Carola – die Suchende (Absolution, Figurenzeichnung)

Sind Menschen so wie sie sind? Oder werden Menschen zu dem gemacht, was sie werden? Wer trägt Sorge für die Entwicklung eines Charakters? In welche Freiräume kann ein Mensch stoßen, wenn ihm nur bestimmte gewährt werden?

 

Carola ist vielleicht nicht der stärkste Mensch den ich kenne, doch sie zählt zu neugierigsten. Und obwohl einige Verhaltensforscher  aus ihr typisches, fast klischeehaftes Benehmen für eine Person ihres Alters, ihrer Herkunft und ihrer Generation herauslesen würden, sehe ich in ihr nur ein Individuum, dass ihre eigenen Erfahrungen finden muss, dem es nicht hilft, ob sich viele ihrer Generation ähnlich verhalten, denn jede ihrer Entscheidungen und Kämpfe sind ihre Kämpfe, ihre Hindernisse, die sie bewältigen und gewinnen muss, auch wenn die Steppe ihres Schlachtfelds der Selbstverwirklichung von den Findlingen der verknöcherten Vergangenheit von anderen weites gehend bereinigt wurde.

 

Carola wuchs hier bei uns auf dem Land auf. Ich kannte sie, als sie noch ein Kind war. Und obwohl ihre große Schwester und ich den gleichen Freundeskreis hatten, ist es nicht so wie in den von Juli Zeh geschriebenem Dorf-Buch, nach welchem alles auf dem Land jeden angeht oder zumindest niemanden etwas  verborgen bleibt oder man gleich den Werdegang von jedem aufgedrängt bekommt. Mit den Jahren verlor ich sie aus den Augen. Eine Weile war sie nur die Freundin von Freunden. Und dann die Freundin von einem Bekannten, dem ich nicht viel Respekt zollte und es immer noch nicht mache. Wahrscheinlich, weil ich Männer viel härter aburteile als Frauen. Da ich weiß was es bedeutet ein Mann zu sein und meine Linie zwischen Verständnis und Unverständnis deshalb klar definiert wird.

 

Sie machte eine Ausbildung. Sie machte noch eine. Sie hatte ihren Freund. Das hätte es sein können. Manchmal ist es das auch einfach gewesen. Da spielt es auch keine Rolle ob man auf dem Land oder in der Stadt lebt. Kind und Haus. Das war es aber nicht. Die Beziehung ging zu Bruch und nein, in ihr zerbrach nichts wie der Singer und Songwriter in mir gerne texten würde, nur weil es gut klingt. Im Gegenteil. Sie wuchs daran.

Carola wollte mehr als die kleine Stadt sein, wollte hinaus in die große Welt, wollte Dinge erleben, austesten und ihre eigenen Grenzen kennenlernen. Dinge. Die man vor einigen Jahrzehnten ausschließlich Männern vorbehalten hätte und über die der restriktive Großvater in uns Dörflern nur missbilligend den Kopf geschüttelt haben könnte, wenn er sie in die gleiche Projektionskategorie wie Sarah verurteilt hätte. Carola aber ließ man die Dinge durchgehen, ohne sie gleich „leicht“ zu nennen. Denn Carola wirkte nicht „leicht“. Sie wirkte entschlossen. Auch wenn es immer schwer zu sagen ist, wozu eigentlich.

 

Sarah und Carola sind Freundinnen. Und so wie es mit Freundinnen ist, die nicht zusammen aufgewachsen sind, ist es schwer zu sagen, wie viel die eine in der anderen von sich erkennt, was da eigentlich verortet ist, dass die Menschen einander erkennen lässt. Vielleicht sieht Carola in Sarah genau das Gegenteil von der kleinen, kleinen Stadt, mit ihren kleinen Beziehungen und kategorisierenden, wenn nicht gar deklassierenden Beurteilungen.

Drogen spielten auch bei Carola eine Rolle. Und Frauen die gerne einmal konsumieren, die… Doch Drogen machen dich nicht automatisch zum Opfer. Sie sind nur Ausdruck für eine gewisse Unzufriedenheit. Für eine Sehnsucht, nach… Drogenkonsum ist ein Pendel, ein Seismograph, der – und das gehört bei jedem dazu, der gerne einmal was nimmt – eine Weile lang stärker ausschlägt. Das normalisiert sich in den meisten aller Fälle wieder. Daran wächst ein Charakter, wenn er nicht darüber stolpert und nie wieder in den richtigen Tritt kommt.

 

Carola hatte nach ihrer ersten und der zweiten Ausbildung sich dafür entscheiden, den zweiten Bildungsweg einzuschlagen, um das nachzuholen, was ihr in der Kleinstadt fehlte. Und doch kehrte sie immer wieder zurück zu uns auf das Land, um komplett zu sein. Später dann brachte sie die Stadt hinaus zu uns, auf die mathematisch abgezirkelten Felder, und zeigte ihr das Leuchten der Sterne.

 

Carola war immer auf der Suche gewesen. Und ihr Weg ist auch heute noch nicht beendet. Ist sie stark? Ist sie verwirrt? Will auch sie nicht erwachsen werden? Oder ist sie einfach nur das perfekte Beispiel dafür, dass die Biografien und Grenzen zwischen Frauen und Männern heute kaum mehr zu unterscheiden sind?  Vor einigen Jahrzehnten noch hätte es ihr an Möglichkeiten gefehlt, nach sich selbst zu können und ihr wäre es für immer verwehrt geblieben, bei sich selbst anzukommen. Auch ohne Kind. Dafür mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit.

13 Gedanken zu “Carola – die Suchende (Absolution, Figurenzeichnung)

  1. Zerstörung für die Dramatik. Soweit mir das von mehreren Stellen bescheinigt wurde, braucht es immer Überspitzung, denn normales Klischee will keiner. Leider. Denn ich bin immer noch Fan von Spiegel vor die Nase halten, was mir zwar eine kleine feine Leserschaft sichert, aber verändern werden sich die Klischee dadurch nicht – die tun sich immer so schwer mit dem Verstehen, was zwischen den Zeilen steht…

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  2. gegenvernunft

    Bei mir werden keine Frauen zerstört 😉

    Mit den literarischen Vorlagen hast du allerdings Recht. Das hat aber auch viel damit zu tun, dass Frauen so grandios stark auftreten können, um dabei auch verletzlich zu wirken. Männer sind meistens entweder oder – in der Literatur. Das ist aber ein guter Punkt.

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  3. Merci, das Gleiche, liegt am Wetter…
    Mir ist noch was zum Frauenbild eingefallen: alle großen Frauentypen in der Literatur im weitesten Sinne sind von Männern (und auch anderen Weibsbildern) zerstört worden, vgl. auch die weiße Robbe, die von ihren Artgenossen zu Tode gemobbt wird. S. auf dem besten Wege dahin? C. könnte es schaffen, den Mob einfach zu überrennen.
    Arbeit juhuuuuuuuuuuuu…

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  4. gegenvernunft

    Ich bin zur Zeit ein wenig unkonzentriert was den Blog angeht. Liegt wahrscheinlich an der Arbeit tageswerk.

    Ich bitte dies zu entschuldigen.

    Einen schönen Tag wünsche ich 🙂

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  5. Ähm nö… Wenn ich richtig nachgelesen habe, ging es damals doch um den Herdentrieb und die theoretische Möglichkeit, selbigen abzulehnen, was ja sowohl S., als auch C. tun. (Aber ja, aber doch, aber oh mein Gott – irgendwie war da mal noch was wegen dem Nestbau etc., aber auch wieder anderer Zusammenhang)
    Die Biologie gibt mir Möglichkeit, Verhaltensweisen zu erklären und als solche zu begrenzen, was zB im Falle einer depressiven Verstimmung sehr von Nutzen sein kann, denn ich weiß, der Scheiß hört auch wieder auf, was eine gewissen Sicherheit und Ruhe gibt und mich nicht vor lauter Verzweiflung gegen die nächste Mauer fahren lässt. S. scheint unter dieser gefühlten Grenzenlosigkeit zu leiden, bei C. bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht einfach stoisch ihr Ding durchzieht und die Grenzen anderer umrennt.
    Aber bäh, auktoriale Leser find ich ja voll daneben – mach mal, ich bin gespannt!
    Grüße aus dem Lesekabinett, Licht aus, Einschluss in zwei Minuten…

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  6. gegenvernunft

    Dir ist aber schon klar das ich das schon einmal zu ihnen gesagt habe. Beim Thema Aussteiger oder so war das 😉

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  7. Oh Sire, wenn man das Ganze mal von der zugrunde liegenden Biologie betrachtet, suchet das Wesen doch nur, weil Instinkte es ihm vorgeben. Fresset und vermehret euch. Natürlich meint der Mensch, mit seinem Willen über den Dingen zu stehen, aber er hat keinen freien Willen (da gibt es ein gutes Buch zu: https://www.amazon.de/Jenseits-von-Gut-Böse-besseren/dp/3866122128) und kann die Biologie doch nur begrenzt beeinflussen, da Instinkte eben vor der Wahrnehmung schon Handlungen auslösen. Können. Sehnsucht ist auch ein Instinkt, setz ich jetzt mal hier in den Raum.
    Aber schön formuliert ist das da: „…Später dann brachte sie die Stadt hinaus zu uns, auf die mathematisch abgezirkelten Felder, und zeigte ihr das Leuchten der Sterne. …“ Das ist Freiheit!

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  8. gegenvernunft

    😀 Guter Tipp. Die großen Regisseure wie Fassbinder, Lars von Trier usw. haben immer starke Frauenbilder geschaffen.

    Ich wildere im Moment mehr bei den Frauen in meiner direkten Umgebung – jeder fängt halt mal klein an.

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  9. gegenvernunft

    Das sind Fragen die sich eine ganze Generation stellen muss…

    „Du Frau Körb“ klingt aber auch seltsam 😀
    Aber ich nehme dankend an, ob dieses Ritterschlags

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  10. gegenvernunft

    Wird es vorerst nicht geben. Ich mache zuerst noch ein paar andere weibliche Figuren, baue die dann um oder füge zusammen. Und dann wenn sie sich nicht mehr so eindimensional u geklaut anfühlen, mache ich was daraus.
    Das ist mehr wie ein Spiel u eine Verneigung vor den Frauen 🙂

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  11. Mich würd jetzt ne alltagsszene interessieren. Was sie so tut, wie sie redet. Kann sie zuhören oder schaut sie im Gespräch alle 20 Sekunden aufs Smartphone, heuchelt sie Empathie oder zieht sie ihr Ding durch…?

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  12. Hm. Aber kommt der/die/das Ewigsuchende überhaupt bei sich selber an? Ist nicht das stete Locken des Könnte-ja-noch-was-Besseres-kommen Motor der kräftezehrenden Suche mit scheinbar unerschöpflicher Energie? Mentales perpetuum.
    Beste Grüße zum Sonntag und nach dem Schreck von letzter Woche *Kaffeepot erheb* sagen wir jetzt wirklich „du“, ich bin die Frau Körb du 🙂 🙂 🙂

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