Mein Urlaub in Kiew – Teil 1

Wie schreibt man über Kiew, wie schreibt man über die Ukraine, ohne politisch zu werden? In diesen Monaten und Jahren ist das wohl so gut wie unmöglich, ebenso wie es den Menschen dort unmöglich ist, nicht politisch zu fühlen oder zu denken.
Wohin ich in den Urlaub fahre ist meine Sache und deshalb war es natürlich eine bewusste Entscheidung nicht einen Strand-Urlaub zu buchen, sondern ganz im Gegenteil mit meiner Freundin in ihr vom Krieg geteiltes Heimatland zu fliegen; welches Land ist im Moment überhaupt interessanter als die Ukraine? Eine Region, ein Volk, über die zur Zeit unzählige Lügen und Halbwahrheiten die Runde machen, angefangen mit dem Protest auf dem Maidan, über die Besetzung der Krim und die Annexion Russlands des Donbass – und die verschiedenen politischen und propagandistischen Meinungen dazu. Ich bin kein Politiker. Ich bekomme keine BESONDEREN Informationen zu dem Thema von „geheimen“ Internet-Seiten (was für Bull-Shit auch nur zu denken, dass es so etwas gibt). Ich verfolge nur das Tagesgeschehen in den Medien. Und selbstverständlich war ich NICHT an der Front, sondern in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, und dort traf ich ganz normale Menschen, nette Menschen, sympathische Leute, die ebenso wie ich im Prinzip nicht radikal politisch denken, doch durch die Situation diese Gedanken- und Gefühlswelt aufgedrängt bekommen.

Viel Schwachsinn muss man lesen wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, von den NAZIS vom Maidan, was durch die Lächerlichkeit der Begrifflichkeit schon die Denkmuster derer entlarvt, die solche Vereinfachungen in die Welt posaunen, denn: Es gibt keine Nazis in der Ukraine. Es mag Nationalisten gibt, bestimmt auch radikale, ukrainische Faschisten, aber Nazis, nein, die kann es dort nicht geben, denn die einzigen Nazis die es dort jemals gab waren die Deutschen Nationalsozialisten im zweiten Weltkrieg – und sie werden auf immer die einzigen Nazis sein, die es dort geben kann: Kein Amerikaner, kein Russe und auch kein Ukrainer kann jemals Nazi werden, das ist einfach unmöglich. Und auch wenn die russische Propaganda behauptet, dass sie sich wie damals im zweiten Weltkrieg gegen eine neue Form von Nazi-Terror zur Weht setzt, ist das einfach nur Blödsinn. Russland hat Interessen, wie jedes Land. Und das kann ich aus ihrer Perspektive mir sogar zu Recht denken, aber nicht verstehen. Nur, wer solche Begrifflichkeiten wie „ukrainische Nazis“ verwendet, der legt schon von Haus aus ein vorgeprägtes, kategorisiertes Denken an den Tag, dass den Schluss schon zieht, bevor es die Argumente des Gegenübers überhaupt gehört haben kann.
Ja. Nein. Ich traf dort nur einfache Menschen. Wie du und ich. Die Angst um ihren Job, ihre Familie und ihre Zukunft haben. Die keinen Krieg wollen und sich nach Westen orientieren, nicht weil sie sagen würden, dass dort alles besser ist, sondern einfach nur weil sie die Schnauze voll haben von „Mütterchen Russlands“. Und wer dazu nun einwerfen will, dass die Ukrainer nur ein Spielball zwischen den Großmächten USA und Russland sind, dass sie nur ausgenutzt werden, so ist die Antwort derer die ich traf folgende: „Lieber lassen wir uns von den USA ausnutzen, als uns weiter von Russland beherrschen zu lassen.“

Selbstverständlich sind die Leute dort im Moment politisiert, nationalistischer als sonst, keine Frage, und das zu negieren wäre eine bloße Lüge; russische Produkte sind dort verpönt und manche Ukrainer wollen nicht einmal mehr die russische Sprache in den Mund nehmen, obwohl sie eine der beiden Nationalsprachen des Landes ist (neben ukrainisch versteht sich) , man sieht überall die Nationalfarben des Landes, immer wieder Soldaten und das Nationalsymbol, den „Dreizack“, aber wie zum Himmel würdest du denn reagieren, wenn eine fremde Macht, auch wenn sie sich bis dato als eine Brüdermacht ausgegeben hat, in dein Land einmarschiert? Ich würde auch mehr zu meinem Land stehen, wenn die Russen oder von mir aus die Amerikaner in Deutschland einmarschieren. So etwas. Ist eine natürliche Reaktion. Und hat nichts mit Faschismus zu tun. Sondern mit Identität. Und auch sehr viel mit Angst.

Wir hatte es nicht weit bis zum Maidan, dem weltberühmten Platz der Revolution, und heute ist dort wo zigtausende Menschen für mehr Freiheit, für mehr Demokratie und ein mehr an Europa demonstrierten, eine Ausstellung aufgebaut.

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Man spürte dort von den Leuten her, wie sie ihr Land als offen und freundlich darstellten, wie sie sich europäisch geben wollten um dadurch eine gewissen Form von Solidarität zu signalisieren aber auch erhaschen zu wollen. Zudem erscheint Kiew auch von der Wirkung der Architektur in der Innenstadt sehr europäisch (ich fühlte mich teilweise an Wien erinnert), auch wenn es natürlich augenscheinliche Unterschiede gibt, jedoch weniger als ich erwartet hätte. Ich fühlte bei den Absichten der Menschen eine Anstrengung zu mehr Sympathie und Verständnis, eine Willkommensgesellschaft, die einem selbstgerechten Land wie unserem Land sehr abzugehen scheint.
Meine Meinung und mein Gefühl ist immer sehr subjektiv, doch immer wieder von den gleichen Begehrlichkeiten zu hören (kein Krieg mehr und Akzeptanz von einem Ausländer, einem deutschen Europäer) vermittelte in mir ein Gefühl von Gemeinschaft zueinander, auch wenn ich die Menschen gar nicht zusammen, nicht einmal am selben Tag traf. Krieg verbindet. Es schafft einen gemeinsamen Feind. Gemeinsame Werte. Angefacht durch eine geteilte Angst. Denn geteilte Angst ist Beides: Doppelte und auch halbe Angst. Ja. Es fühlt sich wie eine Gemeinschaft an, nicht wie GESELLSCHAFT wie bei uns hier, da wir von Eigeninteressen zerfressen und zerpflückt sind und der gemeinsame Feind im Prinzip jeder ist, der in egal welcher Form etwas von mir will, seien es die bösen Flüchtlinge, die bösen Politiker, die bösen Firmen, die bösen Medien, die bösen Nazis (wir haben das Patent auf sie), die bösen Linken, die bösen Juden, Islamisten und was weiß ich wen man gerade nach Tageslaune fürchten, hassen oder vor wem man warnen muss…
Natürlich wäre es auch gelogen, würde man sagen dass die gesamte Ukraine pro-westlich ist und es keinen Zuspruch für Russland gäbe (und da hört es sich natürlich auf mit dem Gemeinschaft); es ist – obwohl Russland den Konflikt am Leben erhält – ein Bürgerkrieg, aber ein Krieg, zu dem es nicht hätte kommen müssen…. Sei es darum. Dort. In Kiew. Abseits der heißen Konfliktzone. Merkt man davon nichts, nur dieses Schwanken zwischen Trotz und Hilflosigkeit.

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Schon am ersten Abend besuchten wir den Maidan, der Ort, wo am meisten Politik in der Stadt spürbar war. Und es war mir ein Anliegen dieses subjektive Gefühl dass ich dort hatte, ausführlich wieder zu geben. Mein „Reisebericht“ als solcher wird folgen.

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