Absolution 50 – Sex wie Liebe

Wo bist du mit deinen Gedanken, Paul?“

Kathas Kopf lag ruhig auf Pauls nackter Brust. Ihr lockiges, braunes Haar wogte sachte im Takt seines Atems.  Das Fenster stand offen. Der Rollladen war von Paul soweit herabgelassen worden, dass er genau nicht die Unterseite des Fensters verdunkelte. Von außerhalb des Gebäudes brandete das gedämpfte Gelächter aller Wahrscheinlichkeit nach, spielender Kinder an. Ihre Sorglosigkeit klang naiv und frei, gleich Wellen, die nach einer langen Reise durch die Ozeane dieser Welt letzten Endes spielerisch an Land schwappten.

Paul streichelte verträumt mechanisch mit seiner linken Hand sanft über Kathas entblößten Rücken. Ihre Haut war perfekt und straff. Hier und da ein Leberfleck oder ein anderes Alleinstellungsmerkmal, die jeden Menschen zu einer perfekten, einzigartigen Schneeflocke formen.

„Woran soll ich denn denken?“

Sie lagen in seiner Wohnung. In seinem Bett. Eng aneinandergeschmiegt. Nackt. So nah, wie sie sich zwei Menschen nur sein können. Ihre Blicke hingen sorglos verloren am weiß gestrichenen Mauerwerk von Pauls Wohnung. Mal schlossen sie die Augen. Mal sahen sie sich an, ohne sich in ihre Gesichter blicken zu müssen.

„Ich merke doch, wenn du…“

„Wenn ich was?“
„Wenn du abwesend bist.“

Ein kurzer Moment der Stille trat ein. Selbst die Kinder, irgendwo im Hof vor dem Haus holten kurz Luft. Dann:

„Tatsächlich habe ich mich schon seit langer Zeit nicht mehr so sehr in einem Moment gefühlt, wie jetzt.“

„Ja aber… Manchmal… Da bist du wie… Wie weg…“

Paul seufzte Tonlos. Sein rhythmisches Stricheln wurde unterbrochen. Gern hätte er nun in Kathas Augen geblickt. Fast hätte er sie zart an ihrem Kinn berührt, ihr Gesicht zu dem seinen gezogen, sie geküsst und ihr versprochen, dass alles gut sei. Doch er beließ es dabei. Denn zu schön war dieser Moment. Hier im Bett. So aneinander geschlungen. Denn solche Momente. Solche Nähe. Solch ein Glück. Können dir die Drogen nicht geben. Keine Phantasie. Kein Kick. Keine Abfahrt. Diese Momente. Ehrliche Augenblicke. Erschienen Paul als außerordentlich selten in einem Menschenleben. Dies hier waren die Momente, bevor die Liebe zueinander ausgesprochen wurde. Bevor alles unwiderruflich den Bach hinuntergingen. Dies hier. War Liebe. Auch wenn weder Paul noch Katha sich darüber im Klaren waren, ob sie den anderen wirklich…

„Es passiert viel… Durcheinander…“

„Was denn?“

„Ach… Lass doch mal gut sein.“

Eine Pause entstand. Noch kein Moment der Distanz. Ein Luftholen, in welchem Paul kurz in sich hineinfühlen musste, wie weit er bereit war für Katha die Türe zu seinem Selbst zu öffnen.

„Weißt du“, fuhr er dann schließlich fort, als seine Finger wieder über ihre Haut tanzten. „Da ist diese Geschichte mit dem Fettsack und Chris. Da wurde was an die Scheiben des Bosporus geschmiert.“ Paul erzählte die Story von Chris und Fettsack, denn die Geschichte von Ylva konnte er unter keinen Umständen erzählen. Auch. Wenn sie sich langsam ebenso echt anfühlte, wie die Probleme seines Freundes Fettsack. Paul wusste durch die Jahre seiner Drogensucht, dass die beste Lüge nicht die war, die Wahrheit verfälscht darzustellen. Dabei verstrickt man sich mit der Zeit nur immer wieder und weiter in Widersprüche. Nein. Katha war schließlich nicht Pauls erste Freundin. Die beste Lüge besteht darin, wenn man der Frage ausweicht und einfach über einen ganz anderen Sachverhalt spricht.  Ein klassisches Ablenkungsmanöver.

„Ich hab keine Ahnung ob er wirklich was mit Sarah hat.“ Katha drehte sich etwas herum und sah Paul von seinem Brustkorb aus an. „Sie hat mir nichts davon erzählt. Wieso auch? Sarah war schon immer ein wenig…“ Katha lächelte. In Pauls Augen deswegen, da sie zu nett dafür war über Sarahs Lebenswandeln zu urteilen. Oh wie gütig und brav Katha doch war. Und dass zu einer Frau wie Sarah, die Katha in ihrer Abwesenheit oft nur herablassend in Bezug auf ihren Job als „die Fleischfachverkäuferin“ betitelte. Brave, schöne, perfekte Katha. Pauls Erektion kehrte schlagartig zurück. Wie konnte er nicht verrückt nach ihr sein?

„Auf jeden Fall kann Chris das mit dem Bosporus nicht gewesen sein.“
„Und? Warum nicht?“
„Weil er mit Koji und mir unterwegs war.“

Paul sah sie abschätzend an. Worauf Katha gespielt genervt die Augen verdrehte. „Der Kumpel von Miguel. Du weißt doch.“

„Der uns damals die Mitsubishi-Teile vertickt hat.“

„Na ja… SO kann man sich die Leute auch merken… Aber ja.“

Katha strahlte ihn an. „Also kann der Chris das nicht mit der Fensterscheibe gewesen sein.“

„Da bin ich jetzt aber baff. Hefig. Irgendwie… Ich war mir so verdammt… Und was haben du, Chris und Koji in der Nacht gemacht?“

„Na was schon?“ lachte sie ihn überzogen albern an. „Ich hab mit Beiden gefickt!“ Worauf sie ihn auf den Mund schmatzte und sich lachend von ihm abwand und unter der Bettdecke versteckte „Blöde Kuh“, schmollte Paul eine Sekunde lang, bevor er damit begann seine vor Freude kreischende Freundin aus der Decke zu wühlen und sie von hinten durch zu kitzeln. Der Rest war atemloses Gelächter, der ziemlich schnell in atemlosen Sex überging.

Erschöpft lagen sie danach wieder zusammen. In Löffelchen-Stellung. Während draußen vor dem Haus die Kinder nicht müde wurden zu Lachen. Das mit Chris waren gute Nachrichten, dachte Paul für sich. Vielleicht sollte er sich mehr mit Katha unterhalten.  Und am Ende würde alles gut werden. Und hauptsächlich sollte er sich weniger Gedanken über die Probleme anderer machen. Im Moment waren die wichtigen Dinge im Leben gefragt. Und zwar. Wo und was er und seine Freundin gleich zu Abendessen sollten. Vor solche Dinge sollte das Leben gemacht sein.

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