Absolution 48 – Die besten Ideen kommen einem auf Drogen

Warum hatte er nur zugesagt? Hatte Paul denn nicht schon genug eigene Probleme? Mal von seiner Zusage abgesehen kurz mal eine ganze Fantasy-Welt retten zu müssen, wäre er jetzt lieber bei Katha und würde mit ihr Kuscheln. Oder ihr nach einem spaßigen Fick ins Gesicht spritzen. Normale-Leute-Zeug also. Das galt nur nicht für Leute wie ihn. Denn jetzt saß er hier in dieser beschissenen Bonzenkarre, diesem gigantischen roten Audi. Dem RS6. Dieser fahrende, grelle Lippenstift, welchen im Normalfall nicht der Fettsack selbst lenkte, sondern dessen Frau. Im Moment jedoch besaß der Fettsack einen Führerschein; wobei die Gründe weshalb er ihn wieder eingeklagt hatte (tatsächlich hatte der Fettsack den Führerschein wegen einer Hausdurchsuchung abgeben müssen, bei der er mit einer Geldstrafe und Führerscheinentzug davongekommen war) erstens aus DEM PRINZIP bestand, denn, der Fettsack war dieses Mal nicht mit Drogen am Steuer erwischt worden und hatte deswegen den Staat Bayern ob der Unfairness verklagt, trotzdem den Führerschein abgeben zu müssen, zweitens (und wichtiger) dem Umstand, dass er als Führerscheinbesitzer nicht den ganzen Tag twentyfourseven drauf sein konnte, denn irgendwann würde er ja doch mal wieder Autofahren müssen, als ausnüchternde Maßnahme quasi und schließlich drittens konnte man den Lappen hin und wieder wirklich gut gebrauchen um selbst von A nach B zu kommen, so wie in diesem Fall.

Auf die Frage ob der Fettsack nicht schon bei Chris vorbeigesehen hätte, war die Antwort wie zu erwarten „Als erstens natürlich“ gewesen. „Den hab ich an die Wand geklatscht, dass seine Füße bloß noch so zum Boden gebommelt sind und hab ihn mal ner richtig heftigen Umfrage unterzogen“, fuhr er weiter fort.“
Paul: „Und?“

„Wie und? Nix und! Konnte ihm ja schlecht nen Finger abschneiden. Der hat aber auch so schnell zu Flennen angefangen. Ist wirklich schwer zu sagen ob er es war. Bin mir sicher, dass der wegen mir und Sarah nen Film schiebt. Aber… Ob das für so ne Aktion mit der dem Graffiti reicht? Ich meine. Der weiß doch wer ich bin. Und er ein Niemand. Aber selbst dem muss klar sein was für ne Kettenreaktion das nach sich zieht. (Pause) Dass es Chris war ist vielleicht auch einfach ZU offensichtlich.“

Der Lippenstift von Audi mit seinen vielen, vielen Pferdchen unter der Haube schnitt ruckartig durch die Gäßchen des Dorfes in welches der Fettsack sie gebracht hatte. Paul hasste es wenn Leute schnell fuhren und dann glaubten, sie seien GUTE Autofahrer. Wer schnell fährt, fährt in Pauls Sichtweise nicht gut. „Sportlich“ hatte in seiner Denkweise nichts auf einer öffentlichen Straße verloren. Die zwei anderen Typen im Audi mochten dabei einer anderen Meinung sein. Paul kannte die nicht. Sie sahen auf jeden Fall viel gefährlicher aus, als Paul es auf die Waage brachte. Mit Sicherheit waren sie beim Fettsack-Chris-Besuch auch am Start gewesen. Mit absoluter Sicherheit. Die Zwei saßen wie zwei Sack voller Türsteher auf der hinteren Sitzbank des Lippenstifts, nur dass Paul die Beiden noch nie an der Tür des Bosporus gesehen hatte. Keine Ahnung wo man solche Kerle herbekommt. Die Art jedoch wie der Fettsack seine Nase beim Autofahren und Schwitzen nach oben zog, gaben Paul eine Vorstellung. Paul sollte nur als höherer (O-Ton-Fettsack: ) „body count“ mitkommen, denn durch einen mehr wäre ihr Auftreten furchteinflößender. Drei sei eine gute Zahl von Leuten. Vier jedoch schon ein ganzes Team. So wie im Sport. Dass „body count“ eigentlich „Opferzahl“ bedeutete und nicht „Körperzahl“, ließ Paul einfach mal unerklärt. Die Ironie war zu groß für so eine krasse Situation.

Moment mal? Hatten die Typen auf dem Rücksitz etwa Waffen dabei?

„Du sagst einfach gar nichts und stehst nur cool da. Bistn großer Typ. Einfach grimmig schauen. Oder ne. Schau einfach neutral. Mach den Schweizer“, instruierte ihn noch der Fettsack, als sie vor einem unscheinbaren Einfamilienhaus irgendwo in einem für Paul namenlosen Kaff hielten – und Paul war hier in der Gegend aufgewachsen. Als die Türen dumpf ins Autoschloss gefallen waren, fühlte sich Paul ein wenig wie in dieser amerikanischen Serie „Ozark“, bei der in jeder Folge immer und die ganze Zeit viel zu viel passiert und die Protagonisten nie auch nur einen Tag zur Ruhe bekommen können. Dabei war es jetzt auch schon wieder Mittwoch. Wenn Paul es schon nicht fertiggebracht hatte dem Fettsack abzusagen, hätte er ihn wenigstens danach fragen sollen, zu wem zum Teufel er ihn überhaupt brachte? War das so ne Art Drogenbaron hier? Oder nur ein Dealer oder…? Wen zur Hölle hatte sich der Fettsack ausgerechnet, dass er ihm „Junkie“ an seine Scheibe geschmiert haben könnte?

In den meisten Dailysoaps gäbe es keine Handlung mehr, würden sich die Leute nur einmal anständig über ihre Motive und Probleme aussprechen.

Auf dem Klingelschild stand „Baader“ und die Hausglocke machte ganz Sitcomstylisch: DingDong. Da standen sie nun. Der durchtrainierte Fettsack mit seinen Schlägern. Und seinem Kindergartenfreund Paul. Es fühlte sich an wie die eine Szene aus einem Gangsterfilm, die nachträglich herausgeschnitten werden würde. Als das Licht im Gang zur Haustüre angeknipst wurde, dachte sich Paul noch kurz: „Baader? Momentchen Mal, ist das etwa?“ Und schon wurde die Türklinke von innen betätigt und eine vollkommen normal aussehende Frau in ihren Vierzigern stand in der Türe. Sie war dürr, hatte blond gefärbte Haar, war nicht unmodisch gekleidet – und sah überhaupt nicht aus nach Puffmama oder Drogenmutti. Nein. Sie sah aus wie der personifizierte Mittelstand. Zu Pauls steigender Überraschung hatte der Fettsack genau damit gerechnet, denn noch bevor ein „Ja bitte?“ aus dem überraschten O-Mund der Frau entweichen konnte, machte Pauls Freund die Ansage: „Und jetzt geht´s los!“ Stieß dabei die Frau zur Seite und das „body count“ Kommando stürmte voll rein.

Fettsack: „BAAAAAAADER! Wo steckst du Mistkerl?!“

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