Absolution 41 – Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“

Kapitel 14

Manchen Theorien zur Folge sind unsere Träume keine Reflektionen auf unser Tag-Leben, sondern es verhält sich umgekehrt: Die Traumwelt ist die echte Welt und das Tag-Leben nur der Sammel- und Versuchsballon der dazu dient, Eindrücke für die tatsächliche Wirklichkeitsebene zu speichern, um schließlich in der von uns so genannten „Traumebene“ neues Leben und Zusammenhänge entstehen zu lassen. Von dieser Perspektive aus betrachtet, hätte Paul gar kein Leben. Fast immer waren seine Träume ein grabdunkles, tiefes Schwarz, welches am Ehesten noch mit einem schwarzen Loch zu vergleichen war, in dem seine Erlebnisse nicht aufgearbeitet wurden; sie wurden einfach nur zu einer Eiskalten Singularität spagettisiert, aus der es keine Rückkehr mehr zu geben schien.  Seine schlaflosen Nächte gaben ihm die verlockende Vorstellung zu wissen, wie es sich anfühlen müsste, tot zu sein. Der Tod: Eine dunkle, schwarze, nichts verarbeitende Stille der Seele. Ein Wortloses, ersticktes Unterbewusstsein. Frei jeder Hoffnung, Zukunft oder Vergangenheit. Bei jedem Erwachen beschlich ihn das Gefühl, dass sein eigenes Unterbewusstes nichts mit ihm zu tun haben wollte.

„Katha ficken“. Immer noch eine gute Idee. Doch wie und wann hatte er das notiert… Und warum?…

Heute war noch minus einen Tag bis zum Wochenende. Er war sich darüber klar, es diesmal sein zu lassen. Es seien lassen zu müssen. Keine Ur-Völker mehr mit Fantasy-Problemen. Keine Ylva oder andere Spinnereien. Dieses Wochenende würde er sein Leben geschissen bekommen. Und da er aus dem letzten Wochenende was gelernt hatte, schrieb er heute, an diesem Freitag, voller Motivation und kaltem Bewusstsein: „Leben geschissen bekommen“ auf ein Post-It und klebte es an die gleiche Stelle, an der er sich noch vor ein paar Tagen geraten hatte, es Katha zu besorgen.  Kurz und gar nicht lächerlich nickte er dem Post-It in seinem Badezimmer zu, dann tippte er auf seinem Handy eine Nachricht für Katha ein, ob sie nicht mal Bock hätte mit ihm was zu machen. Kino oder so. Morgen wäre klasse. Er würde sich sehr darüber freuen. Am liebsten würde er gerne heute. Nur heute, war leider Familientag. Schon wieder. Danach machte sich Paul fertig für die Arbeit. Nicht ohne sich mit wild pochendem Herzen darüber freuen zu dürfen, wie Katha ihm ebenfalls freudig zusagte.

 

Nach der Arbeit besorgte er sich die obligatorische Dose Gulaschsuppe. Wie immer die von „Fleischmann“. Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ war eine Marotte von Pauls Familie. Ein Running-Gag und Familien-Tradition in einem, die jedes Jahr am gleichen Datum abgehalten wurde. Zur Erinnerung an den verhängnisvollen Tag, als Pauls Mutter sie verlassen hatte. Dieser Tag war so wohl merkwürdig als auch lächerlich gewesen, denn auch wenn sich manche Ereignisse Monate, vielleicht sogar Jahrelang vorher überdeutlich andeuten, waren am Ende doch alle überrascht gewesen, dass wirklich geschah was alle hatten kommen sehen. Von einem Tag auf den anderen war „Mutter“ weggewesen und Vater stand mit seinen beiden Kindern und der Karate-Schule alleine da. Alle hatten gewusst, dass dieser Tag kommt, außer Paul wahrscheinlich, der noch zu jung war um die Zeichen zu deuten. Er war viel zu sehr Muttersöhnchen gewesen um zu verstehen, dass es andere Prioritäten in Mutters Leben gab. Und Vater war sich seiner Sache viel zu sicher gewesen. Viel, viel zu sicher. „Soll die Alte mal drohen und toben. Am Ende wird sie es doch nicht durchziehen“, so simpel und lange auch richtig waren seine Gedanken gewesen. Nur Pauls Schwester hatte die Situation realistisch gesehen und die Familie deswegen seelisch und geistig schon lange aufgegeben. Für sie war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Mutter ihre Frau stand… Dann war sie fort und die Familien-Geschichte, die in Mutters Kopf „gar nicht mehr schlimmer hätte sein können“, war genau das geworden: Viel schlimmer als sie es sich selbst hätte vorstellen können oder wollen. Was nun keine Rolle mehr spielte, da sie selbst nun endlich nichts mehr mit diesen grauenhaft selbstverliebten Leuten zu tun hatte. Während die zurückgebliebenen Kinder und der Mann fassungs- und wortlos vor den Scherben ihrer Vergangenheit standen.

„Wo ist Mutter?“ hatte Paul seine Schwester und den Vater gefragt, als er abends vom Nachmittagsunterricht zurückgekommen war. Er hatte sich morgens nur kurz darüber gewundert, dass für ihn kein Pausenbrot vorbereitet war und hatte sich aus Vaters Geldbörse den kleinstmöglichen Schein genommen. Die Schule hielt genug Prüfungen und Teenagergeilheit für ihn bereit. Da konnte er sich nicht auch noch vom Familienleben ablenken lassen. Paul war schon immer ein Spätentwickler gewesen. Und sollte es auch bleiben.

„Fort“, seine Schwester hatte nur noch schief lächeln können.

„Wie fort? Wann kommt sie wieder?“

„Ja weg! Ganz weg!“ hatte sein Vater laut gekläfft gehabt, laut und böse und deprimiert.

„Wie weg?“ Wie hätte es Paul auch verstehen können?

„WEG! WEG!“ hatte Pauls Vater ihn wie noch nie in seinem Leben zuvor angeschrien und hatte mit seiner massigen Karateschulfaust auf den Tisch gedroschen, so dass jener erbebte wie unter der Hand Gottes.

So war das also gewesen. Weg, weg… Niemand hatte geweint. Keiner hatte jemand umarmt. Einfach nur weg, weg. Auf immer. Wahrscheinlich auf ewig.

Wäre dies eine Fernsehfamilie gewesen, wäre nun der übliche Trostmechanismus angesprungen. Menschen hätten einander versichert, nichts dafür zu können. Dass es jetzt schon „irgendwie weitergehen würde“. Dass die Familie jetzt zusammenhalten müsste, wie nie im Leben zuvor. Dass es irgendwie gar nicht so schlimm wäre. Irgendwie… Nur war diese Familie keine Fernsehfamilie. Niemand sprach ein Wort. Jeder hing in seinem Kopf fest. Das Undenkbare war zum Unsagbaren geworden.

Bis.

Bis Vater aufstand und die ersten drei Lebensmittel aus dem Schrank nahm, die sich ihm dargeboten hatten: Drei Dosen Gulaschsuppe. Jeder von einem anderen Hersteller. Dass eine von ihnen sogar abgelaufen gewesen war: Geschenkt. Vater schüttete die drei ungleichen Dosen zusammen und die wurden dann von den drei ungleichen Familienmitgliedern wortlos verspeist. Es hatte ebenso nach nichts geschmeckt, wie sich die Situation angefühlt hatte. Es hatte das Salz gefehlt. Ebenso wie das Brot. Salz und Brot hatten die Familie verlassen. Und so sollte es auch bleiben. Für immer. Dann war das Leben einfach weitergegangen, wie es immer der Fall ist.

 

Um an diesen Tag zu erinnern, kam die verstümmelte Familie jedes Jahr zusammen. Vater. Schwester und Bruder brachten jeder eine Dose Gulaschsuppe mit, die sie wie jedes Jahr zusammenmischten und aßen. Jedes Mal darauf wartend, dass Mutter hereinkäme und Salz und Brot auf den Tisch stellen würde. Im ersten Jahr hatte Vater kurz geweint. Danach nie wieder. Auch nicht. Als seine neue Frau die Drei nur kopfschüttelnd ansah und in die Küche ging. Und das brachte und wurde, was sie alle so lange vermisst hatten. „Ihr seid doch bekloppt“, hatte die neue Mutter kopfschüttelnd geraunt und die Suppe gesalzen. „Ihr wisst doch gar nicht was gut ist.“ Worauf sich nach Jahren der Tradition keine Gefühlsregungen zu zeigen, ein Lächeln in ihre Gesichter schlich.

Zum heutigen Tage war diese Tradition, der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ wie Paul ihn nannte, Pauls liebstes Familienfest geworden. Nie war er so ausgelassen mit seiner Familie, als zu diesem Fest. Selbst der obligatorische Hans und das unpassend viel zu tiefe Dekolleté seiner Nichte konnten Paul nicht irritierend. Diese Gulaschsuppe. War jedes Jahr das beste Essen, welches er sich nur vorstellen konnte. Dabei mochte er weder die neue Frau seines Vaters, noch seine Familie besonders gern. Aber dennoch…

 

Einen Tag später schmeckte Kathas Mund nach Gummi-Bärchen.

 

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