Zu alt für den Club (Text zur Nacht)

Es war einmal in einem Menschenleben, da bemaß er selbst,  die Leute um die dreißig bis 40 in einem Club mit abwertenden Blicken, schließlich zählt er selbst gerade 20 Jänner, mehr oder weniger. Was wollen die alten Säcke denn da? Was machen die hier? Wie hat es die denn hierher verschlagen? Der Techno- und Tanzclub war schließlich ein Ort für junge Leute, eine sichere Zone, in denen alte Trottel mit alten Ansichten nichts verloren hatten; alte Menschen gab es im Leben der Jugendlichen schon genug, das hier war UNSEREN Ort, unsere Drogen, unser Sex, unsere Musik. Nach dem Motto: “This is my time, this is my life!” Ihr hattet eure Zeit, eure Chance ist vorbei!

Tatsächlich verstand der junge Mensch damals nicht viel und genau dieses gehört zum Jungsein dazu. Denn die „alten Leuten“ zwischen dreißig und 40 drängten nicht in die Domäne der Jugendlichen. Sie wollten ihnen auch nichts kaputt machen, schon gar nichts wegnehmen. Außer vielleicht die jungen Frauen. Was der junge Depp am alten Depp nicht versteht, auch gar nicht verstehen kann und will, ist der Fakt, dass es ohne den Alten die Jungen hier gar nicht gäbe. Die „zu Alten“ waren und sind die Jungen von Früher, nur haben diese „zu Alten“ etwas getan, was die Jungen aus ihrer Umgebung nicht kannten: Sie haben einfach nie aufgehört das Feiern zu lieben.

Die Jugend glaubt an ihre Einzigartigkeit und ist blind für die fremden Pharaonen und Bauherren derer Welt, die sie für sich deklarieren. Die Nachkömmlinge sind wie spanische Eroberer, die über einen Kontinent herfallen, der weder „neu“ ist, noch „entdeckt“ wurde: Alles war schon vorher da. Doch das versteht der „Eroberer“ nicht. Er kennt nur seine Perspektive, seine eigene Unverbrauchtheit und die drängt danach, sich Platz zu schaffen um sich dabei selbst neu zu entdecken, zu entfalten, ein Larven/Schmetterling-Ding; die verbrauchten Alten dagegen sind keine entwickelten Schmetterling für sie, eher fremde Monolithen, veraltete Technik, wie ein I-Pod neben einem Samsung Galaxy S 7… Nur die DJs im gleichen Alter der „zu alten“ Partygäste, die die jungen Tänzer wie Götter verehren und respektieren, bekommen die nötige Anerkennung, und wie es so Brauch ist – und immer war – pinnen und nageln die Gläubigen ihre Götter dann doch wieder wie tote Schmetterlinge in Setzkästen, um ihnen auch ja keine Möglichkeit mehr zur Veränderung zu lassen: Wenn Sven Väth jetzt so ist, dann ist er immer so gewesen. Oder Moonbootica. Marco Carola. Oder sonst wer. Absichtlich blind für die Historien ihrer Helden, die früher ganz anders klangen, machten und feierten.

 

Die „zu Alten“ stehen hinten im Club, ganz gleich ob bei einem DJ-Set oder einem Live-Konzert. Sie nicken mit den Köpfen, wohlwissend und abgewichst, während in ihrem Unterbewusstsein das Wissen klackert, wie es früher war, dort  vorne, auf der Tanze. Als sie selbst noch die Ersten in einer Nacht waren, die sich mittig auf eine Tanzfläche stellten und den großen Dithyrambus der elektronischen Musik eröffneten, während andere Feiglinge lieber um die Tanzfläche herumtanzten, nur nicht im Mittelpunkt stehen, sich nur nicht lächerlich machen… So war das wirklich. DAMALS waren sie wie die Capos, die aus den  Fußballstadien, die den echten Fans mit dem Megafon in der Schnauze die Schlachtlieder vorgeben, und Tausende bewegen. Und heute? Da stehen sie hinten und nicken. Oder sitzen. Hier wie dort.

Altwerden ist wie eine Polonaise. Wenn man jung ist stellt man sich vor. Später stellt man sich an.

 

Das ist so in etwa was über die Alterspyramide im Club gedacht wird. Und irgendwo stimmt das auch. Und doch ist es auch gar nicht wahr. Denn die Fronten sind schon längst nicht mehr so verhärtet – und das ist gut so. Als ich jung war, da habe ich gegen den „Jugendwahn“ geschimpft, wie grausam es ist sich immer jung fühlen zu wollen, wie dekadent das sei, aber ich habe halt auch nicht begriffen, dass an diesem Ort der Club-Musik die Menschen, die in die Jahre gekommen sind nicht zwanghaft jung sein wollen, sondern sich nur ein paar Stunden so fühlen wollen. Die alten Technomenschen wissen nämlich ganz genau, dass sie nicht mehr so jung sind wie früher. Das dritte Bier zeigt es ihnen recht schnell. Von Drogen ganz zu schweigen. Nein. Man darf nicht verwechseln zwischen einer süßen Form von Melancholie und der Dummheit, niemals erwachsen werden zu wollen. Natürlich gibt es auch die „Peter Pans“. Die „verlorenen Jungs“. Aber die haben den Schuss nicht gehört. Haben nie verstanden, dass das Alter eben nicht nur Kopfsache ist, denn der Körper zeigt dir bald deine Grenzen auf. Das ist okay. Das ist sogar sehr schön. Wenn Menschen verschiedener Generationen zusammenfeiern – wenn sie Respekt voreinander haben.
Ich stehe ja immer noch gerne mitten in der Menge. Manchmal auch ganz vorne. Und es ist gut so, dass es nicht immer so ist.

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4 Gedanken zu “Zu alt für den Club (Text zur Nacht)

  1. gegenvernunft

    Das klingt gut 🙂

    Ich wurde nur auch schon sehr respektlos behandelt. Das hat mich sehr geärgert. Aber wie gesagt : ich kann mich selbst in diese penner reinfühlen…

    Gefällt 1 Person

  2. Gefällt mir, wie du über dieses Thema schreibst. Wenn ich feiern gehe, frage ich die „zu alten“ gerne, wie sie auf diese Musik/Partykultur gekommen sind. Die antworten sind genau so unterschiedlich wie interessant. Und manchmal entwickeln sich tolle Gespräche und ich junge Füchsin lerne was vom alten Dachs.

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  3. “ Altwerden ist wie eine Polonaise.
    Wenn man jung ist stellt man sich vor. Später stellt man sich an.“
    *
    Wenn dieser Satz von Dir ist, dann HUT ab !

    PachT

    Gefällt 1 Person

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