Absolution 35 – Komplexe als Chance

Dank Paul sieht Banyardi die Frauen heute mit anderen Augen. Seine Verunsicherung ist einer großen Neugierde gewichen. Paul bemerkt umgehend, wie auf sein Erscheinen hin sich alle Frauen bis auf Ylva in den hinteren Teil des Geheges zurückziehen. Ylva dagegen, die eindeutig von der Frauengruppe als Anführerin auserkoren wurde, schreitet von hinten nach vorne, gegen den Strom der Weiber, ganz nah an die Bambusstäbe heran. Banyardi lächelt: „Wie geht es euch heute?“

Die Frage zaubert Ylva kurzzeitig ein Runzeln auf die Stirn. Nur eine Sekunde lang. Dann sind sie wieder verschwunden.

„Uns… Geht es gut. Danke“, antwortet sie mit fester Stimme und neugierigem Blick. Ylvas äußeres Erscheinungsbild schafft es auch Paul zu beeindrucken. Sie ist mehr als nur schön. Der Fettsack würde sagen: „Die ist eine Zehn von zehn Punkten. Hammerfrau. Ne Alte zum tot umfallen. Die kann dir das Herz rausreißen, darauf herumtrampeln und du küsst immer noch den Boden auf den sie spuckt.“ Und damit hätte er Recht. Kein Wunder dass sich Banyardi von ihrem Auftreten beeindrucken ließ. Ylva wäre in Pauls Welt eine Göttin auf Instagram. In Banyardis Welt die erste Frau, für den ein Wilder versucht sich ein Gedicht zu erdenken um ihre Schönheit zu preisen. Ylva. Eine geborene Schönheit, die durch Make-Up nur entstellt wäre. Dabei ein ständig fester und kluger Blick. Nichts an ihrer Art ließ auf ein hilfloses Dummchen schließen, dass sich hinter anderen verstecken müsste. Sie versucht auch gar nicht es zu verbergen, für wen sie sich hält. Nicht einmal, dass sie weiß wie Männer sie ansehen. Und dass diese geilen Augen, den Männer über ihren Körper wandern lassen, kein Nachteil oder Entwürdigung für sie darstellt. Sollen sich die dummen Typen doch nachts einen auf sie herunterholen und sich vorstellen, was „sie mit der alles anstellen würden“. Denn das wird niemals passieren. Denn sie ist es, die entscheidet. Sie sucht sich aus, wer wann die Hosen herunterlässt. Und zu welchem Zeitpunkt einer von beiden auf die Knie sinkt. Rohe Männer wie Banyardi mochte das noch mehr aufreizen, diese Macht, die Ylva ausstrahlte. Für Paul jedoch. Für ihn muss eine Frau nicht die Allerschönste von allen sein, um umwerfend und damit ein wenig Angsteinflößend zu sein. Für Paul sind ALLE Frauen gleich beeindruckend, ganz egal ob sie ein Modell ist oder das Mädchen von nebenan. Doch hat er gelernt mit dieser Angst umzugehen. Im Überspielen von Komplexen ist Paul ein Meister.

„Habt ihr gut geschlafen?“ Banyardi lächelt bei der Frage.

Ylva sieht ihn unverwandt an. „Ja… Äh… Das haben wir…“

„Und du? Hast du auch gut geschlafen?“ Banyardi behält das Lächeln bei.

„Ja… Danke… Ist mit dir heute alles… Geht es dir gut? Du wirkst so…“

„Mir geht es PRÄCHTIG!“ Lacht Banyardi. Paul spürt dabei, dass er sich nicht zu sehr einmischen darf um Banyardi und Ylva nicht vollkommen durcheinander zu bringen. Ylva sieht ihn unverwandt an. Ihr Gesicht zeugt von einer größeren Überrumpelung, als bei ihrem letzten Treffen. Die Farce, die Masiyo und er sich ausgedacht hatten, hat weniger Eindruck auf sie gemacht, als Banyardis jetziger Auftritt.

„Sollen wir ein wenig spazieren gehen?“

„Wie? Spazierengehen? Ich bin doch eure Gefangene?“
„Und? Wo solltest du denn alleine hinlaufen? In den Dschungel? Keine gute Idee… Ich will mehr über dich erfahren. Über dich… (da muss der Paul in Banyardi doch ein wenig schlucken, wie er ihren Körper mit seinen Augen streift: „Geile Alte…“) und natürlich über dein Volk. Scheinbar sitzen wir doch alle im gleichen Boot.“

„Ihr… Kennt Boote?…“

„Ähm, ich hol dich da jetzt mal heraus.“

„Und die Wachen?“

Banyardi wirft einen abfälligen Blick auf die zwei Kerle, die eingedöst vor ihrer Aufgabe liegen. Kurz muss Paul an das Grab von Jesus Christus denken.

„Die haben nichts zu sagen“, zwinkert er ihr zu und öffnet das Tor.

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