Absolution – 20 – Männer vergewaltigen Frauen

Paul. Beide. Der reale und der Dschungel-Paul. Lebten bis hierhin ein privilegiertes Leben. „Schicksalsschläge“ waren etwas für Großeltern oder Verwandte. Eine konstante Größe, von der man zwar weiß, dass es sie gibt, die mit dem eigenen, subjektiven Leben jedoch nicht viel zu tun haben. Haustiere sterben. Großeltern erkranken. Die Kinder von Nachbarn. Dass waren bisher die Adressaten von Schicksalsschlägen. Das Leben hatte bis zu diesem Punkt einen genauen Rahmen. Einen berechenbaren Ablauf. Der Tod war etwas, das leise und doch heimlich angekündigt über Nacht kam. Sich seine Ziele ohne großes Tamtam aussuchte. Es wurde ein wenig Geheult und Gewehklagt. Dann war es auch wieder gut. Die zerstückelte Leiche seines Freundes im Blut der Bestie dort im hohen, niedergetrampelten Grase liegen zu sehen, war etwas vollkommen anderes. Paco hatte sein Leben noch vor sich. Wer weiß, vielleicht wäre er eines Tages Anführer der Ma-Fag geworden? Sicherlich wäre er zu einem stolzen Krieger herangereift. Einer jener stolzen Krieger, die tatsächlich nur Jäger sind und ihre Kriegskunst so gut wie nie unter Beweis stellen müssten. Paco. Und das wusste Paul in diesem Moment, in dem er nicht weinen wollte, war all das Gute gewesen, was Paul nicht war. Dieser Gedanke war affektierter Blödsinn. In der Tatsächlichkeit des Todes seines Freundes war es nicht weniger als die Wahrheit. Das. Hatte Paco nicht verdient. Warum musste das geschehen? Gerade eben hatte er doch noch verdient gelebt… Wie kann man so schnell unverdient sterben?

Obwohl Pauls ganzer Körper schmerzt, schiebt er die stinkende Bestie zur Seite und nimmt sich das Beil aus dem Schädel, der nichts mehr mit seinem Freund gemein hat. Das ist nur eine zerbrochene organische Statue. Eine Hülle. Ein Irgendwas… Nur kein Mensch.

Pauls Hände sind voller Blut. Das Blut aller Beteiligten vermischt sich auf seinen Handflächen.

Er hebt seinen Blick und sieht traurig zu der blonden Frau hinüber, die das mörderische Monster auf ihn gehetzt hat. Sie steht noch immer an Ort und Stelle. Nur bedecken ihre Hände nicht mehr ihren Körper, sondern hängen schlaff an ihren Seiten herab. Sie ist der Spiegel zu der grausamen Szene, dessen Mittelpunkt jetzt nur noch Paul ist. Zusammen ergeben sie, Frau und Mann ein die Wirklichkeit erklärendes Kunstwerk. Sie ist das pralle Leben. Hier bei Paul. Ist nur der Tod. Traurig begutachtet Paul ihren Körper. Ihre Schönheit bedeutet ihm nichts mehr. Die anderen Frauen sind davon gerannt oder verstecken sich irgendwo. Paul ist es gleich. Er sieht nur die Blonde mit dem starren Blick an; ihr Mut, ihr Stolz, ihr Überlebenswille, alles das ist aus ihrem Blick verloren. Sie weiß. Sie hat verloren. Und sie weiß auch, wie diese Geschichte weitergeht. Jede Frau in dieser Situation weiß das. Wie vor dem Kampf der beiden Jünglinge mit dem Monster gibt es nichts zu diskutieren. Sie weiß dass Paul gleich zu ihr hinübergehen und sie vergewaltigen wird. Es ist das Selbstverständlichste der Welt. Diese Tatsächlichkeit das unablässig Frauen auf diesem Planeten vergewaltigt werden, ist ein stilles Geheimnis, dass nur allzu gerne von jeglicher menschlichen Gesellschaftsform verschwiegen wird. Es geschieht überall, auf der ganzen Welt. Es passiert dann, wenn Frauen komplett dem Willen von Männern ausgeliefert sind. Bei Geiselnahmen oder Extremsituationen ist es ebenso der Regelfall, wie das daran verknüpfte Schweigen darüber: Männer vergewaltigen Frauen, sobald sich die Möglichkeit dafür ergibt. In den Nachrichten wird selten darüber berichtet, während in fiktionalen Geschichten wird der Mann als Edelmann dargestellt, der solche Situationen nicht ausnutzt. Doch das ist eine Lüge, die keine Opfer schützt.

Männer vergewaltigen Frauen, wenn sie glauben damit ungeschoren davon zu kommen. Moral ist etwas für Mittäter und Voyeuristen. Denn Männer sind triebhafte Tiere, die gerade in Ausnahmesituationen nur eines wollen: Macht. Eine Macht, die sie sich ihr Leben lang wünschen und doch nie erlangen können. Sie wollen ihre unterdrückten Komplexe ausleben. Wollen der Alpha-Mann sein. Mindestens der Beta-Mann. Hauptsache ein Mann, der sich über die arroganten und herabwürdigen Blicke der Frauen hinwegsetzt und sich endlich das nimmt, womit die Frauen ihnen vor der Nase herum wedeln und womit sie sie verspotten: Ihr Übermaß an Sex, von dem sie eine schier endlose Menge zu besitzen scheinen. Jeder Mann. Jeder Mann ist ein Tier. Dass sich das nehmen will, was er sieht. Und ein Leben lang den Zivilisierten zu spielen, ändert gar nichts. Die Wünsche und Phantasien bleiben die Gleichen. Männer wollen Götter sein. Und jeder Gott braucht seine Schöpfung…

Gleich würde sie vergewaltigt werden. Gleich würde er sie zerbrechen. Aus Rache. Dafür. Dass sein Freund gestorben war.   Seine Sexualität würde sie bestrafen – und für immer verändern. Er würde etwas in ihr Zerbrechen, das nie wieder heil werden könnte. Dass sie nachts weinend aufwecken würde. Woran sie jedes Mal denken müsste, wenn sie Verkehr mit ihrem Mann haben würde. Gleich würde es geschehen, diese unabänderliche Veränderung. Die in der Natur der Männer liegt und den Frauen aufgezwungen wird. Gleich würde für immer alles zu spät sein. Gleich würde der „point of no return“ überschritten sein. Gleich. Würde sie sich wünschen lieber tot zu sein.

Paul geht zu ihr hinüber. Er nimmt sie kraftlos an ihrem linken Handgelenk, sagt zu ihr: „Gehen wir“. Und zieht sie durch den Dschungel. Zu seinem Dorf.

In dieser Nacht hört man im ganzen Dschungel das Wehklagen der Ma-Fag.

 

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