Die Hochzeit meines Vaters

Eines Tages kann man sich gar keine Nachrichten mehr im Fernsehen ansehen. Die Welt scheint immer schlechter zu werden. Krieg gab es zwar schon immer und ich glaube nicht dass es nach Mao, Hitler und Stalin noch eine Möglichkeit gibt den Härtegrad der Verbrechen gegen die Menschlichkeit noch zu erhöhen. In unserer Gegenwart jedoch, in unserer Zukunft sowieso, gibt und wird es scheinbar immer mehr Menschen geben, die sich gegenseitig Gewalt antun können und dies auch machen werden. Das ist eine ganz einfache Rechnung: Umso mehr Menschen, desto mehr Grüppchenbildungen und Individualisierung des Denkens wird es geben, so dass es für Gruppen und Einzelne immer mehr „Andere“ geben wird, die man als Feinde ansehen, hassen, verdammen, verletzten und am Ende töten kann, wirklich KANN, nicht könnte. Das viel zu viel an Menschen sorgt für noch mehr Tod und Hass…. Heute in Damaskus, im Jemen, übermorgen woanders und überall. Und wir sind unfähig dafür Lösungen zu finden, nicht nur weil es uns zu gut geht (was dennoch stimmt), sondern auch weil die Menschheit die Globalisierung noch nie unter Kontrolle hatte und deswegen nicht schnell genug auf die Probleme reagieren kann die sich daraus ergeben, und wenn sie es versucht nur alte Lösungen auffährt ohne zu begreifen, dass eine sich ständig ändernde Welt andere Lösungen braucht, als eine Welt im Stillstand, mit den immer gleichen regionalen Problemen…

Ich wolle nur noch schnell die „Tagesschau“ sehen und dann im heißen Badewannenwasser „Mehr als laut – DJs erzählen“ von Jürgen Teipel lesen, dazu analog das Buch „Analog“ (ich weiß ich bin sehr witzig) von Thomas Meineke, nur wenn man gerade im Fernsehen das blanke Elend der Menschheit gesehen hat, das Flüchtlingslager in Jarkmuk, welches UN-Generalsekretär Ban wörtlich als „innersten Kreis der Hölle“ bezeichnet hat, fühlt sich die Lektüre von DJ-Erzählungen schon im Vorfeld absolut banal an. Auch wenn ich weiß, dass das einfach nur eine gewisse Art von Leben ist, um die es dort geht, DJ-Leben halt, Wohlstandsleben, ähnlich wie meines und ganz gleich wie sehr die erzählenden DJs ist diesem Spoken-Words-Büchlein um die Welt jetten und überall Freude und Party verbreiten, während sie die tollsten Orte und Menschen kennen lernen, so ist ihr Leben im Flieger und im Club vielleicht sogar noch banaler als mein eigenes, denn es ist ein Missverständnis wenn man annimmt, dass ein Leben dadurch weniger banal ist, nur weil man durch die Welt fliegt…

Heute war die Hochzeit meines Vaters, so heißt ja auch der Eintrag. Es war ein schöner Tag und wir hatten ein nettes, friedliches Familienfest, bei dem wie immer die Kinder die Stimmung gemacht haben – vlt doch lieber die Kinder, als nur der Alkohol. Auch das kommt mir jetzt banal vor. Hochzeiten sind banal, Familien, Wünsche… Alles ist banal, selbst unsere Träume, unser Lachen, unser Glück – und doch ist es so viel wert und kostbar, wenn man es mit dem Leben derer vergleicht, die weniger bis nichts haben, die gerade verhungern, verdursten, verbluten… Verrecken… Das Glück ist banal… Ebenso wie der Tod… Ich weiß nicht… Wenn man abgestumpft genug ist, dann vermutlich auch der Tod…

Wir entscheiden selbst was uns wichtig ist, das ist ein Zeichen unserer Freiheit, das Komische ist nur, dass wir uns für so merkwürdige Dinge entscheiden, offensichtliche Banalität wie das neueste Smartphone, oder andere banale Sachen, wie an einen Gott zu glauben und deswegen damit zu beginnen den zu hassen und zu erniedrigen, der vor dir steht, den man nicht wegdiskutieren kann, den man sogar anfassen könnte, und den man am Ende vlt totschlägt, weil man eine andere Vorstellung von einem „richtigen“ Leben im Kopf hat, als der arme Hund vor dir, der an etwas anderes GLAUBT und ebenso wenig weiß wie du. Dabei: Wer nicht mehr über „richtig“ oder „falsch“ diskutieren kann, wird immer zum Täter; ja, es ist wirklich banal wegen seinen Überzeugungen – die man meistens auch nur von anderen hat – zu töten. Das ist so alt wie die Menschheit selbst. Wir sind Hinterwäldler mit weiterentwickelten Steinschleudern und WLAN…

Wir waren heute zwei Familien bestehende aus banalen Menschen, die sich banale Dinge sagten, über banale Witze lachten und banale Essen aßen. Unser Trink- und Rauchverhalten war banal. Auch unsere Beziehungen, unsere offen ausgetragene Liebe zueinander. Das ist nichts Besonderes. Auch wenn jeder von ihnen auf eine gewisse Weise ein Teil von mir ist. Und wir Alle – jeder einzelne Mensch auf dem Erdball – in Wahrheit ein verficktes Unikat. Sogar unsere hochgeschätzte Subjektivität ist eine Banalität, da jeder Mensch einzigartig ist… Es hängt damit zusammen, wer wir sind und was wir sein wollen… Es geht wie so oft um „Respekt“, denn Respekt macht aus uns mehr als nur irgendwelche austauschbare Leute, sondern echte Menschen…
Und ich respektiere die Entscheidung meines Vaters, mit 67, nach einem Jahr der Trauer, seine Langjährige Lebenspartnerin zu ehelichen. Ich finde, dass das Wichtig ist. Ihre Entscheidung. Sowie die meine.
Und nein: Heute kein Happy End.

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