Absolution – 17 – Die Jagd

Ihre Augen und Ohren sind Messerklingen. Sie wissen: Im Dschungel ist man nie nur Jäger oder Gejagter. In der Natur ist man immer Beides zu gleichen Teilen. Dein Jagdgebiet ist auch immer das Jagdgebiet einer anderen Art. Denn selbst wenn du nicht der natürliche Feind eines Tieres bist, können die Umstände dich zur Bedrohung werden lassen, auf die reagiert werden muss. Tiere in Freiheit sind immer auf der Hut. Sie leben kein entspanntes Leben wie eingesperrte Tiere, deren Gefangenschaft von vielen Menschen als „Entartung“ verteufelt wird. Dieser Gedankengang hat seine Berechtigung. Doch im Umkehrschluss muss verstanden werden, dass „freie“ Tiere im ständigen Stress des Überlebenskampfes gefangen sind. Die Sicherheiten die gefangene Wildtiere buchstäblich zu Tode langweilen, kennen sie nicht. Jeder. Moment. Könnte ihr letzter sein. Ebenso für Paco und Paul. Ihnen ist bewusst dass man seine Augen nicht nur auf sein Ziel richten darf. Es ist wie beim Segeln: Eine Hand für das Boot – und eine Hand für dich.

Vor einigen Minuten hatten sie eine kleine Familie von Dschungelschweinen entdeckt. „Pekaris“ oder „Nabelschweine“ wie sie auch bezeichnet werden. Pauls Unterbewusstsein hatte keine Ahnung, woher er diese Tiere kannte. Dennoch gab es keine Debatte darüber, dass Paco und er wussten, dass diese Tiere nicht nur außerordentlich wohlschmeckend waren, nein, die Beiden waren auch auf das Fell der Pekaris scharf, dass sie zu einem wunderschönen Leder verarbeiten konnten. Aber noch. Hatten sie die Beute nicht erlegt. In Gegenden wie diesen war es besonders schwer Tiere wie diese zu erlegen. Denn die Nabelschweine die in solchen Gegenden leben, die so unwegsam und unübersichtlich waren, neigten zu einer gesunden Form der Nervosität. Fast alles konnte hier zu ihrem Schicksal werden.

 

Paco ist ein Jäger von Weltformat. Er wusste aus welcher Windrichtung man sich solchen Fluchttieren nähert, wie sie im Falle eines unbedachten Geräusches der Jäger reagieren würden. Wie man die Eigenarten solcher Tiere am Geeignetsten gegen sie ausspielen konnte. Zu jeder Jagd gehört Glück. Pacos Fähigkeiten minimierten den Bedarf dieser Ressource auf ein Mindestmaß. Seine Bewegungen sind so formvollendet, dass sie kaum zu erkennen sind, sei es in seiner Geschwindigkeit, sei es in seiner Finesse. Zu oft hatte er Tiere verscheucht, um nicht zu wissen, wann man sich nicht bewegen darf. Zu oft war ihm die Beute entkommen, um nicht gelernt zu haben, wann er schnell sein musste.

Paul fühlt sich mit ihm auf Augenmaß. Hier. In ihrer natürlichen Umgebung  waren die beiden Jungen eine tödliche Symbiose. Sie waren nicht wie die europäischen Jungs in ihrem Alter. Ihr Körper kannte kein Fett. Ihr Blut keinen raffinierten Zucker. Videospiele wären in dieser Welt nicht weniger als Hexenwerk.  Diese Jagdmomente waren ihr „fun“. Dies hier. War ihre Feirerei. Und ein Tier zu erlegen war ihr Ecstasy.

Die Mutter der Nabelschweine hat sie noch nicht bemerkt. Jedoch war sie unruhig. Sie weiß in ihrer Seele, dass Gefahr im Anmarsch ist. So wie sie ein aufziehendes Unwetter spüren kann. Langsam. Noch langsamer als langsam. Nähern sich die befreundeten Jäger dem Muttertier und ihren drei Jungen. Ihre Füße gleiten durch den feuchten Dschungelboden. Immun gegen die Bisse der Insekten um sie herum. Ihre Arme mit den erhobenen Speeren kennen keine Schwäche. Ein wenig. Nur noch ein paar Meter. Dann würden die beiden Freunde als Helden in ihr Dorf zurückkehren. Pekaris gelten zwar nicht als die ehrenvollste Beute die ein tapferer Jäger erlegen konnte, doch ihr wohlschmeckendes Fleisch  würde über jeden Zweifel erhaben sein. Nur noch ein paar Minuten. Ein paar kleine Meter… Der Stoß ihrer Speere musste nur stark genug sein. Es war fast unmöglich mit einem Wurf ein Tier so sehr zu verletzten, dass es an Ort und Stelle verenden würde. Doch ein starker Stoß an die richtige Stelle, konnte ihnen die mühsame Verfolgung ersparen. Es gelang. Als das Muttertier erlegt ist, ist es ein leichtes die zwei sehr jungen Tiere zu erbeuten; ein Jungtier verloren sie aus den Augen und es war nicht mehr zu finden. Die beiden Jungs sind zufrieden. Sie brauchen keine vielen Worte. Ihr lachender Blick ist genug der Feier. Da hebt Paco seine Hand: Da ist noch etwas. Da ist noch ein Geräusch.

 

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