Absolution – 27 – Ein Wolkenkratzer mitten im Dschungel

Er war es, viele Jahre lang, der die Geister Kinder erzog, sie in den Dingen des Waldes, also des Wissen unterwies, während die Väter in Kamyors Welt lediglich dazu da waren, die Bäuche und Muskelstränge der Menschen zu füllen. Kamyor unterrichtete nur die Knaben. Selbstverständlich. Metoo-Debatten sind im Dorfe der Ma-Fag nicht einmal gedanklich zu begreifen, geschweige denn sie durchzuspielen. Dabei kümmerte sich Kamyor sehr wohl um die Frauen. Um die Mütter, um genau zu sein. Wenn die Väter mal wieder „im Holz“ waren, wie Kamyor es abfällig nannte. Machte er die Beine und Münder der Frauen breit und ihre Bäuche rund. Auch Banyardi. Hat seinen Vater nie kennengelernt.

Der Mann mit 46 Jahren. Der Älteste des Dorfes. Zeigt Banyardi seinen Platz am Feuer. Zum ersten Mal in seinem Leben nimmt Banyardi bei den Kriegern Platz. Bei den Männern.

Obwohl das Volk der Ma-Fag ein sehr friedliches Volk ist, welches im Einklang mit der Natur lebt, dass nur ein Tier tötet oder ein Baum rodet, wenn es das Wohle des Stammes verlangt, ist Banyardi durch seinen Sieg über das Vierarmige Monster zum Mann geworden. Hier ist ein Mann der einen Feind tötet kein Mörder. Er ist ein Held. In der Propaganda der einfachen Männer. Und auch in dem Jungen, der ein Krieger geworden ist, findet sich kein Zweifel oder schlechtes Gewissen über seine Tat. Jetzt nicht mehr. Jetzt. Hier am Feuer. Im Kreise der Männer. Ist Paul ganz Banyardi geworden. Er ist stolz auf seinen Sieg. Im gleichen Maße. Wie er seinen Freund Paco vermisst. Doch über die Toten schweigen die Krieger. So. Wie sie es immer getan haben.

Der Monolog des Ältesten endet. Der Schamane übernimmt die Leitung der Prozedur. Durch eine ruckartige Bewegung seines Kopfes setzen die Trommeln ein. Und der Tanz beginnt. Es ist das Klischee vom Tanzenden Wilden, der das Feuer umkreist. Der Schlag der Trommeln wird indessen immer wilder und lauter. Das Getrommel brandet an. Leuchtet farblos auf in dunkler Nacht. Wie eine Lawine, die sich vom zentralen Punkte des Feuers aus, in jeder Himmelsrichtung durch den Urwald schiebt. Die Lawine erfasst alles. Die Männer. Die Frauen. Die Kinder. Die Hütten. Die Bäume. Die Tiere – die erschrocken vor so viel Menschlichkeit panisch fliehen. Oder staunend in die Dunkelheit starren. Der Rhythmus der Trommeln errichtet ein Hochhaus, einen Wolkenkratzer, mitten im Dschungel, der mit seiner Präsenz alles überflutet und verdrängt, woran Völker wie die Ma-Fag eigentlich glauben; wovon sie leben. Der menschliche Klang der Trommeln. Der Tanz der Wilden. Schleudert die Natur aus ihren Bahnen. Der Kreislauf, der Vertrag zwischen den Naturvölkern und seiner Umwelt, wird durch das wilde koordinierte, entfesselte Stampfen der Tänzer aus seinen Fugen genommen. Der Mensch wird Mensch im Tanze. Gleichwie sein Geist animalisch und wild wird. Der Kopf wird zum Tier. Während sich der Körper aus dem Einklang mit der Natur löst. Bäume kennen keinen Klang. Tiere keinen Rhythmus. Die Tänzer werden zu Göttern, die zwischen den Welten leben. Um dem toten Jungen zu gedenken. Der für seinen Stamm sein Leben gab. Genauso, wie der Schamane es beabsichtigt hat.

Paul kennt das. Er kennt den Tanz. Er erkennt den Rhythmus. Den Rausch in dem man verfällt, wenn man den Körper einfach machen lässt. Dafür hat er seine Jugend geopfert. Nicht den Drogen. Nein. Es ging immer nur um den Tanz. Um die Heilige Messe. In der der Tänzer Sein selbst aufgibt. Um sich mit anderen Tänzern zu vereinen. Paul weiß was es heißt. Ein Gott zu sein. Aus mehreren Teilen zu bestehen. Teil eines großen, stampfend Bewusstseins einer Tanzfläche zu sein. Nur. Hatte er es irgendwie vergessen… Es missverstanden.. Es… Verloren… Andere Dinge hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Ihn von der rechten Bahn abgebracht. Die Drogen hatten ihn vergessen lassen, worum es eigentlich geht. Der Rausch war wichtiger geworden als die Erleuchtung. Umso wilder tanzt er jetzt. Seine Arme und Beine schleudern wie Kreisel um seinen Körper. Sein Blick kennt keinen Halt mehr. Mehrmals wäre er fast lachend in das Feuer gefallen. Doch nie war er wirklich in Gefahr zu fallen. Paul fühlt sich mehr wie Paul, als in all den Jahren zuvor. Er spürt sich selbst, wie er sich lange nicht mehr gespürt hat. Und im gleichen Augenblick erkennt ein junger Wilder der Banyardi genannt wird, dass da etwas in ihm ist, was vorher nicht da war. Ein Fremder… Ein Geist… Ein… Freund? Banyardi und Paul sehen sich in die Augen. Die Zeit bleibt stehen. HAP! Sie halten Beide die Luft an. Die Lichter gehen aus. Vor den Fenstern von Pauls Wohnung. Sein Bildschirm mit dem längst beendeten Porno geht aus. Auch das Feuer im Dschungel erlischt mit einem Schlag. Absolute Dunkelheit kehrt ein. Die Beiden stehen sich gegenüber. Paul und Banyardi. Banyardi. Sie sehen sich. Erkennen sich. Auch ohne Licht. Im leeren Raum. Wie in einem Ladeprogramm der Matrix. Da sind nur die Beiden. Der Krieger und der Konsument. Und der Hall der Trommeln in der Dunkelheit. Die Kamera ihres Bewusstseins fliegt zwischen den Beiden hin und her. Umkreist sie. Bis die Männer anfangen, sich selbst im Tanze zu umkreisen. Sie verfallen wieder in den Singsang der Trommeln. Dann ist das Feuer ist wieder da. Der Urwald leuchtet auf.

Dann ist es vorbei. Die wilden Götter der Ma-Fag werden wieder zu Menschen. Der Dschungel atmet entspannt aus. Alle setzen sich. Die Gefangenen werden vorgeführt.

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