Jess Jochimsen – Kabarett in Augsburg

Vorab einen schönen Tag der deutschen Einheit.

 

Vor diesem Tag, der eigentlich ein freudiges Ereignis sein sollte und von lauter Miesmuffeln „ironisch“ schlecht geredet wird, sind wir spontan ins Kabarett gegangen. Genauer, in die Kresslesmühle in Augsburg. Die Kresslesmühle sieht ein wenig so aus als hätte der bayrische Rundfunk die Innenausstattung spendiert, was durch das natürlich sehr klassisch anmutende  Kabarett-Publikum (Richtung Rentenalter mit hoher Tendenz zu Herz-Kreislauf-Beschwerden) exponentiell verstärkt wurde. Das passt alles so sehr wie die Faust aufs Auge, wie der alte VW-Bus auf nem Hippie-Festival. Das hat dann wohl so zu sein.

 

Jess Jochimsen (ja, das ist ein Tipp-Fehler auf der Karte, kann ja einmal vorkommen), kannten wir vor diesen Tag gar nicht. Morgens wischten wir in unserem Tablet herum und sahen uns ein Video von dem Mann an – wirklich, nur eines. Dieses:

Das genügte für uns um mit typischen Äußerungen ausgestattet („Scheiß die Wand an. Den schauen wir uns jetzt an.“) nach Augsburg hineinzufahren.

Kabarett ist ja immer so eine spezielle Sache für mich. Das letzte Mal war ich bei Hagen Rether in diesem Umfeld und dortmals sind ein Freund und ich bei der Halbzeit-Pause gegangen. Ganz furchtbar war dieser Auftritt. Dieses unglaublich nervige, arrogante, superlinke, von oben herab dozierende Veganer-„Ich-habe-Recht“-Gelaber, verbunden mit dem typischen Vibe der zahlenden, anwesenden Kundschaft, der beinhaltete dass bei den „Maßregelungen“ alle gemeint sind, nur nicht die an diesem Ort Anwesenden; grauenhaft Bildungsbürgerlich stumpf, das können wir alle doch besser. Doch die Leute gehen nun einmal nicht ins Kabarett um sich schlecht zu fühlen oder etwas zu LERNEN, nein, sie gehen dorthin um zu Lachen und ihre Intelligenz bestätigt zu wissen: „Aha, da habe ich wieder genau das gehört was ich eh schon meine – nur lebe ich halt nicht so. Blöd. Aber lustig.“ Irgendwo muss es auch eine enttäuschende Daseinsform sein, dieser Kabarett-Beruf.

 

Jochimsen arbeitete sich in und neben seiner Lesung auch an den typischen Kabarett-Problemen an: Politik. Erziehung, Flüchtlinge und die Angst vor ihnen, die Tretmühle des Kapitalismus und die Vorherrschaft der Denke der alten weißen Männern in unseren Köpfen, die nicht wollen das sich ihr Leben ändert, was selbstverfreilich absoluter Unsinn ist, denn das Leben ändert sich doch die ganze Zeit, das IST doch das Leben…

 

Schelmenhaft hat der Jess das gemacht. Pointiert, lustig und natürlich auch entblößend. Mit seinem Akkordeon hat er dabei das Kabarett auch nicht neu erfunden. Dennoch war es besser als „nett“. Es war gut.

Ich selbst befinde mich – hier schon nun wirklich viel zu oft erzählt – in einer blöden Arbeitspsychischen Lage und da sprach mich der Auftritt mehr an, als vielleicht noch vor zwei Jahren. Gerade die Fragen nach der Zukunft die er stellte machten Eindruck: Wie stellt sich jeder von uns seine Zukunft vor? Und, was würde er gerne noch erreichen?

In einer Medienwelt in der die Nachrichten laut Bild-Online gar nicht mehr getippt sondern durch den Geschwindigkeitswahn und –druck nur mehr als Live-Videos gepostet werden sollen und man als Konsument ständig dem Druck der Gegenwärtigkeit ausgeliefert ist (sich ausliefern lässt), denkt man ja auch wirklich gar nicht mehr weiter als bis zum Feierabend oder bis ans nächste Wochenende. Oder den nächsten Urlaub. Auf die Frage: „Wo siehst du dich in 10 Jahren?“ Haben wir die Antwort eingeredet bekommen, dass das unmöglich geworden sei zu beantworten. Wir leben doch in so einer schnelllebigen Zeit! Ist doch eh bald alles wieder ganz anders… Nur… Stimmt das überhaupt? Und ist das eine gute Ausrede für mich und für dich keine Vision von der Zukunft zu haben?  Denn: Ich habe wirklich keine…

Das gab mir schon zu grübeln.

 

Lustig war es natürlich auch, viel Haha. Der Erzählstrang hielt sich aber auch gut im Gleichgewicht. Gutes Kabarett ist halt, wenn nicht nur Geschimpft oder Gelobt wird. Wenn man etwas mitnimmt und sich dennoch gut unterhalten fühlt. So gesehen hat der Jess alles richtig gemacht. Auch wenn ich selbstverständlich nicht alles unterschrieben hätte was er sagt. Angenehm war es halt.

 

Besonders gut war der letzte Satz: „Die beste Rache ist ein gutes Leben.“ Das mag zwar nicht neu sein (Marcus Wiebisch z.B. hat den Spruch auch schon gebracht), es ist aber auch einfach wahr. Man sollte sich nicht so sehr gefangen nehmen und sich einspannen lassen. Dadurch. Könnte man sich viel freier fühlen. Die ganze Zeit. Und nicht nur bei 2 Stunden im Kabarett – unterbrochen von einer viel zu langen Pause.

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10 Gedanken zu “Jess Jochimsen – Kabarett in Augsburg

  1. Das versuchen einem die Psychologen auch immer nahezubringen – einfach mal locker lassen, die Schönheit des Momentes genießen, hm. Oh ich vergaß – im Buddhismus gibt es das auch, da lässt man geschehen. Sagt sich alles leicht, wenn man ein ausreichendes Ein- und Auskommen jenseits des alltäglichen Hamsterrades hat. Ergo: Berufswechsel. (Das wird wohl doch noch was mit der Waschmaschine bei mir…)

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      1. Eh! Recht im Quadrat ist doof. Die Frage ist vielmehr: wer KANN schon seinen Beruf wechseln, wenn er eh schon gestresst ist? Etwa noch eine Ausbildung/ Studium machen? Und mit durchgeknallten, vollverpeilten überhaupt nichts verstehenden Sechszehn- bis Zwanzigjährigen die Schulbank drücken???
        Das einzig Mögliche, was passieren kann, ist schon passiert, nämlich dass der Körper nicht mehr mitspielt. Braver Körper. Und dann arbeitet der Geist und geistert und findet doch keine andere Lösung als: auswandern. Wie gesagt, Argentinien soll echt entspannt sein… Sprachs und winkte fröhlich von Galgen herab.

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      2. gegenvernunft

        Ich darf dir bestimmt kein drittes Mal Recht geben 😉

        Ich kann mich natürlich auch von meiner Freundin aushalten lassen, wofür ist sie denn Arzt? 😀

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      3. Mais abér! Wenn sie eine von den Guten ist, kann sie schwer aushalten, dann muss auch sie haushalten, da sollten wir uns raushalten – verwalten, behalten, abschalten… Und jetzt der Chor:

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      4. Wow wow wow, hat uns das jemand? 😉
        Arbeitskoller mit Wetterschaden. Außerdem bin ich jetzt schon dekadent. Grüße mit der heißen Büro-Zitrone, pervers aus Spamiem eingeflogen…

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  2. Pingback: Als das Lachen starb: Andy Sauerwein – Strategien gegen Vernunft

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