Absolution 51 – Der Angriff

„Wo bist du mit deinen Gedanken, Paul!!!“

Déjà-vu?

Die Explosion ist so ungeheuerlich stark, dass Paul wie ein sprichwörtliches Insekt durch die Luft geschleudert wird. Der entfesselte Explosionsdruck trifft ihn völlig unerwartet in seine rechte Körperhälfte und drückt ihm dabei sämtlichen Sauerstoff aus seinen Lungen. Er nimmt kaum wahr wie ihn eine undurchsichtige Wolke aus Erde umschließt, dafür umso heftiger, wie die kleinen Geschosse aus Erde auf ihn herabprasseln, als er wie ausgespuckt, knochenhart mit seinem linken Schlüsselbein auf den Boden aufgeschlagen ist. Reflexhaft verkrümmt versucht er wieder Luft zu bekommen, doch da ist nur der aufgedonnerte Staub, der sich durch das Einatmen nun auch noch in seine Lungen bohrt. Paul verschluckt sich und keucht.  Er windet sich vor Schmerzen und presst apathisch seine rechte Hand auf die verletzte Schulter. Selbst im  Körper von Banyardi war das eine heftige Nummer. Gar nicht auszudenken, was mit seinem untrainierten Drogenkörper passiert… Dann erfolgt die zweite Explosion. Der Einschlagspunkt ist noch ein wenig näher als bei der ersten Detonation, da Banyardis Körper jedoch inzwischen auf dem Boden liegt, wird er nicht noch einmal weggewirbelt. Da ist nur wieder sehr viel Staub, wenn auch weniger Lärm. Wahrscheinlich hat sein Trommelfell schon bei der ersten Explosion einiges abbekommen; die nächsten Einschläge von – was aus immer- ziehen an ihm und dem Dorf der Mi-Cock vorbei und sprengen dafür den Dschungel auseinander. Der Dschungel, dessen tierische Bewohner ansonsten zu jeder Tages- und Nachtzeit aus vollen Kehlen zu schreien scheinen, schweigt. Die Ersten, die zu kreischen beginnen, sind nicht die Tiere. Es sind die Menschen. Stöhnen und Wehklagen wimmert durch den Dschungel.

Paul drückt Banyardis angeschlagen Körper würgend auf alle Viere hoch und erbricht eine Melange aus Speichel, Dreck und Magensäften. Dann kommt die Erinnerung. Bevor das Volk der Ma-Fag mit seinen Gefangen, den Mi-Cock, bombardiert wurde, stand Banyardi mit Ylva und seiner Mutter zusammen, und… Mutter? Wie vom Blitz getroffen, alle Schmerzen ignorierend, steht Paul auf.

„Mutter?“

Das Dorf der Ma-Fag sieht aus als würden hier gerade Szenen für den Film „Apocalype now“ gedreht werden. Überall ist Rauch. Zerstörte, brennende Hütten. Zerfetzte Menschenleiber. Aufgewühlter Boden. Es sieht noch unechter aus, als es sich anfühlt. So viele zerrissene Menschenleiber; Paul hätte gar nicht gedacht, dass es SO VIELE Ma-Fag gibt…

„MUTTER!“

Paul reibt sich die Augen. Sein/Banyardis Körper ist über und über mit Staub bedeckt.

„Wo bist du?!“

Und wer hatte ihn vorhin eigentlich Paul genannt? Er war vorhin nicht Paul gewesen… Später schon… Alles ist so verwirrend… Und was ist mit Ylva? Unterbewusst nimmt Paul das Knacken war. Er dreht sich nach links zurück. Dann sieht er wie die Bäume fallen. Der Wald bricht mittig geteilt auseinander und eine unfassbar große Schneise entsteht. Wie in einem verdammten Zeichentrickfilm.  Kurz und lächerlich muss Paul bei dem Anblick an ein Bild in einer Bibel denken, welches er einmal als kleines Kind gesehen hat, in welchem Gott das Meer teile, um die Israeliten zu retten. Nur. Dass dieser Anblick nichts mit „Retten“ zu tun hat. Denn jetzt taucht der Drache auf. Ein verdammter Drache LÄUFT durch den Dschungel, als würde er durch dünnes Schilf gehen.

Und Paul sagt nur: „Okay…“

„PAUL!“ schreit Ylva zu ihm hinüber, worauf er den Kopf wendet. Ylva rennt auf ihn zu. Eine der Explosionen hat ihr die Kleidung von ihrem ebenfalls mit Staub und Schlamm überzogenen Körper gerissen. Ihre Titten hüpfen und springen dabei lächerlich rotierend vor ihr herum. Wie in dem unerotischsten Softporno aller Zeit. Bei ihm angekommen bleibt sie nicht stehen, sondern packt Paul an seiner rechten Hand und zieht ihn mit sich: „Wir müssen hier weg! Sofort!“ Sie rennen einfach los. Sie springen über den zerborstenen Bambus des Ziegengeheges. Über die toten, verbrannten oder noch gerade so stöhnende Ziegen. Über den einen oder anderen Leib eines Menschen. Brennendes Gras. Den kleinen Weg entlang. In die Mitte des Dorfes.

Ylva und Paul sind die Einzigen, die in das Dorf fliehen, während sich alle anderen Überlebenden vor dem Drachen in den Dschungel retten. Es gibt keine Gegenwehr. Keine tapferen Krieger, die glauben es mit dem Monster auf sich nehmen zu können. Währenddessen schießt der Drache wieder und wieder seine Feuerbälle auf das Dorf ab. Aus den Augenwinkeln erkennt Paul wie auch Mi-Cock unter den Flüchtigen sind. Irgendwer muss sie aus ihrem Gefängnis gerettet haben. Gut.

„Warum zum Teufel laufen wir IN das DORF?!“ brüllt Paul Ylva an. Schon längst hat sie seine Hand losgelassen, damit sie schneller laufen können.

„Weil wir die….“ Und etwas Unverständliches.

„Weil was?“

„Weil wir die Kugel…“

„WAAAS?!!!“

„Weil wir die Kugel brauchen! Ohne sie war alles umsonst!“
Ein weiterer Feuerball schlägt hinter ihnen ein und schleudert sie auf den Boden. Ylva und Paul knallen der Länge nach auf ihre Bäuche und bleiben stöhnend liegend. Irgendwer schreit ein „Vorwärts!“ aus der Richtung des Drachen. Weder Paul noch Ylva reagieren darauf. Wieder ist Paul auf allen Vieren. Er schüttelt den Kopf hin und her. Wie ein Tier. Um wieder zu Sinnen zu kommen. Dabei erspäht er die verängstigten Kinder der Familie Mischaa unter deren Hütte kauern. Panisch flehen ihre Augen zu Paul hinüber. Große, schwarze, ängstliche Augen. Dicke, ehrliche Kinder-Tränen.

„Haut ab! Versteckt euch im Dschungel! Raus aus dem Dorf!“ Die Älteste der Mischaa-Kinder ist die erste die aus ihrer Schockstarre erwacht und auf Pauls winkende Handzeichen ihre jüngeren Geschwister in den Dschungel scheucht.

„Die KUGEL!“ brüllt Ylva von der anderen Seite. Sie steht schon wieder auf.

„Wo verdammt?!“

„Sie ist vergraben! Unter dem Dorfplatz!“ Sie muss den Platz meinen, an dem die Gemeinschaftstreffen der Dorfgemeinde abgehalten werden. Fast hätte Paul noch ein „Warum?!“ zu ihr hinübergeworfen, nur ist ihm klar, dass das jetzt auch schon keine Rolle mehr spielt.

Paul springt auf die Beine, brüllt: „Los! Los! Los!“ Und sie rennen die letzten 100 Meter bis zum zentralen Platz im Dorf. Ein Blick über die Schultern zeigt ihm, dass der Drache mit irgendetwas beschäftigt zu sein scheint. Wertvolle Sekunden machen sich breit. Ylva und Paul kommen am Festplatz und plötzlich erscheint Paul der eigentlich kleine Zeremonienplatz als eine riesige Ebene.

Noch einmal die Frage: „Wo verdammt?“

Ylvas und Pauls Augen treffen sich. „In der Mitte! Da wo das Feuer gemacht wird!“

„Na super….“
Paul rennt auf die kalten, verkohlten Holzstücke zu. Genau in deren Mitte und wirft so schnell er kann die schwarz verrußten Überbleibsel zur Seite. Das war der leichte Teil. Der schwierige ist es, den Boden zu öffnen. „Ein Königreich für eine Schaufel“, flucht Paul in sich hinein. Hinter seinem Rücken donnern schon wieder Explosionen durch den Boden. Zwar ein gutes Stück weit hinter ihnen. Aber doch. Ylva und Paul buddeln den trockenen Teil der Erde weg. Dann wird es lehmig und richtig schwierig. Ihre Finger bohren sich in den Erdboden. Fingernägel splittern und brechen. Paul schnappt sich ein Stück Holz und schlägt auf den Boden ein.

„Wie tief müssen wir?“
Ylva schüttelt nur ahnungslos den Kopf. Sie weint dabei. Paul gräbt verbissen weiter. Trotz seiner verletzten Schulter. Aus den Augenwinkeln bemerkt er einen Schatten heranhuschen, doch er reagiert nicht darauf. Als Ylva von starken Armen umschlossen wird, sieht Paul dann doch auf. Der Schweiß rinnt ihm in Sturzbächen über sein Gesicht. Er schüttelt sich um ihn nicht in seine Augen zu bekommen. Es ist Murdock, der Ylva in den Arm genommen hat. Ylvas Vater. Eine Nanosekunde lang wundert sich Paul darüber, wie ähnlich Murdock dem alten Gott des Krieges ähnelt, bis auf die langen Haare.

„Was macht ihr hier? Ich habe euch gesucht! Die anderen sind alle…“ Bellt er seine Tochter an.

„Kugel…“ bringt sie nur hervor. Murdock lässt seine Tochter los und packt Paul an seiner heilen Schulter an: „Warum setzt du deine Kräfte nicht ein! Los Junge!“

Pauls Kopf wankt überrascht ein Stück von dem Übermenschengroßen fort: „Kräfte?!“

„Deine KRÄFTE!“

Die Männer sehen sich an. Im Hintergrund schießen immer wieder und wieder Feuergeschosse in die Lunge dieses Planeten. Die Erde bebt.

„Er… Er hat sie noch nicht… Entdeckt!“ Dieses Mal ist es Ylva die ihren Vater am Unterarm packt. Murdock blinzelt. Danach nickt er. „Dann muss es wohl so sein.“ Er greift hinter seinen Rücken und holt einen kleinen Dolch hervor, welchen er Paul reicht: „Grab damit.“ Verdutzt nimmt Paul den schweren, metallenen Dolch in seine rechte Hand. In der Welt der Ma-Fag gibt es kein bearbeitetes Metall in dieser Qualität. Paul lacht kurz auf. Schüttelt seinen Kopf und meint: „Ich will gar nicht wissen wo du den die ganze Zeit versteckt gehabt hast.“ Er beginnt zu graben. Mit dem Dolch ist es einfach die Erde aufzureißen. Schnell entsteht ein breites Loch, dass von Murdocks Schaufelgroßen Händen in Windeseile vergrößert wird. Hoffnung kommt in Paul auf; vielleicht können sie es wirklich schaffen. Und. Ist es absurd zu glauben, dass wenn man in seinen Träumen stirbt, man auch wirklich stirbt?

Murdock hebt wirbelt herum. „Sie sind da?“ Ylva schreit vor Schreck auf, so dass auch Paul nicht anders kann al sich umzusehen. „Verdammte Reptilienmenschen“, knurrt Murdock. Er steht auf. Und seine ganze Körperspannung zeigt an: Er ist zu allem bereit. Murdocks nordischer Körper glänzt wie ein einziges großes Muskel in der südländischen Sonne. Seine kalte Entschlossenheit in den Augen gibt Paul das Gefühl, als wäre dieser Krieger, nur für diesen Moment geboren worden. Paul hat viele Filme gesehen. Viele verrückte Kameraperspektiven. Viele Maskeraden, die kleine Männer groß, und Trottel cool erschienen ließen. Nur so eine Aura wie die, die von diesem Mann ausgeht, hat er noch nie erlebt. Das Einzige was Paul nicht versteht, weshalb der tapfere Mi-Cock-Anführer von „Reptilienmenschen“ spricht. Die Männer haben doch eindeutig Vogelköpfe. Wie muskulöse ägyptische Götter sehen die Truppe von etwa 20 Feinden an. „Horus“-Monster, wohin er sieht.

„Grab.“ Knurrt Murdock zu Paul hinunter. Und obwohl Paul sofort wild und schnell damit fortfährt die zentrale Feuerstelle der Ma-Fag umzugraben, denkt er in seinem Innersten, dass das „Grab“ von dem Murdock gerade sprach, ihr aller sein würde. Paul sieht nicht, wie Murdock sich in Bewegung setzt.