Familie, Glaube, Nation

Die wichtigen Sachen erzählt man selten. Meine Schwester hat vor ein paar Wochen, jetzt auch schon Monaten, ihre Familie verlassen. Sie hat einen neuen Typen kennen gelernt und deswegen ihre zwei Kinder von heute auf morgen zurückgelassen. Dabei ist es eine Sache wenn sie sich von ihrem Ehemann entwöhnt hat, die Kinder so von heute auf morgen verlassen (beide im unteren bis mittleren Schulalter) ist eine ganz andere Sache. Sie hat nur ein Leben, meint sie. Und auf eine gewisse Art kann ich das verstehen. Jeder hat nur ein Leben. Weshalb also unglücklich sein? Bei der Betrachtung des eigenen Unglücks und bei der folgenden Entscheidung daran was Grundlegendes ändern zu müssen, verdrängt man nur (bewusst oder gewollt unbewusst) die Folgen für das Umfeld: Dein Glück kann das Unglück für andere bedeuten.

Uns wird ständig eingeredet, dass wir uns selbstverwirklichen sollen. So gesehen hat Nietzsche recht bekommen, in dem er erklärte, dass alles was du jetzt bist oder glaubst zu sein, nicht du bist. Du musst werden wer du bist. Dabei meinte der Mann (der kein Familienmensch war) nicht seine eigene Egoismen durchzusetzen, sondern sich weiterzuentwickeln über das hinaus, was wir selbst von uns erwarten, und diese „Weiterentwicklung“ fehlinterpretieren wir Nachgeborenen mit dem Trugschluss, dass sich alles nach uns richten muss, da wir das Individuum über das Gesamte stellen, was auch ein Produkt des Zerfalls des nationalen Gedanken ist.
Nationales Denken wird bei uns regelrecht verteufelt, obwohl auch diese Form von Identität nicht per se schlimm ist, auch wenn wir das Schlimmste daraus gemacht haben. Aber wenn es keine große Leit-Identität mehr gibt, zerbricht sie auch im Kleinen, in der Familie. Eine nationale Verantwortung ist leichter abzugeben, als die familiäre – das hat einfach nur mit der Größe der Masse zu tun (in einer kleineren Masse steigt auch die Macht, von Canetti war das, glaube ich), und auch wenn ich kein familiärer Mensch bin, habe ich bisher auch bewusst die Verantwortung die eine eigene Familie zu leiten aufgeschoben. Sich erst einmal fertig entwickeln, bevor man andere mit seiner Unzufriedenheit ins Unglück stürzt.
Damit meine ich nicht, dass ich mich nach einem „Vater Staat“ und mehr Deutschland-Fahnen auf den Straßen sehne (bloß das nicht), ich bemerke nur ein Vakuum, welches wir mit Scheuklappendenken und Egoismus füllen.

Noch mal. Uns wird ständig eingeredet, dass wir uns selbst verwirklichen sollen. Die Werbung redet uns jeden Tag ein, dass wir unzufrieden sind. Mit unserem Körper, unserem Partner, unserem Haus, unserem Job, unserem Urlaub, unserer Zukunft usw. usf. Sie wollen uns ja auch ihren Krempel verkaufen und erschaffen deswegen in uns Wünsche. Doch da zieht wieder die „Fight Club“-Wahrheit: „Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich“. Wir sind besessen von unseren Wünschen. Unserem Hunger, unserer Geilheit, unserer Liebe. Die einzigen schwarzen Löcher die ich jeden Tag überall beobachten kann, sind die schwarzen Löcher in unseren Körpern, die alles verschlucken und absorbieren, was sie bekommen können, ohne je länger als einen halben Tag satt zu sein. Und wir machen das Spiel mit. Jeder von uns. Selbstzufriedenheit existiert nur noch in den seltensten Fällen – und wenn dann hält sich nicht lange an, oder es wird als ein grundlegend negatives Gefühl beschriebe. Es ist weder etwas Gutes noch etwas absolut Schlechtes sich in sein Schicksal zu fügen. 7 Milliarden Menschen können sich NICHT alle Selbstverwirklichen. Das wissen wir Alle. Aber jeder fühlt mit diesem Wissen ein kleines trotziges „Ich aber schon“ dazu. Und so geht der Mensch zugrunde. So werfen wir all unsere humanitären Errungenschaften über Bord.

Jede Entscheidung für eine Sache, ist eine Entscheidung gegen eine andere. Das gilt auch gerade für die, welche sich in dieser Haltlosen Welt einen Anker suchen; die Religionen sind wieder im Kommen, auch bei mir im Umfeld. Und so viele Werte Religionen auch transportieren, bleiben sie im Endeffekt intolerant. Es gibt in der Philosophie der Religionen nur Gläubige und Ungläubige. Und dabei ist es ganz gleich wie sehr man die anderen Mit-Gläubigen auch liebt: Ein kleinwenig verteufelt man die Ungläubigen immer. Auch. Wenn das nicht einmal böse gemeint ist. Sondern man sie in Wahrheit „retten“ will. Ich weiß. Liebe ist nie absolut. Toleranz auch nicht. Denn wer nur liebt und nur toleriert mag zwar ein Heiliger oder Roman-Held sein. Nur ist er kein realer Mensch mehr. Man muss Überzeugungen haben. Auch Träume. Man darf darüber aber auch nicht vergessen, was das für Auswirkungen auf das Umfeld hat, setzt man sie um. Und damit meine ich jetzt nicht einmal so Sachen wie Mülltrennung oder Klimaschutz, was uns Alle betrifft. Sondern (siehe Familie und Schwester) im direkten Umfeld.
Ich fordere nicht den Gutmenschen. Sondern eine Neu-Erstarkung der Moral, die keine Götter braucht. Was wir benötigen ist kein blinder Humanismus. Wir brauchen einen neuen Humanismus, der mit den komplexen Problemen unserer Zeit wächst und weder ein konkretes „Ja“, noch ein „Nein“ gelten lässt. In einer Welt mit 7 Milliarden Menschen wird uns ein selektionistisches Gesellschaftsdenken aufgezwungen. Das ist nicht zu ändern. Und das zu lösen ist die große Aufgabe, die sich in der Zukunft stellt.

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4 Gedanken zu “Familie, Glaube, Nation

  1. Sehr schön geschrieben, Respekt. Leider wirds wahrscheinlich noch lange dauern bis alle bzw. genügend Menschen so denken. Da hat die Evolution noch was vor…

    Und Nietzsche hat natürlich mal wieder recht mit: „Du musst werden, wer Du bist.“. Immerhin nennen wir uns selbst homo sapiens…

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