Ecstasy für Mama und Papa

Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …

 

Vor etwa 2 Jahren schrieb mich auf Facebook eine Frau an, die ich nicht kannte. Wenigstens glaubte ich es in der ersten Zeit, dass ich sie noch nirgends getroffen oder gesehen hätte. Durch ihre Hartnäckigkeit und bei genauerer Betrachtung „kannte“ ich sie dann doch, aus einem anderen Leben. Sie war die Freundin eines Bekannten, nur ist sie die Frau. Keines wirklichen Freundes, einer jener Partyjünger, die man als alter Raver in seinem Umfeld hat und „der halt irgendwie dabei ist“, so wie ich für ihn halt irgendwie dabei war. Ein Freund von Freunden. Man geht zusammen in der Gruppe weg, kennt sich oberflächlich. Tanzt zusammen. Klinkt die Teile. Hat Spaß. Und „Auf Wiedersehen“.

Seine Freundin hatte ich vielleicht 2 bis 3 Mal getroffen und deswegen kaum eine Erinnerung an sie, nur das er sie im Feierkontext kennen gelernt hatte, in einem Club in München in den wir fast jedes Wochenende fuhren. Dann war das Pärchen weg. Irgendwas mit eigenem Kind. Bis hierhin eine normale Geschichte Ende 90ger, Anfang der Nuller Jahre.

 

„Auf Facebook schreiben einem immer die falschen Leute aus der Vergangenheit“ dachte ich mir damals, oder wie oft hat dich schon eine scharfe Mieze angeschrieben, in die du vor vielen Jahren verliebt warst und die jetzt, aus Gründen, die sie selbst kaum kennen kann, jetzt also ganz plötzlich auch sehr an dir interessiert ist; und selbstverständlich sieht sie noch BESSER aus als damals, nicht gealtert, sondern gereift, gerade da, wo es wichtig ist… Also nein. Solche Geschichten schreibt Facebook nicht. Wenigstens bei niemanden den ich kenne. Obwohl ich dort mit einigen Hochstaplern und Lügnern befreundet bin.

 

Die Frau, deren Name und Gesicht mir nichts sagte, holte mich über ein Bild ihres Mannes in das Boot unseres gemeinsamen Verständnisses: Aha. Oh je. Das ist „der schnelle Tobi“.

Der schnelle Tobi war niemals so schnell und so sehr auf Drogen wie der Name vermuten lässt. Nur hin und wieder halt, ein lustiger Kerl, der mir jedoch wie erwähnt immer ein wenig fremd geblieben ist.

Sie würden wieder feiern gehen, ob ich da mitmachen würde? Ich so als alter Haudegen.

Und ich im Kopf so: „Na ja… Muss jetzt auch nicht sein…  Es gibt ja auch Gründe warum das auseinander ging. Eigentlich hab ich schon Freunde. Aber. Unhöflich will ich auch nicht wirken.“ Feiern heißt hier, also wieder mit Drogen. Das war ganz klar herauszulesen. Was nicht schlimm ist, da kenne ich ganz andere, aber Leute die Kinder haben und nach 15 Jahren (Scheiße sind wir Alle alt geworden!) wieder damit anfangen, davon habe ich noch nie gehört. Irgendwie klingt das asozial. Irgendwie kaputt. So mit Kindern. Da stimmt doch was nicht. Doch auch aber dem Argument, dass man jetzt 15 Jahre clean war und jetzt wieder ein bisschen Spaß haben möchte, konnte ich folgen. Schließlich waren die 15 Jahre brav. Da sollte man jetzt doch mit Drogen umgehen können… Bei mir sind und waren es keine 15 Monate her.

Also schob ich diese Reunion eine Weile vor mir her. Hin und wieder Geplausche über den Facebook-Messenger, bis irgendwann doch die Party kam, wo man sich traf.

 

Eine Open-Air-Party auf der die beiden Schatten aus der Vergangenheit mit Freunden druff herum bogen, ich dagegen wie immer gut angetrunken, insgesamt: Alle freundlich und offen. Und da machte es „Klick“. Viel Gerede über Früher. Und noch mehr Verwunderung darüber, dass man im Gegensatz zu damals sich jetzt so PRÄCHTIG versteht. Jeder für sich war halt doch nicht nur gealtert, sondern gereift. Erwachsenen Spaß hatten wir zusammen, gerade und weil wir nicht nüchtern waren.

Gerne mal wieder.

 

Meine anderen Freunde, die, die Frau vom schnellen Tobi und ihn selbst noch von früher kannten, jetzt auch Kinder haben nur keine Drogen mehr nehmen, waren skeptisch. „Drogen? Mit Kindern?“ „Die nehmen die Drogen ja nicht MIT ihren Kindern. Die haben das super unter Kontrolle und sind super nett. Die brauchen halt wieder ein wenig WÜRZE in ihrem Leben.“ „Ich weiß ja nicht… So mit Kindern… Da ist doch irgendwas im Busch. Und irgendwann lernt sie dann jemand kennen und lässt ihn stehen.“ „Warum ausgerechnet sie? Wurscht… Sollen wir nicht mal gemeinsam mit denen was machen? Denn eigentlich sind das früher EURE Freunde gewesen, nicht meine.“ „Ja klar. Super. Cool. Machen wir dann irgendwann mal.“ Dazu kam es natürlich nie.

Bei mir schon. Ich ging mit denen feiern und mochte sie sehr. Ihre offene und nette Art. Man fand sich gegenseitig super sympathisch. Hatte den gleichen schwarzen Humor. Und kam gar nicht mehr davon los sich darüber zu wundern, dass man sich jetzt im Gegensatz zu früher so toll versteht; absolut unverständlich schien das zu sein und ebenso groß war die Freude darüber, dass das jetzt so anders ist. Ein paar Stunden später dann, auf XTC, in der totalen Prallness. Verstand man sich natürlich total und super gut. Nur vorher. Komisch. Vorher hatte man sich sogar noch besser verstanden. Ohne die Drogen im Kopf. Eine gelungene Nacht.

„Das wiederholen wir mal!“

„Gerne!“

Ganz nah kam man sich da. So geöffnet wie man sich fühlt, wenn… In dieser emotionalen Ehrlichkeit der Dichtness, die die Grenzen zwischen dem Du und dem Ich verschwimmen lässt. Obwohl vorher fast noch besser war. Das Gespräch und das echte geteilte Lachen. Die Klarheit der Verständnis.

 

Meine anderen Freunde blieben dabei: Der schnelle Tobi? Geiler Typ, damals. Jetzt klingt das irgendwie so asozial… Da kann man kein Verständnis für haben. Jetzt. In dem Alter. Und du (also ich) hast halt keine Kinder. Lass mal. Da ist doch eh was im Busch.

 

Und ich verstand das gar nicht. Wie die Menschen kein Interesse an denen haben können. Obwohl ich anfangs selbst so war. Und jetzt. Voller Naivität. Wo ich doch so offen war. Wollte und konnte ich nicht erkennen, dass da eben doch mehr, dass es da eben doch Probleme gab, dass es da immer auch GRÜNDE geben muss, warum…

 

Und ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …

 

Und deswegen ist alles gut gelaufen. Wir haben es allen anderen gezeigt. Den Zweiflern. Den konservativen Kleinfamilien-Fetischisten. Die aus ihrer Gefangenschaft, wie Dinge zu haben und zu sein sind, nicht heraus kommen können. Die mit dieser unterschwelligen Angst vor der Zukunft leben, nur nicht aus der Rolle zu fallen. In Panik vor jenen Erkenntnissen, für die man  einen Schritt zurückgehen muss, jedoch auch zwei nach vorne kommt.

Abenteuer enden nicht wie in Filmen mit der Hochzeit oder einer Geburt, mit Kindergarten und aufgeschlagenen  Knien, den ersten Pickeln und der Revolution gegen jene, die einen ihr Leben lang geliebt und erzogen haben. Da ist mehr. Da sind doch auch die Personen selbst. Der Typ, den sie früher „den schnellen Tobi“ nannten. Und die Frau, die er geheiratet hat. Eltern sind auch Menschen. Jeder für sich alleine. Und Beide zusammen.

 

Und ich mache mir die Welt… In meinem kunterbunten…

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23 Gedanken zu “Ecstasy für Mama und Papa

  1. Scheinheiligkeit kann auch bedeuten, einfach nicht mehr so viel Aufhebens um den Kram zu machen. Man weiß, wieviel man verträgt und muß nicht mehr jeden Schnaps und jede viertel Pille in die Welt hinausposaunen. Und dann gibt es auch die, die still und heimlich ihren Alltag damit bestreiten.

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      1. Schwierig, aber genau die Ambivalenz und das zurückzucken vor schnellen Urteilen beschreibt Dein Text hier ganz gut. Ich überlege, ob ich den irgendwie zitiere in einem kleinen Aufsatz von mir über Haschischessen, was sich gleichzeitig sehr medizinisch, sehr süchtig und total diskret-erwachsen anfühlt.

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  2. Deine Erzählung macht mir Angst, weil sie zeigt, wie schnell man in diesem (Teufels-)Kreis aus Drogen und dem angenehmen Gefühl, dass wie uns alle so gut verstehen und lieb haben, wieder drin ist. Man nimmt ein bisschen hiervon, ein bisschen davon und schon ist die Welt leicht und schön. Natürlich ist das super verführerisch – keine Frage. Doch zu welchem Preis? Wie ich schon schrieb, deine Erzählung macht mir Angst, weil ich weiß, wie leicht man sich in einem „schwachen Moment“ verführen lassen kann… Pass auf dich auf.

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    1. gegenvernunft

      Das ist nett von dir. Ich selbst nehme aber nur einmal im Halbjahr was. Sonst bekomme ich ärger mit meiner Freundin 😀

      Gegen hin u wieder was nehmen habe ich nichts. Nur wer ist stark genug das zu regulieren?

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      1. Niemand ist dafür stark genug. Dass man sich aber einbildet, man hätte alles unter Konrolle, ist eben die Fehleinschätzung, der so viele Süchtige erliegen. Aber das muss ich dir ja nicht erzählen. Das weißt du selbst.

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      2. gegenvernunft

        Es gibt viele die mit der täglichen Sucht leben u trotzdem einigermaßen über die Runden kommen. Ob dieses Thema dann für sich u besonders andere als lebenswert erscheint ist eine andere Frage.

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      3. Zweifellos gibt es derer viele. Ich frage mich nur, zu welchem Preis man auf diese Art lebt. Wann holen einen die Folgen der Drogensucht ein? Irgendwann schafft man es doch nicht mehr, im täglichen Leben „zu funktionieren“, oder täusche ich mich da?

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      4. gegenvernunft

        Ach das geht schon. Ich kenne da sehr erfolgreiche Beispiele. Es ist nur nichts für die Ewigkeit u dann macht der Körper oder der Kopf zu. „Lichter die doppelt so hell brennen, brennen kürzer..“

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      5. Oh. „Blade Runner“ habe ich vor Jahren mal gesehen… natürlich war ich von Rudger Hauer total fasziniert…
        Nach diesem Film habe ich einige Bücher von Philip K. Dick gelesen, Natürlich auch die literarische Vorlage zu „Blade Runner“: „Do Androids Dream of Electric Sheep?“…

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      6. gegenvernunft

        Rudger Hauer war zu dieser Zeit göttlich. Und das Zitat geht auf seine Rolle als perfekten synthetischen Menschen mit Ablaufdatum zurück.

        Dick habe ich nie gelesen. Die Strugatzkis finde ich aber gud 🙂

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      7. gegenvernunft

        Russische Science-Fiction ist der Amerikanischen in vielen Punkten voraus, besonders weil in den USA mehr Fantasy-Fiction verbreitet wird 😉

        Wenn du mal die Muse hast sieh dir „Stalker“ an. Zieht sich am Anfang, ist aber ein Meisterwerk

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  3. Ich lese Deine Gedankengänge immer wieder gern. Aber oft, so wie auch hier, bin ich der Meinung: Du machst Dir ZUVIEL Gedanken. Leute werden immer Drogen nehmen, wenn sie sich danach besser fühlen. Für mich gehören Drogen zum Leben ganz normal mit dazu. Zwar nicht regelmäßig, aber wer plant denn nicht vorher die Substanzen bei ner 3-Tage-Party?. Nach Feierabend Bier und etwas Gras, am Wochenende was Schnelles wenn nicht sogar was Buntes. No big Deal. Spätestens Montag Mittag ist man wieder runter und funktioniert. Das ist für mich keine Flucht aus der Realität, es ist experimentieren mit selbiger. Und das macht Spaß. Nach wie vor. Fuck for Straight Egde.

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    1. gegenvernunft

      Es ist manchmal nicht leicht zwischen Fiction u Wahrheit in meinem Blog zu unterscheiden. Die Geschichte ist diesesmal wahr.

      Sie haben sich nur leider getrennt u ich wollte eine Geschichte schreiben, in dem das nicht passiert.

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