Absolution – 46 – Die Erleuchtung

Paul packt mit Banyardis starker Hand Ylva an ihrem linken Arm und zerrt sie fort. „Komm mit verdammt noch mal. Wir haben zu reden.“ Der Griff seiner Hände ist grob und brutal. Jede Frau in der realen Welt hätte vor Schmerzen rebelliert. Nicht Ylva. Er zerrt sie vom Dorf fort. Fort von den Menschen, die seiner Logik nach gar keine sind. Als sie außer Sicht und Hörweite sind lässt er sie frei.

„Ich bin kein Erlöser, kein Auserwählter, kein gar nichts. Ich bin ein MISSverständnis. Denn erstens gibt es kein (er fuchtelt mit seiner rechten Hand in die Dschungelluft) HIER. Und zweitens bin ich gar nicht hier.“ Ylva massiert ihren rechten Arm, an dem er sie gepackt und gezogen hat.

„Beruhige dich Banyardi… Wesen… In Banyardi…“

„Paul. Mein Name ist Paul.“

„ Paul…“. Ihr wunderschönes Gesicht zeigt weder Entsetzen noch Furcht. Ihr Blick verrät freudige Hoffnung. „WIR haben dich gerufen. Wir haben dich hierhergeholt! Wir, die Mi-Cock! Du wirst unser Retter sein!“

„Püppy. Du hörst mir nicht zu! Ich weiß nicht einmal wie man ohne Feuerzeug FEUER macht! Mein Verstand redet sich nur ein, dass du dir einredest, dass ich mir etwas… EINREDE!… Herr im Himmel klingt das verrückt… Pass auf… Ich würde in diesem Dschungel verhungern! Ich bin kein Erlöser. Und ich bin auch niemandem eine Hilfe…“
„Du verstehst nicht! Auch ich kann in diesem Dschungel nicht alleine überleben. Wir haben dich nicht gerufen, damit du uns ernährst. Wir haben dich gerufen, damit du mir hilfst! Du bist der Schlüssel!“

„Dir? Warum ausgerechnet dir? Was macht dich denn zu etwas Besonderem?“ Paul zeigt dabei mit seiner ausgestreckten Hand ohne beabsichtigte Ironie auf ihre großen Brüste.

„Weil ich sie finden kann Paul! Ich kann sie finden!“ Mit diesen Worten hebt Ylva ihre Kette zwischen ihren Brüsten hervor, an der eine einzige, große Kugel die bis vor kurzem neckisch zwischen ihren Brüste gebommelt hat, und streckt ihm nun  eben jene Kugel entgegen. Tatsächlich ist diese Kugel wie nichts was Paul in dieser Welt jemals gesehen hat. Sie ähnelt einer braunen, verschlungenen Glasperle, ähnlich den Perlen, mit denen Paul als Kind einmal gespielt hat, bis er (sehr schnell) das Interesse an ihnen verloren hatte. Sie waren irgendwo im Schrank seiner Schwester gelegen. In einem kleinen Säckchen. Wahrscheinlich hatte auch seine Schwester sie nie benutzt, sondern sie nur von ihrer Mutter oder von einer Tante „geerbt“ gehabt. Paul mochte an ihnen, wie glatt und sanft sie gewesen waren. Fast anschmiegsam. Ylvas Kugel schien diesen zu gleichen, nur ist sie ein wenig größer und damit schwerer.

„Gute Frau. Ich will jetzt ja nicht massig mit meiner un-glaublichen Bildung protzen. Doch. Ich weiß, dass in Amerika indige Völker wie die Ma-Fag ihre eigenen Leute, ganze Länder für so wertloses Zeug wie diese Kugel verkauft haben. Doch. Nur weil du etwas nicht kennst und oder verstehst, muss es nicht von Wert sein. Glaskugeln sind nur… Gegenstände.“

„Berühre sie.“

„Was?“

„Ich will das du meine Kugel in die Hand nimmst.“

Ylva sieht ihn mit so weiten fordernden Augen an, dass ihm dabei unwohl wird. Allein dir Vorstellung etwas zu berühren, dass gerade so penetrant zwischen ihren wogenden Titten gebaumelt hat, erscheint Paul als einen Einbruch in Ylvas Intimbereich.

„Fass sie an!“
Paul seufzt. „Na okay. Ja gut. Dann fass ich halt deine blöde…“ In dem Moment in dem sich die von Paul bewegte Hand Banyardis um die Kugel schließt, schrumpft das gesamte Gesichtsfeld Pauls, dass auf Ylvas Gesicht gerichtet ist, schlagartig auf einen immer kleiner werdenden Punkt zusammen. Es beginnt damit, dass der Himmel verschwindet. Dann der Dschungel. Dann Ylva. Alles fällt in sich zusammen. Bis am Ende nicht nur Ylva, sondern auch der gesamte Dschungel, der Planet, jegliches Sonnenlicht, ALLES in sich zusammengebrochen und auf einen Punkt singularisiert ist. Bis auch dieses Staubkorn, welches einmal ein ganzer Planet war, verschwunden ist. In der ersten Sekunde in der, der kleine Punkt, in der sich die Welt der Ma-Fag fokussiert hat, verschwunden ist, saugt das Nichts des Weltalls in dem er sich unvermittelt und unvorbereitet befindet, die Luft aus seinen Lungen. Paul fühlt wie er fast augenblicklich dabei ist zu ersticken. Doch dazu kommt es nicht. Denn in der zweiten Sekunde erfriert Paul im Vakuum des Universums schwebend, abgeschnitten von allem, was ein Mensch zu überleben braucht. Kein Mensch kann außerhalb der Erde existieren. Doch er stirbt nicht.

Sein Bewusstsein versteht es zwar nicht, nimmt die Gegebenheit dennoch als Tatsache wahr, dass es hier einen Körper weder benötigt noch besitzt. Dabei ist Pauls Seele geschockt vor Angst. Noch nie in seinem Leben hatte sich so ein Gefühl der Überwältigung in ihm breitgemacht. Das hier war heftiger als jeder Drogenkick. Krasser als jede Panikattacke.  Schlimmer als ein Ritt auf LSD und Ketamin zusammen. Sein Bewusstsein ist innerhalb einer Sekunde komplett zusammengebrochen, wie ein Stern, der in sich zusammenfällt, nur um noch als tanzendes Staubkorn zu existieren. Er taumelt, dreht sich im Nichts. Und erst dann sieht er den Planeten. Diese unglaublich, unglaublich, ungeheuerlich verschissen große, riesige, gigantische Kugel direkt vor seinem Staubkornbewusstsein. Paul schreit, doch er hat keinen Mund, aus dem ein Wort entweichen könnte. Paul wird verrückt, doch er besitzt auch keinen Verstand, der in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.  Die pure Daseinshaftigkeit des beigen, braunen Planeten, hinter dem irgendwo, weit entfernt von der Erde die Sonne aufgeht, dem größten Planeten des Sonnensystems mit dem rotierenden, wabbernden Auge an dessen Unterseite, der irgendwie genauso und doch ganz anders aussieht wie auf den Teleskopbildern der Wissenschaftler, zerdrückt mit seiner Schwerkraft und durch seiner puren Daseinshaftigkeit Pauls Staubkornbewusstsein. Zermalmt alles was an ihm jemals menschlich oder auch nur möglich war. Paul wird verrückt beim Anblick der für ihn unendlich großen und dabei so gespensthaft göttlich stillen Gaskugel. Paul schreibt. Doch da ist kein Laut. Paul wird zerrissen, doch da ist kein Körper.

Alles geschieht auf einmal. Der Zusammensturz der Ma-Fag-Welt. Das Ersticken. Das Erfrieren. Der Planet. Der Wahnsinn. Und dann auch noch dieser entfernt schwache Sonnenaufgang hinter dem Gasballon, der all die Stürme und Wirbel beleuchtet und zum Vorschein bringt die über den Planeten tanzen; dieses Bild ist so schön, so schön, so schön, ungreifbar herrlich, dass es Pauls Bewusstsein so dermaßen überstimuliert, dass… Er weint und lacht zugleich. Verliert jeglichen Lebensmut. Und fühlt sich der göttlichen Erlösung so nahe wie noch nie in seinem Leben.

Wie Ylva ihn von sich stößt, fällt Paul nach hinten auf dem Boden und landet auf seinem Hintern. Paul wieder zurück im Dschungel. Zurück in der stickig warmen Welt von Mi-Cock und Ma-Fag. Zuhause auf Mutter Erde. Neugeboren auf dem dritten Planeten des Sonnensystems. Paul ist wieder Mensch geworden. Da sind seine Hände. Da seine Arme. Hier seine Beine. Da sein Kopf. Nachdem er die anderen Körperteile abgetastet hat bleiben seine beiden Hände auf ihm liegen. Erst dann saugt er erschrocken die heißfeuchte Luft des Dschungels in seine Lungen ein – noch nie hat Luft so gut geschmeckt wie in diesem Moment. Er hatte nicht einmal gewusst, das Luft schmecken kann. Ylva sieht das Entsetzen in seinen Augen.

„Hast du es gesehen?“ Die Frage ist überflüssig. Nur welche Frage wäre nach dieser Erfahrung angebracht?

„Fuck… Das… Das war Jupiter, oder etwa nicht?“

„Jupi?…“

„DER VERDAMMTE PLANET JUPITER!“

„War dir ebenfalls so kalt bei der Erscheinung?“

„KALT!?“

Paul seufzt. Daraufhin nickt er einmal entkräftet.
„Ja. Ja, mir war auch sehr kalt. Und sehr wenig Atemluft…“ Paul ist müde. Das Alles ist eindeutig zu viel für ihn. Sein Blick geht starr in den Dschungel hinein. Jetzt, nach diesem Erlebnis in der Kälte des Weltraums – was zur Hölle hätte seine… Vision denn sonst darstellen sollen? – fühlt sich dieser Ort unendlich wahrhaftig und lebendig an. Paul bohrt die Finger des Wilden in den Erdboden und greift fest in ihnen hinein, so als ob er im Inbegriff wäre, gleich wieder davon zu fliegen. Wie schön die Natur doch ist. Wie beschützenswert. Voller Leben und Hoffnung. Der Dschungel. Die pulsierende, raschelnde Lunge des Planeten Erde. Fasziniert lässt Paul seine schmutzigen Finger (Schmutz? Welcher Schmutz?) über die Blätter eines ihm unbekannten Gewächses gleiten. Eine Art Farn. Einfach nur grün und lang und blättrig. Und wunderschön. Der Farn fühlt sich lebendig in seinen Fingern an. Als hätte er wie Paul ein Herz und eine Seele. Er schüttelt den Kopf. Entweder ist dieser Ort eine andere Wahrheit. Oder. Er ist nun endgültig verrückt geworden. Sein Blick gleitet von dem Farn hinüber zur Mi-Cock Prinzessin, die ihn noch immer erwartungsvoll ansieht. Darauf wartet, dass der „Erlöser“ mit ihr spricht. Wie schön sie ist. Nur ist ihre Schönheit für Paul nicht mehr die Gleiche wie vor seinem Ausflug zum Jupiter. Ihre jetzige Schönheit ist für Paul nicht mehr die eines Objektes. Nicht einmal mehr die einer Frau. Ylva ist für ihn zu einem Menschen geworden. Paul seufzt. Was ist schon real? Katha? Ylva? Wie definiert man überhaupt den Begriff „Wirklichkeit“? Fragen über Fragen die man einem Psychotherapeuten stellen könnte. Er steht auf. Nickt Ylva aufmunternd zu und meint zu ihr: „Dann erzählt mir mal von deinem Thorfinn.“      

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