Das finstere Mittelalter der elektronischen Musik

Es gibt Dinge über die ich mich den ganzen Tag aufregen könnte. Das Schlimme ist: Es sind meistens die gleichen Dinge. Aus meiner Wut lerne ich quasi überhaupt nichts und am Ende werde ich nur als das wahrgenommen, was ich ausstrahle, nicht das, was ich meine – als verbitterter Mitte Dreißiger mit einer lächerlichen Wut….
Zum heutigen Thema gehe ich in eine Zeit zurück, in der ich sehr selten wildere, (besser) AUFRÄUME, und schon gar nicht im öffentlichen Blog-Kontext. Es war eine Zeit, in der ich mich selbst nicht mochte und noch nicht in der Welt zurecht fand, und alleine durch diese Erklärung ist schon offensichtlich, dass ich von meiner Pubertät spreche.
Geboren wurde ich 1980, wodurch die 90ger die Zeit meiner Bewusstwerdung waren, ja, sie mussten es sogar sein.

Lebte man in den 90gern in Süden Deutschlands in einer Kleinstadt, hatte man nicht viele Möglichkeiten sich selbst zu entdecken. Natürlich gab es wie in all den Jahrhunderten davor das Buch und ihren neumodischen Ableger (dem „Magazin“), zudem seit einigen Jahrzehnten das Fernsehen, welches in dieser Zeit (heute kann man sich das schwer vorstellen) Stil- und Meinungsbildend war. Das Internet gab es noch nicht für alle (erst Recht nicht für uns fern der Großstadt) und so konnten wir im Prinzip nur auf die Kultur zurückgreifen, die ohnehin schon da war, die Disco- und Pop-Kultur, durch welche schon unsere großen Brüder und unsere Väter gingen , ja, meistens besuchten die sogar die SELBEN Discos, in die wir eines Tages gingen; es gab ja nichts, außer diese damals schon 20 Jahre alten Schuppen.
Entweder mochtest du die Disco mit ihrem besoffenen Charts-DJs und derem Gefolge, zu deren Musik man sich mehr betrunken als einfallsreich einem furchtbar grässlichem Paarungsritual hinzugeben hatte (dem man zustimmte, sobald man den feuchten Stempel am Eingang aufgedrückt bekam), deren Inhaltslosigkeit und Banalität durch die Untermalung mit „DJ Bobo“, „2Unlimeted“, „Doctor Alban“ oder „Ace of Base“ den perfekten Soundtrack erhielt, oder aber du standest wie ich vollkommen deplatziert NEBEN der Tanze, einen halben Liter Wodka-Energy in der Hand, für den du 5 Mark zahlen musstest, und sahst dir mehr schockiert als involviert dieses komische, ja, in deiner Gefühlswelt viehische Treiben an.
Ohne den Wodka wäre ich schreiend davon gerannt.

Techno kannte ich damals nur aus dem Fernsehen, und wäre er hier gelaufen, hätte ich ihn auch nicht verstanden. Nein. Dafür war ich einfach weder alt, noch reif genug. Ich wusste nur, während ich da stand und den hübschen Mädchen dabei zu sah wie sie von rotköpfigen Bauern mit halb leeren Wodka-Energy-Gläsern betatscht oder (noch schlimmer) ANGETANZT wurden (was mit Tanzen selbstverständlich sehr wenig zu tun hatte), und sie sich über diese Aufmerksamkeit nicht schämten oder ärgerten, nein, es gefiel ihnen sogar. Und das war das Würdeloseste an der ganzen Geschichte: Nicht die Musik. Die der Alkohol. Nicht die Deppen auf der Tanzfläche die man eh schon nicht leiden konnte. Nein. Es war auch dieses aufdringliche Paarungsding, auf das alle gerne hereinfallen wollten.
Da dachte ich mir: Es muss doch noch mehr im Leben geben.

Später im Techno fand ich genau das, was mir hier fehlte: Die Würde… Da mag jetzt der eine oder andere schlucken oder meine Überlegung belächeln: „Würde? Was hat dieses Drogenverballerte im Nebel Getanze denn bitte mit WÜRDE zu tun?“
Die Würde lag in der unaufdringlichen Freiheit. Klar gab es auch hier schon Codes wie sich jemand so ein Nachtleben vorstellte, nur war es einfach nicht so wichtig. Wichtig war die (Achtung Opa-Raver-Begriff) Entgrenzung. Wenigstens war das für mich so.
„Begrenzung“ war für mich dieses Disco-Ding, wo es nur um Saufen und Abschleppen ging. Nicht um diese Gemeinschaftssache, die im Techno der 90ger Jahre stilschweigend seine Runde in den großen Augen der Menschen machte. Das Besondere an dieser Gemeinschaftssache war auch, dass sie im Prinzip ein Geheiminis war. Die Ekstase des Tanzes erschloss und erschließt sich niemanden durch das bloße Ansehen. Man muss mitmachen um es zu verstehen – und schon bist du Teil der Gruppe. Du musstest nicht schön sein, toll tanzen können, nicht reich oder jung sein, nicht einmal viele Freunde habe: Du kamst einfach dorthin und im Nebelwald des Techno-Sounds (und der Drogen, natürlich) verschmolz das Ganze zu einem großen, lebensbejahenden „Ja!“, dass über die Nacht verteilt hin und wieder in Form eines gemeinschaftlichen Geschreies bewusst aus den erschöpften Kehle geschrien wurde, zuerst nach dem Break (dem kurzen Moment der konzipierten Stille einer Techno-Platte) später (weil besser hörbar) IM Break. Doch das war egal. Es ging einfach nicht um dich und dein kleines Leben. Es gab nur das hier und jetzt. Niemand musste abgeschleppt werden. Keiner stand an der Seite, auch wenn er gerade nicht tanzte.
Diese Zeiten sind lange her.

Ich habe schon sehr viele Stunden damit verbracht diesem Lebensgefühl hinterher zu reden, dass es so und in dieser Form nicht mehr geben wird; es wird sogar vergessen werden. In der Pop-History wird Techno eine Fußnote bleiben, nicht weil Techno so unwichtig war oder ist, sondern weil es eben (wie oben erwähnt) nicht abfilmbar ist. Abfilmbar und damit kommerziell sind und waren die Hits der 90ger und jetzt die EDM-Kultur, mit ihren David Guetta und Hardwells oder was weiß ich – für mich sind die Szenen komplett identisch, ja, EDM klingt nicht nur wie die grauenvolle Charts-Musik aus den 90gern, sie ist einfach nur eine neuaufgewärmte Wiederholung davon. Und was ich damals schon für Dreck hielt, ist es in meinen Ohren auch heute noch.
Das wäre halb so wild, würde die Menge vor dem DJ-Pult nicht ebenso degeneriert sein, wie die Musik die sie abfeiern. Es geht wieder mehr um Schein als um Sein. Mehr um vermarktbare Bilder als um ein Geheimnis. Ich weiß, darüber ärger ich mich auch alle paar Monate, es tut nur so verdammt weh das Ganze so sehen zu müssen.
Den Techno hat es dabei nicht minder schlimm erwischt, auch dort geht es nur noch um Oberfläche, nicht um Attitüde. Klar, Ausnahmen gibt es überall. Ich sage es aber jetzt auch zum 100 Mal: Drogenfressen alleine hat nichts mit einem teilbaren Geheimnis zu tun.
Meinem Gefühl nach befinden wir uns im finsteren Mittelalter der elektronischen Musik, und durch so eine Aussage schwingt die Hoffnung mit, dass es eines Tages einmal wieder besser wird.

Spass sollen die Leute haben, sei es bei Hardwell oder bei einem zu einer Karikatur seiner selbst verkommenden Sven Väth. Es spricht nichts gegen Spass. Spass und Vergnügungen sind die Triebfedern unseres Daseins. Nur. Das kann doch noch nicht alles sein, oder?

Und es tut mir leid dass ich die Menschen „degeneriert“ genannt habe. Ich meinte damit nur. Dass ihr euch mit viel zu wenig zufrieden gebt.
Mit viel zu wenig.