Absolution – 12 – Sarah und Fettsack?

Als er ein paar Stunden später Sarah im Bosporus antraf,  überraschte es Paul. Obwohl Sarah und Fettsack gute Freunde von Paul waren, hatten sie kaum eine Beziehung zueinander. Sie waren Freunde von Freunden. Und nun saß sie doch hier am Tresen und quatsche mit Pauls altem Freund. Sie. War wunderschön wie immer. Er. War bekifft wie immer. Bei Leuten wie dem Fettsack muss das nicht gleich bedeuten dass er platt und unbeweglich von der Droge war. Oft blühte er durch sie erst auf. Paul gab draußen im Sommer-Licht André die Freundschaftshand. Und drinnen ging ein großes „Hey!“ durch die Runde, als er die ehemalige Dönerbude betrat. Stevo, der hier irgendwie als Resident-DJ  durchging, mixte mit seinem Abelton gerade ein paar feine House-Tunes zusammen; ihm gab Paul gewohnheitsmäßig zuerst die Hand. Nicht dem Hausherren. Dieses „Ich-begrüße-erst-einmal-den-DJ“ war ein Running-Gag der sich verselbstständig hatte. Dann wurde der Fettsack ge-high-fivet. Zuletzt und doch als erstes umarmte er Sarah. Sarah die so roch wie Frauen riechen müssen.

„Du? Hier?“ Lachte Paul. Er klang ein wenig überraschter und verunsicherter als er auftreten wollte. Einerseits war es so, dass es nicht das erste Mal gewesen wäre, dass sich plötzlich die Freunde von Fleming untereinander besser verstanden als sie sich mit ihm – und er aufs Abstellgleis geschoben wurde. Andererseits war Sarah, Sarah. Und auch wenn sie nur Freunde waren, gönnte ein Mann nicht sofort einem anderen Mann ein tieferes Verhältnis zu einer scharfen Frau, als man es selbst zu ihr pflegte.  Besonders. Wenn der Freund ein anderes Moralverständnis als man selbst an den Tag legt. Sarah wischte die Frage mit einem Lächeln fort. Diesem endgültigen, Herzerwärmenden Lächeln, mit dem sie schon einige Fragen zu neugieriger Männer totbeglückte. Wieder eine dieser Fähigkeiten, zu der man sein musste wie Sarah. Der Fettsack grinste nur sein sympathische Gewinnergrinsen. Bestellte mit der gleichen Gestik für sich einen „Shirley Temple“ und für den von ihm so gerufenen „Fleming“ einen Whiskey Cola. Wie zu erwarten half der Whiskey Paul zu entspannen. Der Tag war so schon nervig genug gewesen. Das Glas zügig geleert.

Ein paar Gläser später, wie das Lachen der Freunde immer lauter wurde, die Musik noch housiger und aufgewühlter, ließ Paul Gedankenverloren die Kühlsteine in seinem Glas herum wirbeln. Er blickte scheinbar nach draußen. In das dunkle Nichts der Kleinstadt-Straßen. Sah aber in Wirklichkeit das Spiegelbild von Sarah in der daneben stehenden Fensterwand an. Wie sie da so saß. Einfach so da saß. Und mit ihrer Schönheit den Mittelpunkt des hier veranstalteten Gemäldes ausfüllte. Sie war. Wie ein Schwarzes Loch. Dass den Raum krümmte. So dass alle Männer und Frauen mehr oder weniger verstohlen ihr Augenpaar auf sie richtet mussten. Manchmal nur kurz und diebisch (Paul). Oder lange und wohlwollend (Fettsack). Es war ein Physikalisches Gesetz der Anziehung. Und sie war der Mittelpunkt des Trichters in dem sie versinken wollten. Es war fast schon lächerlich. Wie sehr die Männer sie wie prähistorische Wilde angeiferten. Und die Höhlenfrauen neidisch die Augen beim Blick auf sie verdrehten.

Nebenher erzählt Stevo ihnen eine Geschichte:

„Ja die verdammte Arbeit…  Hab ich dir die Geschichte erzählt wie sie mich aus der letzten raus gemobbt haben?“ Die Frage war eindeutig an Sarah gerichtet – wir Jungs kennen die Geschichte schon.

Fettsack zu Sarah: „Hör zu. Die ist witzig.“

 

Stevo: „Also ich komme in die Arbeit, weiß gar nicht, war Dienstag oder Mittwoch und ich war noch eeecht gut dabei, n bisschen verplant, ein wenig dehydriert, was blöd war, weil, ich hab doch damals in dem Metallverarbeitungsbetrieb gearbeitet, weil, da hat mich das Arbeitsamt hingeschickt und da war es heißt und laut. So richtig heiß und laut.“
Sarah: „Mhm.“

„Okay, okay. Da gings dann halt um Metall und so´n Kram. Legierungen oder was weiß ich.. Und die meinten zu mir: Hey, so wie du aussiehst dachten wir nicht wie gut du arbeiten kannst – bist aber voll in Ordnung. Dann kam halt der eine Tag. Ich also total verplant mit Gehörschutz, im Lärm, IN der Halle und dann kommt der Meister auf mich zu, eigentlich ein netter Kerl, so Mitte 40, dünn, weder abgerissen noch zu schnicke, hm… ich DACHTE das wäre ein netter Kerl, vorher , auf jeden Fall kommt der zu mir her und fragt so los: „Hast du die Drogen schon genommen?“
Und ich so, total verballert und verdreht und total dehydriert weil mir das Bier in der Nacht ausgegangen ist, ich also lasse mir überhaupt gar nichts anmerken, so ne Mischung aus Dummstellen und Pokerface: „Hä?“ Weil, war  ja laut. Ich also so: „Hä?“

Und er so: „Was?“

Und ich noch mal: „Hä?“

Und er: „Wie? Hast du die Drogen schon genommen? Oder soll ich die nehmen?“

Und ich so: „Hm. Ja ne. Ich kann die schon nehmen.“ Weil wenn der schon was hat, dachte ich. Man will ja nicht unhöflich sein.

„Ja dann nimm du die mal“, sagt der, geht aber weg ohne mir was zu geben. Ich hab dann da so weitergewurschtelt an der Maschine, schon am Überlegen was das denn jetzt war, und so ne viertel Stunde später oder was weiß ich, kam der wieder daher und fragt, ob ich die Drogen endlich genommen habe… Weil die im Labor schon darauf warten würden. Und ich werde natürlich langsam sauer, brülle ihn an was für DROGEN er denn meinen würde?! Was soll denn der Scheiß?! Das würde ihn doch überhaupt gar nichts angehen! Das ist doch wohl meine Sache! Und jetzt war der total verwirrt und fragte MICH ob bei mir alles okay ist… Ich dann so: „Ja… Klar.“ Und er dann so: „Okay. Siehst n bisschen verrückt aus und verhältst dich komisch…“ Er würde es dann halt selbst machen. Und ich gucke dem so nach wie er zur Maschine geht, Handschuhe anzieht und dann ein paar Teile mitnimmt, und dann checke ich es erst: ACH DU SCHEIßE! Der meinte gar nicht DROGEN! Der meinte Proben! Ob ich die Proben schon genommen habe! Fürs Labor! Weil die da irgendwas stündlich überprüfen mussten“…

Sarah: „Oh nein…“ Sie hielt sich beim Lachen die Hand vor dem Mund. Total süße Geste. Als würde sie ihre perfekten Zähne verbergen müssen…

Fettsack und Paul lachten dreckig. Was Stevo nur sauer macht: „Ja man kann sich doch auch mal verhören! Ihr Arschlöcher! Und… Na ja… Wenig später haben sie mich dann raus gemobbt, weil sie´s dann gecheckt haben. Die Schweine…“

Sarah mitfühlend: „Dumm gelaufen.“ Sie legt zu dem Kommentar tröstend kurz ihre Hand auf die von Stevo. Was ihn aufblühen und erröten ließ: „Aber meine Arbeit habe ich trotzdem gut gemacht, ist doch egal ob ich dicht bin oder kaputt aussehe…“

 

 

 

 

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