Feige

Eine Freundin hat mich vorgestern besucht. Diese Frau, in die wir alle mal verliebt waren, mit der man jetzt gut befreundet ist. So was geht wirklich. Sie war ein Jahr lang auf Reisen. Erst in West-Afrika. Dann Südostasien. Dann Indien. Davor war sie ein paar Wochen hier bei uns in Deutschland. Und davor ein Jahr in Latein-Amerika. Das Zweite was sie sagte war, das sie nur ein paar Wochen bleibt, in kurzer Zeit einiges an Geld heranschaffen will und dann wieder weg will. Meine Enttäuschung war ebenso so groß wie die Freude darüber, dass es wirklich Menschen gibt die man ein Jahr nicht sieht und sich sofort wieder so versteht wie vor einem Jahr. Oder dem Jahr davor. So viel gelacht habe ich schon lange nicht mehr. Man kann Menschen aber auch nicht festhalten.

Es ist schon lustig wenn man so hört was sie abenteuerliches in der Welt erlebt hat und wir Jungs nur sagen konnten, dass wir wie blöd gearbeitet hatten und davon psychisch krank wurden. Da trafen die Klischees aufeinander. Überhaupt, Klischees: Vor 20, dreißig Jahren hätte man über eine wie sie noch gelästert, dass sie ihr Leben auf die Reihe bekommen solle. Die hätte doch Kinder bekommen  und mit irgendeinem Kerl in ein neugebautes Haus einziehen müssen, um ein „echter Mensch“ zu sein. Kein Vagabund. Heutzutage ist es andersherum: Sie urteilt uns ab, warum wir noch im System feststecken und uns verarschen lassen. Zeiten ändern sich. Und ganz Unrecht hat sie nicht.

Von mir selbst kann ich nur sagen, dass ich feststecke. Meine Freundin und ich verdienen mehr Geld als dass wir brauchen (was mehr an ihr liegt als an mir) aber wir schuften auch sehr hart dafür. Gerne würden wir weniger verdienen und dafür mehr Freizeit haben. Zeit. In der wir zum Atmen, nicht nur zum Röcheln kommen. Ich weiß, das klingt super privilegiert. Nach Luxus-Problemen. Die können einen aber genauso krank machen, wie andere Sorgen. Am liebsten würden wir es einfach so machen wie meine Bekannte. Einfach weggehen. Ein halbes Jahr vielleicht. Und zu den Personen werden, die wir sind. Und doch.

Ich brauche kein großes Auto. Kein Haus. Kein Vermögen. Was ich brauche. Ist Mut.

Die große Frage ist: Wann  wurde ich erwachsen und warum hat mich damit mein Mut verlassen?

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4 Gedanken zu “Feige

      1. Ich war ja auch sehr lang beim gleichen AG – und was mich im Nachhinein echt ärgert ist hauptsächlich, wie oft ich mich da reingestresst habe, mir Sorgen gemacht habe etc. etc. – andersrum kommt sowas nämlich nie zurück und das ist es dann auch, was ECHT wertvolle Lebenszeit kaputt macht.

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