Urlaub im Grenzgebiet

„Freilassing“ ist ein seltsamer Name für ein Erstaufnahmelager.

 

Den einzigen Fall vom Rassismus in unserem Urlaub im Grenzgebiet Deutschland/Österreich, erlebte ich in Salzburg. Ein Bettler kniete nahe des Weihnachtsmarktes beim Dom am Boden, die Hände wie eine Muschel vor sich bittend geöffnet, und eine Gruppe von Mittvierzigern passierte den Mann, der allem Anschein und Vermutungen nach ein Flüchtling war. Eine Frau aus der Gruppe gab dem Bettler ein paar Münzen, worauf die andere Dame aus der Entourage lauthals auf sie ein brüllte: „Schämts euch dem was zum gebn! Schämts euch! Wenns wenigstens a Weißer wär!“ Und wütend schnaubend und dann – ich habe das nicht mehr vernehmen können weshalb – lachend, stürmten sie weiter. Triumphierend. Es war ungefähr 14 Uhr 30. An „Heilig Abend“.

Das war also der berühmte Österreichische Rassismus von dem David Schalko so voll erzählt hatte.

 

Es war der letzte Tag unseres Kurzurlaubes, den wir in Bad Reichenhall, im Grenzgebiet verbracht hatten. Mit dem Zug kamen wir  während unseres Tagestrips nach Salzburg durch Freilassing und sahen vom Fenster aus nur ein normales bayrisches Städtchen. Ruhig, aufgeräumt, einladend, schön. Keine Ausnahmesituationen. Nur im Zug selbst eine Schaffnerin, die freundlich zu ausländisch anmutenden Bahnreisenden meinte: „Ah, ihr habt´s bestimmt die Schülerkarte“. Worauf diese lachten. Ja, ja. Haha. Schülerkarte. Mehr war da nicht.

Und wir wunderten uns gestern, als wir in den „Nachrichten“ auf Pro 7 Bilder aus der Erstaufnahmeeinrichtung Freilassing sahen; irgendwie geht dieses ganze Vertriebenending total an uns vorbei, es hat keinerlei Auswirkungen auf uns.

Denn. Wir sind in den letzten Monaten weder belästigt worden. Noch wurden wir ärmer. Noch fühlten wir uns in der Unterzahl. Nur. Ein beschaulicher Urlaub im Grenzgebiet. Der jegliche Propaganda die das Internet und die –idas (Pegida, Legida, usw.) verbreitete, ad absurdum führte.

 

Es war so schön, dass wir sogar noch eine Übernachtung drangehängt hatten, in diesem viel zu warmen und dadurch herrlichen Winter. Wir erklommen unter Schweiß und Wehklagen einen vereisten Berg, auf dem man an den ungesicherten Stellen 1500 Meter die  Steilwänden hinabstürzen konnte, genossen oben die sagenhafte Aussicht und vertrödelten einen ganzen Tag in der größten und besten Therme, in der wir jemals waren. Der perfekte Kurzurlaub in einem perfekten Hotel mit perfektem Wetter. Und kurz. Für ein paar Tage. Waren die Sorgen des Alltags vergessen. Darauf trank man auf dem kleinen Christkindlesmarkt noch einen warmen Pflaumenschnaps.

 

Ein wenig fühlte ich mich in meiner Kleinstadt die letzten Monate, als der Fernseher dröhnte und das Internet tobte, wie in einer künstlichen Blase, die von dem „Aslyanten-Strom“ verschont blieb. Alles schien an einem vorbeizugehen. Wieso zum Geier war es möglich, dass das auch hier im Grenzgebiet der Fall war? Ganz einfach, weil in Wahrheit weder mein Heimatkaff von den kriegsinduzierten weltpolitischen Umwälzungen ausgeschlossen blieb, noch Bad Reichenhall oder Freilassing. Es zeigt sich nur jetzt schon, dass die Apokalypse der Vorstellung wie immer überzeichneter ist, als die Tatsachen der Gegenwart.

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