Die verlassene Familie

„Tagsüber sind die Politiker in Heidenau. Nachts die Nazis.“ So ähnlich  hatte ich das gestern gelesen gehabt, irgendwo im Netz,  auf dem Smartphone, wo alle Informationen wie Fast-Food-Brei ineinander verschwinden, da ich sie dort eher in der Intensität von Werbespots wahrnehme, als wirkliche Nachrichten. Ich denke daran während ich die Gesichter der Familie meines Schwagers in einer kurzen Tisch-rund-um-Kamerafahrt abtaste. Sind diese Bauern/Proleten auch so drauf? Oder sind das meine Vorurteile?

Es ist Kindergeburtstag. Mein kleiner Neffe Timmi hat Geburtstag, er ist 7 Jahre alt geworden. Timmi hat strohblondes Haar und ein heiteres Gemüt. Natürlich trägt er ein FC Bayern-Trikot. Wir sind in Bayern.

Würde ich Timmi danach fragen, weshalb er Bayern-Fan ist, würde er das Gleiche sagen, wie Millionen Kinder auf der ganzen Welt: „Weil mein Papa das auch ist.“  Ich blicke in die Gesichter am Tisch, denke noch einmal kurz an „Heidenau“ und da ist noch einmal der Satz, verbunden und dabei doch zusammenhanglos, ohne Pathos: Weil mein Papa das auch ist…

Mein Vater ist schon vor einer Weile weg. Der Kindergeburtstag läuft schon seit 4 Stunden. Ich bin spät dran. Mein Schwager Thomas, der Vater von Timmi, hat mir ein Stück Torte hingestellt, die selbst angeschnitten noch aussieht wie ein Fußball, die ich esse und dazu brav lobe. Schwager Thomas meint darauf: „Den hat Claudia ausgesucht.“

Claudia… Meine Schwester. Seine Frau.

Die ihn vor ein paar Wochen verlassen hat – die Kinder hat sie bei ihm zurückgelassen. Seine Familie sieht ihn mitleidig an. Der Moment schwebt eine Sekunde über der Szene. Stillstand. Einige Blicke heben sich auf ihn. Andere wenden sich in Gedanken ab. Münder werden geöffnet. Doch keiner sagt etwas. Und ich nur so um die Situation zu retten: „Ich finde die Torte TROTZDEM gut.“ Erleichtertes Auflachen um mich herum; die Doppeldeutige Aussage wurde als guter Witz anerkannt.

Meine Schwester hat einen „Neuen“, und den „Alten“ mit den Kindern zurückgelassen. Harte Geschichte. Heftige Geschichte. Nicht mal jetzt am Geburtstag ihres Jüngsten ist sie da. Kein Bisschen, womit ich meine, dass sie bis auf diese kurze Episode überhaupt gar keine Erwähnung an diesem Nachmittag gefunden hat. Wenigstens nicht als ich dort war.

Die Wahrheit, ist einfach: Sie hat die Kinder nie gewollt. Und ihn nie wirklich geliebt. Vielleicht dachte sie es. Aber wer sie gut kennt, so wie ich, der weiß, dass sie in Wahrheit immer nur sich selbst geliebt hat. Davor habe ich auf eine komische Art sehr viel Respekt, bei all meiner Abgestoßenheit vor ihrem Tabu-Bruch die Kinder zu verlassen, denn ich kann leichter alle anderen lieben, als mich selbst.

Sie wollte ja nie wie unsere Mutter werden, und nun, wie ich den verlassenen Timmi mit seinem Muffin im Mund da so ansehe, hatte sie ihm genau das angetan, was unsere Mutter…

Mein kleiner Scherz hat – wenn auch nicht für mich – im Raum etwas ausgelöst. Die Stimmung ist lebhafter geworden. Wohl weil die Familie meines Schwagers meiner Antwort auf die Torte als moralische Verortung meinerseits in der Frage der zerbrochenen Ehe interpretiert. Es wird mehr Bier geöffnet, euphorischer angestoßen und herzlicher Gelacht als zuvor. Da bellt auch schon der Hund weil der Pizza-Lieferant  gleich klingt, und schon werden die Party-Pizza-Stücke überall hin verteilt (auch ich bekomme sofort eines, als „Nachspeise zur Torte“, wie mir zugezwinkert wird) und mampfend Späßchen gemacht. Die Esserei hebt noch einmal die gute Laune und schon werden die Witze derber, anzüglicher und die jungen Mädchen in der Runde werden dar ob zum Erröten gebracht. Klarer Schnaps wird eingeschenkt. „Zum Verdauen“ – als wäre der Verdauungsvorgang ohne Schnaps gar nicht vorstellbar.

Selbst mich steckt diese überraschend gute Atmosphäre an, und ich proste den Hinterwäldlern zu, während sie ihre Phrasen heraushauen. Ich vergessen momentan meine Abneigung gegen diese Menschen, die nur darauf beruht, dass wir unterschiedliche Charakter sind, und nicht weil irgendjemand besser oder schlechter wäre, und lasse mich vom Moment und vom Bier treiben, auch in den Bewusstsein, noch mit dem Auto nachhause fahren zu müssen, um dort dann (bald) meine Ruhe zu haben.

Die Kinder sind glücklich.

Auch Timmi, der vergnügt auf seinem neuen Smartphone die Bilder die er von uns geschossen hat, mittels einer App in groteske Monster verwandelt. Alles super. Heile Welt. So viel Spaß hatten wir in dieser Gemeinschaft, so zusammengewürfelt, noch nie.

Da wird mir klar, WIESO wir so gut drauf sind: Weil die Familie meines Schwagers endlich einmal befreit auftrumpfen kann. Weil. Meine Schwester. Claudia. Die Mutter von Timmi. Nicht mehr da ist. Diese Feier ist für sie eine Erleichterung. Ein Triumph über meine Schwester. Die für sie die böse Hexe ist. Die Oberhexe. Die Schlampe. Die Hure… Ja. Sie sind glücklich weil sie nicht mehr da ist. Sie sind froh über ihre Abwesenheit. Denn das ist wahre Freude in solchen Kreisen, an solchen Orten, in solchen Zeiten: Die Abwesenheit von Dingen, die uns zusetzen, die wir nicht leiden können, die uns stören. Endlich kann der ganze Hass in Form von Freude nach außen ausbrechen, den sie solange und dermaßen bitterlich zurückgehalten haben. Die böse Hexe ist tot und hat am Ende gezeigt (wie in allen gerechten Märchen), weshalb sie von allen so gehasst wurde. Wie konnte sie nur? Wie kann sie nur? Was ist sie nur für ein Mensch? Ohne sich auch nur eine Sekunde lang die Frage zu stellen, was man selbst für ein Mensch ist, und warum andere Menschen sich so verhalten, wie sie es tun.

Am Ende haben sie doch gewonnen. Die ehrenvollen, braven Einwohner aus diesem 600 Seelen-Kaff.

Jetzt wo.

Sie weg ist.

Wird Alles besser.

Es sind nur 200 Kilometer von hier bis nach Heidenau. Und es ist tiefste Nacht.

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6 Gedanken zu “Die verlassene Familie

  1. Ist er auch. Ich mag die Filme von Lars von Trier allgemein. Nur die letzten haben ein wenig geschwächelt – Nymphomaniac fand ich wieder besser.

    Und.

    Du hast Recht 🙂

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  2. gert

    Ja, das stimmt. Es gibt naürlich auch gerechtfertigte Abneigungen usw.
    Aber das Seltsame ist immer, das wenn sich irgendwer schuldig gemacht hat ( in den Augen der Masse) mit welcher Freude und Grausamkeit so ein „fehlbares Individuum dann zu Tode gehetzt wird.
    Kennst du “ Dogville“ von Lars von Trier. Ähnliches Thema, sehr sehenswert , finde ich…..

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  3. Das sehe ich ganz genauso.

    Auch wenn ich in dem Text die Wahrheit schon auch verdreht habe: Denn äußerer Druck in der Form entschuldigt nicht wirklich seine eigenen Kinder zurück zu lassen.

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  4. Ich schreibe meinen Blog schon seit jeher (wenn auch erst seit kurzen auf wordpress) anonym. Nur Wenige in meinem Umfeld wissen von ihm und das gibt einem schon ziemliche Freiheiten, gerade was ich über Drogen hier geschrieben habe (Text zur Nacht).

    Einerseits hat man dadurch die Möglichkeit die unverblümte Wahrheit zu schreiben (also was man dafür hält), andererseits nehme ich mir aber auch die Freiheit heraus, aus „literarischen Gründen“ ein Thema so aufzubereiten, wie es besser in einen Kontext passt.

    Diese Szene ist so passiert, doch die Familie meines Schwagers ist nicht wirklich von krassen Hinterwäldlern durchsetzt, und auch das intolerante Gedankengut blähe ich hier künstlich auf, um meine Stimmung zur Gesellschaftslage wiederzugeben; auch wenn im Stillen einige von ihnen so denken mögen.

    Wenn ich was unter „Kurzgeschichte“ schreibe, habe ich immer ein wenig dazu erfunden und es ist nie eine bloße Nacherzählung…

    Mal was ganz anderes 🙂

    Schreibst du hier selbst keinen Blog, weil in deinem Profil keiner angezeigt wird? Ich bin erst seit letzter Woche hier und kenne mich in den Details noch nicht so richtig aus…

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  5. gert

    Eben. Im grunde ist es kein politisches Phäenomen, eher ein soziologisches, das mit dem Gruppenhass.
    Ein uraltes Phänemen, das des Sündenbocks. Des Opfer-Täter Spiels.
    ist der Sündenbock, der Aussenseiter erst mal ausgemacht solidarisiert sich der Rest der Gemeinschaft trotz Unterschieden, und eigenen Vergehen, gegen diese einzelne Figur
    ( Gruppe), und enlastet somit psychisch und physisch die Psyche der Anderen von ihrer Schuld, ihrem Hass, ihrer Verantwortung. Die Konsequenz ist aunausweichlich: der Sündebock muss sterben, oder fliehen.

    Wenn ich zu den Mächtigen gehören würde, würd ich es auch so machen.
    Ich würde den Druck im gesellschaftlcihen Kessel immer weitter erhöhen, bis sich die atomiseirten Teilchen alle gegenseitig an die Kehle gehen. Die wahren Verursacher des Elends werden immer im Dunkeln bleiben.Genau so läuft es auch bei Mobbing, bei Kollektivhetze und all diesen miesen denunziatorischen Spielchen

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  6. Sehr interessante Parallele, die du da ziehst! So habe ich das noch gar nicht gesehen, wirkt aber unglaublich stimmig…
    Starker Tobak, das mit deiner Schwester und ich denke immer, meine Familie dreht am moralischen Rad! Ich finde es sehr gut, dass du mit der Familie aus „Hinterwald“ (lesen die deinen Blog nicht??) deinem Neffen (und Schwager?) zuliebe feierst und deine trotzdem Schwester nicht vollends verteufelst.

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