Grüne Sonne Indoor Festival 2016

„First world problems“ wurden uns vom Veranstalter diagnostiziert, da wir uns auf Facebook darüber mokierten, als der Headliner der Nacht – DJ Hell, schon wieder –  relativ kurzfristig absagte. Na ja. Partys und sich darüber aufzuregen ist natürlich schon ein „erste Welt-Problem“, als zahlender Kunde will man jedoch auch darüber informiert werden „Warum“ und „Weshalb“ der Knilch nicht zum Arbeiten kommen wollte, für den wir da schließlich schon bezahlt hatten – und dafür durfte man sich  vom Social-Media-Typen der Grünen Sonne auch noch blöd anquatschen lassen. Gute Öffentlichkeitsarbeit gibt es halt nicht bei den „Grüne Sonne“-Leuten und so wurde man dann zwar später nach mehrmaligen Nachstochern über die Umstände aufgeklärt (Der DJ Helmut hatte am selben Tag zwei Veranstaltungsorten zugesagt, die dummerweise beide „Kantine“ heißen, da gab es einen Fehler im Booking), doch zur Erklärung  gab es dann noch einen Seitenhieb hinterher, so in die Richtung, dass man als Kunde ein Depp ist wenn man auch noch nachfragt, weshalb man eine gewissen Leistung nicht erhält. So was geht gar nicht. Techno-Jünger sind aber auch sonst nicht die kritischsten Kunden, sondern willenlose Schafe und gnädige Opfer der allmächtigen Veranstalter und der DJs, die immer noch wie Übermenschen betrachtet oder gar verehrt werden… „Wir sind derer unwürdig“, ist die Denke. „Dann ist das halt so.“

 

Warum eigentlich? Was ist aus dem Gleichstellungsgedanken geworden, sei es im Techno- oder im Kapitalgewerbe? (Was dasselbe geworden ist). „Firmenkunden bevorzugt“ = 2 Klassengesellschaft. Der kleine Einzelne, der Lobbylose, zählt nichts mehr. Nur als Flashmob, als Mulitude, tritt man vielleicht noch kurz als Einzelner im Großen in Erscheinung, auf Facebook oder per Petition; bis dato und derweilen ist Ehrerbietung angesagt. Dass die Halbgötter und Wichtigtuer ohne unser Kommen und unser Geld nichts sind, daran denkt niemand mehr. „Qualität lässt sich booken“ ist die Devise. Wenn man denn richtig booken kann… Ne Leute, dann doch lieber auf die Nerven und Barrikaden gehen wenn man sich unfair behandelt fühlt, denn reicht es denn nicht schon wenn das System Verarsche ist? Oder muss man sich von dem System auch noch verarschen lassen?

Der Werbe-Slogan: „Be part of the party“. So ein Unsinn. Als ob es die Party ohne uns auch so stattfinden würde und man sich glücklich schätzen müsste, wenn die dann für uns was organisieren und dicke Gagen abgreifen…

 

Dass aber nicht jedes „große Namen“-Booking automatisch funktioniert, zeigte gestern das Grüne-Sonne-Festival in der Indoor-Edition. Denn der große Headliner-Floor in der Kantine Augsburg, unten, im Flammensaal, war der eindeutig schlechter besuchte. Oben im Schwimmbad drängelten sich die Leute, wo neue Gesichter auflegten und keine DJs der Generation 40 plus. Da war die wilde Stimmung, auch wenn der Sound selbst nicht viel moderner war. Techno wurde überall gespielt. Da ein bisschen fresher als dort. Oben ein wenig knackiger, jünger, unverbrauchter. Namentlich benannt: Ferdinand Dreyssig.

 

Da wir alte Verbrauchte sind, trieben wir uns mehr unten rum, auch weil wir Platz zum Tanzen brauchten und dort auch hatten. Mehr als genug. Ohne Drängelei.

Um halb 12 legte der Mann aus unser Nachbarschaft los, Lützenkirchen, der schon auf Facebook angekündigt hatte, mehr seinen „alten Stil“ zu spielen. Und so war das Set wieder mehr Beat orientiert, dunkler, rauer und weniger housig. Ich fands ganz gut. Marke: Das kann man sich immerhin schön trinken.

 

Das Fabelhafte an der Kantine ist meistens nicht das Drinnen mit den Soundgewalten, ach geh: Draußen ums Lagerfeuer herum, wo es keine Musik gibt und Erholung und Konversation angesagt ist, ist es dann schnell und oft viel geiler. Dort werden Freunde mit Freunden bekanntgemacht und schnell das erzählt was uns zwangsläufig verbindet, die alten Schlachtgeschichten der Feierei aus Augsburg (Pleasure Dome, Sound Factory), total faszinierend im Rückspiegel, wie wir so wirklich ehrlich und in Echt klischeevoll ums Lagerfeuer herum saßen, die alten Weisen, die lächelnd und mit großen Augen sprachen, zum Kind in einem und in dem im Gegenüber: „Wisst ihr noch? Damals? Wie schön das war…“ Und dann geht man wieder hinein, 10 oder 15 Jahre zu alt für den Scheiß und erlebt den ganzen Mist noch einmal, nur anders halt, mit mehr Erfahrung. Das Süßsaure  ist nur: Das Themenfeld „Party“ und „Feiern“ ist der einzige Themenbereich, in der Erfahrung etwas eher Schlechtes und Runterziehendes sein kann.  Da kann man sich selbst schnell im Weg stehen. Weil man doch weiß wie es war. Jung zu sein. Und über die Sonne schreiten zu können…

Ein paar Jägermeister später, geht das dann aber auch wieder. Geblieben sind ja nicht nur die Erinnerungen, nein, auch die Freunde. Und das Jetzt. Das Leben endet schließlich nicht zwangsläufig mit 30, 60 oder was weiß ich mit wie viel Jahren. Das Dasein endet dann, wenn es den Sinn verliert.

Währenddessen hatte Anthony Rother zu Arbeiten angefangen. Und wie der da so sein paar Dutzend Leutchens von seinem DJ-Pult bespielte, dachte der sicherlich auch ein wenig darüber nach, was er wohl in 10 Jahren arbeitstechnisch so macht, wenn denn nicht bald wieder ein Hit aus seinen Maschinen stottert. Die Altersarmut könnte bei dieser DJ-Generation vorprogrammiert sein. Eigenes Plattenfirmchen hin oder her.

Der Anthony startete sehr gut, ging dann aber leider nicht in die Westbam-Falle und spielte seine Megahits („Father“, „Break down the wall“) nicht einfach so runter. Er verpackte das gut als SET, mit klassischem Spannungsbogen, nur war das den Jungen zu klassisch und deshalb waren die lieber woanders. Sollte uns Recht sein. Wir lachten uns gegenseitig an. Und taten das einzig Richtige: Tanzen.

 

Zum Abschluss gönnte ich mir dann noch in der „Weltbar“ (dem dritten Floor) eine Pizza. Und wie ich da so wartete, im Geschepper der Boxen, im Beat der Maschinen, fand ich diesen Platz, diese Club-Situation, als den natürlichsten Ort für einen wie mich, eine Pizza zu essen. Nicht leise am Nachmittag, draußen in der freien Natur bei milden Lüftchen und weißen Wein, nein: Nacht musste es sein, scheppern, blitzen und johlen. Während man von betrunkenen Leuten angetanzt und von Druffis angelacht wird: So muss Pizza sein. So und nicht anders.

 

Es war 3 Uhr 30. Und drinnen übernahm Pascal FEOS die Turntables. Der nächste Held der Nacht, der nur noch von seinem Mythos lebt…

Am nächsten Morgen dann das Nachgespräch. Und Weißwürste zum Frühstück.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s