Szenen eines wüsten Lebens

Nach den Show-Kämpfen der aufgepumpten Wrestling-Monster ging es dann doch nicht mit dem Taxi, sondern ganz gesittet mit der Bahn zurück nach Augsburg. Gefühlt hatten wir unsere Cocktail-Kunststoffbecher noch in der Hand, als wir in das Abteil stiegen. Dann wurde geredet. Wobei wir nie aufgehört hatten zu reden. Sei es während der Wrestling-Show, dem Kaufen der Getränke und Würste, nicht einmal beim Essen. Schon gar nicht mit dem Becher im Mund. Ständig wurde was erzählt. Wohl wissend, dass bis morgen, spätestens bis Augsburg, eh schon wieder alles vergessen sein würde, was der andere da palavert hatte. Auch schon Wurscht. Irgendwann würde man das schon noch einmal hören, in diesen Kreislaufen an ständigem Gerede. Also zwei bis drei Mal würde man die Themen sicherlich noch erwähnen. Warum dann zuhören? Es ging irgendwie um Drogen und Frauen, was selbstverständlich und bei genauerer Betrachtung das Gleiche ist und immer war. Wobei es wie immer mit den Drogen ein ernsteres Ding ist, als mit den Frauen. Drogen sind einfach eine sicherere Sache. Denn bei denen geht es immer um einen selbst. Teilweise wurde dann auch so offen und laut daher geredet, gerade weil man sich in diesem öffentlichen Raum befand. Die Zunge ist immer lockerer, wenn es jemand gibt, der zuhören muss, dir gegenüber sitzt, und dich nicht schon 20 Jahre kennt. Jemanden, den du jetzt und dann nie wieder siehst. Der eigentlich gar nichts von dir hören will. Und dann doch die Ohren spitzt. Wenn du Kokain sagst. Blowjob. Oder „Geld ist nicht das Problem“. Wir redeten also wie pseudocoole Proleten daher, während wir tatsächlich unsere Handwarmen, gestohlenen Cocktail-Gläser einander zu schwenkten. Die restlichen Passagiere Geisel nehmend.

In Augsburg angekommen ging es dann per Taxi zur Partymeile, in die Maxstraße. Die Straße in Augsburg, in der man sich für ein betuchtes Taschengeld ordentlich betrinken kann. Bitte noch einmal in fett: Betucht und ordentlich. Vor dem Club stand keiner aus den Türstehern. Und wir zwei Gesichter würden gleich mal gar nicht rein kommen. Richtig. Wir hatten ja noch die Wrestling-Kleidung an. Eine Minute später waren wir drin. Man muss nur wissen was man sagen darf.

Unten im Keller war schwer der Chartssound an. Und außer uns keiner. Pfingstsonntag. Nicht gerade DER Tag für die Location. Cocktail-Zeit. Da kam dann auch schon unser Mann aus der Seitentüre. Großes Hallo! Wie geht’s und war´s denn so? Ganz gut. Hände wurden geschüttelt. Floskeln und Wahrheiten getauscht. Der Besitzer freute sich sichtlich uns zu sehen. Schon komisch wie sich manche Menschen entwickeln. Schon seit der frühen Jugend kennen wir drei uns. Von der Schule. Vom Ticken. Dann hat er Underground-Techno aufgelegt und Partys organisiert. Bis die Sache mit dem Metal-Label kam. Voll Hardcore. Und jetzt betreibt er hier diesen Charts-Club, in dem die Moet-Flasche zu jedem guten Gespräch dazugehört. Man muss machen was geht. Sonst winkt das Armenhaus. Mit Ende dreißig verstehen wir das.

Einen Handzeig später sind wir hinten im weniger glamourösen Teil des Ladens, in den uns die Türstehers vorhin gar nicht rein lassen wollten. So kann es gehen. Wir stehen zwischen vollen und leeren Cola- und Bierkisten. Aschen in offenstehende Bierhälse. Von drinnen dröhnt der Bass. Wir reden über die Gegenwart und die Vergangenheit. Netflix und was das alles noch wird. Die Großunternehmer. Und ich. Und ich komme mir ganz klein vor. Als einziger Angesteller hier. Während die ihren Traum leben. Und trotzdem sind wir auf dem gleichen Level.

Wichtig ist: Die Leute mögen. Nichts von ihnen wollen.

Ein paar Wochen vorher waren mein Wrestling-Freund und ich in ner Techno-Kneipe gewesen. Wo sich die dichten Boys an meinen Kumpel anbiederten. Nur um irgendwann einmal das doppelte oder fünffache von meinem Freund mit den Connections zurückzubekommen. Pure Berechnung. Beschissene Scheinheiligkeit. Rückblende in die Zukunft: Ich kann von meinen beiden Jungs hier fast alles bekommen. Von einem sogar mit Sicherheit. Seien es Umsonstdrinks. Gästelistenplätze oder was für die Nase. Nicht weil ich so toll wäre. Sondern weil ich die Jungs einfach mag. Und sie es von mir auch bekommen würden. Es muss Ehrlichkeit dabei sein wenn man sagt: „Ich finde es toll was du da machst.“ Ohne dabei zu meinen: „Ich finde es toll, was du für mich machen kannst.“

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