Die Drogensucht meiner Freunde

Wer selbst über ein Jahrzehnt an Jahren Drogensüchtig war, sollte sich darüber eigentlich gar nicht aufregen. Von außen betrachtet. Von innen gesehen sieht die Sache meistens anders aus. Denn auch bei der Sucht gibt es solche und solche Kameraden. Ich bin wütend und enttäuscht darüber, dass meine Drogensüchtigen Freunde sich wie Drogensüchtige verhalten. Klingt doof. Ich weiß. Trotzdem habe ich das Spielchen selbst viele Jahre mitgemacht und weiß daher, dass „Drogensucht“ erst ab einem gewissen Punkt ein Totschlagargument ist. Zuvor kann man sich auch in der Krankheit (denn das ist es) entscheiden was für eine Art von Kranker man ist. Ob man ein guter Kerl ist, ob man sich bemüht, ob man nachsichtig ist. Oder einfach nur ein egoistischer Arsch.

Bei Drogensüchtigen wird immer und gern schnell gesagt: „Der ist halt so.“ Oder „das ist halt so“. Finde ich aber nicht. Man muss und sollte nicht den ganzen Tag mit Junkies Rücksicht halten. Sie machen es ja auch nicht. Schließlich bin ich mit einem Freund befreundet. Nicht mit seiner Drogensucht. Für mich sind diese Leute (überlege… Finger an die Lippen) keine Behinderten. Man kann von ihnen soziales Verhalten in einem gewissen Rahmen erwarten. Denn sie wissen was richtig und was falsch ist. Und sie wissen auch, dass man sich um gewisse Dinge kümmern muss. Denn selbst wenn man drauf ist, kann man Entscheidungen treffen. Ich wiederhole mich jetzt noch mal und sage: „Ja, ja. Ich weiß wie das ist wenn man denkt der Zug ist für einen abgefahren und es ist eh alles schon scheißegal.“ Ich mache niemanden Vorwürfe dafür, eine Weile lang im Arsch zu sein. Aber ich habe mich dann auch nicht darüber beschwert, dass mein Umfeld entsprechend reagiert. Mir war immer klar, dass die Menschen Interesse an mir hatten, nicht an meiner Drogensucht. Außer bei den Leuten die das am besten auszunutzen wussten. Die berühmten falschen Freunde. Und wenn jemand lieber mit Ja-Sagern herumhängen will, die nur die Brocken wollen die von seinem Tisch herabfallen: Bitteschön. Ich bin das definitiv nicht. Und natürlich musste auch ich meine Lektionen lernen.

Es ist schwierig keine Drogen mehr zu nehmen und mit Drogenleuten abzuhängen. Man ist ja nicht mehr der, der man einmal war – während man genau der ist, der man immer gewesen ist. Das ist anstrengend für beide Seiten. Ich verstehe das. Doch wenn man schon vorher Freund miteinander war, vor all den Abstürzen und den Ultrabrutalen und Ultraglücklichen Momenten miteinander, dann muss da doch was da sein, worauf man zurück greifen kann.

Ich bin seit Wochen, seit Monaten sauer auf einen Freund, der mich an seinem Geburtstag versetzt hat. Der war an einem Montag und sie haben Sonntagnacht scheinbar wie wild hinein gefeiert. Das wäre jetzt gar nicht so dramatisch. Davon abgesehen dass ich am Sonntag mehrmals angerufen habe und Gespräche mit ihm und seiner Frau geführt habe, dass er mit mir am folgenden Tag in die Therme fahren und chillen. Ich wollte fahren und zahlen. Hatten ja Beide Urlaub. Und das Ende vom Lied war dass ich mittags im strömenden Regen vor seiner Scheißdreckshaustüre stand und keiner die Tür öffnete oder ans Handy ging. Da war ich selbstverständlich sauer. Das war aber noch nicht der Punkt der das berühmte Fass zum Überlaufen brachte. Der war erst erreicht als einer seiner Kollegen hinten am Geschäft vorbei lief und ich ihn fragte, ob er etwas wisse. Und der sah mich an als wäre ich ein Vollidiot und meinte lachend zu seinem Kumpel der daneben stand: „Ist halt gestern sehr spät geworden.“ Und dieser Moment war es, bei dem es vorbei war. Denn der Idiot in diesem Augenblick war ich. Ich, der gutgläubige naive dumme Freund, der so blöd war zu glauben, dass auf den anderen coolen Junkie Verlass sein könnte: Wie blöd bist du eigentlich? Ist doch normal dass dein Freund im Arsch ist. So als wäre mein Freund ein verdammter Behinderter von dem man nichts erwarten darf. Nur ein Trottel würde das. Und da war es dann halt vorbei mit dem Verständnis. Aber es tut mir leid, ich bin halt nicht der Typ der seine Leute einfach so abschreibt und sagt: „Der ist halt so.“ Denn Menschen sind mehr als ihre Drogensucht. Ich glaube an sie. So wie Menschen auch einmal an mich geglaubt haben. Krank kann jeder werde. Und ja. An manchen Krankheiten hat man  selbst schuld. Dann sollte man aber auch die Größe haben sich dafür zu entschuldigen, und den Willen, es wieder geradebiegen zu wollen.

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12 Gedanken zu “Die Drogensucht meiner Freunde

  1. gegenvernunft

    Hier bei dem Thema ist die Rede von einem Kokser. Aber mir ist das egal. Ein Mensch steckt in jedem Süchtigen. Und so lange der Verstand noch nicht ganz winke winke gemacht hat, kann man gewisse Verhaltensweisen erwarten. Finde ich .

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  2. gegenvernunft

    Ich kenne den Typ seitdem ich 4 oder 5 Jahre alt war. Da kann man meiner Meinung nach ein paar kleine Anstrengungen in Sachen Freundschaft erwarten; vlt hat aber auch deine Freundin recht.

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  3. gegenvernunft

    Ich bewerte mich als geistig eingeschränkt weil Drogensüchtige und ehemals Drogensüchtige eine verzerrte Wahrnehmung haben. Man könnte es auch geistig „optimiert“ nennen, da man bestimmte Dinge besser wahrnimmt, aber so rosig sehe ich das nicht.

    Ich kann mich durchaus in die betreffende Person in ihren Schwächen hinein fühlen, man kann aber auch erwarten, dass man sich anstrengt. Ganz einfach. Und knapp.

    Lass wir das Hilde, ich bin mit dem Thema durch. Ich wollte damals nur meinen Frust heraus lassen.

    Hab ne gute Zeit.

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  4. Guten Abend,
    hui,
    kann man das vielleicht so verstehen?
    Es gab eine Abmachung auf die du dich gefreut hast.
    Dein Freund hat sich wohl lieber weggeschossen (is ja auch klar,
    das macht ja auch viel mehr spass als in ein langweiliges schwimmbad zu gehen 🙂
    Also kann man sich wohl auf ihn nicht verlassen bzw nichts erwarten
    ähnlich wie bei kognitiv oder sonstig beeinträchtigten Menschen
    also den sogenannten Behinderten (ab wann oder wie oder wo ist man denn behindert?)
    Meiner Meinung nach ist die Konsequenz, dass du enttäuscht bist
    und an seinem nächsten Geburtstag wohl nicht in ein Schwimmbad fährst mit ihm.
    Wenn eine oder die einzige gemeinsame Ebene „dicht-sein“ war
    dann ist diese wohl nicht mehr vorhanden; dies sagt ja wiederum was über die
    freundschaftliche Beziehung aus; naja des is alles nicht so leicht…

    Aber vielleicht ist dein Freund ja auch echt behindert und durch das
    ganze dicht und druff sein wurde er noch viel behinderter?
    Ich finde in diesem Fall sollte er auf jeden Fall VIEL reflektierter
    damit umgehen und sich bei allen Beteiligten entschuldigen.
    So wie alle die sich wider besseren Wissens für eine Krankheit entscheiden
    und am Ende gar nicht mehr wissen dass sie krank sind…
    Vielleicht sollte man auch alle Alufolien/Spritzen usw mit der Aufschrift
    „Vorsicht! Heroin macht end-süchtig und führt dazu, dass man sich
    extrem asozial verhalten wird!!! “ versehen.
    Ach was schwalle ich denn da.

    Laß dir gut gehn 🙂

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  5. Ich war ja auch lange in so Kreisen und bei uns galt: Egal wie kaputt man ist, Braunes (Heroin) macht man nicht und mit den Leuten macht man auch nix. Leute auf anderen Drogen sind mehr oder weniger verpeilt, aber Junkies sind Ultraegoisten. Außer ihrem Pulver interessiert die nix. Mich haben schon „beste Freunde“ beklaut und das dann jemand anderem angehängt so das es ordentlich Ärger gab. Genau wie in dem Fall als mir sowas in die Schuhe geschoben wurde und ich beinahe von 3 Leuten aufs Maul bekommen hätte. Solche Geschichten sind ständig passiert und wir als „Szene“ waren extrem junkiefeindlich hinterher. Die sind nicht behindert. Die sind auf ne Art hirntot. Klar, ein paar Prozent schaffen den Absprung aber was die vorher in Familie und Freundeskreis angerichtet haben interessiert dann keinen mehr. Dann lassen sie sich noch auf ihre Willenskraft feiern, total betäubt mit Methadon.

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  6. „Ich glaube an sie. So wie Menschen auch einmal an mich geglaubt haben. Krank kann jeder werde. Und ja. An manchen Krankheiten hat man selbst schuld. Dann sollte man aber auch die Größe haben sich dafür zu entschuldigen, und den Willen, es wieder geradebiegen zu wollen.“

    Das setzt aber doch voraus, dass der „Kranke“ so selbstreflektiert ist, um zu merken, was er da verzapft hat.
    Eine Freundin hat mal zu mir gesagt, dass die meisten Freundschaften Lebensabschnittsbegleitungen sind – und puff, war unser Abschnitt beendet… – du hast dich so verändert…
    Und wenn Du nochmal behindert sagst, gell… :)) :)) :))

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  7. Nein, ich fühle mich nicht angegriffen, vielleicht war ich nur bedacht Dich und Deinen Text, zu verstehen.
    Weil Du selbst ein nicht mehr praktizierender Drogenabhängiger/ Süchtiger bist, dennoch Dich in dem Milieu aufhältst, wundert es mich, dass Du Deinen Freund, nicht verstehst. Menschliche Verhaltensweisen sind oftmals berechenbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten eines Menschen in Gesellschaft gleichgesinnter kippt, ist anzunehmen. Das hatte zur Folge, dass Du nichts damit zu tun hast. (Die Gelegenheit – Vergnügen- war stärker, als mit dem Freund zusammen zu sein.) Warum bewertest Du Dich als geistig eingeschränkt, nur weil Du eine Enttäuschung erlebst. Du hast Deine Gefühle vor Deinen Verstand gesetzt. Wäre es nicht besser Du findest einen Weg, beides in Einklang zu bringen.
    Es geht doch um Dich, um Dein Leben, Deine Erkenntnisse, Deine Sicht, Deine Erwartungen und es geht darum wieviel WERT Du Dir selbst bist. Erst dann und nur dann, kann man den Wert eines anderen Individuum, Respekt in der Wortwahl und in allem anderen, zollen.
    LG. Hilde

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  8. gegenvernunft

    Ich bin ein ehemaliger Drogensüchtiger. Eng genommen bin ich sicherlich ein nicht praktizierender Drogensüchtige. Und dadurch bin ich anderen Menschen gegenüber gehandicapt. Auch in meinem geistigen Fähigkeiten u Wahrnehmung. Eine Behinderung ist für meine Definitionen absolut vorhanden. Aber dennoch kann ich ebenso Charackterstärke gegenüber mir u anderen zeigen. Also fühl dich nicht angegriffen nur weil mir kein besseres Wort dafür einfällt. Du verstehst mich wenn du mich verstehen willst. Ebenso wie ich deinen Punkt verstehe.

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  9. Für mich sind diese Leute (überlege… Finger an die Lippen) keine Behinderten.
    So als wäre mein Freund ein verdammter “ Behinderter “ von dem man nichts erwarten darf.
    “ Behindert „, “ Behindert „, “ Behindert „.

    Hallo liebeR Gegenvernunft.
    Das sind stark diskriminierende Sätze und ich möchte nicht glauben, dass das was Du schreibst, auch meinst. Mit diesem Oberbegriff “ Behinderte“ eine Verbindung herzustellen, zwischen einem Drogensüchtigen und einen gehandicapten Menschen, hingt doch stark in Deiner gedanklichen Vorstellung von tatsächlicher Behinderung. Behinderte Menschen sind Menschen, denen Fähigkeiten fehlen die eingeschränkt sind, oder nicht vorhanden. Durch andere, erlernbare Techniken, können sie zum Teil ersetzt werden. Um das zu schaffen, steht Arbeit, Ausdauer, Einsatz, Kampf ständiger, täglichen Herausforderungen an. Manchmal ereilt einem Mutlosigkeit, Niederlage, Grenzen, Hoffnungslosigkeit, Trauer.
    “ Behinderung hat nichts mit Sucht zu tun „,
    und darf demzufolge nicht mit Abhängigen in Verbindung gebracht werden.

    Wovon ich nicht ausgehen will, dass ein ehemaliger Drogensüchtiger auch gehandicapt sein kann.
    Das Thema “ Freund“, und Freundschaft, ist ein anderes.

    Dir lieben Gruß Hilde

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