Justice in Köln, die „Woman“-Welt-Tournee, es war der 21.10.2017

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„Kööööln! Ihr seid Scheiße!“ brüllt der Prolet von hinten in die Menge. Von den 50 Leuten in Rufnähe drehen sich 10 um und sehen mich an. Ja. Richtig gesehen. Das war ich. Ich grinse sie an. Und weil ich fast 2 Meter groß und im Moment ziemlich verschwitzt bin, drehen sie sich einfach nur mit einem Schulterzucken um. „Köln“ war aber auch wirklich scheiße. Justice waren geil.

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Sie sei auch enttäuscht von der Menge gewesen, versuchte meine Freundin später zu relativieren, aber es sei nun einmal so, dass die Leute heute weniger Tanzen und nur noch die Arme heben. Den kollektiven Durchdrehwahn gäbe es heute doch kaum mehr. Auch. Wenn wir Beide das gerade gemacht hatten. Es geht ja, wenn man will und sich nicht von den Langweilern runterziehen lässt. Das Kölner Publikum kifft halt lieber, trinkt viel zu kleine Biere (die man dann ständig neu holen muss – sehr klug) und sieht sich lieber ein Konzert konzentriert an, als es abzufeiern. Die ideale Zielgruppe für VR (virtuelle Realität) : Sich bloß nicht schmutzig machen oder richtig aktiv werden. Mir. Taten die Leute leid. So wie wir ihnen wohl leid taten. Wie wir da schrien, lachten, grölten, applaudierten. Dazu mussten wir uns erst einmal ein Plätzchen finden in dem zwar nicht ausverkauften, doch sehr vollen Palladium.

Wie war denn nun die Performance von Justice? Wie zu erwarten, sehr gut. Ich hatte mich auch ein wenig selbst gespoilert. Hatte schon ein wenig den Auftritt der Franzosen auf dem Glastonbury-Festival auf Youtube gestreamt, der aber nicht das gesamte Tour-Live-Set beinhaltet. „Alten“ Fans fehlt auf den beiden letzten Alben die liebgewonnene Ed-Banger Härte und doch weiß es das Duo bei seinen Live-Auftritten die Melodien und die Poppigkeit ihrer neuen Platten mit den Krawall-Hymnen ihrer Anfangszeit in Einklang zu bringen. Es kann also jeder zufrieden damit sein was da geboten wurde: Die Tänzer, die Gaffer, die Mitklatscher und Musikliebhaber. Die Bühnen-Show ist mit den Jahren größer und immer blinkender geworden. Quadrate, Sterne und Lichtsäule müssen das kompensieren, was früher durch die Soundgewalten unanschaulich rausgebrettert wurde. Das. Ist wohl ein Zeichen der Zeit.

Ich war ja auch auf der letzten Tour (die zum ersten Album kenne ich nur von der DVD) und ich muss sagen dass mir diese Tour besser gefällt. Sie ist runder und mehr bei sich selbst angekommen. Das zweite, schwache Album wurde fast folgerichtig komplett ausgeklammert. Bis auf „Audio, Video, Disco“ und „Civilization“. „New Lands“ hat mir dann aber doch gefehlt.

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Das Aufwärm-Programm war von Breakbot himfelf. Sehr Disco natürlich. Und wir so eingepfercht in der Menschenmenge. Schmoften da so herum. Lachten. Mit unseren neu kennen gelernten Portionsfreunden aus Gelsenkirchen. Nette Leute.  Mit viel zu kleinen Bierchen stießen wir an.

Eine Stunde später schrie und sang ich mir die Seele aus dem Leib. Einfach, weil es sein musste. Es muss manchmal auch so sein, dass es egal sein muss was der vor oder hinter dir über dich denkt.

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Justice wechselten bei den Zugaben auch noch kurz das Setting. Stellten sich hinter die Menge. Um wieder nach vorne zurück zu laufen. „Randy“ wurde gespielt. Und „stop“. Dazu noch eine kurze Erinnerung an den Anfang des Auftritts, der mit „safe and sound“ und „do the dance“ startete und ebenso damit endete.

Ein guter Abend. Ohne Überraschungen. So muss das. Aber ich bleibe dabei: Schämt euch Köln. Da habt ihr einen Tag zuvor in der „live music hall“ noch viel besser ausgesehen.

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Und so sieht das als Video von woanders aus:

 

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Absolution – 16 – Das erste Mal in der Traumwelt

6.

Dieses Mal war es anders. Während ansonsten die Frau im Mittelpunkt stand, das Lustobjekt und die heilige Maria in einem, die Eroberung, die Beute… Der Sinn von alldem… Dieses Mal fand er sich in einem Bambuswald wieder. Er wusste nichts über Bambus an sich. Nur, dass es keiner dieser freistehenden Bambusse aus japanisch/chinesischen Filmen war, sondern sehr engstehender, scheinbar undurchdringlicher Bambus, Dschungel wie er ihn  aus diesen Klaus Kinski/Werner Herzog-Filmen kannte, von denen er auch nur die Trailer oder Youtube-Kritiken kannte… Es war wie in diesem einem ganz besonderen Film aus seiner Kindheit, sein Vater hatte ihn auf VHS gehabt… SMARAGDWALD. So war der Titel gewesen. Auch wenn er sich nicht mehr daran erinnern konnte, dort sehr viel Bambus gesehen zu haben… Dieser Wald. Dieser Amazonasdschungel fühlte sich jedoch ebenso an, wie „der Smaragdwald“ im alten, schweren, großen Röhrenfernseher seiner Familie ausgesehen hatte. Nur war es NICHT der Smaragdwald in seiner Vision, und er war auch nicht dieser blonde, amerikanische Hauptdarsteller, der als Kind von Eingeborenen entführt wurde um in dieser pseudotypischen Geschichte als Teil des Stammes aufzuwachsen und sich dann gegen seinen wahren Vater aufzulehnen. Nein. Er war Teil dieses Stamms. Und er war es schon von Geburt an hier – er war immer hier gewesen. In einer Welt, fern ab jeder Zeitrechnung, versteckt, vor der so genannten industriellen Zivilisation. Wobei… Er konnte sich dumpf (sehr dumpf) daran erinnern, dass der Smaragdwald auf einer wahren Geschichte beruhte – was sogar NOCH besser für seine Vision war.

 

Die Luft war heiß und feucht. Er schwitzte. So wie er auf seinem Sofa in sein Leder schwitzte. Sein echter Körper war da, wie im Schatten seiner selbst war er noch zu spüren, ähnlich wie in den Erzählungen von Menschen, die eine Nah-Tod-Erfahrung erlebt hatten. Aber der reale Körper war nicht mehr wichtig. Er war abgelegt worden. Wie eine zweite Haut. Ein Kleidungsstück. Ein Mantel, den man an einer Garderobe für Geld der Obhut anderen überlässt.

Seine Vision konnte sich nicht entscheiden, ob es Tag oder Nacht in war. Es war dunkel und schummrig, während es gleichzeitig auch hell und erleuchtet zu sein schien. Und er war nicht alleine.

 

Vor ihm ging sein bester Freund, den er von Kindesbeinen an kannte. Sein Name war Paco. Und das war  die Größte und bemerkenswerteste Neuheit, die er jemals in einer seiner bisher immer sexuellen Visionen gehabt hatte: Er war nicht der einzige Mann dort. Bisher gab es dort Männer ohne Gesichter, ohne Biografie, schemenhafte Hüllen, die im Prinzip nur wortlose Doppelgänger und Willenserfüller seiner selbst waren, Kopien, die nicht fähig waren zu sprechen. Paco dagegen war keine Erweiterung seines Selbst. Paco war nicht nur ein Mensch. Er war sein bester Freund. Paco war sein Vorbild. Der Junge, der er selbst immer sein wollte. Das Vorbild, dass Paul im echten Leben nie gefunden hatte.

Es waren keine körperliche Unterschiede, die sie voneinander trennten. Das Leben am Amazonas hatte ihre Körper schlank und athletisch geschnitzt. Ihre Körper waren sehnig, jung und straff.  Raubkatzen gleich. Es war der Respekt den Paco auf ihn ausstrahlte (und er war sich sicher, dass es „Respekt“ war und kein „Neid“, da er in seinem Innersten wusste, dass sie den Begriff NEID hier nicht kannten und nicht verstehen könnten), einzig und alleine durch dessen unerschütterliche Souveränität. Durch das Gelingen all seiner Absichten. Paco war ein Anführer. Das Schicksal hatte  ihm das in die Wiege gelegt.

 

Auch wenn sie Wilde waren, sahen sie nicht so aus wie typische Amazonas-Wilde. Sie sahen schon ein wenig so aus wie Hollywood-Schauspieler, die Indios spielen, nicht wie Indios an sich. Deshalb hatten sie auch keine bemalten Gesichter oder seltsame Frisuren (ihre Haare waren geschoren, jedoch nicht auf eine wilde oder kämpferische Art). Sie fühlten sich an wie zwei normale Europäische Jungs um die 16 bis siebzehn Jahren. Der Jugend ist es gleich auf welchem Kontinent, in welcher Umgebung man sich aufhält. Junge Männer sind junge Männer. Die glauben, dass ihnen die Welt zu Füßen liegt.

Das Licht ändert sich nach und nach. Es wird dunkler. Sie bewerten den Umstand, dass die große Göttin Sonne schon so früh ihren Wagen über den Himmel fährt, kritisch. Ihre Speere sind lang und dünn. Spitz wie Reißzähne walisischer Fürsten. Sie wiegen nicht viel in ihren starken Händen. Ihre Körper sind gestählt vom ständigen Überlebenskampf. Sowohl Paco als auch er sind erfüllt von der stillen, warmen Euphorie frei und auf der Jagd zu sein. Würden sie den Vergleich kennen, könnten sie sich wie Götter fühlen. In dem Gefühl einer Unantastbarkeit, gepaart mit den fokussierten und zu ihrer zweiten Haut gewordenen Bewegungen der elementaren Stille ihrer Fortbewegungen, schleichen sie durch den Dschungel. Jäger und keine Gejagten. Männer. Und keine Insekten. In diesem Moment kennen sie weder Durst noch Hunger. Noch Hast oder Gier.

Absolution – 15 – Frauen sind die besseren Menschen

Paul stieg nur immer weiter in die unerschlossenen Stollen seiner Seele hinab.

Umso öfter er sich Frauen ansah um sich zu erregen, desto mehr er sie ehrfürchtig betrachtete wie Göttinnen, wie Fleisch gewordene Engel, je mehr er sie verehrte, idealisierte, je mehr er sich ihnen, ihren Blicken, ihren Körpern,  hingab und sie durch die Augen der Photographen und Designern wahrnahm, die sie einkleideten, schmückten, verzierten und in ein goldenes Licht setzt, ja, selbst  die kalten mathematische Computer-Technologie wurde eingesetzt um aus den Frauen ein höheres, besseres Wesen zu machen, bei dem es schon reichte, es nur ansehen zu können um in wahnhafte Verzückung zu verfallen. Diese Frauen auf dem Bildschirm, diese Supermodels und die Amateure der Schönheit, welche er niemals traf, niemals im echten Leben sah, verhexten ihn. Sie wiesen ihm seinen Platz zu. Und dieser Platz hieß „Schüchternheit“. Er ergab sich sofort und bei jeder Gelegenheit ihrer Aura, ihrem Bann und wurde dadurch immer mehr und mehr zu ihrem Sklaven… Einem Schoßtier, welches sich für sie auch im Dreck gesuhlt hätte. Mehr noch. Er hätte sich für sie geschlagen um sie vor anderen zu verteidigen, hätte sich ihre Gunst zum Narren gemacht, hätte versucht sie mit Kunst und Scherzen zu beeindrucken, hätte erwägt sie zu beschenken, sie mit Geld zu überhäufen, ihnen Alles zu geben, nur um in ihrer Nähe zu sein. Ihre Abwesenheit hieß ihm, auch in bester Männergesellschaft, Einsamkeit. Oh wie sehr er die Frauen verehrte… Und wenn die Zeitgerade des Entzugs an Zuneigung nur lange genug war, stieg selbst die Abstoßsenste von ihnen zu einer passablen „Möglichkeit“ auf. Er dachte den ganzen Tag und die ganze Nacht an sie: Frauen, Frauen, Frauen… So wahnsinnig machten sie ihn. Und manchmal, wenn er sich mit Eau de Toilette von Yves Saint Laurent einsprühte und die Vouge  durchblätterte, hatte er das Gefühl sich ihnen ein wenig zu näher. Ihnen näher zu sein. Als die ganzen Kerle, mit ihrer plumpen und dummen Art. Wenn er nur ein wenig mehr wie SIE sein könnte, würde er vielleicht auch ein besserer Mensch sein. Könnte Zugang zu ihrer Welt bekommen… Könnte ihr Freund werden. In ihrer Nähe sein. Sie ewig anbeten. Leben. In ihrem Licht der Grazie.

 

Hin und wieder erwachte er aus seinen Träumen und fragte sich, was wohl mit ihm wäre, wenn er sich nicht die ganze Zeit über Frauen den Kopf zerbrechen würde? Was denn wäre, wenn er sich lieber Männer ansehen würde? Nicht aus sexuellen Gründen. Sondern wegen einer ganz anderen Form von Idealisierung.

Denn stimmt es denn nicht, dass wir uns zwar männlich fühlen wenn wir hübsche Frauen sehen, doch bei jedem Anblick oder dem Versuch dem Objekt unserer Begierde nahe zu sein nicht immer so werden, wie das Objekt unserer Anbetung? Warum hatte er keine Männlichen Vorbilder? Und warum… Hat kein Mann mehr ein wirkliches Vorbild? Wo ist der Hemmingway der Gegenwart den man wegen seiner ungeschliffenen Männlichkeit verehren könnte? Wer ist denn noch ein „richtiger Kerl“, im positiven Sinn? Wo ist der Mann, der sich über Männlichkeit definiert, die sich wiederrum NICHT über den sexuellen Akt und dessen Häufigkeit berechnet? Denn was sind sexuell erfolgreiche Männer, wenn sie immer mehr aussehen wie aufgedonnerte Transvestiten? Und was symbolisieren die stärksten Muskel-Ottos, wenn sie keine Bildung besitzen? Nein. Ja. Er verehrte Frauen, die mehr darstellten als nur ein hübsches Gesicht und ein toller Körper. Er betete sie als Gesamtkunstwerk an. Nicht weil sie Schminktrullas waren, die einfach nur gutaussahen und die einen abstoßen, sobald sie den Mund öffnen…

Werde ich also weiblicher weil ich Frauen idealisiere?

Kann ich deswegen keine Helden nennen?

In einer Welt der Bilder verehren wird das, was uns überall vorgespielt wird, etwas, dass wir Sehen, etwas, dass wir kaufen können. Doch Tiefe und Menschlichkeit kann man uns nicht mit einem Bild vorspielen. Höchstens vorgaukeln. Ein Bild ist nicht genug. Ein Film nur eine Episode. Und auch ein Text zu wenig. Er musste seine Träume ordnen. Um Helden zu finden und Göttinnen zu schaffen.

 

Feige

Eine Freundin hat mich vorgestern besucht. Diese Frau, in die wir alle mal verliebt waren, mit der man jetzt gut befreundet ist. So was geht wirklich. Sie war ein Jahr lang auf Reisen. Erst in West-Afrika. Dann Südostasien. Dann Indien. Davor war sie ein paar Wochen hier bei uns in Deutschland. Und davor ein Jahr in Latein-Amerika. Das Zweite was sie sagte war, das sie nur ein paar Wochen bleibt, in kurzer Zeit einiges an Geld heranschaffen will und dann wieder weg will. Meine Enttäuschung war ebenso so groß wie die Freude darüber, dass es wirklich Menschen gibt die man ein Jahr nicht sieht und sich sofort wieder so versteht wie vor einem Jahr. Oder dem Jahr davor. So viel gelacht habe ich schon lange nicht mehr. Man kann Menschen aber auch nicht festhalten.

Es ist schon lustig wenn man so hört was sie abenteuerliches in der Welt erlebt hat und wir Jungs nur sagen konnten, dass wir wie blöd gearbeitet hatten und davon psychisch krank wurden. Da trafen die Klischees aufeinander. Überhaupt, Klischees: Vor 20, dreißig Jahren hätte man über eine wie sie noch gelästert, dass sie ihr Leben auf die Reihe bekommen solle. Die hätte doch Kinder bekommen  und mit irgendeinem Kerl in ein neugebautes Haus einziehen müssen, um ein „echter Mensch“ zu sein. Kein Vagabund. Heutzutage ist es andersherum: Sie urteilt uns ab, warum wir noch im System feststecken und uns verarschen lassen. Zeiten ändern sich. Und ganz Unrecht hat sie nicht.

Von mir selbst kann ich nur sagen, dass ich feststecke. Meine Freundin und ich verdienen mehr Geld als dass wir brauchen (was mehr an ihr liegt als an mir) aber wir schuften auch sehr hart dafür. Gerne würden wir weniger verdienen und dafür mehr Freizeit haben. Zeit. In der wir zum Atmen, nicht nur zum Röcheln kommen. Ich weiß, das klingt super privilegiert. Nach Luxus-Problemen. Die können einen aber genauso krank machen, wie andere Sorgen. Am liebsten würden wir es einfach so machen wie meine Bekannte. Einfach weggehen. Ein halbes Jahr vielleicht. Und zu den Personen werden, die wir sind. Und doch.

Ich brauche kein großes Auto. Kein Haus. Kein Vermögen. Was ich brauche. Ist Mut.

Die große Frage ist: Wann  wurde ich erwachsen und warum hat mich damit mein Mut verlassen?