liebe im Blick seiner Mutter nicht. Er erträgt es nicht in dieser Frau all diese Gefühle zu sehen, die er an seiner Mutter ein Leben lang vermisst hat. Lautlos kommt sie herüber und nimmt ihren Sohn in den Arm. Paul. Ist wieder 5 Jahre alt. Und seine Mutter macht endlich dass, was sie ihr Leben lang nie getan hat. Paul ist wieder Fünf. Und seine Mutter tröstet ihn darüber hinweg, wie er vom Fahrrad gestürzt und gegen einen Betonpfeiler geprallt ist. Paul ist wieder Acht. Und seine Mutter nimmt ihn in den Arm und erklärt ihr, dass Haustiere nun einmal sterben müssen. Da Alles stirbt. Er ist wieder 12 Jahre alt und seine Mutter erklärt ihm dieses Mal voller Liebe und Anstand, warum sie fortgehen muss. Und er ist wieder 15 Jahre alt, und sie tröstet ihn bei einem ihrer seltenen Besuche darüber hinweg, von seiner ersten Liebe ignoriert worden zu sein. Das Alles bricht über Paul herein. Unzählige Momente, in denen er sich alleine und verlassen fühlte, nehmen liebevolle Gestalt an.  Wird Wirklichkeit – und Paul verzeiht in diesem bittersüßen Moment seiner Mutter all die Grausamkeit, die eine fremde Frau mit dem gleichen Namen ihm angetan hat… Paul ist Paul geworden. Und die Bedeutung der Drogen sinnlos. In diesem Augenblick, als in einer anderen Zeit, vielleicht sogar auf einem anderen Planeten, eine indigene Mutter ihren verwilderten Sohn in die Arme nahm…

„Du wirst darüber hinweg kommen, mein Sohn“, sagt Mutter. „Du bist stark. Du wirst über den Verlust von Paco hinwegkommen. Ich weiß. Was für gute Freunde ihr wart.“

Paco… Paco?… Den hatte Paul schon längst vergessen.

„Nur jetzt musst du stark sein. Du hast nun 5 Monde Zeit gehabt dich zu erholen. Heute müssen wir aufrecht auf die große Versammlung gehen.“

Absolution – 24 – Die Einbrecher

Ganz egal was auch passiert: Das Leben ist kein Film. Paul war wegen diesem unberechenbaren Ereignis nicht „schlagartig nüchtern“. Ganz im Gegenteil. Seine Versuche in diesen besonderen Bereich seiner Traumwelt einzudringen hatten ihn immer mehr und mehr Speed nehmen lassen, so dass er nur ziemlich prall im Sessel hing. Wie der berühmte Boxer in den Seilen. Seine Balkontüre war von einem Rollladen verschlossen, den er zwar bis ganz unten heruntergelassen hatte (um vor neugierigen Blicken aus höheren Wohnungen geschützt zu sein), den er aber nicht komplett geschlossen hatte. Die Lichtritzen des Rollladens waren noch immer geöffnet. Pauls lethargischer nach hinten verdrehter, praller Kopf konnte die Konturen einer Person erkennen, die versuchte zwischen den Ritzen hindurch zu sehen. Das war absurd. Paul befand sich im ersten Stock. Welcher Einbrecher bricht am helllichten Tag im ersten Stock in eine Wohnung an? Und welcher Trottel würde dabei so einen Krach veranstalten? Paul bewegte sich nicht. Er sah weiter auf den Schatten und stellte sich tot wie ein Tier. Das Video in seinem PC war auf „Pause“ gestellt. Wer zu Hölle? War das sein Nachbar?

Sein Nachbar von unten war ein komischer Kerl. Paul konnte die ganze Nacht die Musik anhaben. Er konnte die ganze Nacht schwatzende Leute durch sein Treppenhaus gehen lassen. Er konnte auch tagelang zu lange seine Mülltonne auf der Straße stehen lassen. Alles kein Problem. Das Einzige was Paul für diesen Kerl nicht tun durfte war, sein Auto zu nahe an den Audi des Nachbarn stellen. Die Beiden hatten Stellplätze nebeneinander. Aber trotzdem musste Paul sein Auto mindestens (mindestens!) 30 Zentimeter weiter rechts von der Trennlinie abstellen, sonst gab es Ärger mit dem Nachbarn. Da spielte es auch keine Rolle dass Paul immer sehr vorsichtig aus seinem Auto ausstieg. Oder dass der Nachbar niemals Beifahrer hatte. Nein. Es ging dem Typen einfach nur darum, dass Paul seinem Auto fern blieb. Und Paul tat es. Denn wenn er es nicht tat. Wenn er etwa 15 Zentimeter näher oder gar AUF der Trennlinie parkte, stand mit absoluter Sicherheit ein 50 Jähriger mit Bierbauch und Cappy vor seiner Türe, der – egal um welche Uhrzeit – Paul aus seiner Wohnung klingelte, ihn schließlich dazu drängte, sein Auto „um zu parken“, also es 15 Zentimeter weiter nach rechts zu stellen. Wenn sich Paul somit einen Irren vorstellen könnte, der nachmittags auf seinen Balkon klettern würde, konnte er sich nur seinen Nachbarn vorstellen. Diesen Psychopathen. Der nichts im Leben zu haben schien, außer diesem blöden Auto. Diesen scheiß Audi. Den er auch noch die ganze Zeit mit angeschalteten Nebelleuchten fuhr. So. Als wäre er etwas Besseres. Und Paul war deutsch genug gewesen um nachzusehen, ob man die im NORMALFALL überhaupt anhaben darf, die Nebelleuchten: Es ist nicht erlaubt.

Es pochte noch einmal an der Türe. Der Rolllanden schwang plastisch umher. Nein. Das war nicht sein Nachbar. Paul. Bewegte sich noch immer nicht. Saß still wie eine Eidechse. Er traute sich nicht einmal zu blinzeln. Denn er hatte den zweiten Kerl bemerkt, der versuchte durch das Wohnzimmer-Fenster hinein zu ihm hinein zu sehen. Was zur… War das Wirklichkeit? Geschah das gerade hier tatsächlich? Oder?… War das wieder so eine abgefahrene Phantasie?…

„Hey!“ rief der, der gegen den Rollladen pochte. „Ich kann sie sehen! Kommen sie mal her!“

Drei Dinge fielen Paul schlagartig ein. Erstens: Die wenigsten Einbrecher siezen ihre Opfer. Zweitens hatte ein Gerüst an seiner Hauswand gelehnt, als er von der Arbeit zurück kam. Über dieses waren die Einbrecher auf seine Etage gelangt. Ziemlich clever… Und drittens: Waren das gar keine Einbrecher. „Ich kann sie sehen! Sie sitzen da! Und sind… Kommen sie einfach mal her!“ Denn drittens erinnerte sich Paul daran, dass er vor ein paar Tagen ein Flugblatt in seinem Briefkasten hatte, in dem die Anwohner wegen den Malerarbeiten dazu aufgerufen waren, die Balkone zu räumen. Paul hatte seinen Balkon leer geräumt. Er hatte nur vergessen das Thermometer seines Vormieters aus der Wand zu schreiben.

„Können sie das hier wegmachen? Können wir das wegwerfen?“

Paul stellte sich weiter tot. An der Türe hatten sie nicht geklingelt. Jetzt hieß es zu warten wer früher aufgibt. Die. Oder er. Und egal ob sein Herz bis zu seinem Hals schlug. Ganz gleich ob er total durch war und die Kontrolle über diese Situation verloren hatte. So hatte er doch Zeit. Er würde ganz sicherlich nicht nackt aufstehen, seine Drogen wegräumen, den Porno weg-xen und dann zu den Handwerkern hinaus gehen. Einfach tot stellen. Und dieses peinliche Worst-Case-Szenario überstehen. Wie hätte er auch damit rechnen können, dass diese Typen an einem Freitagnachmittag zu Streichen beginnen würden?

„Vielleicht arbeitet der?“ meinte die zweite, viel jüngere Stimme. Anscheinend der Lehrling.

„Arbeiten. Sehr witzig.“

Die Beiden standen an seinem Balkon und starrten durch die Ritzen auf Paul mit seinem schlappen, heraushängenden Schwanz. Der wiederrum sie anstarrte.

Irgendwann gaben sie auf. Sie lösten sich von dem Balkon und arbeiteten weiter. Paul drehte sich um. Machte den Ton leiser. Nahm wieder seinen Penis in die Hand. Und machte mit seiner Arbeit weiter.

Paul ist zurück im Dorfe der Ma-Fag

Absolution – 23 – Liebe in Gedanken

„Ach Paul… Seltsam das Vertrauen für manche Menschen oft nur eine Einbahnstraße ist…”

„Wie kommst du denn…“

„Das ist doch wohl offensichtlich Dicker… Rede doch mal mit Katha!“

Paul war müde. Es war ein langer Tag. Eine lange Nacht. Und ein langer Tag. Mit diesem GZSZ-Kram kam er gerade gar nicht klar. Katha mag mich wirklich? Wie könnte man jemanden wie ihn überhaupt mögen? Chris nahm ihn auf den Arm. Warum auch nicht? Der wollte doch nur von der Sarah-Geschichte ablenken.

„Wie auch immer. Was geht zwischen Sarah und deinem Freund Fettsack?“ Paul beantwortete diese Frage mit einer genauso hilflosen Geste wie er sich fühlte. Im Augenblick konnte er weder Informationen verarbeiten, noch austeilen. Paul war unbrauchbar. Außer in seiner Funktion als Zuhörer.

Chris: „Der Fettsack ist ja verheiratet… Kein Plan wie der so drauf ist… Und ehrlich gesagt könnte ich nicht mal sagen wie Sarah so drauf ist…“

„Bei denen läuft bestimmt nichts…“

„Ach Paul. Weißt du was dein Problem ist?“ Chris beantwortete die Frage selbst. „Du bist zwar nicht ganz auf den Kopf gefallen. Bist aber katastrophal naiv was Menschen angeht.“ Pause. „Na ja, dafür mag ich dich ja.“

„Du. Chris. Im Ernst. Ich bin total fertig… Lass uns n andermal drüber reden.“

„Klar.“

Es folgte die typische Menschenunwürdige Szene, in der der Gast auf dem Boden sitzend seine Schuhe anzog. Was wie immer eine Ewigkeit zu lange dauerte. Dann stand der ganze Chris fertig angezogen und ausgerüstet vor seinem Freund. „Ja. Lass uns noch mal darüber reden“, erklärte Chris, „Aber mit dem Fettsack… Da muss eine Lösung her.“

„Findet sich bestimmt. Immer.“

„Ich lass mir schon was einfallen.“

Die Tür klackte hinter Chris in das Schloss und hinterließ Paul in einer stumpfen, ausweglosen Stille.

9.

Paul brachte die Woche hinter sich, wie Millionen anderer Menschen auch. Er war ein Rädchen im Getriebe. Hielt es am Laufen. In der Arbeit zeigte er sich nützlich. Abends fiel er früh und müde ins Bett. Nur um am nächsten Tag weiterhin seinen Dienst an der Gesellschaft leisten zu können. Es war nicht leicht bis unmöglich seine Gedanken zu sammeln. Der Gedanke an Katha und das was Chris gesagt hatte, trieb ihm gleichermaßen Furcht und Schmetterlinge in den Bauch. Die Frau verunsicherte ihn, wie sie ihn beflügelte. Obwohl er gar keine richtige, reale Beziehung mit ihr wollte. Schließlich hatte er in seinen Drogenträumen schon die perfekte Beziehung mit ihr. Die Realität würde Konflikte bereithalten. Da Menschen für ihn wie tektonische Platten waren, die sich aneinander reiben. Um sich am Ende am Anderen vorbei zu schieben.

Paul dachte, dass seine Drogenträume eine besondere Spinnerei seien. Ein abnormes Verhalten, dass nur er kannte. Dabei machen Menschen so etwas jeden Tag. Sie denken sich Beziehungen zu Menschen aus, die sie gar nicht oder kaum kennen. Man kennt sich vom Sehen aus der Straßenbahn, der Schule oder sogar aus einem echten sozialen Biotop, in dem Gespräche geführt werden. Dabei bleibt nur diese Distanz zwischen Menschen vorhanden, die für manche so leicht und für einige doch niemals zu überwinden ist. Natürlich war seine Verhaltensweise ein außergewöhnliches Extrem. Doch sich mit Menschen „etwas vorstellen zu können“, ist das Normalste der Welt. In jeder Freundschaft zwischen Mann und Frau gibt es diesen Punkt, diesen Nerv, der nie berührt und selten besprochen wird, da er das Ende der Freundschaft markieren würde. So eiern Männer und Frauen um diesen G-Punkt herum, währenddessen sie ihr Leben in Gedanken führen. Paul würde die Frage stellen, was falsch daran sei.

Am Ende hatte er es doch geschafft seine Reise in sein Traumland bis auf das Wochenende hinaus zu schieben. Direkt nach der Arbeit bereitete er seine ganz persönliche Tee-Zeremonie vor, die darin bestand die Drogen und seinen Arbeitsplatz vorzubereiten. Lächelnd dachte er beim „Hacken“ an „Total Recall“, wie Arnold Schwarzenegger in die Maschine gespannt wurde, die ihn im Geiste zum Mars brachte. Bis der Zuschauer am Ende des Filmes nicht mehr sicher sein konnte, ob der Protagonist nicht vielleicht wirklich dort gewesen war. Paul startete seinen Rechner. Schaltete sein Handy aus. Atmete sein Traummittel ein.

Am Anfang war er sich nicht sicher, was geschehen würde. Er war sogar ein wenig aufgeregt; anders aufgeregt, als es ihn die Droge von Natur aus sein ließ. Diese Irritation vom letzten Wochenende war über die Tage immer unwichtiger geworden. Andere Probleme hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Arbeitstechnische Probleme. Alltag. Und Katha. Aber die Wachheit ohne Verwirrtheit die er jetzt spürte (die Verwirrtheit würde erst in den nächsten Stunden einsetzen) knüpfte bewusst an das Feeling an, welches er letzte Woche gehabt hatte. Gleich würde die Droge die Alltagsprobleme hinfort spülen, wie ein Wasserschlauch der den achtlos fallengelassenen Unrat von den Plätzen und Trottoirs  der Partyhauptstädte spült. Paul war noch nicht in der „richtigen Stimmung“. Sein Gehirn musste erst die richtigen Impulse ausschütten. Zur Einstimmung sah er sich Pornos aus. Sie blieben seine Eintrittskarte. Auch wenn ihn langsam das Gefühl beschlich, dass da mehr war… Mehr als er sich vielleicht eingestehen konnte.

Er wählte Videos von blonden Frauen, um sich wieder an die Blonde von letzter Woche zu erinnern. An die Frau, für die er getötet hatte. An die Frau, für die sein Freund Paco getötet wurde. Er gab die Namen wie „Sandra Russo“, „Silvia Sainth“ und „Gina Blue“ in das Suchfeld ein. Frauen also, die zwar blond waren, sich aber nicht besonders ähnlich sahen. Die aber dennoch mehr vereinte als die Haarfarbe. Es war die Aura die Paul in ihnen sah. Diesen Touch von Würde und majestätischer Weiblichkeit. Paul hatte keine Ahnung mehr wie die Frau in seinem Traum ausgesehen hatte. Irgendwie war sie eine Mischung aus anbetungswürdigen, weiblichen Attributen. Die Essenz von unterschiedlichen Idealen. Nur leider. Öffnete sein Verstand nicht von sich aus die Pforte in sein Unterbewusstsein. Er kam. Nicht voran.

Mehr Drogen mussten eingeatmet werden. Mehr Zeit musste verstreichen. Selbst wenn es erst Nachmittag war. Pauls Herzschlag hatte es eilig.

Dann polterte es an Pauls Tür.

Vor Schreck hielt Paul die Luft an. Sein Herz blieb stehen. Sein ganzer nackter Körper fror ein. Denn es polterte nicht an Pauls Haustür. Es polterte an seiner Balkontüre. Pauls Wohnung befand sich im ersten Stock. Das. War creepy.