Seid solidarisch in Zeiten der Krise?

„Seid solidarisch in Zeiten der Krise.“ Gute Idee. Nur. Wieso überhaupt nur in diesen besonderen Corona-Tagen?

Die ersten, die um Solidarität baten, waren die Clubs- und Konzertveranstalter. Diese armen Unternehmen, die von der Hand im Mund leben müssen. Auf einmal. Und natürlich, freilich. Jemand wie ich, der seit zwei Jahrzehnten die Club-, Konzert- und Party-Kultur liebt, ist da sofort mit dem Herzen und dem Geldbeutel dabei. Für die Szene, die man liebt. Wobei… Ein fader Beigeschmack bleibt. Über die Jahre habe ich den einen und anderen Veranstalter, Club-Pächter und Kulturschaffenden kennengelernt. Verallgemeinerungen sind schwierig, dennoch hat sich für mich (ich, ich, ich persönlich) nach einem eher unschönen Lernprozess das Gefühl und die Meinung herauskristallisiert, dass sich nicht wenige dieser Veranstalter für etwas Besseres halten. Nicht Alle und Jeder. Natürlich nicht. Insgesamt herrschte dennoch oft der Tenor vor, dass normale Arbeitsleute wie ich nicht ganz so toll seien. Schließlich sei ich nur angestellt. Nicht mein eigener Herr. Und als Lohnsklave in meiner an ihnen gemessenen Uncoolness eh nicht der Hellste. Sie dagegen würden wissen wie der Hase läuft. Besonders die süßen kleinen Häschen, die ich nur in meiner Phantasie vernaschen könnte. Oder Abitur nicht los! Du verstehn?! Ich bin Hoch- und Club-Kultur – und du nix! ICH LASS DIE PUPPEN TANZEN! VON DEINEM GELD! UND DU KANNST FROH SEIN WENN ICH DICH IN MEINEN LADEN LASSE!!! (Grüße an M. Dich meine ich nicht).

Als es dann hieß, erst Großveranstaltungen über 1000 Personen, und dann ein paar Tage später, Bars und Clubs müssten wegen der Krise generell schließen, sagte meine Frau: „Klar, die unwichtigen Sachen machen zuerst dicht.“ Bei meinen Freunden natürlich: Aufschrei. Absolut WICHITG sei das Ganze. LEBENS-NOT-WICHTIG!!! Und wir so mit einem Achselzucken: Ja ne… Eigentlich nicht… Salz in der Suppe. Okay. Aber Lebensnotwichtig… Sind doch wieder einfache Arbeitsleute wie wir. Die euer Essenmachen. Es liefern. Es euch verkaufen. Wegen denen ihr Strom habt. Wasser. Und so Typen wie meine Frau. Im Medizinischen Bereich.

Das klingt jetzt ein wenig spöttisch. Ganz so gemeint ist es jedoch nicht. Dennoch. Wo ist die Solidarität im Nicht-Krisen-Fall? Wo ist das Mitgefühl, das Verständnis und die Nachsicht im Alltag? Das wird jetzt kein Mutter-Theresa-Text, von wegen: „Lasst uns doch auch in Zukunft bessere Menschen sein!“ Denn die Normalität ist (wahrscheinlich) nur ein halbes Jahr entfernt. Die Kanäle in Venedig werden wieder verseucht vom Tourismus sein. Die Luftverschmutzung über China mit den Händen zu greifen. Ich glaube nicht wirklich an einen großen Lerneffekt „der Menschheit“. So wünschenswert es auch wäre. Und. Sind wir mal ehrlich. Nicht wenige von uns normalen Leuten hat es sehr gewundert, dass die Industrie in Europa zum Wohl der Menschen zurückgedreht wird. Denn bisher war Geld wichtiger als ein paar tausend Tote, von denen wir in Deutschland zum Glück noch weit entfernt sind. Versteht mich nicht falsch. Es ist toll, gut und wichtig, dass Wohl der eigenen Bürger über industrielle Interessen zu stellen. Nur sollte auch an jedem anderen Tag so sein. Nicht nur mit einer Pandemie vor Augen. Also hier mal ein kleines thumps-up für unsere Politiker. Ja. Nein. Doch. Vielleicht ist das hier doch so ein kleiner, verkappter Mutter-Theresa-Text. Vielleicht wünsche ich mir tatsächlich ein wenig mehr hineinfühlen in andere Menschen. Und mehr Rücksicht. Mehr Solidarität Leuten gegenüber, die in einer ähnlichen, nur nicht in der gleichen Lebensrealität leben wie man selbst. Und ja. Auch ich bin nicht Mutter Theresa. Trotzdem. Den arbeitenden Leuten kann man doch auch einmal Respekt entgegenbringen. Danke sagen. Was Ordentliches bezahlen. Und vergesst „die Pflege“ nicht.

2 Gedanken zu “Seid solidarisch in Zeiten der Krise?

  1. Ich verstehe total von wo du deine Argumentation hernimmst und denke auch selbst oft wie du. Mehr Solidarität wird es nur leider in gewöhnlichen Situationen immer weniger geben als im Ausnahmezustand. Der Alltag macht es leider wenigen möglich sich für andere zu interessieren.

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