Das neue Geschlecht

In der Arbeit. Pausen-Situation.

Drei Leute. Typisch: Der Älteste hat die BILD-Zeitung auf dem Tisch. Letzte Seite.

Junger: „Wem gehört eigentlich die gelbe Limo hier?“

Jüngerer: „Mir!“

Ältester: „Da sieht man schon einmal was in diesem Laden falsch läuft! Aller gelber Limo sollte mir gehören!“ Dann Lacht er: „Muahahaha!“ Trinkt einen Schluck aus seiner gelben Brause.

Der Junge macht den Mund auf. Sagt aber nichts. Der Jüngere schaut weiter in sein Smartphone.

Ältester: „Böh… Der Glööckler ist soooo widerlich… Wie der schon aussieht!“ Der Älteste zeigt auf seine letzte Seite der Bild-Zeitung. Auf der der Glööckler ausgedehnt auf einem Kanapee liegt. „Solche Leute brauche ich gar nicht!“

Der Junge: „Hast du ein Problem mit queeren Leuten?“

Ältester: „Mit was für? Mit was für Leuten? Die Conchita Wurst ist genau so eine! Abartig“

Der Jüngere zum Jungen: „Da hast du deine Antwort.“

Junger: „Lass die Leute doch einfach so wie sie sind. Ist jetzt auch nicht mein Fall. Aber für irgendwen ist der Glööckler ein Held so wie der da liegt. Und fürn anderen die Wurst ein Idol. Menschen sind unterschiedlich. Ist halt so.“

Älterer: „Ne die gehen gar nicht. Schau doch mal wie die aussehen!“

Junger, jetzt auch lauter: „Na und! Lass die Leute doch so wie sie sind! Ich sag doch auch nicht dass der Nazi den ganzen gelben Limo für sich behalten will! Ich denk mir okay! Lass ihn doch machen!“

Der Jüngere lacht.

Der Älteste pampig: „Ich bin kein Nazi…“ Gibt dann aber auch Ruhe.

Und ich. Der Junge. Denke mir: „Okay, ja. Nazi ist er natürlich keiner. Das war jetzt schon sehr verallgemeinert.“

 

Ich habe auch noch später über die Szene nachgedacht. Dass Thomas. Der Älteste. Ja auch eine ganz andere Generation ist. Mit Mitte 50. Und dass es in seiner Jugend anders zuging in den Massenmedien. Für mich sind queere Personen fast schon Normalität. Fast schon. Weil ich keine/n persönlich kenne. Und deswegen kann ich ihm keinen Vorwurf machen. Die Leute brauchen Zeit um Veränderungen zu verarbeiten. Und desto älter man ist. Umso…

Bill Burr hat einmal in einem Comedy-Programm die Geschichte erzählt, wie damals der Besitzer irgendeines Basketball-Teams (ein alter Mann, geboren in oder vor der Zeit des zweiten Weltkrieges) zu seiner extrem jungen Freundin gesagt hat, dass sie mit den Schwarzen zwar tun und lassen könne was sie wolle, aber sie solle sie nicht in der Öffentlichkeit treffen, was, laut Burr, doch eine ziemlich liberale Haltung ist. Dieses Gespräch wurde von irgendwem aufgezeichnet und die amerikanische Öffentlichkeit war darüber empört, wie sich der alte Mann gegenüber seiner Freundin generiert hat. Burr fand das widersinning. Denn man müsse dem alten Mann doch zu Gute halten, dass nicht einmal das „N-Wort“ gefallen ist, obwohl es in der Kindheit und Jugend des Mannes vollkommen normal, das Wort zu verwenden.

Ich erinnere mich nach an eine „Otto-Kassette“ aus meiner Kindheit. Da war so eine Episode drauf, wie Otto Englisch falsch übersetzt. Es heißt da:

„This is Alice Schwarzer – Das sind ALLES Neger.

And this is Roy Black! – Und das ist der KÖNIG der Neger!“

Man muss Otto jetzt bestimmt keinen Rassismus unterstellen. Es war einfach eine andere Zeit. Man ging anders mit den Menschen um. Ließ ihnen weniger Freiräume. Die Zeiten haben sich geändert. Und es eine Errungenschaft von „Gayropa“, dass es ein öffentliches (positiv konnotiertes) Podest für queere Menschen wie Glööckler und Wurst gib. Nochmal: Irgendwo fühlt sich ein Mädchen oder ein Junge oder ein … durch die Beiden in ihrer/seiner Daseinsform bestätigt. Ist mir egal ob da in den Online-Medien jetzt viel vom „Gender-Wahn“ zu lesen ist, den man überall antrifft. Lasst die Leute doch einfach in Ruhe. Sie tun euch doch nichts.

Aber.

Ich will ehrlich sein.

Ganz egal WIE liberal und offen ich mich auch fühle. Ich könnte nicht sagen, wie ich sein werde, wenn ich einmal so alt wie mein Arbeitskollege Thomas wäre. Wahrscheinlich komme ich mir dann doch immer noch offen und liberal vor, während der Planet sich weiter gedreht hat. Vielleicht gibt es in 20 Jahren irgendwelche Geschlechterbilder, die ich jetzt nicht kenne und dann auch nicht mehr voll und ganz akzeptieren kann. Weil sie mir als widernatürlich erscheinen. Nur. Weil ich keine Übung darin habe, sie zu sehen.

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7 Gedanken zu “Das neue Geschlecht

  1. gegenvernunft

    Toleranz beinhaltet ja nicht sich mit Dingen zu beschäftigen die einen nicht voran bringen. Du warst ja lange tolerant und hast den Blog gelesen… Ist aber eine gute Frage. So gesehen wären viele intolerant der AFD gegenüber… Vlt ist Intoleranz manchmal auch angebracht.

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  2. Hm, interessanter Artikel. Ich bin jetzt fast 50 und halte mich für tolerant. Klar hat meine Toleranz auch Grenzen, aber rassisch bin ich sicher nicht. Dafür habe ich vor kurzem mein Blogabo bei einer Person auf WP beendet, deren Ansichten zu einem bestimmten Thema mir so zuwider waren, dass ich für mich entschieden habe, diesen Blog nicht mehr lesen zu wollen. Fällt so ein Verhalten auch bereits unter Intoleranz?

    Gefällt 1 Person

  3. Bis Anfang der 60ziger Jahre durfte man …küsse sagen und keiner hat sie nicht gemocht. Also ein positiv besetzter Begriff, der sich vielleicht unterbewusst auch auf afroamerikanische Soldaten übertrug, wurde dann als etwas Abwertendes betrachtet. Was soll man nur denken?

    Gefällt 1 Person

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